Die Stickstoffdüngung der Wintergetreidebestände hat maßgeblichen Einfluss auf die Entwicklungs- und Ertragsbildungsprozesse der Kulturen und ist darüber hinaus auch bedeutend für die Anfälligkeit gegenüber Blattkrankheiten sowie für die Lageranfälligkeit der Bestände. Entsprechend erfordert eine bedarfsgerechte Düngung neben dem Fingerspitzengefühl bei der Einschätzung der eigenen Flächen auch die Voraussicht, die Potenziale und Risiken der aktuellen und der kommenden Vegetationsperiode richtig einzuordnen. Welches Vorgehen unter den gegebenen Bedingungen zweckmäßig ist, soll im Folgenden dargestellt werden.
Der Herbst 2025 war in Schleswig-Holstein durch eine ausgeprägte regionale Heterogenität der Witterungsbedingungen gekennzeichnet, die sich unmittelbar auf die Herbstbestellung und die Etablierung der Wintergetreidebestände auswirkte. Während im September noch überwiegend vergleichsweise trockene Bedingungen vorherrschten, war der Zeitraum ab Oktober durch eine deutliche Zunahme der Niederschläge und eine insgesamt instabile Witterung geprägt. Insbesondere an den westlichen Küstenstandorten traten im Oktober und November sehr hohe Niederschlagssummen auf, die sowohl die Befahrbarkeit der Flächen als auch die termingerechte Aussaat erheblich einschränkten. In der Folge kam es dort vielfach zu verzögertem Auflaufen sowie zu einer eingeschränkten Jugendentwicklung der Bestände.
Auf den leichteren Standorten der Geest sowie in den östlich gelegenen Regionen des Landes konnten die Wintergetreidebestände die erhöhten Niederschläge ab Oktober insgesamt besser kompensieren. Dennoch weisen auch hier später gesäte Bestände im Vergleich zu mehrjährigen Mittelwerten eine deutlich geringere Bestandesentwicklung auf. In den Monaten Dezember und Januar lagen die Niederschlagsmengen unter dem langjährigen Mittel. Gleichzeitig führten das Einsetzen der Vegetationsruhe, winterliche Temperaturverhältnisse sowie zeitweise Schneebedeckung im Winter 2025/2026 dazu, dass während der Wintermonate keine weitere Bestandesentwicklung stattfand.
Aktuelle Nmin-Werte
Um das standort- und bestandesangepasste Maß der Stickstoffdüngung festzulegen, ist sowohl im Rahmen der Düngebedarfsermittlung (DBE) als auch bei der Planung der einzelnen N-Gaben eine fundierte Kenntnis der aktuellen Nmin-Gehalte im Boden erforderlich. Die durch den Nitratmessdienst der Landwirtschaftskammer ermittelten durchschnittlichen Nmin-Werte für die einzelnen Naturräume, jeweils gemittelt über unterschiedliche Vorfrucht-Nachfrucht-Kombinationen (siehe Nitratmessdienst, Bauernblatt 6/2026), liegen mit 43 kg N/ha im Östlichen Hügelland sowie 25 kg N/ha in der Geest sowohl über den Vorjahreswerten als auch über dem langjährigen Mittel. Für die Marschstandorte bewegen sich die Nmin-Gehalte mit rund 50 kg N/ha etwa auf dem langjährigen Niveau. Diese Befunde lassen sich vor dem Hintergrund der im Dezember und Januar überwiegend unterdurchschnittlichen Niederschläge erklären, da unter diesen Bedingungen von einer reduzierten Nitratauswaschung auszugehen ist. Die vom Nitratmessdienst bereitgestellten Werte sind eine geeignete Grundlage für eine düngerechtskonforme Düngebedarfsermittlung. Aus fachlicher Sicht ist es jedoch weiterhin anzustreben, schlagspezifische eigene Nmin-Untersuchungen durchzuführen, um betriebs- und standortspezifische Unterschiede gezielt in der Düngestrategie berücksichtigen zu können. Die aktuell vorliegenden Smin-Gehalte bewegen sich ebenfalls auf einem überdurchschnittlichen Niveau.
Bestände sorgfältig beurteilen
Für die Entscheidung, wie die Andüngung erfolgen soll, ist zunächst der eigene Bestand richtig anzusprechen. Um hier insbesondere potenzielle Auswinterungsschäden von Staunässeproblemen unterscheiden zu können, ist eine kurze Spatenprobe sinnvoll. Gleichzeitig lässt sich in allen Beständen, unabhängig von ihrem optischen Zustand, die Wurzelentwicklung beurteilen. Weiße Wurzeln und Wurzelspitzen deuten auf Aktivität hin, woraus sich Entwicklung und Wachstum ableiten lassen. Das ist die Voraussetzung für eine effektive Nährstoffaufnahme. Zudem muss die Regenerationsfähigkeit von ausgedünnten Beständen abgeschätzt werden. Gerade für grenzwertige Beständen, die eine zu geringe und ungleichmäßige Pflanzen- und Triebzahl aufweisen, ist es sinnvoll, einen Umbruch mit nachfolgender Ansaat einer Sommerung in Betracht zu ziehen. Gerade in diesem Frühjahr dürfte für einige sehr stark ausgedünnte Bestände infolge von Nässe und regionalem Kahlfrost im Januar die Entscheidung über Umbruch oder Weiterführung relevant sein.
Düngebedarf gezielt ermitteln
Vor der Durchführung der ersten Düngungsmaßnahme ist verpflichtend eine schriftliche DBE für Stickstoff und Phosphat gemäß den Vorgaben der Düngeverordnung (DÜV) durchzuführen. Auf Grundlage dieser Berechnung ergeben sich die maximal zulässigen Düngebedarfswerte, die beispielhaft für die Kulturen Wintergerste, Winterweizen und Winterroggen in Tabelle 1 für Stickstoff dargestellt sind. Die im Rahmen der DBE ermittelten Werte sind als rechtlich bindende Obergrenzen der N-Düngung zu verstehen und dürfen nicht überschritten werden. Zudem ist die schriftliche DBE über einen Zeitraum von sieben Jahren aufzubewahren. Das Vorgehen zur Erstellung der DBE sowie weiterführende Hinweise zur rechtssicheren Umsetzung wurden bereits in vorangegangenen Ausgaben ausführlich beschrieben und sind auch auf der Internetseite der Landwirtschaftskammer Schleswig-Holstein unter folgendem Link abrufbar: https://t1p.de/natsu
Nährstoffform mit Bedacht wählen
Auf vielen Betrieben stellt sich die Frage nach der Nährstoffform des einzusetzenden Stickstoffdüngers in der Praxis häufig nicht mehr, da die Düngemittel bereits im Vorfeld der Saison beschafft wurden. In der Regel ist Harnstoff die kostengünstigste Stickstoffquelle, während Kalkammonsalpeter (KAS), auch in Kombination mit weiteren Nährstoffen wie Schwefel, oftmals mit höheren Kosten verbunden ist. Dennoch unterscheiden sich diese Düngemittel hinsichtlich ihrer Wirkungsweise und -geschwindigkeit deutlich. Applizierter Harnstoff muss zunächst im Boden zu Ammonium hydrolysiert werden, wobei Ammonium im Vergleich zu Nitrat eine geringere Mobilität im Boden aufweist. Bei der Anwendung von KAS kann hingegen aufgrund des enthaltenen Nitratanteils von einer schnelleren pflanzenverfügbaren Wirkung ausgegangen werden, insbesondere unter kühlen Witterungsbedingungen.
Vor diesem Hintergrund sollten schwach entwickelte Bestände, vor allem wenn der Zeitpunkt der ersten Düngungsmaßnahme näher an den Beginn des Schossens heranrückt, zumindest anteilig mit nitratbasierten Düngern versorgt werden, um das Risiko weiterer Triebverluste zu reduzieren. Unabhängig davon ist zu berücksichtigen, dass auch mit sehr hohen Startgaben keine zusätzlichen Triebe „an die Pflanze herangedüngt“ werden können, da die Triebzahl maßgeblich von der im Herbst und Winter akkumulierten Temperatursumme in der vegetativen Entwicklungsphase abhängt. Ein günstiger Nährstoffstatus kann lediglich die Ausbildung und Erhaltung bereits angelegter Nebentriebe unterstützen. Entsprechend können zu hohe Stickstoffgaben zu Vegetationsbeginn, insbesondere in bereits dichteren Beständen, auch nachteilig wirken, wenn die natürliche Seitentriebreduktion nicht ausreichend abläuft. Ergänzend ist sicherzustellen, dass die standortspezifisch optimalen Gehaltsklassen der Grundnährstoffe Magnesium, Kalium und Phosphor sowie eine bedarfsgerechte Kalkversorgung (Kalzium und pH-Wert) eingehalten werden. Nur bei einer ausgewogenen Versorgung mit diesen Nährstoffen ist eine effiziente Stickstoffaufnahme möglich, die sowohl Ertrags- als auch Qualitätszielen gerecht werden kann.
Die N-Düngung im Detail
Nachdem im Rahmen der DBE die maximal zulässige Höhe der Stickstoffdüngung für die jeweilige Kultur festgelegt wurde, richtet sich der Fokus in der praktischen Umsetzung auf die Auswahl der verfügbaren Düngemittel sowie deren zeitliche und mengenmäßige Aufteilung. Beispiele für eine bedarfsgerechte Stickstoffdüngung und mögliche Gabenaufteilungen sind in Tabelle 2 dargestellt. Unabhängig von diesen beispielhaften Darstellungen ist es jedoch erforderlich, die Düngung kontinuierlich an die jeweiligen schlagspezifischen Bedingungen, die Bestandesentwicklung sowie den Verlauf der aktuellen Vegetationsperiode anzupassen. Insbesondere Unterschiede in der Bestandesentwicklung nach dem Winter können Abschläge bei sehr stark entwickelten Beständen oder Zuschläge bei dünnen, schwach entwickelten Beständen in der ersten Stickstoffgabe erforderlich machen. Diese Anpassungen sind in der weiteren Düngestrategie entsprechend zu berücksichtigen. Trotz der in diesem Jahr insgesamt vergleichsweise hohen Smin-Gehalte sollte zur Vermeidung möglicher Versorgungslücken und zur Sicherstellung einer hohen Stickstoffeffizienz mit der ersten Stickstoffgabe grundsätzlich eine Schwefelgabe von etwa 20 kg S/ha kombiniert werden. Dies kann beispielsweise im Rahmen einer ersten Teilgabe (1a) über ASS oder SSA erfolgen, alternativ auch über eine separate Schwefelgabe, etwa in Form von Kieserit oder anteilig Korn-Kali.
Abhängigkeiten bei Winterweizen
Für Winterweizen ist in Abhängigkeit von Saatzeitpunkt und Bestandesentwicklung zu prüfen, inwieweit vorhandene Entwicklungsrückstände im Frühjahr noch kompensiert werden können. Grundsätzlich hat sich in den vergangenen Jahren eine Dreigabenstrategie bewährt. Während mit den ersten beiden Stickstoffgaben zur Bestockung und zum Schossen vorrangig der Ertragsaufbau angestrebt wird, zielt diese Strategie darauf ab, je nach Sorte und Standort etwa 500 bis 600 Ähren tragende Halme je Quadratmeter zu etablieren. Die dritte Stickstoffgabe erfolgt in der Regel zum Erscheinen des Fahnenblattes bis zum Beginn des Ährenschiebens und ist dabei weniger ertragswirksam. Vielmehr dient sie der Steuerung der Proteinkonzentration im Korn und stellt somit einen Kompromiss zwischen Ertragsbildung und Qualitätsabsicherung dar. Insbesondere in Jahren mit zunehmender Frühjahrstrockenheit kann die Wirksamkeit später Stickstoffgaben jedoch eingeschränkt sein, was aus Sicht des Gewässerschutzes ebenso wie aus ökonomischer Sicht als ungünstig zu bewerten ist. Vor diesem Hintergrund ist die Entscheidung über Höhe und Ausgestaltung der dritten Gabe stets im Zusammenhang mit der aktuellen und absehbaren Bodenwasserversorgung zu treffen. Aufgrund der aktuellen Marktsituation, die für die Ernte 2026 voraussichtlich keine deutlichen Preisaufschläge für hohe Qualitäten erwarten lässt, erscheint eine stark qualitätsbetonte Düngestrategie mit einem Anteil von über 30 % der Gesamtstickstoffmenge in der späten Gabe nur bei Sorten sinnvoll, die sicher hohe Proteingehalte erreichen und zugleich eine stabile Fallzahl aufweisen. Darüber hinaus zeigen die Erfahrungen der vergangenen Jahre, dass die zeitliche Platzierung der einzelnen Teilgaben nicht starr an festgelegten Entwicklungsstadien auszurichten ist, sondern stets mit Blick auf die aktuelle Bestandesentwicklung sowie die vorhandene und zu erwartende Bodenfeuchte flexibel angepasst werden sollte.
Zwei Teilgaben für Wintergerste
Die Stickstoffdüngung der Wintergerste erfolgt in der Regel in zwei Teilgaben. Dies ist zum einen auf die im Vergleich zum Winterweizen deutlich schnellere Entwicklung der Kultur zurückzuführen, zum anderen darauf, dass bei Wintergerste keine gezielte Maximierung der Proteingehalte angestrebt wird. Ein wesentlicher Teil der Ertragsanlage erfolgt bereits im Herbst, sodass die Kompensationsmöglichkeiten im Frühjahr bei schwach entwickelten Beständen begrenzt sind. Vor diesem Hintergrund ist in schwach entwickelten Beständen eine deutlich startbetonte erste Stickstoffgabe erforderlich, um auch schwächere Triebe in die Ertragsbildung einzubeziehen. Die zweite Gabe dient anschließend der weiteren Absicherung des Ertragsaufbaus und kann je nach Bestandesentwicklung und Standortbedingungen zugleich die Abschlussgabe darstellen. Eine Anpassung der Gabenhöhe ist dabei stets in Abhängigkeit von der Bestandesdichte, der Wüchsigkeit sowie der aktuellen Witterung vorzunehmen.
Strategie für Winterroggen und -triticale
Für Winterroggen wird analog zur Wintergerste in der Regel eine Zweigabenstrategie empfohlen, da diese Kultur bereits früh im Vegetationsverlauf eine hohe Stickstoffaufnahme zeigt. Entsprechend sollte insbesondere die Startgabe ausreichend betont werden, um die frühe Nährstoffaufnahme sicherzustellen. Die zweite Teilgabe sollte zeitnah zum Beginn des Schossens zur Verfügung stehen, um die weitere Ertragsbildung abzusichern.
In Wintertriticale kann ebenfalls eine Zweigabenstrategie, vergleichbar mit der Vorgehensweise bei Wintergerste und Winterroggen, angewendet werden. Insbesondere auf ertragsstärkeren Standorten kann es jedoch sinnvoll sein, die zweite Gabe aufzuteilen und einen Teil des Stickstoffs in das beginnende Schossen hinein zu verlagern. Dadurch kann einer zu hohen Bestandesdichte vorgebeugt und das Lagerrisiko reduziert werden. Die Wahl der geeigneten Strategie sollte stets unter Berücksichtigung der standortspezifischen Bedingungen sowie der vorherrschenden und zu erwartenden Witterung erfolgen.
Bedeutung der organischen Düngung
In vielen Betrieben kommen im Frühjahr organische Düngemittel wie Gülle oder Gärreste zum Einsatz, deren sachgerechte Integration in die Stickstoffdüngung von Wintergetreide eine besondere Bedeutung besitzt. Seit dem Jahr 2025 ist dabei eine streifenförmige und bodennahe Ausbringung verpflichtend. Für eine präzise Planung der Düngergaben sollten möglichst aktuelle und betriebseigene Nährstoffanalysen der eingesetzten Wirtschaftsdünger herangezogen werden, um die enthaltenen Nährstoffmengen realistisch bewerten und korrekt anrechnen zu können.
Ein möglichst früher Ausbringungstermin nach Ablauf der Sperrfrist ist aus fachlicher Sicht anzustreben, um eine hohe Stickstoffausnutzung sicherzustellen und gasförmige Verluste zu minimieren. Obwohl organische Düngemittel in der Regel Schwefel enthalten, liegt dieser überwiegend in organisch gebundener Form vor und steht den Pflanzen erst im späteren Vegetationsverlauf zur Verfügung. Entsprechend ist in den meisten Fällen eine ergänzende mineralische Schwefeldüngung erforderlich. Wird Gülle durch Ansäuerung mit Schwefelsäure behandelt, kann auf eine zusätzliche mineralische Schwefelgabe verzichtet werden. Gleichzeitig ist in diesen Fällen von einer erhöhten Stickstoffwirksamkeit der organischen Düngung auszugehen, was in der weiteren Düngungsplanung zu berücksichtigen ist.
Fazit
Die Stickstoffdüngung stellt weiterhin eine zentrale Stellgröße dar, um Ertrag und Qualität im Wintergetreide in ein ausgewogenes Verhältnis zu bringen. Gleichzeitig beeinflusst sie maßgeblich die Standfestigkeit der Bestände sowie deren Anfälligkeit gegenüber Krankheiten und steht darüber hinaus im Fokus umweltfachlicher Anforderungen. Vor dem Hintergrund gestiegener Kosten für Stickstoffdüngemittel bei zugleich verhaltenen Preisaussichten für Getreide gewinnt ein effizienter und bedarfsgerechter Einsatz von Nährstoffen zusätzlich an Bedeutung. Angesichts der in diesem Jahr regional teils schwächer entwickelten Bestände können leicht angehobene Startgaben fachlich sinnvoll sein, müssen jedoch im weiteren Verlauf der Vegetationsperiode entsprechend berücksichtigt und ausgeglichen werden. Unabhängig davon bleiben eine standortangepasste Düngestrategie, die Berücksichtigung der aktuellen Bestandesentwicklung sowie eine sichere Versorgung mit Grund- und Spurennährstoffen wesentliche Voraussetzungen für eine hohe Stickstoffeffizienz und eine stabile Ertragsbildung.




