Wenn Noah aus dem Fenster seines Klassenzimmers guckt, dann schaut er auf das Meer, auf die Nordsee. Heute, an diesem sonnigen, fast windstillen Herbsttag, blinzelt das glatte Meer im Sonnenschein um die Wette. Noahs Blick reicht bis zum weiten Horizont. Kein Haus, keine Straße, keine Leute, rein gar nichts versperrt ihm die Sicht.
„Letzte Woche hatten wir den ersten Herbststurm, und da überschwemmte das Nordseewasser das Land“, erzählt Noah. Nur noch die zehn Hügel, auf denen die Häuser der Halligbewohner stehen, die sogenannten Warften, ragten aus der Nordsee heraus“, erzählt der zwölfjährige Schüler.
Foto: Jörg Böthling
Ob er dann Angst hat? „Nö, eigentlich nicht“, antwortet der Siebtklässler im kleinen Kreis der Schüler, die auf die Schule der Hallig Hooge gehen. Insgesamt vier Mädchen, vier Jungen, vier Geschwisterpaare, fünf Klassen, ein großer Unterrichtsraum – mehr nicht, eine Schule in mini. Überschaubar, jeder kennt jeden ziemlich genau auf diesem Fleckchen Land inmitten der Nordsee. „Wir sind nie genug“, umschreibt Noah den einfachen Umstand, dass nicht viele Kinder auf dem Eiland leben. Viel zu wenige, um beispielsweise eine Fußballmannschaft zu bilden auf der Hallig, wie die Nordseeinseln ohne Seedeich heißen, nur 1 km breit und 4 km lang, größer nicht. Obwohl es an Mitspielern mangele, seien die Halligkinder allesamt sehr sportlich, so Lehrerin Franziska Dost, hätten sie doch auf dem Eiland mit 100 Einwohnern viel Freiraum, um sich ungehindert zu bewegen.
Nach der Schule, am frühen Nachmittag, fährt Noah mit seinem E-Fahrrad gen Westen. Es gibt nur eine einzige Straße, kein Auto kommt ihm entgegen, auch keine Fußgänger, keine Fahrradfahrer. Noah ist allein. Nur ein paar Austernfischer singen ihr Lied: „Liep, liep, liep.“ Ein Reiher steht regungslos im Wassergraben, der entlang der Straße führt. Schon nach ein paar Minuten hat Noah sein Ziel erreicht – dort, wo die Hallig endet, wo eine Steinkante das flache Land vor dem Meer schützt.
Foto: Jörg Böthling
Von Weitem ist der Leuchtturm auf der Nachbarinsel Amrum zu erkennen. In der Nacht sendet er für die Seefahrer Leuchtsignale. Noah steigt von seinem Rad und zeigt auf den kleinen Strandsteifen, der im Sommer eine der beliebten Badestellen ist. „Jetzt im Herbst sammele ich hier meine Muscheln“, sagt der Junge von Hooge mit strahlendem Gesicht. Herzmuscheln, Plattmuscheln, Miesmuscheln, Austern und die schönen Wellhornschnecken. Das Nordseewasser plätschert sanft am Strand. „Heute Nachmittag haben wir Hochwasser (Flut), hätten wir jetzt Niedrigwasser (Ebbe), würde der Meeresboden trockenliegen“, erklärt Noah, „dann ist hier Watt.“ Ob er sich mit Ebbe und Flut gut auskennt? Der Zwölfjährige gibt eine ehrliche Antwort. „Das Wasser kommt und geht. Das reicht mir zu wissen. Alles andere rund um dieses Thema ist ziemlich schwer zu erklären.“
Da hat Noah vollkommen recht. Daher sei kurz erwähnt, dass Mond und Sonne dafür sorgen, dass das Wasser alle sechs Stunden kommt und geht. Überall auf der Welt ist dies in Küstenregionen zu beobachten. Auf Hooge ist dieses Naturphänomen besonders eindrucksvoll zu erfahren, ist doch auf diesem Eiland in der Nordsee an jedem Punkt das Kommen und Gehen der Nordsee zu beobachten. Und: Je mehr Wind, je mehr Sturm, desto höher läuft das Meer auf. Und manchmal ist die gesamte Hallig unter Wasser, und dann lugen nur noch die Warften aus den Fluten. In solchen Momenten, die mehrmals im Jahr auftreten können, müssen auch die Rinder, Schafe und Pferde von den Weiden rechtzeitig auf die höher gelegenen Stellen gebracht werden. Aber zurück zum bunten Muschelsortiment von Noah. Er lagert es in einem kleinen Schuppen auf der Hanswarft, wo er mit seinen Eltern Frederike und Kai und seinen beiden Brüdern lebt. Würden wir Noah in den Sommerferien besuchen, dann könnten wir ihn als Muschelverkäufer am kleinen Hafen von Hooge erleben.
Foto: Jörg Böthling
Mit seinem kleinen Verkaufsstand bietet er dann den Touristen, charmant und wahrlich nicht auf dem Mund gefallen, seine Funde an. Mit viel Erfolg, wie sein Vater Kai verrät. Sein Sohn lächelt schelmisch. Kein Wunder, dass Noah als Wahlfach gern Wirtschaft gewählt hätte. Aber nicht nur Muscheln spielen eine große Rolle bei Noah, sondern auch die Haustiere der Familie. Während der Hund Mailo, ein Australian-Shepherd-Bordercollie, in der Wohnung der Hillmanns lebt, sind die beide Kaninchen Tofi und Schnuffel im Stall eines Nachbarhauses untergebracht. Genauso wie die beiden Pferde seiner Mama: Monti, eine sehr hübsche Stute der Rasse Tinker sowie ein süßes Shetland-Pony mit dem Namen Ikarus. Wer Tiere hat, muss auf sie achtgeben, muss sie pflegen, muss sie ausmisten und regelmäßig füttern und tränken.
Foto: Jörg Böthling
Kein Zweifel, die Natur nimmt im Leben von Noah einen großen Raum ein. Für seine Lehrerin Franziska Dost prägten die reiche Naturerfahrung und das behütete Halligleben die Kinder sehr. „Ihre Eigenständigkeit ist ausgeprägt. Auch außerhalb der Schule müssen sie vieles allein mit sich klären und abmachen“, weiß die 31-jährige Pädagogin, die sich mit ihrem Kollegen Fabian Lunkeit den Unterricht in der kleinen Halligschule teilt. Der 40-Jährige ist voll Begeisterung über seinen Arbeitsplatz. „Hier kann ich auf jede Schülerin und jeden Schüler eingehen. Hier haben wir als Schule noch Zeit und Raum, um Lerninhalte von allen Seiten zu beleuchten, und können diese im Detail auch praktisch ausprobieren“, freut sich Lunkeit. Ausnahmsweise hat er seinen Dackel mit in die Schule genommen, sehr zur Freude der Schülerschaft. Jeder nimmt den kleinen Vierbeiner einmal in den Arm, und am Ende liegt der Hund seelenruhig unter dem großen Klassenbildschirm.
Wer Lehrer an einer Minischule wie der auf Hooge ist, muss über den Tellerrand gucken wollen und sollte bereit sein, sich auch außerhalb der eigenen Kernfächer zu engagieren. Ob nun Mathe, Sport, Geografie, Wirtschaft oder auch Kerzenziehen im Werkkeller, es wäre gut, wenn die Halliglehrer von allem etwas verstehen. Oder rasch zur Gitarre greifen können, um das Lied für den anstehenden Laternenumzug zu üben. Lunkeit kann es. Er streicht über die Gitarrensaiten, und seine kräftige Stimme füllt den Raum, obwohl die acht Schulkinder anfänglich – noch nicht ganz textsicher – nur mitsummen.
Foto: Jörg Böthling
Auch wenn Hooge im Vergleich zu vielen anderen Orten dieser Welt dem Paradies nahekommt, geht es doch nicht immer paradiesisch zu. Auch hier gibt es einen Alltag, auch hier gibt es Langeweile, auch Probleme mit Mitschülern. Und auch das E-Learning am Computerbildschirm mit einer Englischlehrerin, zu dem auch zwei Schülerinnen anderer Halligen zugeschaltet sind, hat seine Tücken. Auch wenn die Verbindung in Ton und Bild klappt – es macht einfach nicht immer Spaß. Das ist auf Hallig Hooge nicht anders als anderswo.
Und Noah, der vor zwei Jahren mit seiner Familie vom Festland nach Hooge gezogen ist, vermisst seine alten Freunde aus der früheren Grundschule. „Manchmal telefoniere ich mit ihnen und spiele mit ihnen übers Internet Playstation. Die fehlen mir manchmal schon“, sagt Noah, als er am Abend seine Kaninchen füttert. Dagegen fehlt es an Nordseekrabben, die er so gern isst, überhaupt nicht. Denn die schwimmen reichlich im Wattenmeer und werden von Fischern rund ums Jahr gefangen. „Dann mag ich die tollen Sonnenaufgänge und -untergänge, die es hier so oft gibt“, schwärmt Noah. Und das Allerwichtigste: „Ich liebe die Freiheit, die ich hier auf der Hallig habe.“



