Wer heute durch Schleswig-Holsteins Wälder geht, sieht vielerorts stabile Bestände, gepflegte Wege und eine lange Tradition nachhaltiger Nutzung. Holz aus dem heimischen Wald ist ein wichtiger Rohstoff für Bau, Energie und Industrie. Gleichzeitig wächst der gesellschaftliche Anspruch an den Wald: Klimaschutz, Biodiversität, Wasserhaushalt und Erholung sollen ebenfalls gesichert werden. Mit dem europäischen Nature Restoration Law wird diese Entwicklung politisch verstärkt. Ziel ist es, geschädigte Ökosysteme zu verbessern und ihre Funktionen langfristig zu sichern.
In der öffentlichen Diskussion entsteht dabei manchmal der Eindruck, Waldschutz bedeute vor allem Stilllegung oder Nutzungsverzicht. Für Schleswig-Holstein mit seinem stark privat geprägten und klein strukturierten Wald wäre ein solcher Weg jedoch kaum sinnvoll. Vielmehr zeigt sich zunehmend eine andere Perspektive: Eine moderne Wirtschaftswaldstrategie kann Nutzung, Klimaanpassung und Naturschutz miteinander verbinden. Voraussetzung ist, dass auch die Leistungen des Waldes für die Gesellschaft künftig stärker honoriert werden.
Die Waldlebensraumtypen des Landes
Die Grundlage für die Bewertung von Waldlebensräumen bildet in Schleswig-Holstein die Biotopkartierung des Landes. Sie erfasst regelmäßig wertvolle Biotope und dokumentiert deren Zustand. Typisch für Schleswig-Holstein sind vor allem Laubwälder. Große Teile der natürlichen Waldvegetation bestehen aus Buchenwäldern. Dazu gehören der Hainsimsen-Buchenwald auf ärmeren Standorten sowie der Waldmeister-Buchenwald auf besseren Böden. Daneben finden sich Eichenmischwälder, etwa Sternmieren-Eichen-Hainbuchen-Wälder oder bodensaure Eichenwälder. Sie zählen zu den artenreichsten Waldtypen und spielen eine wichtige Rolle für viele Tierarten. Besonders wertvoll sind außerdem Auwälder entlang von Bächen und Niederungen. Diese von Erlen und Eschen geprägten Bestände gehören zu den seltensten Waldtypen im Land. Allen diesen Waldtypen gemeinsam sind typische Strukturen: alte Bäume, unterschiedliche Altersstufen, Totholz sowie eine Mischung verschiedener Baumarten. Genau diese Strukturen stehen heute stärker im Fokus der Naturschutzpolitik.
Privatwald prägt die Landschaft
Ein großer Teil des Waldes in Schleswig-Holstein befindet sich in privater Hand. Viele Flächen gehören landwirtschaftlichen Betrieben oder Familien und werden im Nebenerwerb bewirtschaftet. Die Flächen sind häufig klein und über mehrere Parzellen verteilt. Ökonomisch ist die Bewirtschaftung deshalb anspruchsvoll. Gleichzeitig erfüllen diese Wälder wichtige Funktionen für Landschaft, Klima und Biodiversität. Gerade diese klein strukturierten Privatwälder zeigen jedoch, dass Nutzung und Naturschutz oft eng miteinander verbunden sind. Viele wertvolle Lebensräume sind erst durch eine langfristige Bewirtschaftung entstanden.
Stabile Wirtschaftswälder
Der Klimawandel stellt die Wälder vor neue Herausforderungen. Längere Trockenperioden, höhere Temperaturen und Extremwetterereignisse erhöhen die Risiken für Waldbesitzer. Die wichtigste Antwort darauf sind strukturreiche und gemischte Wälder. Verschiedene Baumarten reagieren unterschiedlich auf Klimaextreme. Vielfalt im Bestand erhöht deshalb die Stabilität. Auch unterschiedliche Altersstufen innerhalb eines Bestandes wirken stabilisierend. Wälder, die kontinuierlich genutzt und gepflegt werden, können sich oft besser an Veränderungen anpassen als ungenutzte Bestände. Damit wird deutlich: Klimaanpassung erfordert aktive Waldwirtschaft. Ein pauschaler Nutzungsverzicht würde diese Entwicklung eher erschweren als fördern.
Praxisbeispiel aus Ostholstein
Wie sich wirtschaftliche Nutzung und ökologische Funktionen verbinden lassen, zeigt ein Beispiel aus dem Buchenwald in Ostholstein. Bei der Bewirtschaftung werden gezielt Altbuchen auf der Fläche belassen. Diese Bäume erfüllen gleich mehrere Aufgaben. Als Habitatbäume bieten sie Lebensraum für zahlreiche Tierarten. Gleichzeitig wirken sie als Mutterbäume für die Naturverjüngung. Ihre Samen sorgen dafür, dass sich junge Buchen natürlich im Bestand ansiedeln können. Die großen Altbäume spenden zudem Schatten, halten Feuchtigkeit im Boden und mildern Klimaextreme wie Hitze oder Spätfrost. Die Waldverjüngung erfolgt häufig über eine Kombination aus Naturverjüngung und ergänzender Pflanzung. So lassen sich standortgerechte Mischbestände entwickeln, die langfristig stabil sind. Ein weiterer Ansatz besteht darin, Randbereiche angrenzender landwirtschaftlicher Flächen schrittweise in neue Waldstrukturen zu überführen. Diese Neuwaldbildung kann langfristig stabile Waldränder schaffen und zusätzliche ökologische Funktionen erfüllen. Das Beispiel zeigt: Viele Maßnahmen, die aus Naturschutzsicht sinnvoll sind, lassen sich direkt in eine wirtschaftliche Bewirtschaftung integrieren.
Ökosystemleistungen als (wirtschaftliche) Chance
Mit der zunehmenden Aufmerksamkeit für Klimaschutz und Biodiversität verändert sich auch die Rolle des Waldes. Neben der Holzproduktion treten weitere Leistungen stärker in den Vordergrund:
– Kohlenstoffspeicherung
– Lebensräume für Arten
– Wasser- und Bodenschutz
– Erholungsfunktion
Diese sogenannten Ökosystemleistungen sind für die Gesellschaft von großem Wert. Für Waldbesitzer stellen sie jedoch häufig eine zusätzliche Leistung dar, die bislang kaum vergütet wird. Hier entwickelt sich derzeit ein neues wirtschaftliches Feld. Förderprogramme, Biodiversitätsmaßnahmen oder Klimainstrumente könnten künftig dazu beitragen, dass diese Leistungen auch finanziell honoriert werden. Damit entsteht eine zusätzliche Einkommensperspektive für Waldbesitzer – neben der klassischen Holzproduktion.
Nutzung und Naturschutz zusammendenken
Der Wald bleibt auch in Zukunft ein Wirtschaftswald. Holz ist ein zentraler Nachwachsender Rohstoff und gewinnt im Zuge der Klimapolitik weiter an Bedeutung. Die entscheidende Aufgabe moderner Waldwirtschaft besteht deshalb darin, Nutzung und ökologische Funktionen miteinander zu verbinden. Strukturreiche Mischwälder können beides leisten: stabile Holzerträge und vielfältige Lebensräume. Gerade im kleinbäuerlichen Privatwald Schleswig-Holsteins liegt darin eine große Chance. Wenn ökologische Leistungen künftig stärker honoriert werden, entsteht ein erweitertes Geschäftsmodell für die Waldwirtschaft. Der Wald wird dann nicht nur Holzproduzent, sondern auch Partner der Gesellschaft für Klima- und Naturschutzleistungen. Oder anders formuliert: Eine zukunftsfähige Waldpolitik setzt nicht auf Stilllegung, sondern auf aktive, nachhaltige Bewirtschaftung – und auf eine faire Honorierung der Leistungen, die Wirtschaftswälder für die Gesellschaft erbringen.




