Schmerz zu definieren oder zu objektivieren ist sehr schwierig, da er eine individuelle Erfahrung darstellt. Ein möglichst frühzeitiges Erkennen von Schmerzen ist eine grundlegende Voraussetzung für deren Linderung und damit für das Wohlergehen und eine hohe Leistung. Bei Milchkühen allerdings – abstammend von Wildtieren, die als Beutetiere von Natur aus stoisch reagieren, um nicht die Aufmerksamkeit von Raubtieren auf sich zu ziehen – ist die Erkennung besonders schwierig.
Es wird oft fälschlicherweise angenommen, dass Kühe weniger empfindlich seien, daher wird eine Schmerzbeurteilung häufig gar nicht vorgenommen. Das Schmerzempfinden ist aber bei allen höheren Wirbeltieren ähnlich. Der Unterschied von Rindern zu anderen Tierarten und dem Menschen liegt in ihren Verhaltensreaktionen auf Schmerzen.
Bei einer Befragung unter britischen Veterinären ergab sich, dass es zum einen deutliche Unterschiede in der Schmerzbeurteilung bei Rindern zwischen Männern und Frauen und zum anderen Unterschiede im Hinblick auf das Abschlussjahr gibt: Weibliche Befragte und jüngere Absolventen neigten dazu, für die meisten Erkrankungen einen höheren Schmerz-Score abzugeben. Auch gaben Rinderpraktiker, die routinemäßig mit Schmerzmitteln behandelten, höhere Schmerzpunktzahlen als diejenigen, die keine Schmerzmittel einsetzten.
Schmerzsignale bei Rindern
Gut wahrnehmbar sind Zähneknirschen und Stöhnen, der Blick ins Leere („Schmerzgesicht“: leicht gerunzelte Augenlider, Ohren zurückgestellt, weite Nasenöffnungen) und – allerdings sehr selten – Schmerzbrüllen. Diese Verhaltensweisen treten bei starken Schmerzen auf, die auch sofort behandelt werden sollten. Allerdings ist es ebenso notwendig, auch auf subtilere Schmerzverhaltensweisen zu achten, um auch geringe bis mäßige Schmerzen erkennen zu können und so zu verhindern, dass die Schmerzen über längere Zeit anhalten und im schlimmsten Fall nicht mehr therapierbar sind.
Abweichungen von den normalen täglichen Aktivitätsmustern (sowohl erhöhte als auch reduzierte tägliche Liegezeit) können auch auf schmerzhafte Zustände und Krankheiten bei Kühen hinweisen. Je nach Schmerzursache, Schweregrad und Zeitpunkt kann es zu unterschiedlichen Ergebnissen kommen, die entsprechend interpretiert werden sollten. So verkürzen Kühe mit klinischer Mastitis aufgrund der Schmerzen, die durch das geschwollene Euter beim Liegen verursacht werden, ihre Liegezeit. Lahme Kühe zeigen jedoch im Vergleich zu nicht lahmen Kühen längere Liegezeiten. Technische Hilfsmittel, beispielsweise digitale Sensoren und Herdenmanagementprogramme, unterstützen das Erfassen und Auswerten der gewonnenen Daten beziehungsweise der Beobachtungen.
Gibt es einen Schmerz-Biomarker?
Obwohl eine genaue Schmerzeinschätzung für das Wohlergehen der Tiere von großer Bedeutung ist, wurde bislang noch kein endgültig validierter Biomarker für Schmerzen bei Rindern etabliert. Um die objektive Schmerzerkennung voranzubringen, untersuchte eine Forschungsgruppe (Cohen-Zinder, Miri et al., Biotinidase as a novel biomarker for pain assessment in dairy cattle. Pain Rep. 2025) die Dynamik der Blutplasmawerte des Enzyms Biotinidase bei Milchkühen als Reaktion auf drei unterschiedliche schmerzauslösende Reize (Kältebrandmarkierung, Capsaicin-Creme, spontane Mastitis) im Vergleich zu Cortisol und Substanz P.
Eine grundlegende Einschränkung dieser Studie, die für die gesamte Schmerzforschung bei Tieren gilt, ist die Schwierigkeit, die Sensitivität von Biomarkern ohne subjektives Feedback wie selbst berichtete Schmerzwerte zu bestimmen. Es zeigten sich erhöhte Biotinidase-Werte sowohl bei den experimentell hervorgerufenen als auch bei natürlich auftretenden Schmerzreizen innerhalb einer halben Stunde nach Schmerzeintritt, was diesen Wert als zuverlässigen Schmerzbiomarker qualifiziert (während die Aussagekraft von Cortisol und Substanz P in mehreren Bereichen eingeschränkt war).
Allerdings reagiert Biotinidase – ähnlich wie Cortisol und Substanz P – bei zahlreichen physiologischen Signalwegen und nicht ausschließlich schmerzspezifisch. Daher schlagen die Studienautoren vor, mehrere Biomarker und verhaltensbezogene Indikatoren zu kombinieren, um eine aussagekräftige Schmerzerkennung auf hohem Level zu ermöglichen. Eine Möglichkeit dazu bietet die Schmerzskala, die von einer Gruppe von Forschenden aus Dänemark entwickelt wurde (Gleerup, Karina Bech et al., Pain evaluation in dairy cattle, Applied Animal Behaviour Science, 2015). Sie bietet eine Schmerzbeurteilung auf der Grundlage von Verhaltensweisen. Unter anderem werden hier die Aufmerksamkeit der Kuh, ihre Rücken- und Kopfhaltung, die Position der Ohren und der Gesichtsausdruck beobachtet und mit Punkten bewertet.
Möglichkeiten im Schmerzmanagement
Als erste Maßnahme sollte die Schmerzursache beseitigt werden. Aber häufig ist das nicht vollständig möglich und reicht allein nicht aus, um das Wohlbefinden des Tieres wiederherzustellen.
Das Schmerzempfinden lässt sich mittels verschiedener Wirkstoffe (Analgetika) im Rahmen einer symptomatischen Therapie auf mehreren Wegen beeinflussen. Bei entzündlichen Prozessen, beispielsweise Lungenentzündungen, Durchfallerkrankungen und Euterentzündungen, bieten sich Kortikosteroide und Nichtsteroidale Entzündungshemmer (NSAID, beispielsweise die Wirkstoffe Meloxicam, Ketoprofen, Flunixin) an. Sie reduzieren Entzündungssymptome, sodass die Tiere eher wieder fressen. Da sie auch die Sensibilität der Schmerzrezeptoren herabsetzen, werden sie beispielsweise auch im Vorfeld des Enthornens von Kälbern eingesetzt (Verabreichung ungefähr eine halbe Stunde vorher, damit sie bereits während des eigentlichen Enthornens ihre Wirkung entfalten können, einige Minuten vor dem Enthornen Gabe von Xylazin zur Stressverminderung). Um das Entzündungsgeschehen abzuschwächen, das oftmals bei Kühen mit Schwergeburten gesehen wird, und um das Wohlbefinden zu verbessern, werden häufig Kortikosteroide verabreicht. In einer Studie führte das Kortikosteroid Dexamethason zu Veränderungen der Verhaltensmessungen, die auf eine Verringerung der Beschwerden hindeuten könnten, allerdings verringerte sich auch die Milchleistung im ersten Monat nach dem Abkalben. Daher wird diese Behandlung nicht für den routinemäßigen Einsatz empfohlen. Krampflösende Medikamente (Spasmolytika) lösen die Verkrampfungen der glatten Muskulatur, zum Beispiel im Magen-Darm-Trakt im Rahmen eines Durchfallgeschehens oder bei einer Kolik. Wirkstoffbeispiele in diesem Bereich sind Butylscopolamin und Metamizol. Lokalanästhetika betäuben die Schmerzrezeptoren und verhindern so ein Weiterleiten des Schmerzreizes in das Gehirn. Sie werden zur örtlichen Betäubung des Operationsfeldes, zum Beispiel bei einem Kaiserschnitt oder einer Labmagenoperation, beim Enthornen (bei Kälbern über sechs Wochen Pflicht), bei Klauenoperationen oder in Kombination mit Xylazin bei Nabeloperationen eingesetzt. Xylazin dient der Analgesie, Sedation und zur Muskelentspannung, allein reicht es allerdings nicht zur Schmerzausschaltung.
Fazit
Schmerzen führen immer zu einer Beeinträchtigung des Wohlbefindens, was letztendlich das Erbringen einer hohen Leistung unmöglich macht. Wachstumsverzögerungen, eine verringerte Fruchtbarkeit und eine sinkende Milchleistung können die Folgen sein. Genaues Hinsehen und das Hineindenken in die besonderen Verhaltensweisen von Rindern lohnen sich also in jedem einzelnen Fall.




