Das MuD „Säure+“ testet das Potenzial der Gülleansäuerung während der Ausbringung auf schleswig-holsteinischen Praxisbetrieben. Durch das Verfahren werden Emissionen von Ammoniak (NH3) gesenkt, wodurch mehr Stickstoff für die Pflanzenernährung zur Verfügung stehen kann. Es wurden nun im dritten Jahr On-Farm-Experimente angelegt. Doch welche Erkenntnisse liefert das Projekt bisher, und was bedeutet das für die landwirtschaftliche Praxis?
Das Projekt läuft im Rahmen der Ackerbaustrategie 2035, da unter anderem durch die Vorgaben der Richtlinie über Emissionshöchstmengen für Luftschadstoffe (NEC) die NH3-Emissionen in Deutschland bis 2030 um 29 % im Vergleich zum Bezugsjahr 2005 gesenkt werden müssen. Da die Landwirtschaft, vor allem die Wirtschaftsdüngerausbringung, das größte Emissionspotenzial birgt, besteht hier eine der größten Stellschrauben für die Reduktion von NH3-Emissionen. Durch die Ansäuerung flüssiger Wirtschaftsdünger während der Ausbringung in wachsende Bestände können NH3-Emissionen zum Teil erheblich gesenkt werden. Zudem können positive Effekte für die Pflanzenernährung entstehen, da weniger Stickstoff gasförmig (NH3) in die Atmosphäre entweicht, sondern in den Boden gelangt und so in Form von Ammonium (NH4+) der Pflanzenernährung zur Verfügung steht. Zudem besteht aus betriebswirtschaftlicher Sicht häufig ein erhebliches Interesse an einer verbesserten Nährstoffausnutzung der auf dem Betrieb vorhandenen Gülle, vor allem auf Flächen in der N-Kulisse mit Vorgaben zu reduzierter N-Düngung. Um diese Effekte zu überprüfen, wurden in Schleswig-Holstein seit 2023 On-Farm-Experimente in den Kulturen Winterweizen und Grünland angelegt. Dreijährige Ergebnisse zu Ertrag und Rohproteingehalten liegen nun vor, sodass im Folgenden erste Erkenntnisse vorgestellt werden.
Projekt im Überblick
Insgesamt wurden in den vergangenen drei Vegetationsperioden On-Farm-Experimente an fünf unterschiedlichen Standorten im Winterweizen sowie an vier verschiedenen Standorten im Grünland angelegt, sodass alle Hauptnaturräume Schleswig-Holsteins abgedeckt werden konnten. So entstanden bisher 30 statistisch auswertbare Vergleichspaare zwischen den beiden Varianten „Gülle angesäuert“ und „Gülle nicht angesäuert“. Die gedüngte Stickstoffmenge beider Düngevarianten war hierbei auf identischem Niveau, zusätzlich wurde eine mineralische Schwefelausgleichsdüngung vorgenommen, um einen Effekt der zusätzlichen Schwefelmenge in angesäuerter Gülle ausschließen zu können. Die Ausbringung über alle Vergleichspaare hinweg erfolgte mittels eines Schleppschlauchverteilers. Im Rahmen des Projektes wurde ein Ziel-pH-Wert der Gülle von pH 6,4 festgelegt. Die einzusetzende Säuremenge wurde auf maximal 3 l Schwefelsäure (H2SO4) je 1 m3 Rinder- und Schweinegülle und auf maximal 5 l H2SO4 je 1 m3 Gärrest beschränkt, um zu hohe Schwefelfrachten zu vermeiden (1 l H2SO4 entspricht 0,6 kg S). Zudem haben die ersten Liter Säure den höchsten Nutzen, weshalb auch aus ökonomischer Sicht eine zu hohe Säureeinsatzmenge nicht empfehlenswert ist.
Säuremenge abhängig von Wirtschaftsdünger(art)
Wie der Abbildung 2 zu entnehmen ist, schwanken die Ausgangs-pH-Werte innerhalb des Projektes in Abhängigkeit vom eingesetzten Wirtschaftsdünger. Zur pH-Absenkung von Rindergülle wurden im Durchschnitt 2,5 l H2SO4/m3 benötigt, um den durchschnittlichen pH-Wert um eine Einheit von pH 7,4 auf pH 6,4 abzusenken. Der Säurebedarf bei Schweinegülle ist mit 2,4 l H2SO4/m3 auf einem ähnlichen Niveau, wodurch der mittlere pH-Wert von pH 8,2 auf pH 6,5 reduziert werden konnte.
Den höchsten Säurebedarf zeigten Gärreste mit durchschnittlich 3,9 l H2SO4/m3, was zu einer Absenkung des pH-Wertes von durchschnittlich pH 8,4 auf pH 6,8 führte.
Winterweizen: Mehrertrag erzielt
An jeweils fünf schleswig-holsteinischen Standorten (Östliches Hügelland, Marsch) wurden in den Jahren 2023 bis 2025 On-Farm-Experimente im Winterweizen angelegt und ausgewertet. Die Bestände wurden je nach vorhandener Wirtschaftsdüngerart auf dem Betrieb entweder mit Schweinegülle oder Gärresten gedüngt. Es konnten bisher 19 Vergleichspaare im Winterweizen statistisch ausgewertet werden, von denen 53 % positive Ertragsunterschiede aufweisen konnten. Im Durchschnitt ergab sich ein Mehrertrag von 3,5 % durch die Gülleansäuerung gegenüber den unbehandelten Kontroll-Güllevarianten.
Auch bei den Rohproteingehalten ließ sich ein positiver Trend beobachten, denn in 74 % der Vergleichspaare konnte eine Steigerung von durchschnittlich 0,3 %-Punkten durch die Ansäuerung gemessen werden.
Grünland: Positive Effekte
Im Grünland konnten an vier unterschiedlichen Standorten (Geest, Östliches Hügelland) zwischen 2023 und 2025 insgesamt elf Vergleichspaare aus On-Farm-Experimenten statistisch ausgewertet werden. Es wurden der zweite, dritte und vierte Schnitt beerntet (Anzahl betriebs- und jahresindividuell). Die Bestände wurden sowohl mit Rindergülle als auch mit Gärrest befahren, je nach betriebsüblicher Wirtschaftsdüngerart. In zehn von elf Vergleichspaaren konnte eine Ertragssteigerung durch die Ansäuerung von Gülle erzielt werden, wobei durchschnittlich ein Mehrertrag von rund 16 % erzielt werden konnte. Der Rohproteingehalt konnte in neun der elf Vergleichspaare durch die Gülleansäuerung um durchschnittlich 0,91 %-Punkte erhöht werden.
Macht sich die Ansäuerung bezahlt?
Aus ökonomischer Sicht konnte bei einer Ertragserwartung im Winterweizen von 90 dt/ha bei einem durchschnittlichen Mehrertrag von 4 % im Jahr 2025 mit einem Ertragszuwachs von 3,6 dt/ha durch die Gülleansäuerung gerechnet werden. Bei einem angenommenen Erzeugerpreis von 21,50 €/dt für B-Weizen (LKSH-Mittelwert Wirtschaftsjahr 2024/2025, inklusive 7,8 % Mehrwertsteuer) konnten somit Mehreinnahmen von 77,40 €/ha generiert werden. Diesem Betrag müssen die Mehrkosten für die Ansäuerung gegenübergestellt werden. Es fallen sowohl Kosten für die Schwefelsäure als auch eine Pauschale für die Ansäuerungstechnik zusätzlich zu den sonst üblichen Ausbringungskosten an. Im Durchschnitt beliefen sich die Mehrkosten in 2025 für die Ansäuerung im Winterweizen auf 61,20 €/ha, somit konnten die Mehrkosten durch die Ansäuerung rein rechnerisch gedeckt werden und ein Gewinn erzielt werden. Allerdings sollte bei der Betrachtung der Berechnung nicht außer Acht gelassen werden, dass weder eingesparte Düngemittel durch eine verbesserte N-Verfügbarkeit aufgrund der Ansäuerung noch der zusätzliche Schwefeldüngungseffekt der Schwefelsäure kalkulatorisch berücksichtigt wurden.
Zusammenfassend konnten im bisherigen Projektverlauf positive Auswirkungen der Ansäuerung sowohl auf den Ertrag als auch den Proteingehalt gemessen werden. Die Effekte sind zwar nicht auf allen Standorten gleich, aber insbesondere bei der Anwendung der Gülleansäuerung auf Grünland konnten teilweise signifikante Ertragsunterschiede gemessen werden. Die stabileren Ergebnisse auf Grünland können vermutlich auf die Witterung zum Zeitpunkt der Ausbringung zurückgeführt werden.
Die Förderung des Vorhabens erfolgt aus Mitteln des Bundesministeriums für Landwirtschaft, Ernährung und Heimat (BMLEH) aufgrund eines Beschlusses des Deutschen Bundestages. Die Projektträgerschaft erfolgt über die Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung (BLE), Förderkennzeichen 2821ABS420.
Fazit
Die bisherigen Ergebnisse zeigen, dass die Ansäuerung der Gülle während der Ausbringung unter Praxisbedingungen zu einer effizienteren Nährstoffausnutzung führen kann. Die Effekte auf Ertrag und Proteingehalt im Winterweizen scheinen hierbei stärker von äußerlichen Faktoren wie der Witterung oder dem Standort abzuhängen als im Grünland. Nichtsdestotrotz konnten in beiden Kulturen positive Unterschiede sowohl im Ertrag als auch im Proteingehalt gemessen werden. Insbesondere im Grünland steht mit der Gülleansäuerung also ein sehr wichtiges Werkzeug für eine bessere Nährstoffausnutzung zur Verfügung.
Was bedeutet On-Farm-Experiment?
On-Farm-Experimente werden auf landwirtschaftlichen Praxisflächen mit Großtechnik angelegt, um das Verfahren der Ansäuerung so praxisnah wie möglich überprüfen zu können. Je nach Betrieb erfolgt der Versuchsaufbau individuell, damit Störungen im regulären Betriebsablauf weitestgehend vermieden werden. Um eine möglichst genaue Auswertung der Ergebnisse zu erzielen, werden die unterschiedlichen Düngevarianten jeweils in vierfacher Wiederholung angelegt.
MuD „Säure+“
• Projektlaufzeit: 08/22-08/27
• Acht Modellregionen: NDS, NRW, ST, MV, TH, BW, BY & SH
• Projektziele:
– Aufzeigen von Auswirkungen der Gülleansäuerung während der Ausbringung in wachsende Bestände auf Pflanzenwachstum im Vergleich zu nicht angesäuerter Gülle
– Demonstrationsveranstaltungen mit Adhoc-NH3-Gasmessungen, um die Technik zu veranschaulichen sowie für den Wissenstransfer
– Auswertung der Ergebnisse aus pflanzenbaulicher, ökologischer sowie ökonomischer Sicht, um Handlungsempfehlungen für die Praxis abzuleiten
• Säure+ in SH
– acht Standorte
– zwei Lohnunternehmen
– On-Farm-Anlagen auf Praxisflächen
– Erprobung in den Kulturen Winterweizen und Grünland




