In weit mehr als 100 Gesichter von verstorbenen Menschen hat die Künstlerin Dr. Claudia Guderian bereits geschaut und deren Ausdruck als Bronzemaske festgehalten. Was als ein Gedenken an ihren Vater begann, entwickelte sich zu einer einzigartigen Erinnerungskultur. Unter dem Titel „Facing Death“ sind 102 Masken Verstorbener jedes Alters in den Museen im Kulturzentrum Rendsburg zu sehen und laden zu einer besonderen Begegnung mit dem Tod ein.
Foto: Iris Jaeger
Nachdenklich, gestärkt, traurig, verwirrt, melancholisch, dankbar, kreativ, friedvoll, zuversichtlich, neugierig, überfordert, erfüllt – kaum eine Ausstellung spricht so viele verschiedene Gefühlslagen an wie diese. Dabei gehört der Tod zum Leben dazu, doch wird der Gedanke an ihn verdrängt, das Wissen um die eigene Sterblichkeit so lange wie möglich ausgeblendet. War es früher vor allen Dingen auf den Dörfern üblich, Verstorbene über mehrere Tage aufzubahren, um Angehörigen und Dorfbewohnern die Möglichkeit zu geben, sich zu verabschieden, ist diese Kultur über Jahrzehnte oder gar Jahrhunderte verloren gegangen. Der Umgang mit Tod und Sterben in der heutigen Gesellschaft wirkt oftmals verkrampft und distanziert, die Menschen haben verlernt, dem Tod ins Gesicht zu sehen. Sie tun sich schwer, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen. Statt den Tod als Teil des Lebens zu sehen, wird er als etwas Bedrohliches empfunden.
Künstlerisch würdevoll und in einer liebevoll gestalteten Umgebung lädt die Ausstellung dazu ein, sich dem Thema Tod wieder bewusst zu nähern und sich mit ihm in Ruhe auseinanderzusetzen. Fragen wie „Was bedeutet Sterblichkeit?“, „Wie erinnern wir uns an Menschen?“ oder auch „Wie gehen wir als Gesellschaft mit dem Tod um?“ sollen helfen, Leben, Sterben und Abschied in den eigenen Fokus zu rücken.
Foto: Iris Jaeger
Um Besuchern den Zugang zur Ausstellung zu erleichtern und dem Thema die Schwere zu nehmen, hat die Museumsleiterin und Kuratorin der Ausstellung, Vanessa Jasmin Syring, zusammen mit ihrer Kollegin und wissenschaftlichen Volontärin, Wencke Kumke, versucht, die Totenmasken in einer hellen und freundlich gestalteten Umgebung zu präsentieren. Darüber hinaus geben sie den Menschen an mehreren Stationen die Gelegenheit, die Ausstellung mitzugestalten sowie ihren Gefühlen und Gedanken auf verschiedene Weise Ausdruck zu verleihen. „Das fängt damit an, dass wir mit einem verzierten Spalier eine Art Portal geschaffen haben, durch das man die Welt der Verstorbenen betritt und sie auch wieder verlassen kann“, erläutert die Museumsleiterin das Konzept.
Sie selbst hat die Ausstellung von Claudia Guderian einige Jahre zuvor in Hamburg auf dem Ohlsdorfer Friedhof entdeckt. „Im Rahmen meiner Masterarbeit habe ich zu dem Ohlsdorfer Friedhof recherchiert und dort die ausgestellten Bronzemasken gesehen. Die Ausstellung hat mich berührt und nicht mehr losgelassen. Daraus entstand die Idee, diese Ausstellung, gepaart mit entsprechenden Vermittlungsangeboten wie Workshops, Vorträgen und Veranstaltungen, zusammen mit Akteurinnen und Akteuren aus Rendsburg und Umgebung hier zu zeigen.“
Foto: Iris Jaeger
Nach dem Durchschreiten des Portals werden die Besuchenden nicht sofort und unvermittelt mit den Totenmasken konfrontiert, sondern durch ein großformatiges Foto mit dem Bild einer Maske auf die Ausstellung vorbereitet. Und sie werden eingeladen mitzumachen, zum Beispiel indem sie mit Kreide ihre Antwort auf eine Tafel schreiben, auf der steht: „Bevor ich sterbe, möchte ich …“ Auf einer gegenüberliegenden Wand sind Gefühle als Wörter verteilt aufgedruckt. In verschiedenen Farben kann man dann einen Klebepunkt unter das jeweilige Gefühl kleben, das man beim Erleben der Ausstellung empfindet. Ein Stimmungsbarometer, das eindrucksvoll die Gefühlslagen widerspiegelt. An von der Decke herunterhängenden Fäden hängen beschriebene Zettel, auf denen die Besucher ihre Gedanken zu Tod und Leben notiert haben. Ein abgeschirmter Zwischenraum bietet die Möglichkeit, sich auszuruhen und Pause zu machen.
Die Masken selbst sind chronologisch nach Alter angeordnet und beginnen mit dem ältesten Verstorbenen, dem Claudia Guderian das Gesicht abformen durfte: einem 101-jährigen Mann. Mit jeder Maske werden die Toten jünger bis hin zu Jugendlichen, Kindern und einem Fötus. „Aus Respekt vor den Verstorbenen und deren Angehörige werden nur Angaben zu Alter und Geschlecht gemacht“, erzählt die Künstlerin, die in ihren Führungen berichtet, wie sie dazu kam, die Gesichter von Verstorbenen in Bronzemasken zu verwandeln.
„Jedes Projekt hat eine Initialzündung. Bei mir war es der Tod meines Vaters 1984. Da war er 64 Jahre alt. Meine Eltern waren geschieden, und ich hatte nicht viel von ihm gehabt. Als er starb, hatte ich das Bedürfnis, ihn irgendwie festhalten zu wollen. Da ich seinerzeit schon geübt darin war, Gipsmasken herzustellen, habe ich das Gesicht meines Vaters in Gips gegossen und bin damit zu einem Glockengießer gegangen, der mir davon einen Bronzeguss anfertigte.“ Dann fragte sie sich, wie viele Menschen wohl auch gern das Gesicht ihres Angehörigen in irgendeiner Weise bewahren wollten, wenn sie es nur könnten. Daraus entwickelte sich im Laufe der Jahre das Projekt „Facing Death“. Die Künstlerin brachte sich selbst das Bronzegießen, Ziselieren und Patinieren bei. Mit Erlaubnis der Angehörigen, zeigt sie nun ihre Sammlung in Ausstellungen.
Foto: Iris Jaeger
„Der Gesichtsausdruck verändert sich im Laufe der Stunden nach dem Versterben“, so Guderian, die sich dem Bewahren des individuellen Ausdrucks eines jeden Menschen verpflichet fühlt. Jedes Anlitz erzählt von Leben, Schmerz, Krankheit, Leid, Erleichterung, Frieden, Schönheit, Anmut, Weisheit. Dabei ist das Anfertigen von Masken bereits mehrere Tausend Jahre alt. „Bei den Römern galten Totenmasken als berührbare Bilder von Herrschern oder verdienten Ahnen. In der Romantik machte man Totenmasken von Künstlern oder Berühmtheiten aus dem öffentlichen Leben. ,Facing Death‘ ist weder das eine noch das andere. Es zeigt das Gesicht von jedermann: den fröhlichen Alten, den Punker mit dem Irokesenhaarschnitt, das kranke Kind“, lautet das Konzept der Künstlerin. Sie selbst hat für sich noch nicht entschieden, ob von ihr nach ihrem Tod eine Maske angefertigt werden soll. Aber sie weiß das Leben im Hier und Jetzt zu genießen – und wie wichtig es ist, diese Art der Erinnerung zu schaffen.
Die Ausstellung ist noch bis zum 20. September in Rendsburg zu sehen. Weitere Informationen unter
www.facingdeath.org




