Mit der Novellierung der Tierschutz-Nutztierhaltungsverordnung wird ab 2029 die Gruppenhaltung im Deckzentrum mit Kurzzeitfixierung und einer Mindestfläche von 5 m2 pro Sau bis zur ersten Besamung verpflichtend. Die Phase unmittelbar nach dem Absetzen stellt aufgrund sozialer Dynamiken wie Rangordnungskämpfen und beginnenden Rauscheverhaltens erhöhte Anforderungen an Stallgestaltung und Management. Zudem zeigt eine Umfrage unter norddeutschen Ferkelerzeugern, dass die Umsetzung des geforderten Platzangebotes von vielen Betrieben als bauliche und organisatorische Herausforderung wahrgenommen wird.
Eine mögliche Option zur Flächenerweiterung und Schaffung weiterer Funktionsbereiche ist die Integration eines Auslaufs in das bestehende Haltungssystem. Voraussetzung für eine bedarfsgerechte Gestaltung ist jedoch eine fundierte Kenntnis darüber, wie ein solcher Auslauf tatsächlich genutzt wird, welche Einflussfaktoren wirksam sind und welche Anforderungen sich daraus ableiten lassen.
Vor diesem Hintergrund wurden im Rahmen des vom Bundesministerium für Landwirtschaft, Ernährung und Heimat geförderten Projektes „Zukunftsfähige und innovative Stallbaukonzepte für Sauenhaltung und Aufzuchtferkel“ (Zissau) die Nutzung eines Auslaufs in einem konventionellen Ferkelerzeugerbetrieb systematisch untersucht (siehe Fotos) und erste Ergebnisse auf der 76. Hochschultagung der Agrar- und Ernährungswissenschaftlichen Fakultät der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel (CAU) vorgestellt. Ziel war es, auf Grundlage von wissenschaftlichen Verhaltensbeobachtungen praxisrelevante Hinweise für die Auslaufgestaltung im Deckzentrum abzuleiten. Hierfür wurden im Zeitraum von März bis August 2023 über mehrere Versuchsdurchgänge insgesamt 85 Sauen in zwei Gruppen beobachtet, wobei der Beobachtungsschwerpunkt auf den ersten vier Tagen nach dem Absetzen (Tag 0 bis Tag 3) lag. Mithilfe von Videoaufzeichnungen wurden der Aufenthalt im Auslauf sowie die Aktivitätsausprägung jeder Sau (aktiv/ruhend) erfasst. Ergänzend wurden Witterungsparameter, ein Hitzestressindex, tierindividuelle Merkmale sowie die Gruppenzusammensetzung als potenzielle Einflussfaktoren auf den Aufenthalt im Auslauf in die Auswertung einbezogen.
Differenzierte Nutzung des Auslaufs
Die Auswertung der Verhaltensbeobachtungen zeigte eine klar strukturierte, tageszeitlich differenzierte Nutzung des Auslaufs (siehe Abbildung). Während in der Nacht und in den frühen Morgenstunden weniger als 15 % der Sauen im Auslauf anwesend waren, nahm der Anteil an Sauen im Auslauf nach der Morgenfütterung deutlich zu. Die Hauptnutzungszeiten lagen dabei am Vormittag und am späteren Nachmittag, bevor die Präsenz gegen Abend wieder abnahm.
In engem Zusammenhang damit stand das Liegeverhalten, das ein differenziertes Muster erkennen ließ (siehe Abbildung). In den Nacht- und späten Abendstunden befanden sich zwar nur wenige Sauen im Auslauf, die dort anwesenden Tiere lagen jedoch überwiegend. Dies deutet darauf hin, dass der Auslauf in dieser Phase punktuell als Ruheort einzelner Tiere genutzt wurde, während der überwiegende Teil der Sauen den Innenbereich für den nächtlichen Schlaf nutzte. Mit dem deutlichen Anstieg der Aufenthalte am Vormittag nahm der Liegeanteil im Auslauf stark ab. In dieser Phase dominierte somit die Funktion als Aktivitäts- und Sozialraum. Am Nachmittag zeigte sich dann erneut eine hohe Präsenz, nun jedoch in Verbindung mit einem Liegeanteil von über 60 %. Der Auslauf wurde demnach weiterhin intensiv frequentiert, erfüllte jedoch zunehmend die Funktion eines Ruhe- und Komfortbereichs.
Der Auslauf wird somit je nach Tageszeit für unterschiedliche Funktionen genutzt. Er dient sowohl als Aktivitäts- und Sozialraum als auch als Ruhebereich. Eine bedarfsgerechte Gestaltung sollte diese funktionale Dynamik berücksichtigen. Komfortable Liegeflächen mit geeigneter Bodenbeschaffenheit (zum Beispiel elastische oder strukturierte Unterlagen) sind ebenso sinnvoll wie Struktur- und Beschäftigungselemente.
Soziale Dynamiken
Auch die sozialen Dynamiken wurden insbesondere in der Betrachtung der ersten Tage nach dem Absetzen deutlich. Am Absetztag zeigte sich eine auffallend starke Nutzung des Auslaufs, wohingegen Ruheverhalten nur selten zu beobachten war. Offenbar führten das verstärkte Erkundungsverhalten und die Rangordnungskämpfe zu einer insgesamt erhöhten Gruppenaktivität. In den darauffolgenden Tagen nahm der Anteil an Sauen im Auslauf ab, während der Ruheanteil anstieg. Dies weist auf eine fortschreitende soziale Stabilisierung und die Anpassung an die neue Gruppensituation hin. Am dritten Tag nach Absetzen erhöhte sich die Auslaufpräsenz der Sauen erneut, was vermutlich im Zusammenhang mit dem Einsetzen des Rauscheverhaltens steht.
Versuchsgruppen mit größeren Paritätsunterschieden innerhalb ihrer Gruppe nutzten den Auslauf im Durchschnitt seltener, was auf verstärkte soziale Konflikte oder Verdrängung unterlegener Tiere hindeuten kann. Entsprechend können ein ausreichendes Platzangebot, Rückzugsmöglichkeiten, visuelle Barrieren sowie mehrere Ein- und Ausgänge dazu beitragen, soziale Konflikte zu reduzieren und den Auslauf für alle Sauen zugänglich zu gestalten.
Darüber hinaus zeigten sich deutliche Einflüsse der Witterung auf den Aufenthalt im Auslauf. Niederschlag verringerte sowohl den Anteil der Sauen als auch den Liegeanteil im Auslauf. Sonneneinstrahlung erhöhte grundsätzlich die Aufenthaltsanteile, beeinflusste jedoch das Liegeverhalten tageszeitabhängig. Moderate Sonneneinstrahlung am Morgen wurde offenbar gezielt zum Ruhen im Auslauf genutzt, während der Liegeanteil bei intensiver Einstrahlung zur Mittags- und Nachmittagszeit abnahm. Bei erhöhter thermischer Belastung (Hitzestressindex) reduzierte sich die Nutzung des Auslaufs insgesamt. In den Morgenstunden hielten sich Sauen auch in beginnenden Hitzestresssituationen im Auslauf auf, lagen dabei jedoch häufiger.
Witterungsschutz spielt demzufolge eine zentrale Rolle. Teilüberdachungen bieten Schutz bei Niederschlag und intensiver Sonneneinstrahlung, ohne die gezielte Nutzung zum Sonnenbaden bei moderaten Bedingungen einzuschränken. Zusätzlich sollten bei steigender thermischer Belastung Maßnahmen zur Abkühlung berücksichtigt werden, wie Sauduschen, Mikro-Suhlen oder ein jederzeit zugänglicher klimatisierter Innenbereich.
Dynamische Nutzung im Auslauf
Insgesamt zeigen die Ergebnisse, dass ein Auslauf weit mehr als eine reine Flächenerweiterung ist. Seine Nutzung ist dynamisch und wird maßgeblich durch Tageszeit, soziale Prozesse und Witterung beeinflusst. Der Auslauf kann je nach Situation unterschiedliche Funktionen als Aktivitäts- und Sozialraum, als Rückzugsort für einzelne Tiere oder als Ruhebereich haben. Eine bedarfsgerechte Gestaltung muss diese funktionale Variabilität berücksichtigen. Neben ausreichend Platz sind strukturierende Elemente, konfliktmindernde Gestaltung (wie Sichtbarrieren, mehrere Zugänge) und witterungsangepasste Bereiche entscheidend. Wissenschaftlich fundierte Verhaltensanalysen liefern dazu eine belastbare Grundlage, die konkrete Ausgestaltung bleibt aber eine betriebsindividuelle Managementaufgabe.
Die Förderung des Vorhabens erfolgt aus Mitteln des Bundeslandwirtschaftsministeriums (BMLEH).
Fazit
Der betrachtete Auslauf im Deckzentrum wurde tageszeitlich und situationsabhängig unterschiedlich genutzt. Er diente sowohl als Aktivitäts- und Sozialraum als auch als Ruhebereich. Gestaltung und Management sollten diese funktionale Dynamik sowie soziale und klimatische Einflussfaktoren gezielt berücksichtigen.




