Als Genesungsbegleiterin wird Dr. sc. agr. Hélène Gibaud bald Menschen unterstützen, zurück ins Leben zu finden. Seit Oktober 2025 absolviert die Agraringenieurin beim Kieler Fenster, einem Netzwerk sozialpsychiatrischer Einrichtungen, eine einjährige Ausbildung zur zertifizierten
EX-IN-Genesungsbegleiterin. EX-IN ist eine Qualifizierung für Menschen, die mit ihren eigenen psychischen Krisen- und Genesungserfahrungen andere Betroffene auf ihrem Weg der Heilung unterstützen.
Auf einmal waren sie da, schlichen sich in das Leben von Hélène Gibaud: körperliche Schmerzen. Bis zu diesem Tag im Jahr 2016 war bei ihr von außen betrachtet alles im Lot. Als junge Frau war sie aus Frankreich der Liebe wegen zum Studium der Agrarwissenschaften an die Kieler Christian-Albrechts-Universität gekommen. Nach dem Studienabschluss arbeitete sie in verschiedenen Bereichen, heiratete, bildete sich weiter fort, promovierte und machte sich als Inhaberin eines Fachübersetzungs- und Dienstleistungsbüros mit den Schwerpunkten Agrarwirtschaft, Agrarpolitik und Biowissenschaften selbstständig. Mit viel Freude organisierte sie unter anderem Fachreisen für Züchter, die sich über die Fleischrinderzucht in Frankreich informieren wollten. Neben ihrer Selbstständigkeit wurde sie 2010 Mutter eines Sohnes.
Diagnose Depression
„Mein Körper zeigte mir mit den plötzlich auftretenden Schmerzen Grenzen auf. Mir wurde klar, dass ich etwas in meinem Leben ändern musste“, blickt sie zurück. Nach einer Auszeit entschied sie sich deshalb, in eine psychiatrische Tagesklinik zu gehen. „Erst hier kam ich meiner tiefgreifenden Erschöpfung auf die Spur, die ich bis dahin nicht bewusst wahrgenommen hatte. Als ich vom behandelnden Arzt mit der Diagnose ‚Depression‘ konfrontiert wurde, kam das bei mir im Kopf gar nicht richtig an. Ich musste erst lernen, damit umzugehen“, erzählt sie.
Foto: Silke Bromm-Krieger
Nach dem mehrwöchigen Aufenthalt in der Tagesklinik schloss sie auf ärztliche Empfehlung hin eine weiterführende ambulante Psychotherapie an. „Diese machte ich auch in Verantwortung für meinen Sohn und meinen Mann“, meint sie nachdenklich. Die Inhaberschaft ihres Unternehmens hatte sie mittlerweile aufgegeben und Berufliches reduziert. Fortan konzentrierte sie sich hauptsächlich auf die Familie und ihren Genesungsweg. „Die Psychotherapie war für mich ein Meilenstein. Ich konnte gut annehmen, was die Therapeutin mir sagte und widerspiegelte, und lernte langsam, wieder in mich hineinzuhören und mich zu spüren. Das Fühlen war mir in der Depression ganz verloren gegangen“, erklärt sie.
Ihr innerer Kompass, der sie während ihrer psychischen Erkrankung manches Mal verlassen hatte, stellte sich allmählich wieder ein. Selbstzweifel, die sie begleitet hatten, nahmen ab, und ihr angeknackstes Selbstwertgefühl baute sich wieder auf. Sie reflektierte mit therapeutischer Hilfe Ereignisse aus Kindheit und Jugend und nahm dabei alte Glaubenssätze und Verhaltensmuster in den Blick, von denen sie sich löste. Schritt für Schritt, mit erlebten Höhen, Tiefen und Herausforderungen spürte sie, wie sie psychisch gesundete. Die körperlichen Schmerzen blieben, traten aber in den Hintergrund und verloren an Wirkmacht. Hélène Gibaud erkannte: „Mich gut zu fühlen, heißt für mich nicht, symptomfrei zu sein.“
Dann war auf ihrem acht Jahre dauernden Genesungsweg der Punkt gekommen, an dem sie sich innerlich so gefestigt fühlte, einen beruflichen Neuanfang zu wagen. „Mit dem Wissen um meine Fähigkeiten und Ressourcen kristallisierte sich heraus, dass ich im sozialen Bereich rund um die landwirtschaftliche Familie tätig sein will“, so die 52-Jährige.
Erfahrungswissen teilen
Durch eine Internetrecherche entdeckte sie die EX-IN-Ausbildung zur Genesungsbegleitung. Die Abkürzung EX-IN steht dabei für „Experienced Involvement“, sprich „Einbeziehung Erfahrener“. Im Mittelpunkt steht die Idee, dass Psychiatrie-Erfahrene ein einzigartiges Erfahrungswissen besitzen, das anderen Betroffenen in akuter Behandlung und danach Orientierung geben, Hoffnung stiften und neue Zugänge eröffnen kann. In einer instabilen Lebenssituation stehen sie ihnen auf Augenhöhe zur Seite, ermutigen und bringen persönliche Erfahrungen ein.
Foto: Kieler Fenster
„Dabei befähigt die EX-IN-Qualifikation zur Übernahme bezahlter Arbeit im Bereich der Sozialpsychiatrie. Hier ergänzen und bereichern Psychiatrie-Erfahrene professionelle Teams um die Betroffenenperspektive“, informiert Sozialarbeiterin (B.A.) Barbara Birk vom Kieler Fenster. Mit Genesungsbegleiterin Ava Anna Johannson leitet sie momentan den ersten Kieler EX-IN-Kurs mit 20 Teilnehmenden. „Darüber hinaus ist der Kurs ebenfalls sehr gut geeignet, um sich selbst zu stabilisieren und eine bessere Teilhabe im Leben zu erwirken“, ergänzt sie. Der auch von Hélène Gibaud besuchte Kurs wird in diesem Herbst abgeschlossen sein.
Mittlerweile ist die Ausbildung, die zwölf Module, zwei Praktika, ein Portfolio und eine Abschlusspräsentation umfasst, so weit fortgeschritten, dass bereits das zehnte Modul unter dem Thema „Krisenintervention“ auf dem Stundenplan steht. „Die Teilnehmenden haben zum Teil schon ihre Praktika absolviert und bereiten sich nun auf ihre Abschlusspräsentation vor. Die Stimmung und die Beteiligung sind weiterhin großartig“, freut sich Barbara Birk. Eine Sache möchte sie noch anmerken: „Die Ausbildung kostet etwa 3.600 €. Für Menschen, die ohne eine feste Finanzierung daran teilnehmen, initiierten wir deshalb einen Aufruf bei der gemeinnützigen Online-Spendenplattform betterplace.org.“ So hätten einige Teilnehmende ein Teilstipendium erhalten können.
Positives bewirken
Hélène Gibaud ist noch beeindruckt von ihrem kürzlichen Praktikum in der psychosomatischen Fachklinik Simbach am Inn. Dort baute Karen Hendrix, Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie, eine „Grüne Gruppe“ auf. Sie schuf damit ein stationäres Therapieangebot, das die Belastungen und die Situation der Grünen Berufe besonders versteht, sind doch die Hintergründe und Auslöser von psychischen Erkrankungen bei Menschen aus der Landwirtschaft oft spezifisch, ob Erschöpfung, Existenzangst, Selbstausbeutung oder Generations- und Partnerschaftskonflikte.
Foto: Silke Bromm-Krieger
Als Mitglied des behandelnden Teams nahm Hélène Gibaud auch an Gruppentherapien für die Patienten teil. „Ich war verblüfft, wie viel Gewicht mein Gesagtes hatte. Es wurde von den anderen nicht infrage gestellt. Alle wussten, ich hatte Ähnliches erlebt, das verbindet“, bemerkt sie. Eine Begegnung mit einer Patientin berührte sie besonders. Die Frau war während einer Musiktherapie-Stunde in eine akute psychische Krise geraten und verließ den Raum. Gibaud gesellte sich zu ihr. Mit ihrer empathisch zugewandten Anwesenheit vermittelte sie der Patientin das Gefühl, nicht allein zu sein. Sie stand ihr unterstützend zur Seite, das zu reflektieren und in Worte zu fassen, was soeben geschehen war. Dadurch konnte die Frau sich innerlich wieder fangen. Dieses Erlebnis zeigte Hélène Gibaud eindrucksvoll, was sie als Genesungsbegleiterin bewirken kann. „Außerdem ist es mir wichtig, psychische Erkrankungen aus der Tabuzone zu holen. Sie können jede und jeden treffen“, betont sie.
Ihre Zwischenbilanz der Ausbildung fällt durchweg positiv aus. „Wir haben nützliche Tools an die Hand bekommen, wie wir andere Betroffene stärken können. Gleichzeitig ist in unserer Kursgemeinschaft das individuelle Erfahrungswissen der Einzelnen zu einem wertvollen Wir-Wissen aller geworden“, unterstreicht sie. Wie es für sie nach der Ausbildung weitergehen wird, weiß sie noch nicht genau. „Eine Tätigkeit bei einer sozialen Organisation im Bereich der Prävention und Krisenintervention für Menschen aus der Landwirtschaft kann ich mir gut vorstellen.“ Mehr Informationen gibt es unter
www.kieler-fenster.de sowie unter www.ex-in.de
Info
Die nächste EX-IN-Qualifizierung beim Kieler Fenster beginnt im Dezember. In Lübeck ist über die LebensArt Weiterbildung gGmbH ein Kurs ab September geplant. Weitere Informationen unter
www.ex-in-lebensart.de
In Neumünster bietet die Deutsche Gesellschaft für soziale Psychiatrie (DGSP) ebenfalls Kurse an. Infos unter www.dgsp-sh.de
Interessierte, die die Kosten nicht selbst tragen können, sollten prüfen lassen, ob eine Förderung zum Beispiel durch die Agentur für Arbeit, das Jobcenter, die Eingliederungshilfe oder die Deutsche Rentenversicherung möglich ist.



