Nach dem Jungpferdegipfel Anfang des Jahres (siehe BB 12/2026) und den daraus resultierenden Änderungen geht die Diskussion um den Start von jungen Pferden im Turniersport weiter. Im Dialogformat „Heiße Eisen“ in Warendorf diskutierten Experten aus Sport, Zucht, Wissenschaft und Ausbildung über Voraussetzungen, Chancen und Risiken eines frühen Turniereinstiegs und darüber, wie sich Förderung und Verantwortung in Einklang bringen lassen.
Gleich zu Beginn des Abends betonte Gastgeber Prof. Martin Richenhagen, es sei keine Lösung, Kritik auszublenden. Der Präsident von Pferdesport Deutschland führte aus, wer den Pferdesport zukunftsfähig gestalten wolle, müsse sich auch mit kritischen Stimmen auseinandersetzen. Entscheidend sei ein sachlicher Austausch, der auf Argumenten, Wissen und gegenseitigem Respekt beruhe. Es gehe nicht darum, ein ganz anderes System zu schaffen. Vielmehr müssten Reiter, Ausbilder, Richter und Veranstalter noch besser befähigt werden, Überforderung zu erkennen, Pferde zu lesen und verantwortungsvoll zu handeln.
In den sachlichen Austausch stieg dann auch gleich Prof. Christine Aurich von der Veterinärmedizinischen Universität Wien ein. Ihre Forschung zeigt: Frühzeitiges, maßvolles Training ist für junge Pferde nicht schädlich, sondern fördert ihre körperliche Entwicklung und Gesundheit. Die weit verbreitete Annahme, Pferde dürften erst belastet werden, wenn ihre Wachstumsfugen geschlossen seien, gelte als überholt – ähnlich wie bei Kindern, die ebenfalls schon Sport treiben, bevor sie ausgewachsen sind. Es komme immer auf das Maß an.
Neben der körperlichen Entwicklung untersuchte Aurich auch die mentale Belastbarkeit. Das Ergebnis: Bereits ab etwa 18 Monaten können Pferde vorsichtig an Aufgaben herangeführt werden. Die Stressreaktion ist individuell und messbar, etwa über Herzfrequenz oder Kortisol. Auffällig ist, dass junge Pferde etwa bei Transporten oft stärker gestresst reagieren als bei körperlicher Arbeit. Laut Aurich ist eine frühe, behutsame Gewöhnung an neue Reize sinnvoll. Der richtige Zeitpunkt für Turniere hänge jedoch stark von der individuellen Entwicklung und dem Umgang mit dem Pferd ab.
Individuell entscheiden
Auch Ingo Pape sprach sich für eine individuelle Betrachtung junger Pferde aus. Der Pferdewirtschaftsmeister, der in Niedersachsen eine Hengststation betreibt, betonte, dass Pferde nicht in Schablonen gepresst werden dürften. Jedes Pferd bringe eigene Eigenschaften, eigene Voraussetzungen und ein eigenes Lerntempo mit. „,Zehn Pferde sind zehn verschiedene Pferde‘, sagte schon Paul Stecken. Es liegt in meiner Verantwortung, meine Pferde entsprechend zu lesen und für jedes den richtigen Weg zu finden“, sagte Pape.
Wilken Treu, Geschäftsführer des Hannoveraner Verbandes, machte deutlich: „Unser Ziel ist es, Rahmenbedingungen zu schaffen, damit auch in der Vorbereitung keine Überforderung stattfindet.“ Ein früheres Auftreten könne sinnvoll sein, solange es richtig gemacht werde. Entscheidend sei, Anforderungen so zu gestalten, dass sie altersgerecht blieben und körperliche Überforderung in jedem Alter vermieden werde. „Man kann es in jedem Pferdealter falsch machen, auf der psychischen und physischen Ebene. Ein Pferd psychisch zu überlasten, geht sehr schnell. Deshalb müssen wir uns diesbezüglich noch deutlicher hinterfragen“, mahnte Treu. Die gesamte Branche müsse sich dieser Verantwortung stellen und konsequent daran arbeiten, schwarze Schafe zu erkennen und das Bild des Sports zu verbessern.
Reitmeister Martin Plewa plädierte dafür, mehr Wissen zu vermitteln und die eigenen Ausbildungsgrundsätze konsequenter anzuwenden. Gesundheit und Gesunderhaltung müssten im Mittelpunkt stehen. Zugleich findet Plewa, dass der Blick für gutes Reiten geschult werden müsse. Seine Idee: Bei den Bundeschampionaten solle vor den Reitpferdeprüfungen die Aufgabe vorgeritten werden. Die Vorreiter sollten demonstrieren, wie ein Pferd richtig und pferdegerecht vorgestellt werden könne. Die Ritte sollten entsprechend kommentiert werden, um auch das Publikum zu schulen. „Das ist ein sehr guter Vorschlag, den wir verfolgen werden“, sagte Dr. Dennis Peiler, Vorstandsvorsitzender der Deutschen Reiterlichen Vereinigung (FN) und Moderator des Abends.
Laufende Entwicklungen
Tierärztin Dr. Kirsten Tönnies betonte die Bedeutung positiver Verstärkung und eines bewussteren Umgangs mit jungen Pferden. Ausbildung und sportlicher Erfolg seien nicht dasselbe. Gerade deshalb müsse noch mehr darüber gesprochen werden, wie Lernprozesse gestaltet werden müssten, um jedes Pferd individuell zu fördern. Besonders wichtig sei dabei die differenzierte Betrachtung, worüber gesprochen werde – über die Anforderungen, die Bedingungen und die Umstände. Sie wünschte sich eine kleinteiligere Betrachtung des Ausbildungsweges eines Pferdes.
Abschließend ordnete Peiler die Diskussion in laufende Entwicklungen bei Pferdesport Deutschland ein. Der Jungpferdegipfel zu Beginn des Jahres habe bereits wichtige Impulse gesetzt, Arbeitsgruppen hätten konkrete Anpassungen auf den Weg gebracht. Nun werde in den Reitpferdeprüfungen der Bundeschampionate das Pilotprojekt umgesetzt. Es gehe darum, Erfahrungen zu sammeln, Maßnahmen zu evaluieren und dort nachzuschärfen, wo weiterer Handlungsbedarf bestehe. Ziel sei es, Anforderungen so weiterzuentwickeln, dass junge Pferde nicht überfordert und gleichzeitig bestmöglich auf ihre spätere sportliche Laufbahn vorbereitet würden.
Der Abend in Warendorf machte deutlich: Die Frage nach dem richtigen Zeitpunkt für den Turnierstart lässt sich nicht pauschal beantworten. Entscheidend sind die individuelle Entwicklung, die körperliche und mentale Belastbarkeit, die Gewöhnung des jungen Pferdes, die Ruhe in der Ausbildung, das Vertrauen zum Menschen sowie das jeweilige Umfeld. lh