Einen Rückblick auf die agrarpolitischen Highlights 2025, einen Überblick zu den laufenden Diskussionen sowie einen Ausblick auf die Erwartungen an das neue Jahr gibt Klaus-Peter Lucht, Präsident des Bauernverbandes Schleswig-Holstein (BVSH), im Interview.
Im vergangenen November hat Ministerpräsident Daniel Günther (CDU) die Landtagsabgeordnete und CDU-Umweltsprecherin Cornelia Schmachtenberg zur neuen Landwirtschaftsministerin ernannt. Wie macht sich die Nachfolgerin von Werner Schwarz (CDU)?
Wir sind schon traurig, dass Werner Schwarz nicht mehr Minister ist. Er hat sich um die Landwirtschaft in Schleswig-Holstein, Deutschland und Europa sehr verdient gemacht – auch in seiner früheren Funktion als BVSH-Präsident. Er musste im Ministeramt sein Haus neu aufbauen. Das hat anderthalb Jahre in Anspruch genommen und war sicherlich nicht leicht zu organisieren. Nichtsdestotrotz haben unsere landwirtschaftlichen Betriebe auch Ansprüche gehabt. Die sind nur zum Teil bedient worden. Positiv ist, dass er durch Erleichterungen bei der Jagd Bewegung in die Gänsefraßproblematik gebracht hat. Die Antragsabwicklung für Entschädigungszahlungen über die Wildgänserichtlinie ist bei ihm im Haus viel besser gelaufen als über die Weißwangengansrichtlinie im Umweltministerium. Themen wie das Güllefahren auf gefrorenen Böden mit Auftauprognose, was in anderen Bundesländern funktioniert, wurden jedoch noch nicht umgesetzt.
Daniel Günther macht keine Anstalten, etwas an den Ressortzuschnitten zu ändern. Wie soll Ministerin Schmachtenberg mehr politische Kraft entfalten?
Ich durfte sie schon zwei Mal in Koalitionsverhandlungen für die CDU miterleben. Dabei habe ich gemerkt, wie gut sie für die bäuerliche Sache kämpfen kann. Aber im Prinzip hat sie genau die gleiche Ausgangssituation wie Werner Schwarz. Es kommt also viel auf politisches Geschick und auch die Unterstützung der Fraktion an, um etwas für die Landwirtschaft durchzusetzen.
Wie sollte der Ressortzuschnitt ihrer Meinung nach aussehen?
Man hätte die Chance nutzen müssen, zumindest zwei Bereiche aus dem Umweltministerium zu lösen: das sind die Wasserwirtschaft und die Zweite Säule der Gemeinsamen EU-Agrarpolitik. Cornelia Schmachtenberg ist schließlich auch Europaministerin. Und Wasserwirtschaft ist nun mal ein Mega-Thema in der Landwirtschaft Schleswig-Holsteins mit unseren vielen Niederungen. Wir haben 2027 wieder Landtagswahlen und wenn sie bestehen will, dann muss sie auch liefern.
Wie liefen Ihre ersten Gespräche, seit sie Ministerin ist?
Ich bin sehr dankbar, dass sie sofort den Kontakt zu uns beim Bauernverband gesucht hat. Wenige Tage nach Ihrer Ernennung gab es den ersten Austausch in ihrem Büro. Sie ist ja schon länger eine engagierte Umwelt- und Agrarpolitikerin und kennt unsere Forderungen genau.
Wie bewerten Sie die Abstufung des Schutzstatus des Wolfs und die Aufnahme des Raubtiers ins Bundesjagdgesetz?
Damit ist ein wichtiger Schritt für den Schutz unserer Weidetiere getan.
Die Entschädigungsmittel für Gänsefraßschäden für 2026 wurden durch den Nachtragshaushalt auf 1,2 Millionen Euro aufgestockt. Befriedet das die betroffenen Landwirte?
Ich freue mich über die von der CDU-Fraktion maßgeblich vorangetriebene Mittelaufstockung. Wir fordern aber auch, dass das Grundproblem angegangen wird. Die Populationen müssen schrumpfen. Die jüngsten Erleichterungen beim Jagdrecht helfen. Um aber wirklich etwas zu erreichen, müssen wir die Eier der brütenden Gänse sammeln oder anstechen, auch in Schutzgebieten. Die Erlaubnis dafür sollten neben den Jagdausübungsberechtigten auch Gruppen haben, die angelernt werden und gemeinsam mit den Jagdausübungsberechtigten unterwegs sind.
Die Güllesaison steht vor der Tür. Was fordern Sie?
Das Ausbringen auf überfrorenen Böden steht ganz oben auf unserer Prioritätenliste. Vielleicht ist eine Übergangslösung möglich, dass man unter gewissen Verhältnissen zumindest 15 Kubikmeter Gülle pro Hektar ausbringen kann, vielleicht auch mit gesonderten Abstandsregelungen zu Gewässern. Das wäre ein großes Zeichen an die Landwirtschaft. Durch das Urteil des Bundesverwaltungsgerichtes zur Bayerischen Landesdüngeverordnung und die Folgen für alle anderen Bundesländer finde ich es zudem richtig, die Düngegesetzgebung komplett anzufassen. Eine Derogationsregelung, nach der wir auf bestimmten Kulturen bis zu 230 Kilogramm N pro Hektar aus Wirtschaftsdüngern ausbringen dürfen, ist fachlich sinnvoll und spart Mineraldünger. Intensiv genutztes Grünland kann diese Stickstoffmenge problemlos aufnehmen. Viele Landwirte haben zudem in modernste Technik investiert, um effizient Gülle zu transportieren und auszubringen. Das sollte sich in politischem Entgegenkommen widerspiegeln.
Welche Vereinfachungen fordern Sie mit Blick auf das Grünlandmanagement?
In diesem Bereich gibt es einige Doppelregelungen. Hier sind Umwelt- und Landwirtschaftsministerium gefordert. Es muss möglich sein, auch in Niederungen und Schutzgebieten Grünlandnarben zu haben, die für die Milchwirtschaft interessant sind. Ampferbekämpfung muss möglich sein, auch Narbenerneuerung, nicht nur Nachsaat.
Die Flächenkonkurrenz steigt. Das hat unterschiedliche Ursachen. Unter anderem sind 1.000 Hektar neue Naturschutzgebiete geplant. Wie ist Ihre Position dazu?
Wir haben überhaupt kein Problem damit, wenn auf Stiftungsflächen Naturschutzgebiete geplant werden. Die Stiftung besitzt schließlich mehr als 40.000 Hektar im Land. Wir werden aber nicht zulassen, dass wirtschaftende Betriebe verdrängt werden. Wir haben Ministerin Schmachtenberg gebeten, mit Umweltminister Goldschmidt darüber zu verhandeln, die 350 Hektar am Winderatter See wieder rauszunehmen und Flächen woanders in Schleswig-Holstein zu suchen.
Welche Rolle spielt für Sie der Konsens im Dialogprozess zur Zukunft der Landwirtschaft?
Wir haben im Dialogprozess vereinbart, dass wir Maßnahmen in die Betriebe integrieren wollen, um Biodiversität und andere Umweltleistungen zu erbringen. Dafür müssen wir honoriert werden. Wir als Bauernverband fühlen uns da daran gebunden. Beim Umweltminister habe ich das Gefühl, er hält sich nicht daran. Natürlich haben wir eine Biodiversitätsstrategie in Schleswig-Holstein, und auch die Naturwiederherstellungsverprdnung der EU wird gewisse Ansprüche stellen. Innerhalb dieses Projektes muss aber mit Landeigentümern besprochen werden, was geht und was nicht geht.
Wir bewerten Sie die bisherigen Entbürokratisierungsbemühungen?
Wir benötigen eine Plattform, in die alle Daten eines Betriebes eingegeben werden. Entscheidend ist dabei, dass die Daten den Landwirten gehören und dass die zuständigen Behörden uns immer fragen müssen, wenn sie zugreifen wollen. Das Projekt Datenportal von Staatskanzlei und Landwirtschaftsministerium ist hier ein erster Schritt in die richtige Richtung.
Welche Bedeutung hat die Schließung des Schlachthofs in Perleberg für die Schweinehalter in Schleswig-Holstein?
Wir brauchen ausreichende Schlachtkapazitäten. Es muss auch möglich sein, einen Schlachthof neu zu bauen oder auszubauen. Sonst steigen die Transportkosten. Wir sind durch die sinkende Zahl an Schlachthöfen zudem sehr hellhörig, wenn es darum geht, Auflagen für Tiertransporte zu erhöhen, zum Beispiel eine Verkürzung der erlaubten Transportzeiten. Das darf nicht passieren.
Das Tierhaltungskennzeichnungsgesetz wurde verschoben. Die richtige Entscheidung?
Das staatliche Tierhaltungskennzeichen brauchen wir gar nicht. Wir haben es trotz aller Streitigkeiten mit dem Lebensmitteleinzelhandel geschafft, vernünftige Systeme aufzubauen. Die Haltungsstufen sind beim Kunden bekannt. Und wenn der Markt die höheren Haltungsstufen weniger nachfragt, dann produzieren wir auch Haltungsstufe 1.
Das Programm zum Umbau der Tierhaltung wurde eingestampft. Stallbauten sollen zukünftig über Mittel der Gemeinschaftsaufgabe „Verbesserung der Agrarstruktur und des Küstenschutzes“ finanziert werden. Welche Konsequenzen ergeben sich daraus für Tierhalter in Schleswig-Holstein?
Ich sehe das total problematisch. Wir hätten ein Bundesförderprogramm gebraucht ohne Kofinanzierung – gerade in finanzschwachen Ländern wie Schleswig-Holstein. Die Abschaffung war ein Fehler von Bundeslandwirtschaftsminister Alois Rainer (CSU).
Wie zufrieden sind Sie darüber hinaus mit der Arbeit des Bundeslandwirtschaftsministers?
Er hat mittlerweile seine Abteilungsleiter ausgetauscht, aber wir merken immer noch bei vielen Papieren aus seinem Haus, dass sie eine grüne Handschrift tragen. Ich bin froh, dass wir die Agrardieselrückvergütung auf dem alten Niveau wiederbekommen. Einige andere Punkte wurden ebenfalls umgesetzt. Eine Risikoausgleichsrücklage ist aber immer noch nicht da. Auch die Düngegesetzgebung muss neu organisiert werden.
Wie bewerten Sie die jüngsten Demonstrationen gegen die Preiskämpfe im Lebensmitteleinzelhandel?
Demonstrationen sind immer eine Möglichkeit, auf ein Thema aufmerksam zu machen. Das muss natürlich immer ordentlich ablaufen. Wir brauchen eine Lieferkette, in der jeder etwas verdient. Wenn man deutsche Lebensmittel haben will, dann muss man auch den entsprechenden Preis dafür bezahlen. Als Verband setzen wir aber in erster Linie auf Gesprächsformate wie in der Zentrale Koordination Handel-Landwirtschaft (ZKHL), um Differenzen zu lösen.
Momentan gibt es jede Menge Diskussionen zum zukünftigen Mehrjährigen Finanzrahmen und der Förderstruktur der Gemeinsamen EU-Agrarpolitik (GAP). Was fordern Sie?
Die Finanzmittel der EU werden von den Nationalstaaten wohl nicht aufgestockt, eher gekürzt. Und es gibt Mittel, die man zusätzlich haben will für Sicherheit, Migration und auch Verteidigung. Gleichzeitig hat die EU während der Corona-Pandemie Schulden gemacht. Und diese Schulden müssen zurückgezahlt werden. Es geht für uns aber nicht ausschließlich um Geld. Grundsätzlich muss das Fördersystem für die Landwirtschaft vereinfacht werden. Die Konditionalität könnte entfallen, wenn man zu Vertragsmustern käme, die die Landwirtschaft in die Lage versetzen, mit öffentlichen Leistungen Geld zu verdienen.
Wie stehen Sie zum Mercosur-Abkommen?
Ich schätze die Vorteile für uns Landwirte als sehr viel größer ein, als die Nachteile, sofern die Bedingungen gleich sind, zu denen produziert wird.
Die Vereinten Nationen haben 2026 zum Internationalen Jahr der Frauen in der Landwirtschaft erklärt. Wie finden Sie dieses Motto?
Ich finde das Motto super. Im Deutschen Bauernverband haben wir mit Susanne Schulze-Bockeloh bereits eine Vizepräsidentin. In Schleswig-Holstein hat sich mittlerweile ein Unternehmerinnennetzwerk in der Landwirtschaft etabliert, das von Jenny Müller, Kathrin Rehders und Dagmar Friedrichsen-Jahnke super mit Leben gefüllt wird. Wir arbeiten daran, noch mehr Frauen zur Mitarbeit in unseren Gremien zu bewegen. Dafür braucht es passende Strukturen. Wenn sich Frauen im Ehrenamt engagieren, muss der Partner auch mal auf die Kinder aufpassen. Darüber hinaus sind Sitzungen per Video eine Alternative.
Das politische Highlight zu Beginn jeden Jahres ist die Grüne Woche? Was erwarten Sie von der Hauptstadtmesse?
Die Grüne Woche hat sich für mich zu einer sehr politischen Messe entwickelt. Es gibt etliche Formate, in denen wir diskutieren und unsere Anliegen platzieren. Ich hoffe, dass diese Bundesregierung es schafft, endlich vernünftige Wettbewerbsbedingungen sicherzustellen. Wir brauchen eine starke Landwirtschaft und starke ländliche Räume.
Im Verband Haben Sie mit Michael Müller-Ruchholtz einen neuen Generalsekretär. Wie ist der Übergang geglückt?
Ich bin unserem ehemaligen Generalsekretär Stephan Gersteuer sehr dankbar, dass er den Übergang hervorragend mit vorbereitet hat. Wir haben ja schon sehr frühzeitig bestimmt, dass Michael Müller-Ruchholtz sein Nachfolger wird. Er kennt sich aus im Haus, ist mehr als 25 Jahre im Verband und hat viele Jahre auf der Stellvertreter-Position sehr gute Arbeit gemacht. Wir haben zudem entschieden, dass wir zwei Stellvertreter wollen und freuen uns, dass wir mit Lisa Hansen-Flüh und Dr. Lennart Schmitt eine Agrarierin und einen Juristen für diese Ämter gewinnen konnten.
Seit dem 1. Dezember informiert der BVSH seine Mitglieder in einem eigenen Kanal innerhalb der LandApp SH. Warum dieser Schritt?
Wir brauchen die digitale Kommunikation, um die jüngeren Leute zu erreichen. Die Landfrauen sind dabei, die Landwirtschaftskammer, die Landjugend und jetzt auch wir. Wir wollen Informationen bündeln, damit nicht jeder zig verschiedene Apps haben muss. Die LandApp SH beinhaltet alle wichtigen Informationen aus der Landwirtschaft, Agrar-Termine und Marktdaten. Und wir als Verband müssen digital stattfinden. Wir entwickeln immer mal neue Formate wie zuletzt „Peter fragt …“
Mit welcher Motivation gehen Sie in das neue Jahr?
Meine Arbeit macht mir Spaß. Ich vertrete gerne die Interessen der Berufskolleginnen und -kollegen. Wir haben ein starkes Hauptamt im Bauernverband, das sehr engagiert zuarbeitet. Wir diskutieren mitunter sehr hart im Landeshauptausschuss oder auch im Landesvorstand, aber alle, die dort sitzen, sind immer lösungsorientiert. Wir sind ein Unternehmensverband mit sehr engagierten und innovativen Mitgliedern, die die Arbeit des Verbandes auch für sich selbst schätzen. Das gibt auch mir viel Energie.