Insgesamt kommen die Getreidekulturen gut aus einem im Vergleich zu den Vorjahren verhältnismäßig langen Winter. Dieser Eindruck lässt sich jedoch nicht uneingeschränkt auf sämtliche Getreideflächen übertragen. Im Zeitraum von der Aussaat im Herbst bis zum Beginn der aktuellen Vegetationsperiode konnten auf vielen Standorten verschiedene ungünstige Faktoren die Entwicklung möglichst gleichmäßiger Bestände beeinträchtigen. Heterogene Bestandesstrukturen erfordern in der nun anstehenden Bestandesführung, insbesondere beim Einsatz von Wachstumsregulatoren, etwas mehr Fingerspitzengefühl in der Wahrung der Standfestigkeit.
Die größten Einflussfaktoren auf die Bestandesentwicklung stellten widrige Witterungsereignisse während der Herbst- und Wintermonate dar. Bereits im Oktober waren einige unmittelbar nach der Aussaat gedrillte Flächen innerhalb weniger Tage starken Niederschlagsereignissen von mehr als 50 bis 100 l/m² ausgesetzt. Auf besonders gefährdeten Standorten waren infolgedessen Verschlämmungen unausweichlich. Diese beeinträchtigten nicht nur einen vollständigen und gleichmäßigen Feldaufgang, sondern hemmten auch die weitere Bestandesentwicklung vor dem Wintereinbruch.
Die außergewöhnlich intensiven Niederschläge begünstigten zwar eine sehr gute Wirkung der eingesetzten Bodenherbizide gegen Ungräser und zweikeimblättrige Unkräuter, wirkten sich jedoch häufig gleichzeitig negativ auf den Keim- und Auflaufprozess der Getreidekulturen aus. Das Ausmaß der daraus resultierenden Ausdünnungen beziehungsweise unvollständigen Feldaufgänge variierte zum Teil erheblich. Maßgeblich beeinflusst wurde dies vor allem durch die jeweilige Bodenart sowie durch die Auswahl der Herbizidwirkstoffe und den Zeitpunkt ihrer Applikation.
Zu Beginn dieses Jahres zeigte sich der Winter ungewöhnlich streng und war durch eine längere Frostperiode mit zeitweise kräftigem Ostwind geprägt. Nicht überall waren die Kulturen von einer Schneedecke durchgehend geschützt, sodass vor allem auf exponierten Kuppenlagen im Östlichen Hügelland auch Auswinterungsschäden anteilig möglich sind. Darüber hinaus setzte die anschließende Schneeschmelze innerhalb kurzer Zeit größere Wassermengen frei. Da der Boden vielerorts noch gefroren war, konnte dieses Wasser nicht vollständig versickern. In der Folge traten auf einigen Flächen Staunässe und ausgeprägte Fehlstellen in den Beständen auf.
Bestandesdichten ungewiss
Die dargestellten Witterungseinflüsse können die diesjährige Bestandesdichte der Getreidekulturen erheblich beeinflussen. Eine frühzeitige, startbetonte Stickstoffdüngung wirkt sich zwar grundsätzlich positiv auf die Bestände aus, jedoch liegt zwischen Vegetationsbeginn und Schossbeginn beim Wintergetreide – abhängig von Kultur, Sorte und Aussaatzeitpunkt – meist nur ein Zeitraum von vier bis sechs Wochen. Auf Flächen, die durch widrige Witterung im Feldaufgang oder in der Vorwinterentwicklung stark beeinträchtigt wurden, bleibt häufig zu wenig Zeit für eine ausgeprägte Nebentriebbildung.
Zusätzlich sind die Wetteraussichten für den Monat März zum Zeitpunkt der Artikelerstellung noch unsicher. Niederschlagsintensität und Temperaturniveau werden entscheidend die Stickstoffaufnahme und das Wachstum der Bestände beeinflussen.
Daher sollten Startzeitpunkt, Mittelwahl und Dosierung von Wachstumsregulatoren in der frühen Schossphase des Wintergetreides stets an die Bestandesdichte angepasst werden. Weitere zentrale Einflussgrößen für das standortspezifische Lagerrisiko sind die Witterung sowie die Standfestigkeit der jeweils angebauten Getreidesorte.
Keine bedeutenden Änderungen
Im Vergleich zu den Vorjahren haben sich für die allgemeinen Empfehlungen zur Absicherung der Standfestigkeit der jeweiligen Getreidekultur sowie für die Auswahl der einzusetzenden Wachstumsregulatoren keine wesentlichen Änderungen ergeben.
Die diesjährigen Empfehlungen zum Einsatz von Wachstumsregulatoren sind in Abbildung 1 dargestellt. Die dort aufgeführten Strategien für die jeweilige Getreidekultur sind nach Intensitätsstufen differenziert. Für die praktische Umsetzung im Ackerbau bleibt weiterhin die Herausforderung bestehen, das standortspezifische Lagerrisiko möglichst realistisch einzuschätzen und die Mittelwahl und Intensität an die jeweiligen jahresspezifischen Rahmenbedingungen anzupassen.
Auch hinsichtlich der verfügbaren Mittel und Wirkstoffe ergeben sich keine wesentlichen Änderungen. Weiterhin stehen insbesondere die Wirkstoffe Chlormequat-Chlorid (zum Beispiel CCC 720, Regulator 720), Trinexapac-ethyl (zum Beispiel Moddus, Modan 250 EC), Mepiquat-Chlorid (zum Beispiel Medax Top), Prohexadion (zum Beispiel Prodax) sowie Ethephon (zum Beispiel Cerone 660) zur Verfügung. Diese können sowohl einzeln als auch in abgestimmten Kombinationen eingesetzt werden, um eine gezielte Einkürzung der Bestände zu erreichen und damit die Standfestigkeit zu wahren.
Eine Übersicht der zugelassenen Wachstumsregler (Stand: 19. Januar 2024) ist auf der Internetseite der Landwirtschaftskammer Schleswig-Holstein (lksh.de) verfügbar und wird im Laufe des Jahres aktualisiert.
Um eine sichere Wirksamkeit sicherzustellen, gilt es, bei der Mittelwahl auch die unterschiedlichen Witterungsansprüche der Wirkstoffe zu berücksichtigen:
• Chlormequat-Chlorid: über 6 °C (sonnig); über 10 °C (bedeckt)
• Trinexapac-ethyl: über 10 °C (sonnig)
• Mepiquat-Chlorid: über 6 °C (sonnig); über 8 °C (bedeckt)
• Prohexadion-Calcium: über 10 °C (sonnig)
• Ethephon: über 12 bis 15 °C (sonnig)
Biologische Alternativen
Vielfach werden Produkte auf Siliziumbasis (zum Beispiel HardRock) als biologische Alternative zu synthetischen Wachstumsregulatoren beworben. Silizium soll vor allem die Zellwände stärken, indem es sich als amorphes Silikat in der Epidermis einlagert, die Zellstruktur stabilisiert und die Pflanze in der Lagerneigung gegenüber widrigen Witterungseinflüssen widerstandsfähiger macht.
Für eine fundierte Bewertung des Einflusses von Siliziumpräparaten auf die Standfestigkeit fehlen jedoch noch umfangreichere Versuchsergebnisse. Erste Ergebnisse aus einem Wintergerstenversuch im Jahr 2024 am Versuchsstandort Sönke-Nissen-Koog der Landwirtschaftskammer zeigen, dass der Einsatz von Siliziumpräparaten die Ertragsbildung anteilig leicht negativ beeinflusste. Eine Bewertung des Einflusses von Silizium auf die Halmstabilität ist jedoch aus dem Versuch nicht möglich, da selbst in der unbehandelten Kontrollparzelle kein Lager auftrat. Die Ergebnisse sind in Abbildung 2 dargestellt.
Getreide braucht ein stabiles Fundament
Um das Lagerrisiko bei Getreide zu minimieren, gilt der Grundsatz: Was zu Beginn der Schossphase (ES 30 bis ES 32) versäumt wird, lässt sich später nur schwer ausgleichen. Zeitpunkt und Häufigkeit von Einkürzungsmaßnahmen in der frühen Schossphase werden maßgeblich durch die Witterung und das jeweilige Lagerrisiko beeinflusst.
In Beständen mit hoher Lagergefahr – bei hohen Bestandesdichten und lageranfälligen Sorten – haben sich frühe Maßnahmen zu Beginn der Schossphase (ES 30/31 bis ES 31) unter wüchsigen Bedingungen bewährt. Hierbei wird der erste Halmabschnitt (erstes Internodium) besonders intensiv stabilisiert. Dies gilt auch für lageranfällige Wintergerste, deren Halmstabilität in mehreren Versuchen der vergangenen Jahre durch frühe Regulierung positiv beeinflusst werden konnte (siehe auch Abbildung 2). Bei der Wintergerste ist aber darauf zu achten, dass die Pflanzen die Bestockung auch sicher beendet haben und alle Triebe aufgerichtet sind. Unter wüchsigen und strahlungsreichen Bedingungen hat sich eine Kombination aus Chlormequat-Chlorid und Trinexapac-ethyl als vorteilhaft erwiesen (zum Beispiel 1,0 bis 1,5 l/ha CCC 720 + 0,15–0,2 l/ha Moddus; Wintergerste: 1,0 bis 1,5 l/ha Regulator 720 + 0,15 bis 0,2 l/ha Moddus). Eine weitere Einkürzung erfolgt in ES 31/32 (zum Beispiel 0,6 bis 1,1 l/ ha CCC 720 + 0,3 bis 0,35 kg/ha Prodax; Wintergerste: 0,35 bis 0,4 kg/ha Prodax). Durch diese Vorgehensweise werden die unteren Halmabschnitte gleichmäßig und intensiv stabilisiert, und das Risiko witterungsbedingter Einflüsse wird auf zwei Termine verteilt.
In Beständen mit geringerem Lagerrisiko – etwa bei normaler Bestandesdichte oder stabilen Sorten – genügt in der frühen Schossphase meist eine einmalige Anwendung in ES 31 bis ES 31/32 unter günstigen Witterungsbedingungen. In der Wintergerste gilt es, bei prognostizierter kühlerer Folgewitterung folgende Erkenntnisse zu berücksichtigen: Der kombinierte Einsatz von drei Wirkstoffen (zum Beispiel 0,5 l/ha Medax Top + 0,5 kg/ha Turbo + 0,15 l/ha Moddus; 1,5 l/ha Regulator 720 + 0,4 kg/ha Prodax) begünstigt eine länger anhaltende und nachhaltigere Wirkung. Positive Effekte auf die Halmstabilität der Wintergerste treten vor allem unter kühlen Witterungsbedingungen und damit einhergehender eingeschränkter Wüchsigkeit sowie verlängerter Streckungsphase auf.
Angepasste Nachkürzungen
Klassische Nachkürzungen zur nachhaltigen Reduzierung der Pflanzenlänge in ES 33/37 bis ES 39(-49) müssen an die Wirksamkeit vorangegangener Einkürzungsmaßnahmen und die Witterungseinflüsse situativ angepasst werden. Im vergangenen Anbaujahr haben Wachstumsreglermaßnahmen in der frühen Schossphase überwiegend gut gewirkt. Eine trockene Folgewitterung hat in einigen Landesteilen die Wüchsigkeit des Getreides eingeschränkt und damit auch das weitere Längenwachstum auf dem natürlichen Wege eingeschränkt. Unter diesen Umständen kann gegebenenfalls auf Nachkürzungen gänzlich verzichtet werden, oder es sind allenfalls reduzierte Aufwandmengen einzusetzen.
In Beständen mit erhöhtem Lagerrisiko ist insbesondere in wüchsigen Witterungsabschnitten mit erhöhter N-Versorgung auch intensiv nachzukürzen. Außer robusten Aufwandmengen kann sich auch eine geschickte Terminierung vorteilhaft auswirken. Je früher die Nachkürzung erfolgt, desto größer sind die Effekte beziehungweise die Einkürzungen sich noch streckender Halmabschnitte und damit einhergehend die Wirkung auf die spätere Pflanzenlänge. Dies bestätigen auch Versuchsergebnisse, in denen Maßnahmen in ES 33-37 stärkere Einkürzungen ermöglicht haben als Maßnahmen in ES 39-45. In Beständen mit erhöhter Lagergefahr kann dies entscheidend sein, auch wenn dafür gelegentlich eine zusätzliche Überfahrt erforderlich ist.
Fazit
Das Lagerrisiko des Getreides hängt von vielen Einflussgrößen (zum Beispiel Bestandesdichte, Witterungseinflüsse, Lagergefahr der jeweiligen Sorte, N-Versorgung) ab und sollte standortspezifisch ab Beginn der Schossphase regelmäßig eingeschätzt werden. In der frühen Schossphase (ES 30/31 bis ES 31/32) sollte die Basis für ein stabiles Fundament gelegt und daher für Einkürzungsmaßnahmen günstige Entwicklungsstadien und wüchsige Wetterphasen keinesfalls verpasst werden. In Beständen mit hoher Lagergefahr können frühe und zweimalige Einkürzungen sinnvoll sein, während in standfesteren Beständen oft eine einmalige Regulierung in ES 31/32 in der frühen Streckungsphase ausreicht. Nachkürzungen ab ES 33–37 sollten abhängig von der Wirkung vorangegangener Einkürzungsmaßnahmen, Witterung und N-Versorgung individuell angepasst werden.




