Der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) hat einen Faktencheck zum Mangel an Pflanzenschutzmitteln in Deutschland veröffentlicht und spricht von einer stabilen Zahl an Wirkstoffen. In der Praxis sieht die Welt anders aus. Wir sprachen mit Helge Treuherz, verantwortlich für die Fachbereiche Pflanzenschutz und Getreidesaatgut, Trede & von Pein GmbH.
Der BUND behauptet in einem aktuellen Papier, die Zahl der verfügbaren Wirkstoffe in Deutschland sei über die letzten zwei Jahrzehnte stabil geblieben. Wie bewerten Sie diese Aussage?
Ich muss ehrlich sagen, dass mich diese Papiere immer wieder erstaunen, da sie in vielen Punkten schlicht schlecht recherchiert sind. Sie spiegeln die Praxis nicht oder nur bedingt wider. Es wird oft mit einer vermeintlichen Wirkstoffvielfalt argumentiert, die aber nur die halbe Wahrheit ist.
Schauen wir uns das beim Weizen an: Im Januar 2021 hatten wir 42 zugelassene fungizide Wirkstoffe in der BVL-Datenbank; im Januar 2026 waren es nur noch 36. Das ist bereits ein Nettoverlust von sechs Wirkstoffen. Wenn man diese 36 verbliebenen Stoffe weiter aufdröselt, fallen vier biologische Wirkstoffe und drei Beizmittel heraus. Rechnet man Wirkstoffe ab, die gar nicht vermarktet werden oder im konventionellen Anbau wie Schwefel keine Rolle spielen, landen wir bei gerade einmal 26 Wirkstoffen netto. Das ist nicht viel.
Der BUND verweist auf die hohe Zahl der zugelassenen Pflanzenschutzmittel. Suggeriert das nicht doch eine enorme Auswahl?
Genau das ist der Punkt: Es wird eine Vielfalt suggeriert, die faktisch nicht existiert. Nehmen Sie den Wirkstoff Azoxystrobin: Dafür gibt es 53 verschiedene Handelspräparate. Am Ende ist es aber überall das Gleiche. Von echter Vielfalt kann da keine Rede sein. Wir erleben einen ständigen Verlust an echten Wirkmechanismen, während neue Wirkstoffe nur extrem selten um die Ecke kommen. Dass der BUND hier von Stabilität spricht, ist wohl eine Frage der statistischen Interpretation, die an der Realität der Landwirte vorbeigeht.
Ein weiteres Argument des BUND ist das Verbot der Neonicotinoide. Trotz der Warnungen vor Ertragseinbrüchen bei Mais und Zucker gab es Rekordernten. Hat die Fachwelt hier umsonst gewarnt?
Bei Mais und Zuckerrüben mag sich das Verbot weniger drastisch ausgewirkt haben. Aber schauen Sie sich den Raps an – dort erleben wir einen deutlichen Rückgang der Erträge. Wenn der BUND den Raps in seiner Argumentation ausspart, vermittelt das ein falsches, vielleicht sogar bewusst einseitiges Bild.
Zudem muss man eines klarstellen: Rekordernten werden nicht durch Pflanzenschutzmittel gemacht, sondern durch die Natur selbst. Pflanzenschutz kann, wie ich es schon im Studium gelernt habe, lediglich Ertragsverluste verhindern, aber keine Erträge steigern. Dieser Grundsatz gilt unverändert. Wenn die Natur uns eine Missernte beschert, kann auch die Chemie das nicht retten.
Oft werden Dänemark oder die Niederlande als Vorbilder genannt, die mit deutlich weniger zugelassenen Mitteln teilweise höhere Erträge erzielen. Können wir von den Nachbarn lernen?
Dieser Vergleich hinkt an mehreren Stellen. Dass die dänischen Erträge generell höher seien als im norddeutschen Raum, wage ich zu bezweifeln. Und die Niederlande sind ein Spezialfall: Dort dominieren Tulpen, Zwiebeln und Sonderkulturen, bei denen massiv mit Notfallzulassungen und betrieblichen Genehmigungen gearbeitet wird. Wir dürfen nicht vergessen, was passiert, wenn kein wirksamer Schutz möglich ist.
Die Geschichte zeigt uns mit der Kraut- und Knollenfäule in Irland im 19. Jahrhundert, was Totalausfälle bedeuten. Ohne Pflanzenschutz ist eben nicht alles besser. Die Ernährungssicherheit ist ein hohes Gut.
Sie erwähnen den Ökolandbau als Partner, von dem man lernen kann. Wir müssen uns definitiv mehr Kooperationen aneignen. Aber man muss auch ehrlich bleiben: Die größten Player im ökologischen Kartoffelanbau sind Kupfer und Schwefel. Auch dort gibt es mittlerweile Minimierungsstrategien. Das zeigt: Auf der anderen Seite ist das Gras nicht unbedingt grüner.
Ein kritisches Thema ist der Wegfall bewährter Wirkstoffe wie Flufenacet. Wie bewerten Sie das?
Flufenacet ist der tragende Baustein der Gräserbekämpfung im Getreide. Wir suchen seit Jahren nach Alternativen, aber die Rechnung ist erschreckend: Ein Landwirt, der bisher für 100 ha Weizen etwa 60 l eines flufenacethaltigen Mittels benötigt hat, wird in Zukunft für die gleiche Fläche 300 bis 400 l anderer Mittel einsetzen müssen. Ob das im Sinne des Umweltschutzes ist, ziehe ich stark in Zweifel.
Den Schritt des Verbots kann ich fachlich nicht nachvollziehen, da es sich um ein Bodenherbizid handelt, das bis zur Ernte längst abgebaut ist. Wenn ein Mittel über 20 Jahre sicher im Gebrauch war, ist schwer zu begründen, warum es plötzlich seine chemischen Eigenschaften so verändert haben soll, dass es untragbar wird.
Was halten Sie von Forderungen nach einer Pestizidabgabe und einer Anwendungsbeschränkung auf „Notfälle“?
Das halte ich nicht für zielführend. Wer definiert den Notfall? Innovationen entstehen nicht in einem engen Korsett, sondern durch fachliche Begleitung und Offenheit. Eine engmaschige Kontrolle ist zu begrüßen, aber sie muss fachgerecht sein. Heute dauert das Prozedere bei Zulassungen so lange, dass die Zahl der Notfallzulassungen explodiert. Selbst Fachleute wie ich haben Mühe, da noch den Überblick zu behalten.
Welche Technologien könnten den chemischen Pflanzenschutz in Zukunft entlasten?
Die größten Chancen sehe ich bei CrispR/Cas. Es ist ein Widerspruch, weniger Pflanzenschutz zu fordern und zugleich neue Züchtungsmethoden zu verhindern. Robotertechnik sehe ich eher im arbeitsintensiven Gemüsebau, da uns dort schlicht das Personal fehlt.
Spotspraying ist ein toller Ansatz, um gezielter zu arbeiten, wird aber noch fünf bis sieben Jahre brauchen, bis es Stand der Technik ist. Bei Biostimulanzien wurde leider zu viel versprochen. Sie können den chemischen Pflanzenschutz nicht ersetzen, sondern nur flankieren. Eine gestärkte Pflanze steckt kleine Probleme leichter weg, aber gegen eine echte Epidemie hilft das nicht.
Was würden Sie den Kritikern vom BUND gern mitgeben?
Ich würde mich freuen, wenn man vor Veröffentlichungen mit den Betroffenen spricht. Ich lade den BUND herzlich zum offenen Austausch ein, um die Praxis kennenzulernen, mit der wir täglich zu tun haben.