Das Verbundvorhaben „Innovationsnetzwerk Rind – zukunftsfähige Rinderhaltung in Deutschland unter Berücksichtigung von Tierwohl, Umweltwirkungen und gesellschaftlicher Akzeptanz“ (InnoRind) will innovative Ansätze für eine zukunftsfähige Rinderhaltung in Deutschland entwickeln. In der vorigen Ausgabe wurde das bundesweite Projekt vorgestellt, hier wird seine Umsetzung im Lehr- und Versuchszentrum Futterkamp beschrieben.
InnoRind ist ein deutschlandweites Verbundprojekt, das 2021 gestartet ist. Es soll einen Beitrag dazu leisten, das Tierwohl in der deutschen Rinderhaltung zu verbessern und negative Umweltwirkungen zu reduzieren, parallel die arbeitswirtschaftliche Situation der landwirtschaftlichen Betriebe und die Wünsche der Bürgerinnen und Bürger und Verbraucherinnen und Verbraucher einbeziehen. Die Lösungsansätze, die sich ergeben, sollen auch die Wirtschaftlichkeit der Betriebe berücksichtigen. Die beteiligten Versuchsbetriebe haben sich entsprechend ihren Gegebenheiten den unterschiedlichen Themengebieten zugeordnet und werden im Projekt eng vernetzt zusammenarbeiten. In jedem Teilprojekt werden spezifische Modifikationen untersucht, sodass die Ergebnisse am Ende der Projektzeit in die Beratung und Praxis landwirtschaftlicher Betriebe integriert werden können.
Die Förderung des Vorhabens erfolgt aus Mitteln des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL). Die Projektträgerschaft erfolgt über die Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung (BLE) im Rahmen des Programms zur Innovationsförderung.
Was passiert in Futterkamp?
Im Lehr- und Versuchszentrum Futterkamp (LVZ) hat zum September eine neue Projektkraft für das Projekt InnoRind die Arbeit aufgenommen, welche sich um die interne Projektplanung, -durchführung und -auswertung kümmert. Futterkamp beschäftigt sich innerhalb des Gesamtprojektes mit Fragestellungen im Bereich der Kälber und Milchkühe. Für die Entwicklung von Verbesserungspotenzialen in der Rinderhaltung hat das LVZ in der ersten Förderphase Maßnahmen festgelegt, die explizit an den laufenden Betrieb und die vorherrschenden Gegebenheiten angepasst sind. In der aktuell laufenden zweiten Förderphase werden sämtliche Arbeiten für die Umgestaltung der Haltungsbedingungen vorangebracht, um im Anschluss mit der Forschungsarbeit beginnen zu können.
Für die Erprobung neuer Haltungsbedingungen sollen in Futterkamp sowohl kleine bauliche Änderungen im Bereich der Kälberhaltung vorgenommen werden als auch eine größere bauliche Veränderung im Abkalbebereich.
Frühe Gruppenhaltung der Kälber
Im Einzelnen wird im Bereich der Kälberhaltung zur Verbesserung des Tierwohls und zur Erhöhung der gesellschaftlichen Akzeptanz eine Haltung der Kälber in Gruppen von bis zu acht Tieren ab dem zweiten Lebenstag untersucht. Für die Beurteilung dieser Haltungsform werden Leistungen, Gesundheitsdaten und Stressparameter sowie das Verhalten während der Haltung und zum Zeitpunkt des Umstallens mit 14 Tagen in die weitere Gruppenhaltung erhoben. Eine Kontrollgruppe verbleibt in Einzelhaltung und wird auf dieselben Parameter getestet.
Des Weiteren wird untersucht, inwiefern es Unterschiede zwischen den Kälbern gibt, die in einem Separee geboren wurden, zu denen, die in den herkömmlichen Abkalbeboxen geboren wurden. Vorangegangene Studien belegen, dass frühe Sozialisierungen einige Vorteile mit sich bringen. Dazu gehören eine Verbesserung des späteren Sozialverhaltens, mehr Spielverhalten, eine bessere Akzeptanz und einfachere Umstellung auf feste Nahrung durch den Nachahmungseffekt sowie weniger Stress beim Abtränken (Bolt, 2017; Bucková, 2019; Jensen, 2015). Etwaiges gegenseitiges Besaugen, negative gesundheitliche Effekte und ökonomische Aspekte haben sich in den Studien bei einem guten Management nicht ergeben.
Die Kälber werden nach der Biestmilchphase bereits in der frühen Gruppenhaltung über einen Tränkeautomaten ad libitum mit Vollmilch versorgt. Innerhalb der ersten Lebenswoche bekommen sie zusätzlich festes Futter angeboten. Dasselbe bekommen die Kälber in den Einzeliglus. Sie erhalten die Milch allerdings weiterhin über einen Nuckeleimer. In der weiteren Gruppenhaltung haben die Kälber fortlaufend bis zum 77. Lebenstag Zugang zum Tränkeautomaten und bekommen parallel eine TMR zur freien Verfügung.
Optimierte Aufzucht von Mastkälbern
Die männlichen Kälber werden nicht wie üblich nach 14 Tagen an den Mäster verkauft, sondern verbleiben über die gesamte Tränkephase am LVZ. Sie werden zufällig der Einzel- oder Gruppenhaltung zugeordnet. Anschließend werden auch sie in die weitere Gruppenhaltung umgestallt und aufgezogen. Zu dieser Untersuchung der optimierten Aufzucht hat sich das Lehr- und Versuchszentrum entschieden, da die Bullen bei dem jeweiligen Mäster innerhalb der ersten Wochen häufig Probleme mit behandlungsrelevanten Erkrankungen haben.
Dieser Versuch soll abbilden, ob die Aufzucht, die Haltung und ein optimales Management in der gesamten Tränkephase auf dem Geburtsbetrieb eine positive Auswirkung auf die Entwicklung der Bullen auf dem späteren Mastbetrieb haben und ob man die Häufigkeit von Erkrankungen signifikant reduzieren kann. Für die Erhebung der Leistungsdaten werden die Bullenkälber kontinuierlich über die gesamte Tränkephase und auch auf dem Mastbetrieb gewogen. Zusätzlich werden von ihnen Gesundheitsdaten erhoben.
Optimierter Abkalbebereich mit Separee
Wie es dem natürlichen Verhalten der Kühe entspricht, wird innerhalb dieses Teilprojektes untersucht, ob die Abkalbung in einem Separee eine Auswirkung auf den Kalbeverlauf und das Verhalten der Kühe und Kälber hat. Ziel ist es, mit den gewonnenen Erkenntnissen das natürliche Verhalten von Kühen positiv zu unterstützen und so das Tierwohl zu verbessern. In Futterkamp wird dazu im Bereich der Abkalbeboxen eine Umbaumaßnahme geplant. Die aktuellen Boxen sollen vergrößert und dementsprechend nach vorn gezogen werden. Die jeweiligen Boxen werden so gestaltet, dass die Kühe vorn im Bereich des Futtertisches einen Rückzugsbereich (Separee) für die Kalbung bekommen.
Insgesamt sollen zwei Boxen mit einem Separee ausgestattet werden, sodass sowohl eine Gruppe Kühe à vier Tiere als auch eine Gruppe Färsen à vier Tiere in einer Box mit Separee abkalben kann. Entsprechend wird die gleiche Anzahl an Tieren in zwei weiteren Boxen ohne Separee abkalben. Zur Identifizierung und Einordnung der Tiere werden diese mithilfe eines Kamerasystems beobachtet und der Kalbeverlauf aufgezeichnet sowie anschließend ausgewertet. Mit in die Untersuchungen fließen ebenfalls Informationen zur Gesundheit und Leistung der Kühe ein, unter anderem in der Folgelaktation, zur Tieraktivität und zu Indikatoren, die auf Stress hinweisen. Hierfür ist unter anderem eine Herzfrequenzmessung bei den Kühen in Planung.
Klimaführung und Hitzestress
Hitzestress hat bekanntermaßen negative Auswirkungen auf die Milchleistung und das Wohlergehen der Kühe. Aus diesem Grund werden auch im Bereich Klimaführung Untersuchungen am Lehr- und Versuchszentrum in oben genannten Bereichen laufen. Es wird beispielsweise im Abkalbebereich eine neue Belüftungsanlage installiert. Messtechnik zur Klimabeurteilung ist bereits vorhanden und soll intensiv genutzt und ausgewertet werden.
Maßnahmen im Hintergrund
Um quantifizieren zu können, wie praxistauglich die Versuche mit inbegriffenen nötigen Umbaumaßnahmen sind, wird zu Beginn der Versuche ein Status quo erhoben. In die ökonomische Bewertung fallen neben den Kosten die Erlöse und die Rentabilität der veränderten Haltungsbedingungen inklusive möglicher Auswirkungen auf Leistung, Arbeitsbedarf und Futterwirtschaft.
Fazit
Das Projekt InnoRind zur Verbesserung des Tierwohls ist in Futterkamp gestartet. Das LVZ beschäftigt sich innerhalb des Projektes mit Fragestellungen im Bereich der Abkalbungen und Kälberhaltung. Es soll zum einen untersucht werden, inwiefern sich eine Kalbung mit Separee positiv auf das Tierwohl auswirkt. Dafür werden Umbaumaßnahmen im Abkalbebereich anfallen. Zum anderen soll eine frühe Gruppenhaltung von Kälbern einige Vorteile zum Beispiel in der Sozialisierung und der Futteraufnahme mit sich bringen. Diese Haltungsform wird in Futterkamp ebenfalls detailliert untersucht. Innerhalb des Projektes geht es darum, Lösungsansätze für eine bessere Akzeptanz der Rinderhaltung in der Gesellschaft und eine Erhöhung des Tierwohls zu schaffen. Parallel sollen diese Untersuchungen ökonomisch wertvoll für die Praxis bleiben.




