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Förderung zu alternativen Antriebssystemen gestartet

Ein neues Förderprogramm für alternative Antriebe in der Agrarwirtschaft legt die Landwirtschaftliche Rentenbank in Abstimmung mit dem Bundeslandwirtschaftsministerium (BMLEH) auf. Für das Programm stellt die Rentenbank in den kommenden drei Jahren insgesamt 72 Mio. € bereit. Start ist am 20. Mai.

Der Schwerpunkt liegt auf dem Sonderkulturanbau. Gerade dort stünden viele Betriebe wegen des steigenden Mindestlohns unter erheblichem wirtschaftlichen Druck, teilte das BMLEH am Mittwoch voriger Woche mit. Innovative Technik könne helfen, Arbeitsprozesse zu erleichtern, Betriebe zu entlasten und ihre Wettbewerbsfähigkeit zu stärken. Zugleich erleichtere es die Förderung, in klimafreundliche Antriebslösungen in der landwirtschaftlichen Praxis einzusteigen.

Gefördert wird die Anschaffung mobiler Maschinen mit batterieelektrischem Antrieb oder zur Nutzung Erneuerbarer Biokraftstoffe wie Biodiesel, Pflanzenöle oder Biomethan. Dazu zählen unter anderem autonome Feldroboter, Geräteträger oder Multifunktionsmaschinen für Sonderkulturen sowie in Kombination mit dem Maschinenkauf die notwendige Lade- und Tankinfrastruktur auf dem Hof. Die Förderung erfolgt über zinsgünstige Darlehen im etablierten Hausbankenverfahren der Rentenbank mit einer Laufzeit von drei bis maximal zehn Jahren. Bei Infrastrukturvorhaben sind Laufzeiten von bis zu 15 Jahren möglich. Der Darlehensbetrag muss mindestens 25.000 € betragen und kann bis zu 100 % der förderfähigen Ausgaben abdecken. Der Höchstbetrag liegt bei 1 Mio. € je Antragsteller.

Anreiz für Investitionen in neue Technologien

Innovative alternative Antriebe seien in vielen Bereichen bereits verfügbar, ihre Anschaffung sei für Betriebe bislang jedoch häufig mit deutlich höheren Einstiegskosten verbunden, erläuterte Bundeslandwirtschaftsminister Alois Rainer (CSU). Mit der Förderung setze man gezielte Anreize für Investitionen in neue Technologien. „Wir helfen, die höheren Einstiegskosten innovativer Technik abzufedern, und bringen sie schneller in die landwirtschaftliche Praxis“, betonte Rainer. Für die Betriebe bedeute das mehr Planungssicherheit, mehr Unabhängigkeit von fossilen Kraftstoffen und volatilen Energiemärkten sowie mehr Klimafreundlichkeit und Wettbewerbsfähigkeit. Diese Förderung sei kein kurzfristiges Entlastungsinstrument, „sondern eine strategische Investition in die Zukunftsfähigkeit unserer Landwirtschaft“.

Kosten senken, Effizienz steigern

Für Rentenbankchefin Nikola Steinbock sind Innovationen bei Antriebssystemen ein Hebel, um durch optimierten Ressourceneinsatz die Energieeffizienz in den Betrieben zu erhöhen, die laufenden Betriebskosten zu senken und zur Reduzierung der Treibhausgasemissionen beizutragen. Entscheidend sei, dass diese Innovationen in der Breite der Betriebe zum Einsatz kämen und in großer Stückzahl produziert würden. Durch die hohe Produktions- und Nutzungsmenge entstünden Skaleneffekte, die neue, emissionsmindernde Technologien günstiger und damit für die Betriebe wirtschaftlich attraktiver machten. Unterstützt werde die Markteinführung solcher Technologien mit Mitteln aus dem Zweckvermögen des Bundes bei der Landwirtschaftlichen Rentenbank.

Molkenpulver boomt

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Wegen veränderter Ernährungsgewohnheiten und dem Boom von Abnehmmedikamenten wie der „Abnehmspritze“ ist in letzter Zeit der Markt für Molkenpulver deutlich gewachsen. Molke entsteht bekanntlich als flüssiges Nebenprodukt bei der Herstellung von Käse. Sie trennt sich nach Zugabe von Enzymen (Lab) zur Milch vom Käsebruch, aus dem Käse hergestellt wird. Diese fettarme und proteinhaltige Flüssigkeit wird weiterverarbeitet und in Pulverform getrocknet, wodurch das proteinreiche Nahrungsergänzungsmittel Molkenproteinpulver mit mindestens 80 % Protein entsteht. Früher wurde Molke wegen des Eiweißgehaltes in der Schweinemast verfüttert. Es wird auch traditionell nahezu fettfreier Molkenkäse, zum Beispiel Ricotta, daraus hergestellt, auch wurde oder wird Molke verschiedenen Erfrischungsgetränken zugesetzt.

… dank Abnehmspritzen

Einst als billiges Schweinefutter abgetan, hat sich Molke – heute vor allem unter dem englischen Begriff für Molke als „Whey“ bekannt – in den USA zu einem der begehrtesten Rohstoffe der Lebensmittelindustrie entwickelt. Treiber des Wandels ist der Boom von GLP-1-Abnehm­medikamenten. Abnehmspritzen ahmen das Darmhormon GLP-1 nach, senken den Blutzucker, zügeln den Appetit und verlangsamen die Magenentleerung. Aus den USA wird nun berichtet, dass die Nachfrage nach Molke geradezu explodiert, weil die Nutzer von GLP-1-Medikamenten zunehmend nach Wegen suchen, den Nachteilen oder Nebenwirkungen von GLP-1, wie dem Abbau von Muskelmasse, entgegenzuwirken. Nun steigen die Preise für Molke geradezu rasant, die Industrie kämpft mit Produktionsengpässen und kann die Nachfrage kaum decken, was Meiereien und Lebensmittelhersteller zu Investitionen bewegt.

Proteinpulver im Kraftsport

Auch ein wachsendes Gesundheitsbewusstsein sowie der durch Social Media getriebene Proteintrend in den Fitnessstudios heizen die Nachfrage zusätzlich an, viele Kraftsportler benutzen Molkenprotein in Form von Proteinpulver als Nahrungsergänzungsmittel zum Muskelaufbau. Dieses als Whey-Protein bekannte Nahrungsergänzungsmittel soll aufgrund seines hohen Gehalts an essenziellen Aminosäuren die Muskelproteinsynthese nach dem Training durch Reduktion der Regenerationszeit unterstützen. Reines Molkenprotein ist übrigens wegen seiner Herkunft aus Milch von Natur aus glutenfrei, was bei Proteinpulver aus Getreide wie Weizen, Gerste und Roggen nicht der Fall ist. Ein weiterer Vorteil des molkenbasierten Proteins ist der gute Geschmack, der es von anderen nicht aus Molke hergestellten Proteinprodukten abhebt.

Meiereien bauen Kapazitäten aus

Die durch GLP-1 angeheizte Nachfrage schlägt sich auch in den Preisen nieder. Der Kurs für Molkepulver hat sich an der Matif von 1.020 €/t Anfang Februar auf aktuell zirka 1.500 €/t erhöht, deutlich stärker als für andere milchbasierte Produkte wie Milchpulver oder Käse. Es mangelt anscheinend an Kapazitäten, um Molke in die vom Markt geforderten Produkte umzuwandeln. Der niederländische Konzern FrieslandCampina will mehr als 90 Mio. € in den Ausbau des Geschäfts mit hochwertigen Molkenproteinen stecken. Das Unternehmen hat bereits den US-Hersteller Wisconsin Whey Protein übernommen. Dieser lukrative zusätzliche Markt sollte auch helfen, die Milchauszahlungspreise deutscher Meiereien positiv zu beeinflussen.

Frische Ideen, neue Projektgruppen

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Auf der zweiten Landesausschusssitzung (LAS 2) des Landjugendverbandes Schleswig-Holstein kamen am 10. Mai Vertreterinnen und Vertreter der Kreislandjugendverbände in Rendsburg zusammen. Neben vielen aktuellen Themen aus der Landjugendarbeit standen dabei auch die Projektgruppen (PG) und Arbeitskreise (AK) des Verbandes im Mittelpunkt. Gleich drei neue Gruppen wurden auf den Weg gebracht und freuen sich nun über weitere Mitwirkende in den PG und AK.

Zunächst wurden zwei bestehende Projektgruppen ruhend gestellt. Sowohl die PG 72-Stunden-Aktion als auch die PG Jubiläum sind eng an Projekte gebunden, die nur in größeren zeitlichen Abständen stattfinden. Solche Projektgruppen pausieren im Verband traditionell nach Abschluss ihrer Arbeit, bis die nächsten Aktionen anstehen. Doch ganz nach Landjugend-Manier blieb es nicht lange ruhig. Stattdessen wurden direkt neue Ideen entwickelt und neue Gruppen gegründet.

Gruppenarbeit, Austausch und das Entwickeln neuer Ideen und Projekte spielen in den Arbeitskreisen und Projektgruppen eine wichtige Rolle. Foto: Thore Groth

Mit der neuen PG Verbandsentwicklung möchte der Verband einen Blick auf die Zukunft der Landjugendarbeit werfen. Dabei geht es unter anderem um die Frage, wie der Verband langfristig attraktiv, zukunftsfähig und arbeitsfähig bleiben kann. Themen wie Mitgliedergewinnung, Beteiligung, moderne Kommunikation oder die Unterstützung von Ortsgruppen sollen dabei ebenso eine Rolle spielen wie die zukünftige Ausrichtung des Verbandes. Gleichzeitig soll die Projektgruppe auch dabei helfen, den Landesverband auf Ortsgruppenebene sichtbarer und greifbarer zu machen. Auch die Frage, wie Ehrenamt weiterhin attraktiv gestaltet werden kann, soll in der Projektgruppe diskutiert werden.

Projektgruppe „Theater“ zur Grünen Woche 2028

Kreativ und bühnenreif wird es in der neuen PG Theater. Hintergrund ist die Grüne Woche 2028 in Berlin. Dort richtet traditionell jeweils ein Landjugendverband ein großes Theaterstück aus, und 2028 ist Schleswig-Holstein an der Reihe. Bereits auf der Bundesmitgliederversammlung in Heide erhielt der Verband den Zuschlag für das Theaterstück. Nun beginnen die ersten Planungen. Gesucht werden dafür nicht nur Schauspielerinnen und Schauspieler, sondern ebenso helfende Hände für Technik, Bühnenbau, Organisation oder kreative Ideen. Erfahrungen aus dem von Schleswig-Holstein organisierten Theaterstück zum Deutschen Landjugendtag 2024 hätten gezeigt, dass jede helfende Hand gebraucht werde und sich unterschiedlichste Talente einbringen könnten, so die erste Vorsitzende Marlies Muxfeldt.

Arbeitskreis Jugendpolitik

Ebenfalls neu aufgestellt wurde die PG Jugendpolitik, die direkt im Anschluss einstimmig in einen dauerhaften Arbeitskreis umgewandelt wurde. Hintergrund ist unter anderem die kommende Landtagswahl in Schleswig-Holstein. Während Projektgruppen im Landjugendverband meist zeitlich begrenzt und an einzelne Projekte gebunden sind, soll der neue AK Jugendpolitik dauerhaft bestehen bleiben und sich regelmäßig mit aktuellen politischen Themen und Fragestellungen beschäftigen. Ziel des Arbeitskreises ist es, die Interessen junger Menschen im ländlichen Raum künftig noch klarer und strukturierter vertreten zu können. Dabei geht es nicht um Parteipolitik, sondern um eine sprachfähige Interessenvertretung der Landjugend. Themen wie Positionspapiere, politische Aktionen oder Gespräche mit Vertreterinnen und Vertretern aus Politik und Verbänden sollen künftig stärker vorbereitet und begleitet werden. Der Arbeitskreis soll dabei helfen, gemeinsame Positionen und Forderungen des Verbandes zu entwickeln. Begleitet wird der Bereich künftig von Sören Schatt, dem ersten stellvertretenden Vorsitzenden des Landjugendverbandes Schleswig-Holstein.

Mit den neuen Projektgruppen und dem Arbeitskreis wurden auf der LAS 2 wichtige Weichen für die kommenden Jahre gestellt. Gleichzeitig lebt die Landjugend weiterhin davon, dass „neue“ Menschen Ideen mitbringen und sich einbringen möchten. Interessierte – egal ob mit viel Erfahrung oder ganz neu dabei – sind deshalb jederzeit willkommen und können sich gern in der Geschäftsstelle melden.

Gemeinsam zum Ziel

Laut dem Verein AdipositasHilfe Deutschland haben knapp 25 % aller Deutschen Adipositas. Dabei ist Adipositas keine Frage von Schuld oder Disziplin, sondern eine chronische, behandlungsbedürftige Erkrankung, die von unzähligen Faktoren beeinflusst wird. Für Betroffene können Selbsthilfegruppen eine hilfreiche Unterstützung im Alltag sein. Das Bauernblatt hat mit den Leiterinnen der Kieler Adipositas-Selbsthilfegruppe, Jessica Marquardt und Lena Pieper, darüber gesprochen.

Allen Mut hatte sie an diesem Sommertag zusammengenommen, sich mit ihrem starken Übergewicht in Badebekleidung an den Strand gelegt. Doch plötzlich näherte sich ein Vater mit zwei Kindern und meinte: „Was muss hier die fette Sau am Strand sein?“ Lena Pieper fühlte sich getroffen. Doch sie konterte schlagfertig: „Ich kann abnehmen, aber können Sie intelligenter werden?“ Das saß. Strandbesucher neben ihr klatschten anerkennend. „Jeder hat sein Päckchen zu tragen, ob groß oder klein“, gibt die 42-Jährige zu bedenken.

Ungefragte Bewertungen, übergriffige Verurteilungen und verletzende Kommentare aufgrund ihres Gewichts gehören für sie zum Alltag. Auch Jessica Marquardt hat man schon hinterhergerufen: „Die deutschen Panzer rollen wieder.“

An diesem Freitagnachmittag sitzen die Gruppenleiterinnen auf der Terrasse eines Stadtteil-Cafés. Sie wollen darüber reden, wie wertvoll und stärkend es ist, sich einer Adipositas-Selbsthilfegruppe anzuschließen. Mit ihren Lebensgeschichten und eigenen Diskriminierungserfahrungen wollen sie anderen Betroffenen Mut machen, über die Krankheit aufklären, gegen Stigmatisierung kämpfen und sich für mehr Toleranz und Verständnis einsetzen. „In den Köpfen vieler Menschen gibt es das Vorurteil, dass die Fetten sich nur zu wenig bewegen und zu viel Süßkram und Fast Food essen. Wenn sie einfach weniger essen würden, könnten sie schon abnehmen. Aber Adipositas ist eine chronische Erkrankung“, weiß Marquardt. Dass von Übergewicht Betroffene allein für ihr Gewicht verantwortlich und nur zu faul zum Abnehmen oder zu willensschwach seien, sind weit verbreitete falsche Annahmen, die sich hartnäckig halten. Jedes Übergewicht hat seine eigene Geschichte. Es gibt viele Faktoren, die es verursachen und begünstigen. Niemand sollte deshalb einen Betroffenen bewerten oder verurteilen. „Wir wollen als Mensch gesehen werden und nicht als Dicke“, wünschen sich die Gruppenleiterinnen.

Der Grundstein für Adipositas wird teils schon in jungen Lebensjahren in der Familie gelegt.
Symbolfoto: World Obesity Federation

Bei den Hauptursachen für Adipositas greifen sowohl genetische, biologische, familiäre, psychosoziale, umwelt- und verhaltensbedingte als auch gesellschaftliche Risikofaktoren ineinander. „Darum gibt es gegen Übergewicht kein Patentrezept. Viele von uns haben bereits eine lange Leidensgeschichte mit verschiedenen Diäten hinter sich. Adipositas ist therapierbar, aber nicht heilbar“, betonen die beiden. Ein sehr hohes Körpergewicht sei nur teilweise und oft nicht nachhaltig rein willentlich zu beeinflussen.

Als Adipositas bezeichnet man das krankhafte Übergewicht eines Menschen. Als adipös gilt, wer einen Body-Mass-Index (BMI) von mehr als 30 hat. Der BMI ist der Quotient aus Gewicht und Körpergröße zum Quadrat (kg/m2). Es gibt verschiedene Stufen der Adipositas. Bei einem BMI zwischen 30 und 34,9 spricht man von Grad eins, bei einem BMI von 35 bis 39,9 von Grad zwei, ab einem BMI von 40 von Grad drei. Je höher der Grad, desto höher ist die Gefahr von Begleiterkrankungen wie Diabetes Typ 2, Herz- und Kreislauferkrankungen, Gelenkbeschwerden oder Schlafapnoe. Adipositas begünstigt zudem etliche Krebserkrankungen bei ihrer Entstehung. Dabei ist der Body-Mass-Index eine Richtschnur, aber nicht allein ausschlaggebend, denn er sagt nichts über die Fettverteilung im Körper aus.

„Ein erhöhtes Gesundheitsrisiko ist besonders das Viszeralfett im Bauchbereich“, informiert Marquardt. Die Landwirtstochter erzählt, dass sie schon als Kind übergewichtig gewesen sei. Im zarten Alter von sieben Jahren wurde sie zur ersten Abnehmkur geschickt. „Dort habe ich gut abgenommen, aber als ich wieder zu Hause war, fehlte die familiäre Unterstützung. So nahm ich wieder zu.“ In der Schule wurde sie wegen des Übergewichts von den Klassenkameraden gehänselt. Essen wurde zum Trost und Schutzschild.

Scham verhindert manche Aktivität. In der Selbsthilfegruppe wird auch über realistische Bewegungsoptionen gesprochen wie das Radfahren.
Symbolfoto: World Obesity Federation

Auch im späteren Berufsleben hatte sie es nicht leicht, erkrankte irgendwann psychisch. Zunächst erlernte sie den Beruf der Köchin, wurde Schwesternhelferin, bis sie schließlich mit einer Ausbildung zur Altenpflegerin in ihren Traumjob startete. „Von meinen Vorgesetzten wurde ich leider oft nur auf das Aussehen reduziert. Die fachliche Qualifikation kam erst an zweiter Stelle“, blickt die 45-Jährige zurück.

Im Jahr 2010 hatte sie einen Arbeitsunfall, der zur Berufsunfähigkeit führte. Daraufhin machte sie eine Umschulung zur Kauffrau im Gesundheitswesen und arbeitete eine Zeit lang in diesem Bereich. Ihr Gewicht stellte sie zunehmend vor manche Herausforderung. „2011 hatte ich bei einer Körpergröße von 1,80 m mein Höchstgewicht von 238 kg erreicht. Arthrose in den Knien und der Hüfte belasteten mich.“ Eine Magen-OP und drei Jahre danach ein Magen-Bypass folgten. „Aber es wurde ja nur mein Magen operiert, nicht mein Kopf. Ich musste erst einmal mental damit klarkommen. Es fühlte sich für mich an, als ob ein falsch programmierter Chip in meinem Kopf steckte“, erklärt sie. Im Universitätsklinikum Schleswig-Holstein (UKSH) machte der behandelnde Chirurg sie auf die Kieler Adipositas-Selbsthilfegruppe aufmerksam, die Mitglied in der AdipositasHilfe Deutschland ist. Marquardt trat 2012 bei. Seit 2016 leitet die Mutter einer neunjährigen Tochter die Gruppe, aktuell im Tandem mit Lena Pieper.

Auch ihre Geschichte berührt. Sie startete ins Leben mit einem zunächst nicht erkannten Sauerstoffmangel unter der Geburt. Daraus resultierten eine Entwicklungsverzögerung und weitere gesundheitliche Einschränkungen. Diese sorgten dafür, dass sie in einigen Dingen nicht so weit wie die anderen Kinder gleichen Alters war und zu erledigende Aufgaben langsamer anging. Hänseleien der Mitschüler waren an der Tagesordnung. „Essen wurde zu meinem Schutzpanzer“, sagt sie. Sie erlernte den Beruf der Krankenschwester und wurde auch dort damit konfrontiert, dass sie zu langsam sei, obwohl sie ihre Arbeit zuverlässig erledigte. Eine psychische Erkrankung kam hinzu, und sie versuchte, die Situation mit Essen zu kompensieren. Schließlich erreichte sie ihr Höchstgewicht von 134 kg und bekam eine Magen-OP. Seit zehn Jahren ist sie engagiertes Mitglied in der Selbsthilfegruppe.

Bei den Treffen bieten die beiden allen Teilnehmenden einen geschützten Raum.
Foto: Silke Bromm-Krieger

„Bei WhatsApp haben wir knapp 20 Mitglieder im Alter zwischen 18 und 70 Jahren. Zu unseren Treffen jeden zweiten und vierten Mittwoch im Monat im ‚Kieler Fenster‘ kommen meist fünf bis sieben Personen“, berichtet sie. In Adipositas-Selbsthilfegruppen, die vielerorts kostenfrei angeboten werden, seien Betroffene willkommen, die sich mit Gleichgesinnten auf Augenhöhe austauschen wollten. Auch alle, die bereits eine Gewichtsreduzierung geschafft hätten, gehörten dazu. Angehörige seien ebenfalls eingeladen, weil sie ein wichtiger Faktor auf dem Weg der Gewichtsabnahme seien. „Keiner muss bei den Treffen etwas sagen, aber jeder darf so viel über sich erzählen, wie er mag. Wir bieten einen geschützten Rahmen, in dem jeder seine Geschichte und Erfahrungen in offener und wertschätzender Umgebung darlegen kann. Das, was in der Gruppe besprochen wird, ist vertraulich. Es bleibt in der Gruppe“, versichert sie.

Familienfrühstück: Eine ausgewogene Ernährung ist ein Baustein für ein gesundes und leichteres Leben.
Symbolfoto: World Obesity Federation

Bei Schwierigkeiten, Problemen und in Frustrationsphasen sei immer eine Person da, die weiterhelfen und motivieren könne. Man sei nicht allein mit der Erkrankung, das baue auf. Zusätzlich gebe es Vorträge von Experten, Events und Themenabende. „Wir sprechen über Ernährung, Bewegung, Behandlungsansätze, Therapien und operative Methoden. Außerdem geben wir Infos über professionelle Hilfsangebote und Anlaufstellen weiter“, zählt Marquardt auf. Was die Gruppe jedoch nicht biete, seien eine medizinische Betreuung, Diätprogramme, eine psychologische Beratung oder fertige Lösungsansätze.

Zum Abschied möchten Jessica Marquardt und Lena Pieper Betroffene ermutigen, sich Unterstützung in einer Selbsthilfegruppe zu holen. „Gemeinsam sind wir stärker als allein“, wissen sie aus eigener Erfahrung.

Info

Mehr Auskünfte gibt es unter www.adipositas-shg-kiel.de, www.adipositas-selbsthilfe.de

Eine Liste örtlicher Selbsthilfegruppen gibt es beim Adipositas Verband Deutschland unter
www.adipositasverband.de

Wechsel im Zyklus

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Als neue Beisitzerinnen im Vorstand des LandFrauenverbandes Schleswig-Holstein wurden Jasmin Untied aus dem Kreisverband Plön für vier Jahre und Heike Holling als Nachbesetzung aus dem Kreisverband Rendsburg-Eckernförde für zwei Jahre gewählt. Die vier Beisitzerinnen im Landesvorstand werden für jeweils vier Jahre in einem jährlich versetzten Zyklus von den zwölf Kreisverbänden gestellt. 

Brüssow-Harfmann

seit 15 Jahren im Dienst

Die Geschäftsstelle des lfv in Rendsburg

Geschäftsführerin Dr. Gaby Brüssow-Harfmann Foto: Tonio Keller

Die Geschäftsstelle des LandFrauenverbandes Schleswig-Holstein (lfv) befindet sich im Gebäude der Landwirtschaftskammer am Grünen Kamp in Rendsburg. Die Geschäftsführung teilen sich Dr. Gaby Brüssow-Harfmann und Ninette Lüneberg in Teilzeit. Bis Ende der 2000er Jahre hatten auch die Kreisverbände der LandFrauen eigene Geschäftsführerinnen, die bei der Landwirtschaftskammer angestellt waren. Diese wurden danach aufgelöst, und deren Aufgaben gingen an die Landesgeschäftsstelle über. Somit ist der Verband seit 2011 auf allen Ebenen eigenständig und unabhängig.

Um die vielen Anfragen der Ortsvereine zu bündeln, bietet Brüssow-Harfmann seitdem den Tageskurs „Rund um die Vereinsarbeit – Grundlagen für angehende und neue Vorstandsmitglieder“ an. Inhalte davon sind auch Teil des viertägigen Seminars „Aktiv im Ehrenamt“. Die heutige Co-Geschäftsführerin arbeitet seit mittlerweile 15 Jahren für den lfv. Von 2011 bis 2018 war sie Bildungsreferentin, seitdem ist sie zusammen mit Ninette Lüneberg dessen Geschäftsführerin. Beim LandFrauenforum am 25. April wurde sie von der Vorsitzenden Claudia Jürgensen und dem gesamten Landesvorstand geehrt.

Unabhängig im Umland der Hansestadt

Die Kreisverbände der LandFrauen – Teil 4: Lübeck

Helga Thorn Foto: lfv

Der LandFrauenverein Lübeck und Umgebung ist der einzige in Schleswig-Holstein, der nicht einem KreisLandFrauenverband (KLFV) angehört. Das war nicht immer so. Zum einen wurden manche Ortsvereine (OV) bereits vor ihren Kreisverbänden gegründet, und auch die Ortsvereine der kreisfreien Städte waren ursprünglich eigenständig. Kiel hat sich dann dem ursprünglichen KLFV Rendsburg angegliedert, der sich 1971 zum KLFV Rendsburg-Eckernförde zusammenschloss, Neumünster dem KLFV Plön und Flensburg dem Kreisverband des Altkreises Flensburg, der heute noch parallel zum KLFV Schleswig besteht.

„Das geschah wegen Mitgliederschwund in den Stadtgebieten“, sagt Helga Thorn, Vorsitzende des OV Lübeck. Der hat knapp 180 Mitglieder, vorwiegend im Süden des Stadtgebietes. Die Hansestadt verfügt unter den kreisfreien Städten über die größte Fläche und damit über ländliche Gebiete. „Wir wollen so lange wie möglich eigenständig bleiben“, sagt Helga Thorn. „Vor Jahren haben wir eine Angliederung überlegt, aber die Mitglieder waren dagegen.“ Nachteile empfindet sie nicht. „Wir werden gut vom Landesverband informiert und betreut“, sagt sie. „Auch unternehmen wir viel mit den benachbarten Kreisen zusammen, werden zu KreisLandFrauentagen eingeladen. Wir haben ein nettes Verhältnis zu Ostholstein, Stormarn und Herzogtum Lauenburg.“ Aber was ist der Vorteil der Eigenständigkeit? „Es ist wohl eher eine emotionale Sache“, räumt Thorn ein.

Durch seine Lage hat der OV auch viele städtische Mitglieder. „Wir gestalten das Programm so, dass auch sie sich angesprochen fühlen“, sagt die Vorsitzende. Das sind vor allem Kulturveranstaltungen, zum Beispiel der Besuch des Kolumbariums am Hansahafen Lübeck, eines Urnenfriedhofs inmitten eines alten Kornspeichers, der Besuch des wiedereröffneten Behnhauses, einer Galerie mit Bildern des 19. Jahrhunderts, oder eine Fahrt zum Grenzmuseum Schlagsdorf. Im April gab es einen Vortrag über „Lübecker Frauengeschichten“. Zweimal im Jahr wird eine längere Reise angeboten, eine ins In- und eine ins Ausland, dazu diverse Tagesfahrten. Auch Sport wird betrieben – Qigong findet guten Anklang – und Kreativität. Und zum Binden von Erntekränzen werden die LandFrauen häufig angefragt: An Kirchen mangelt es in Lübeck nicht!

Termininfo

Das Forum für Frauen in der Landwirtschaft findet am 27. Mai von 11 bis 17 Uhr in Kiel statt. Neben Grußworten von Landwirtschaftsministerin Cornelia Schmachtenberg (CDU), des Vorstandsvorsitzenden der IB.SH, Erk Westermann-Lammers, und der LandFrauenpräsidentin Claudia Jürgensen erwarten die Teilnehmerinnen eine Talkrunde und Workshops zu den Themen:

– Absicherung der Frauen

– ein eigenes Standbein

– meine Rolle auf dem Betrieb

Darüber hinaus hält Kathrin Volquardsen (die landmarie) einen Motivationsvortrag.

Anmeldungen per E-Mail: buero@landfrauen-sh.de

Laser gegen Unkraut in Zuckerrüben

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Die Anforderungen an einen nachhaltigen Pflanzenbau steigen – gleichzeitig gerät der chemische Pflanzenschutz zunehmend unter regulatorischen Druck. Das Forschungsprojekt „Photonische Unkrautbekämpfung im Zuckerrübenanbau – Laserbasiertes Unkrautmanagement (LUM)“ zeigt, wie Künstliche Intelligenz und der Einsatz von Laserstrahlen neue Perspektiven für eine präzise und umweltschonende Unkrautregulierung eröffnen. Die zentrale Innovation des Verbundprojekts besteht in der Verknüpfung von Pflanzenerkennung und gezielter Laseranwendung.

Die Zuckerrübe hat, bedingt durch den Anbau in Reihen und ihre langsame Jugendentwicklung, eine geringe Konkurrenzkraft gegenüber Unkräutern. Ein hoher Wirkungsgrad im Unkrautmanagement ist daher eine unverzichtbare Grundlage zur Ertragssicherung und somit für einen wirtschaftlich erfolgreichen Anbau.

Gleichzeitig nehmen die gesellschaftliche Akzeptanz chemischer Pflanzenschutzmittel und die Verfügbarkeit zugelassener Wirkstoffe im herkömmlichen Rübenanbau ab, während sich Herbizidresistenzen zunehmend herausselektieren. Diese Entwicklungen intensivieren die Notwendigkeit, alternative Verfahren im Unkrautmanagement zu entwickeln. Wo praxisübliche Pflanzenschutzverfahren an ihre Grenzen geraten, sind maschinelle, mechanische Verfahren zur Unkrautbekämpfung bereits in der Praxis etabliert, vor allem im Ökozuckerrübenanbau. Sie werden unter Berücksichtigung eines hinreichenden Sicherheitsabstands zur sehr empfindlichen Zuckerrübe zunächst zwischen den Reihen und seit einigen Jahren zunehmend innerhalb der Reihen eingesetzt. Es fehlt also eine Lösung für den entscheidenden Bereich innerhalb der Pflanzenreihe (zirka 10 % der Fläche), das heißt zwischen den Kulturpflanzen (zirka 7 % der Fläche) und nahe an den Kulturpflanzen (zirka 3 % der Fläche).

Hier setzt das Forschungsprojekt „LUM“ aus Forschung, Lasertechnik und Landwirtschaft an, koordiniert durch das Laser-Zentrum Hannover und unter Beteiligung der norddeutschen Zuckerrübenanbauerverbände. Ziel war die Entwicklung eines photonischen Verfahrens, das gezielt innerhalb der Pflanzenreihe eingesetzt werden kann und sich perspektivisch mit mechanischen Methoden kombinieren lässt.

KI erkennt Rüben und unterscheidet Unkräuter

Die Grundlage bildete zunächst die Erhebung umfangreicher Bild- und Videodaten aus der Praxis. Über mehrere Jahre hinweg wurden durch die Mitarbeitenden der Anbauerverbände Zuckerrüben und Unkräuter in unterschiedlichen Entwicklungsstadien auf verschiedenen Standorten dokumentiert. Diese Daten dienten dem Projektpartner Escarda zur Entwicklung einer KI. Die wesentliche Innovation des Projekts lag in der Verknüpfung von Pflanzenerkennung und gezielter Laseranwendung. Während kamerabasierte Erkennungssysteme bereits am Markt verfügbar sind, geht das „LUM“-Projekt einen Schritt weiter: Die KI bestimmt nicht nur, was ein Unkraut ist, sondern auch, wo der Laser ansetzen muss. Das Start-up entwickelte ein System, das mithilfe moderner Computer-Vision-Algorithmen sämtliche Pflanzen im Sichtfeld der Kamera identifiziert und durch dreidimensionale Bildverarbeitung zusätzlich das Wuchszentrum der Unkrautpflanzen präzise lokalisiert – ein entscheidender Faktor für die anschließende Behandlung.

Trägerplattform mit Laser im Feldtest 
Trägerplattform mit Laser im Feldtest 

Zielgerichteter Lasereinsatz in der Praxis

Für eine erfolgreiche Regulierung richtet der Laser seine Energie gezielt auf den Vegetationskegel der Pflanze. Ein Laser-Scankopf steuert dabei präzise die Ausrichtung des Laserstrahls auf den Zielpunkt. Dort führt die absorbierte Strahlung zu einer schlagartigen Erwärmung des Zellwassers. Die dadurch entstehenden Schäden am Wuchszentrum und an den Blattansätzen führen zum Absterben der Pflanzen. Im Rahmen des Projekts wurde ein Versuchsdemonstrator entwickelt, der diesen Prozess teilautomatisiert umsetzen kann. Die ursprünglich geplante Kombination mit dem Aufbau auf einem Hackgerät konnte aufgrund der Insolvenz des Projektpartners K.U.L.T.-Kress nicht realisiert werden. Das Projektkonsortium entwickelte daher eine alternative Lösung.

Vom Labor aufs Feld: Funktionierendes System

Im Laser-Zentrum Hannover wurden dafür die verschiedenen technischen Komponenten, die zuvor unter Laborbedingungen getestet worden waren, auf einer Trägerplattform montiert. Für einen erfolgreichen technischen Einsatz mussten also Kamera, Rechner für die Bilderkennung sowie Steuerung, Energiequelle, Laser-Scankopf und Laser sowie ein Kühlsystem zusammengeführt und installiert werden. Die Laserstrahlführung erfolgte über einen Laser-Scankopf, der durch den Einsatz zweier galvanometrischer Spiegel eine schnelle und präzise Positionierung des Strahls im Arbeitsbereich ermöglicht.

Für den Feldeinsatz waren insbesondere Stabilität, Staubfreiheit sowie eine zuverlässige Energieversorgung entscheidende Faktoren. Letztere wurde über einen Generator in der Fronthydraulik sichergestellt, wodurch ein autonomer und kontinuierlicher Betrieb ermöglicht wurde. Zum Abschluss des Projekts konnte die Technik eingesetzt und erfolgreich getestet werden. Die Trägerplattform wurde als Anbaugerät vom Schlepper gezogen. Die Kamera sowie der Laser wurden zirka 40 bis 50 cm einreihig über dem Boden beziehungsweise den jungen Rübenpflanzen geführt.

Für erste Praxistests im Stillstand wurde das System über einer verunkrauteten Zuckerrübenfläche positioniert. Die KI konnte zeigen, dass sie den Großteil der Pflanzen erkennt und für die wirkungsvolle Behandlung identifizieren kann. Im Anschluss wurde der Laser zielgenau für 1 s auf die Unkrautpflanzen gerichtet, um eine für den Menschen erkennbare Behandlung durchzuführen. Eine nachträgliche Begutachtung der Unkrautpflanzen zeigte, dass die Unkräuter deutlich geschädigt, das heißt welk beziehungsweise verbrannt und abgeknickt waren und somit die Behandlung der Unkräuter erfolgreich durchgeführt werden konnte. Für eine letale Schädigung ist sonst – abhängig von Pflanzenart und -größe – ein Bruchteil dieser Bestrahlungsdauer notwendig.

Ausblick und Potenzial der Lasertechnologie

Die Ergebnisse des Projekts zeigen: Laserbasiertes Unkrautmanagement ist technisch umsetzbar und funktioniert unter realen Bedingungen. Dennoch stehen vor einer Anwendung in der Praxis noch wichtige Fragen im Raum – etwa zur Skalierbarkeit, zum Energiebedarf und zur Einsatz- sowie Arbeitssicherheit. Nicht zuletzt muss das System bezahlbar sein und sich wirtschaftlich rechnen.

Das hier entwickelte Verfahren unterscheidet sich grundlegend vom praxisüblichen konventionellen Unkrautmanagement. Es bietet das Potenzial, den Einsatz von Herbiziden nicht nur im Zuckerrübenanbau, sondern auch in anderen Hackfrüchten erheblich zu reduzieren. Insbesondere für den ökologischen Landbau könnte diese Technologie in hohem Maße von Bedeutung sein.

Langfristig eröffnet der Ansatz neue Perspektiven für eine präzise, automatisierte und chemiefreie Unkrautbekämpfung. Gleichzeitig macht das Projekt deutlich, dass die Entwicklung solcher Innovationen Zeit, interdisziplinäre Zusammenarbeit und erhebliche Investitionen erfordert.

Das Verbundprojekt wurde vom Bundesministerium für Bildung und Forschung gefördert. Beteiligt waren das Laser-Zentrum Hannover als Koordinator sowie die Partner Dachverband Norddeutscher Zuckerrübenanbauer (DNZ), K.U.L.T.-Kress Umweltschonende Landtechnik GmbH, Escarda Technologies GmbH, Novanta Europe GmbH und Lumics GmbH. Assoziierte Partner waren Nordzucker AG und die Grimme Landmaschinenfabrik.

Praxisnahe Tipps für Milchviehhalter

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Rund 100 Milchviehhalterinnen und Milchviehhalter kamen Mitte März in Augsburg zur Tagung der Tierklinik Gessertshausen zusammen, um sich über aktuelle Entwicklungen in den Bereichen Fruchtbarkeit, Eutergesundheit und Biosicherheit auszutauschen, die auch für hiesige Betriebe maßgeblich sind. In vier Fachvorträgen wurde deutlich, dass erfolgreiche Milchviehhaltung heute vor allem eines erfordert: ein konsequentes, gut abgestimmtes Management im Alltag.

Dr. Sebastian Jander (Ceva Tiergesundheit) eröffnete die Tagung mit einer klaren Einordnung: „Die durchschnittliche Nutzungsdauer unserer Milchkühe liegt aktuell bei nur 38,5 Monaten. Das ist deutlich zu wenig.“ Hauptabgangsgrund ist mit rund 16 % die Unfruchtbarkeit. Für die Praxis stellt sich daher nicht die Frage, ob Handlungsbedarf besteht, sondern wo man am effektivsten ansetzt.

Die Ursachen für die Fruchtbarkeitsprobleme sind komplex. Neben genetischen Einflüssen, die sich nur begrenzt steuern lassen, spielen vor allem Stoffwechsel, Fütterung, Tiergesundheit sowie Management- und Umweltfaktoren eine entscheidende Rolle. Besonders kritisch ist die Phase nach der Kalbung. Hier treffen mehrere Belastungen gleichzeitig auf das Tier: hohe Milchleistung, negative Energiebilanz und ein erhöhtes Krankheitsrisiko.

Stoffwechselstörungen wie Ketosen und das damit verbundene Energiedefizit nach der Kalbung wirken sich direkt auf die Fruchtbarkeit aus. Gleichzeitig führt die hohe Milchleistung dazu, dass Hormone wie Östrogen und Progesteron schneller über die Leber abgebaut werden. Das verschlechtert die Konzeptionsrate und begünstigt Doppelovulationen sowie Zwillingsgraviditäten. Hinzu kommt, dass sich die Follikelentwicklung bei Hochleistungskühen oft verzögert, die Eizellen sind „älter“ und weniger befruchtungsfähig.

Dr. Sebastian Jander (Ceva Tiergesundheit GmbH), Dr. Gregor Sigl (MSD Tiergesundheit), Laura Krey (dsp-Agrosoft GmbH), Tabea Klemens (Schippers GmbH), Joachim Mair (Schippers GmbH), Amelie Armbruster (Tierklinik Gessertshausen), Jan Thyke-Lokenberg (dsp-Agrosoft GmbH), Stefanie Fuhrmann (Vetoquinol GmbH), Verena Thiel (Vetoquinol GmbH), Dr. Heinrich-Jürgen Zumbusch (Vetoquinol GmbH), Franziska Lingner (Tierklinik Gessertshausen), ­Peter Zech (SaluVet GmbH), Jonas Erben (Tierklinik Gessertshausen), Dr. Stephanie Meyer (SaluVet GmbH), ­Katarina Maseg (SaluVet GmbH; v. li.). Foto: Tierklinik Gessertshausen

Die ersten 14 Tage entscheiden

Eine Schlüsselrolle spielen die ersten 14 Tage nach der Kalbung. In dieser Phase ist das Risiko für Erkrankungen am höchsten. Erkrankungen wie Nachgeburtsverhaltungen und Metritiden beeinflussen die spätere Fruchtbarkeit massiv. Hintergrund ist ein hormonelles Ungleichgewicht: Entzündungen führen zur Freisetzung von Prostaglandin F2α (PGF2α), das den Gelbkörper abbaut und die Progesteronproduktion hemmt. Gleichzeitig beeinflussen Zytokine das Immunsystem und die Entzündungsreaktion. In dieser Kombination wird eine erfolgreiche Trächtigkeit deutlich erschwert.

Ein großes Problem ist die Früherkennung solcher Erkrankungen. Kühe zeigen als Fluchttiere Symptome oft erst spät. „Sensorsysteme können bei der Erkennung kranker Kühe wertvolle Unterstützung leisten“, betonte Jander. „Besonders Veränderungen in der Wiederkauaktivität liefern häufig erste Hinweise auf gesundheitliche Probleme.“

Ein Beispiel aus der Praxis ist die Labmagenverlagerung, die häufig kurz nach der Kalbung auftritt. Typische Anzeichen sind Appetitlosigkeit, Leistungsabfall und unregelmäßiges Wiederkauen. Wird sie früh erkannt, lassen sich Folgeschäden begrenzen, auch im Hinblick auf die Fruchtbarkeit.

Neben der Tiergesundheit spielt das Management eine zentrale Rolle. Faktoren wie Futter- und Wasserverfügbarkeit, Liegekomfort, Klauengesundheit, Besatzdichte und Hitzestress greifen ineinander. Bereits Temperaturen ab etwa 20 °C können die Fruchtbarkeit negativ beeinflussen.

Auch die Brunsterkennung bleibt ein entscheidender Punkt. Bei visueller Beobachtung sollten mindestens 65 % der Brunsten erkannt werden, automatische Systeme sollten mehr als 80 % erreichen. Hier setzen hormonelle Synchronisationsprogramme wie Ovsynch an. Sie ermöglichen eine zeitgesteuerte Besamung ohne klassische Brunsterkennung. Allerdings hat sich gezeigt, dass klassische Ovsynch-Protokolle nicht immer ausreichen. Moderne Varianten wie Double-Ovsynch verbessern durch eine genauere Steuerung der Follikelwellen die Erfolgsraten. Durch eine doppelte Prostaglandingabe (zum Beispiel an Tag sieben und acht im Abstand von 24 Stunden) wird der Gelbkörper sicherer abgebaut. Das verbessert die Luteolyse und erhöht die Erfolgswahrscheinlichkeit. Voraussetzung dafür ist jedoch ein gutes Verständnis des Zyklusgeschehens, das je nach Kuh zwei- oder dreiwellige Verläufe zeigen kann. Gerade bei Hochleistungskühen und unter Hitzestress sind häufig dreiwellige Zyklen zu beobachten. Die Anzahl der Follikelwellen hängt eng mit dem Progesteronverlauf zusammen. Für das Management bedeutet das: Wer den Zyklus versteht, kann gezielter eingreifen.

Dr. Sebastian Jander. Foto: Tierklinik Gessertshausen
Dr. Stephanie Meyer. Foto: Tierklinik Gessertshausen
Dr. Heinrich-Jürgen Zumbusch. Foto: Tierklinik Gessertshausen

Systematisch vorgehen

In vielen Herden ist zudem ein hoher Anteil nicht zyklischer Kühe zu beobachten, bis zu 23 % pro Betrieb sind keine Seltenheit. Diese Tiere zeigen keine Brunstanzeichen und werden daher oft übersehen. Hier kann der gezielte Einsatz von Progesteronpräparaten, beispielsweise über Vaginalspangen, sinnvoll sein. Diese werden in der Regel für etwa sieben Tage eingesetzt, häufig in Kombination mit Prostaglandin. Es stehen unterschiedliche Dosierungen zur Verfügung (zum Beispiel 1,0 g oder 1,55 g), wobei höhere Dosierungen in vielen Fällen bessere Ergebnisse liefern. Wichtig ist: Diese Maßnahmen sind immer Einzeltierentscheidungen und sollten gezielt eingesetzt werden.

Auch die Zwischenkalbezeit und der Body-Condition-Score (BCS) sollten regelmäßig überprüft werden. Längere Zwischenkalbezeiten können zwar zur Entlastung beitragen, erhöhen jedoch das Risiko der Verfettung. Eine betriebsindividuelle Auswertung hilft, die richtige Balance zu finden.

Der Vortrag machte deutlich: Fruchtbarkeit ist kein Zufallsprodukt. Sie ist das Ergebnis konsequenter Arbeit in vielen Bereichen, von der Fütterung über die Tierbeobachtung bis hin zum Detail im täglichen Management. Wer diese Punkte systematisch angeht, schafft die Grundlage für bessere Fruchtbarkeit, längere Nutzungsdauer und wirtschaftlich stabile Milchviehhaltung.

Mastitis gezielt behandeln

Im zweiten Vortrag stellte Dr. Heinrich-Jürgen Zumbusch (Vetoquinol) die moderne Mastitistherapie vor. Der zentrale Ansatz: weg von der pauschalen Antibiotikagabe hin zu einer evidenzbasierten, gezielten Behandlung. Mastitis ist nicht nur eine akute Erkrankung, sondern hat auch langfristige Folgen. Entzündungen zerstören Milchgewebe, das anschließend durch Bindegewebe ersetzt wird. Die Milchleistung sinkt dauerhaft. Umso wichtiger ist eine differenzierte Therapie.

Eine Mastitis entsteht, wenn Krankheitserreger in das Euter eindringen und sich dort vermehren. Das Immunsystem reagiert sofort, es kommt zur Entzündung. Je nach Stärke dieser Reaktion und des Erregers verläuft die Erkrankung unterschiedlich: Manche Infektionen heilen von selbst aus, andere bleiben unbemerkt (subklinisch), und wieder andere führen zu einer deutlich sichtbaren, klinischen Mastitis. Entscheidend ist der Schweregrad. Leichte Mastitiden äußern sich häufig nur durch veränderte Milch, während die Kuh ansonsten unauffällig bleibt. In solchen Fällen ist ein Antibiotikum oft nicht notwendig. Bei mittelschweren Verläufen sollte die Entscheidung gezielt getroffen werden. Schwere Mastitiden hingegen erfordern ein sofortiges Eingreifen, da das Allgemeinbefinden der Tiere deutlich beeinträchtigt ist. „Bei schweren Mastitiden darf man keine Zeit verlieren, hier geht es um das Tierwohl“, so Zumbusch.

Evidenzbasierte Mastitistherapie

Lange Zeit galt: Mastitis gleich Antibiotikum. Heute weiß man, dass dieses Vorgehen oft unnötig ist und sogar Nachteile mit sich bringt, etwa Resistenzentwicklung oder unnötige Kosten. Ein zentraler Baustein der modernen Therapie ist die Diagnostik. Statt routinemäßig zu behandeln, wird zunächst der Erreger bestimmt. Auf dieser Grundlage wird entschieden, ob ein Antibiotikum überhaupt sinnvoll ist und, wenn ja, welches. Häufig reicht eine lokale Behandlung aus, während schwere Fälle systemisch behandelt werden müssen. Besonders wichtig ist auch die Erkenntnis, dass nicht jede Mastitis bakteriell „wegtherapiert“ werden muss. Gerade bei sogenannten coliformen Mastitiden, verursacht durch E. coli, ist die Selbstheilungsrate hoch. Hier liegt das Problem oft weniger im Erreger selbst als in einer überschießenden Immunreaktion der Kuh. Ein zentraler Baustein dieser Therapie ist außerdem der konsequente Einsatz von Entzündungshemmern (NSAIDs). Sie lindern Schmerzen, senken Fieber und unterstützen die Heilung, und das unabhängig davon, ob Antibiotika eingesetzt werden oder nicht.

Schnelle Diagnostik

Ein zentrales Thema des Vortrags war die Diagnostik. Klassische Laboruntersuchungen liefern zwar zuverlässige Ergebnisse, dauern jedoch mehrere Tage. Das ist zu lange für eine zeitnahe Therapieentscheidung. Mit dem Mastatest steht ein praxistaugliches Instrument zur Verfügung. Das Gerät ermöglicht eine Erregerbestimmung inklusive Antibiogramm innerhalb von rund 22 Stunden. Die Ergebnisse werden automatisch ausgewertet und direkt an Landwirt und Tierarzt übermittelt. Dadurch können Behandlungen gezielter durchgeführt werden, was Antibiotika einspart und die Heilungschancen verbessert. Voraussetzungen sind eine saubere Probenentnahme sowie eine stabile Internetverbindung während der Analyse. „Der Mastatest beschleunigt die Diagnostik und macht fundierte Entscheidungen innerhalb eines Tages möglich“, so Zumbusch. Für besonders akute Fälle stehen ergänzend schnellere Testverfahren zur Verfügung, die Ergebnisse innerhalb weniger Stunden liefern. Auch für das Trockenstellen eignet sich der Mastatest, der übrigens auch von Landwirten gekauft werden kann.

Für das Trockenstellen wurde im Vortrag ebenso ein klares Umdenken empfohlen. Statt alle Kühe pauschal mit Antibiotika zu behandeln, sollte die Entscheidung auf Basis der Zellzahlen getroffen werden. Kühe mit niedrigen Zellzahlen (unter 100.000 Zellen) gelten als eutergesund und benötigen in der Regel kein Antibiotikum. Hier bieten Zitzenversiegler einen wirksamen Schutz vor Neuinfektionen. Dieses selektive Vorgehen reduziert den Medikamenteneinsatz und entspricht gleichzeitig den aktuellen gesetzlichen Anforderungen. Der Vortrag von Zumbusch machte deutlich: Die Zukunft der Mastitistherapie liegt in einer differenzierten Betrachtung jedes Einzelfalls. Wer Schweregrad, Erreger und Verlauf berücksichtigt, kann gezielt behandeln und gleichzeitig den Antibiotikaeinsatz deutlich reduzieren.

Tägliches Management

Im dritten Vortrag zeigte Stephanie Meyer (SaluVet GmbH), wie stark die Eutergesundheit vom täglichen Management beeinflusst wird. „Wer seine Daten und seine Kühe genau kennt, erkennt Probleme, bevor sie entstehen“, betonte Meyer.

Eine wichtige Grundlage ist die regelmäßige Auswertung der MLP-Daten. Auffälligkeiten können so frühzeitig erkannt werden. Ebenso wichtig ist die Kenntnis des betriebsspezifischen Erregerprofils, da unterschiedliche Keime unterschiedliche Umweltbedingungen bevorzugen.

Ein zentraler Einflussfaktor ist die Haltung. Liegeflächen müssen sauber und trocken sein. Tiefboxen mit Stroh bieten hohen Komfort, erfordern aber konsequente Pflege. Kalk kann unterstützen, wenn er den pH-Wert in einen alkalischen Bereich verschiebt und damit keimhemmend wirkt. Sandbettwaben bieten hygienische Vorteile, allerdings sind sie oft hart, weshalb eine dünne Strohschicht den Liegekomfort deutlich verbessert, während Hochboxen mit Schaumstoff von den Kühen gut angenommen werden. Auch die Besatzdichte spielt eine entscheidende Rolle. Überbelegung führt zu weniger Liegezeiten, was sich negativ auf Eutergesundheit, Klauen und Stoffwechsel auswirkt.

Sauberkeit ist ein zentraler Punkt im Alltag. Verschmutzte Kühe tragen mehr Erreger mit sich, was sich häufig in erhöhten Zellzahlen widerspiegelt. Hilfreich sind hier Bewertungssysteme wie die Sauberkeitsscores des Tiergesundheitsdienstes, mit denen sich der eigene Betrieb objektiv einschätzen lässt (https://t1p.de/sauberkeitsscores).

Ergänzend ist eine konsequente Melkhygiene notwendig. Dazu gehören saubere Euter, funktionierende Technik und der regelmäßige Austausch von Verschleißteilen wie Zitzengummis. Ebenso lohnt es sich, die Wirksamkeit der Zwischendesinfektion regelmäßig mit Teststreifen zu überprüfen. Auch bei Dippmitteln lohnt sich ein genauer Blick. Produkte mit Jod können zwar wirksam sein, greifen jedoch den natürlichen Säureschutzmantel der Haut an und können damit auch nützliche Mikroorganismen beeinträchtigen.

Ein weiterer wichtiger Faktor ist Hitzestress. Erste Anzeichen lassen sich bereits an der Atmung erkennen. Sind die Nasenlöcher rund und weit geöffnet, atmet die Kuh schneller, ein klares Zeichen für Stress. Längliche Nasenlöcher deuten hingegen auf einen entspannten Zustand hin. Hitzestress führt dazu, dass Kühe weniger fressen und entsprechend weniger Milch geben. Deshalb ist es wichtig, frühzeitig gegenzusteuern, etwa durch Kühlung und angepasste Fütterung. Unterstützend können auch Produkte mit ätherischen Ölen eingesetzt werden, die appetitanregend wirken.

Biosicherheit wird Pflicht

Den Abschluss der Tagung bildete ein weiterer Vortrag von Sebastian Jander zur Biosicherheit. Neue Erkrankungen wie Blauzunge (BTV) oder Epizootische Hämorrhagie (EHD) sowie bekannte Zoonosen wie Q-Fieber zeigen, wie wichtig vorbeugende Maßnahmen sind.

Seit dem 1. Januar ist eine betriebsindividuelle Biosicherheitsbewertung verpflichtend, ab Juli wird sie Teil der QS-Audits. Hilfestellung bietet die Risikoampel der Universität Vechta, mit der sich Schwachstellen im Betrieb systematisch analysieren lassen (https://t1p.de/risikoampel).

Im Mittelpunkt steht die Kontrolle von Eintragswegen für Krankheitserreger. Hinweisschilder wie „Betreten verboten“ sind dabei genau so sinnvoll wie feste Abläufe für Besucher. Diese sollten nach Möglichkeit betriebseigene Kleidung und Stiefel oder Überschuhe nutzen. Auch die innerbetrieblichen Abläufe verdienen Aufmerksamkeit. Wege von Futter, Gülle oder Kadavern sollten klar getrennt und regelmäßig überprüft werden. Besonders sensibel sind Bereiche wie das Abkalbe- und Krankenabteil, sie sollten unbedingt räumlich getrennt sein, um eine Verschleppung von Erregern zu vermeiden. Tierzukäufe stellen ein weiteres Risiko dar. Eine Quarantänephase mit entsprechender Untersuchung hilft, Krankheiten gar nicht erst in den Bestand einzuschleppen.

Kleine Maßnahmen, große Wirkung

Neben den großen Strukturen sind es oft die kleinen Maßnahmen im Alltag, die den Unterschied machen. Regelmäßige Reinigung und Desinfektion spielen dabei eine zentrale Rolle, von Stiefeln über Stallgeräte bis hin zu Milcheimern oder Nuckeln. Wichtig ist, bei der Reinigung systematisch vorzugehen: erst reinigen, dann desinfizieren und dabei Einwirkzeiten sowie Temperaturbedingungen beachten. Desinfektionsmatten, häufiges Kotabschieben oder das regelmäßige Versetzen von Kälberiglus helfen, den Keimdruck im Stall zu senken. Ergänzt wird dies durch konsequente Schädlingsbekämpfung, etwa gegen Ratten, Fliegen oder Gnitzen, die als Überträger von Krankheiten eine wichtige Rolle spielen können.

Ein weiterer Erfolgsfaktor ist eine klare Organisation im Betrieb. Standardarbeitsanweisungen (SOP) sorgen dafür, dass alle Mitarbeiter die gleichen Abläufe einhalten und Hygienemaßnahmen konsequent umgesetzt werden.

Impfprogramme können helfen, Krankheiten zu verhindern oder zumindest deren Verlauf deutlich abzumildern. Ebenso sinnvoll ist es, regelmäßig Proben zu ziehen – zum Beispiel Milchproben –, um frühzeitig zu erkennen, ob und welche Erreger im Bestand vorhanden sind. Denn nur wer die Situation im eigenen Betrieb kennt, kann gezielt handeln. „Man kann nur das bekämpfen, was man auch kennt, deshalb ist Kontrolle ein zentraler Bestandteil der Biosicherheit“, so Jander.

Biosicherheit ist kein einmaliges Projekt, sondern ein fortlaufender Prozess. Perfektion ist dabei nicht das Ziel, entscheidend ist, den eigenen Betrieb Schritt für Schritt zu verbessern. „Niemand macht alles richtig, aber jeder Betrieb kann jeden Tag ein Stück besser werden“, fasste Jander zusammen. Schon kleine, konsequent umgesetzte Maßnahmen könnten einen großen Unterschied machen für die Tiergesundheit, die Betriebssicherheit und letztlich auch für den wirtschaftlichen Erfolg.

Biohof Carstens setzt auf kurze Vertriebswege

„Mit Speck fängt man Mäuse“ heißt es im Volksmund. Landwirt Tobias Carstens hat sich ­diesen Erfahrungswert zu eigen gemacht und setzt daher auf Direkt­vermarktung. Auf seinem Biohof in Hamdorf, Kreis Rendsburg-Eckernförde, leben derzeit 850 Rinder, rund 300 Highlander und 300 Galloways. Inzwischen gibt es 100 verschiedene Produkte, zum Beispiel Schinken und Mettwürste, die er in der eigenen Rauchanlage herstellt und im Hofladen, auf Märkten und direkt an Gastronomiebetriebe verkauft.

Die Mitglieder des Fachausschusses Einkommenskombinationen durften sich ein umfangreiches Bild vom Betrieb machen und auch hinter die Kulissen, zum Beispiel in die Schlachterei, blicken. Kammergeschäftsführerin Stephanie Wetekam lobte die unternehmerische Strategie von Carstens: „Das Aufsplitten der Bereiche kann das Betriebsrisiko deutlich minimieren.“

Galloway-Rinder gelten als sehr robust.

Auf dem Biohof Carstens finden Geburt, Aufzucht, Verarbeitung und der anschließende Vertrieb unter einem Dach statt. Eine Besonderheit ist die Zucht der Rinder. Die Bullen decken auf natürliche Weise, und die Kälber dürfen das erste Lebensjahr mit ihrer Mutter auf die Weide. Wenn die Zeit gekommen ist, werden die Tiere direkt vor Ort geschossen. „Dadurch wird unseren Rindern der Transportstress erspart“, sagte Carstens. Zwei fest angestellte Metzger seien für die Weiterverarbeitung zuständig: „Von der Aufzucht bis zum fertigen Produkt ist bei uns alles selbst gemacht.“ Wichtig seien ihm darüber hinaus kurze Vermarktungswege. Insofern habe er Verkaufsstände auf Märkten in der Region, zum Beispiel in Kiel und Eckernförde, und beliefere Gastronomiebetriebe wie den Kieler Kaufmann in der Landeshauptstadt und den Castello-Kiosk im dortigen Schrevenpark.

Der Landwirt hat eine 100-Stunden-Woche, nimmt sich aber trotzdem Zeit für die Familie, zum Beispiel begleite er derzeit seinen Sohn zum Schwimmunterricht. Tobias Carstens hat darüber hinaus die Zukunft im Blick und aus diesem Grund einen Bauantrag für eine Ferienwohnung eingereicht. Außerdem denke er über weitere Einkommensquellen nach: „Naturschutz könnte doch auch eine Aufgabe von uns Landwirten ­werden.“


Info

Biohof Carstens

840 ha bewirtschaftete Fläche

12 Angestellte

Ausbildungsbetrieb (derzeit ein Lehrling)

2005 gegründet

850 Rinder

250 vermarktete Tiere pro Jahr

100 verschiedene Produkte


Hornlos-Genetik gefragt

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Mit einem lebhaften Bullenmarkt startete die Auktion in Dätgen. Besonders genetisch hornlose Vererber standen im Fokus der Auktion. Auch bei den weiblichen Tieren zeigte sich eine differenzierte Nachfrage.

Mit dem Verkauf der schwarzbunten Bullen begann die Auktion schwungvoll. Auktionator Claus-Peter Tordsen konnte gleich dreimal bei 3.300 € zuschlagen: für den schicken, gut bemuskelten und lackschwarzen „Gladius“-Sohn „OFH Eilan“ aus der Zucht der Andresen GbR, Kattbek, Ostseefjord-Holsteins sowie für zwei genetisch hornlose Bullen der Milchhof Broosch GbR, Techau. Dabei handelte es sich um den homozygot hornlosen „Ekuss PP“, einen „Hydro-P“-Sohn, sowie um „Elano P“ (Vater: „Sir PP“). Beide überzeugten mit korrektem Fundament und guten Inhaltsstoffen auf der Mutterseite. Damit setzte sich die anhaltend starke Nachfrage nach genetisch hornlosen Vatertieren eindrucksvoll fort. Der Durchschnittspreis der schwarzbunten Bullen betrug 3.120 €.

Verhaltener Markt bei den Färsen

Bei den schwarzbunten Färsen verlief der Markt verhaltener. Der Höchstpreis von 2.800 € wurde zweimal erreicht. Dies gelang zum einen „Dia“ (Vater: „Senator“) aus der Zucht von Karsten Kaack, Ratzbek, die mit bester Euterqualität und insbesondere einem sehr breiten und hohen Hintereuter überzeugte. Zum anderen erzielte auch die genetisch hornlose „Diane P“ (Vater: „Hansen PP“) aus der Zucht des Milchhof Broosch GbR diesen Preis, ebenfalls mit hervorragender Euterqualität und sehr hoher Einsatzleistung. Das weibliche Kontingent der schwarzbunten Färsen wurde durch zwei Kollektionen ergänzt. Zum einen stellte die Engelbrecht GbR, Bokholt-Hanredder, eine sehr milchtypische und leistungsbereite Tierkollektion. Die Zuchtstätte Stefan Voß, Nehms, war ebenfalls mit einer Betriebskollektion vertreten. Der Durchschnittspreis der schwarzbunten Färsen lag bei 2.388 €.

Tagesspitze bei den Rotbunten

Preissiegerin des Tages war erneut eine Färse aus der Zuchtstätte Philip Ellerbrock, Westerau, Ellerbrock Holsteins. Die rotbunte „ELL Lika“, eine sehr frühe „Redford“-Tochter, erzielte mit 3.800 € den Tageshöchstpreis. Sie überzeugte mit einem Relativzuchtwert Gesamt (RZG) von 149, überragender Einsatzleistung und durchweg hohen Eiweißprozenten auf der gesamten mütterlichen Seite. Der Durchschnittspreis der rotbunten Färsen betrug 2.430 €.

Die teuerste Angler Färse war „Dolores“, eine enorm entwickelte „VR-Vehmaa“-Tochter von Volker Asmussen, Dannewerk, mit 2.800 €. Der Durchschnittspreis der Angler Färsen lag bei 2.700 €. Teuerste Kreuzungsfärse war „Dschungel“ aus dem Bestand von Malte Krohn, Kummerfeld, die für 2.750 € zugeschlagen wurde. Die harmonische Färse überzeugte mit einem sehr guten und flachen Euter.

Fazit

Die Nachfrage nach weiblichen Tieren verlief im Vergleich zur vorangegangenen Auktion deutlich ruhiger, was in einem um zirka 130 € geringerem Durchschnittserlös und einem gewissen Überstand zum Ausdruck kam. Vor dem Hintergrund der aktuellen Milcherzeugerpreise boten die Kaufinteressenten noch gezielter und qualitätsorientierter. Besonders gefragt waren neben Tieren mit ordentlichen Einsatzleistungen auch Tiere aus Betrieben mit dem Status „GVO-frei“, die beim Verkauf Preisvorteile erzielten. Mittelrahmige Tiere mit solidem Fundament fanden ebenfalls guten Zuspruch. In der gegenwärtigen Marktsituation bestehen gute Einkaufsmöglichkeiten für abgekalbte Färsen zur Bestandsergänzung.

Die nächste Auktion der RSH eG findet am 21. Mai im Vermarktungszentrum in Dätgen (direkt an der Autobahnabfahrt Bordesholm gelegen) statt. Angeboten werden Tiere, die ausschließlich aus BHV1- und BVD/MD-freien Betrieben stammen.

Drei Fragen an den neuen Förster Leon Kitzig

Seit April arbeitet Leon Kitzig als Förster für die Landwirtschaftskammer. Der Segeberger hat nach dem Abitur ein FÖJ im Erlebniswald Trappenkamp gemacht und entschieden, dass er Forstwirtschaft studieren ­wollte.

In Göttingen hat der 27-Jährige den Bachelor in Forstwirtschaften und Waldökologie gemacht und sich im Anwärterdienst in Niedersachsen auf die Arbeit als Förster vorbereitet. Jetzt ist er also im Land zwischen den Meeren tätig. Isa-Maria Kuhn sprach mit ihm.

In der Kammer nennen wir Sie nur kurz den Flexiförster. Was verbirgt sich denn hinter dieser Aufgabe?
Leon Kitzig: Ich bin offiziell flexibler Bezirksförster und unterstütze vor allem die Kollegen an der Westküste und in Hohenwestedt. Ich mache alles, was meine Kollegen auch tun, wie Betreuung und Beratung von Waldeigentümern, Förderung kann auch ein Thema sein. Ich unterstütze nach Absprache, wenn vor Ort Arbeitsspitzen herrschen.

Das hört sich so an, als wäre die Absprache zwischen den Bezirken extrem wichtig.
Das A und O ist die Flexibilität und dass man weiß, was der andere von einem möchte und welche Unterstützung er braucht. Heute hilft uns die Technik weiter bei der Abstimmung: Dynamic Forest, das ist eine Plattform für effiziente digitale Forstverwaltung. Dort sind zum Beispiel Karten und verschiedene Tätigkeiten im Wald hinterlegt.

Aber trotz aller sinnvoller Hilfsmittel sprechen wir jeden Tag miteinander. Es ist sehr viel wert, einen guten Draht zueinander zu haben. Ich bin viel im Auto unterwegs und nutze die Fahrzeit dann gern, um mit den Kollegen zu telefonieren. Die sind sehr offen und freuen sich, so glaube ich, über diese Verstärkung.

Warum die Bewerbung als Förster bei der LKSH?
Nach meiner zweiwöchigen Hospitation als Bezirksförster bei der Landwirtschaftskammer in Niedersachsen habe ich die Entscheidung getroffen, dass dieser Job der richtige für mich ist. Die Arbeit ist genau das, was ich will. Man berät und betreut den einzelnen Waldbesitzer, es macht Spaß, gemeinsam zu planen, was mit dem Wald passieren soll. Ich mag das Organisieren und muss kompromissbereit sein. An einem perfekten Arbeitstag fange ich im Büro an, fahre dann hinaus, treffe Waldbesitzer und halte Rücksprache mit Kollegen. Das Elementare an einem guten Tag ist, dass man rauskommt.