In Schleswig-Holstein gibt es rund 240 Museen. Darunter befinden sich auch Heimatmuseen, die oft nur durch den Einsatz von Ehrenamtlichen am Leben erhalten werden. In loser Folge stellt das Bauernblatt sie vor. Kürzlich ging es nach Hoisdorf. Hier eröffnete die Gemeinde in einer Hofanlage aus dem 18. Jahrhundert das Stormarnsche Dorfmuseum.
„Ein wahrer Schatz!“ „Sehr schönes, liebevoll geführtes Museum!“ „Unbedingt anschauen!“ Die Internet-Bewertungen für das Dorfmuseum sind voller Lob. 24 engagierte Ehrenamtliche sind hier im Einsatz, um eine Sammlung von Objekten aus der Landwirtschaft, dem dörflichen Handwerk und dem ländlichen Haushalt zu präsentieren.
Foto: Silke Bromm-Krieger
Weiterhin zeigen sie die Einrichtung des früheren Hoisdorfer Tante-Emma-Ladens sowie Mobiliar und Utensilien der ehemaligen Dorfschule. Zudem gibt es eine vorgeschichtliche Abteilung. Über 100 heimische Vögel aus der Sammlung und Fertigung des Präparators Hans-Ewald Brennecke, Exponate des Dichters Hermann Claudius (1878-1980) sowie des Bildhauers Richard Kuöhl (1880-1961) runden das Angebot ab. Unter den etwa 10.000 Ausstellungsstücken aus dem 18. Jahrhundert bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts befinden sich manch seltene Sammlerschätzchen. Das Außengelände mit einem Kräutergarten, einer Schau landwirtschaftlicher Geräte und Remise ist für Besucher ebenfalls zugänglich.
An diesem Tag laden die Ehrenamtlichen Marianne Lentz und Klaus Bustorf zu einem Rundgang durch die 600 m² große Ausstellungsfläche ein. Bustorf bittet in den Großen Raum, der ehemals ein Viehstall war und gleich hinter dem Haupteingang liegt.
Foto: Silke Bromm-Krieger
Der Reedereikaufmann im Ruhestand war von 2006 bis 2022 Leiter des Hauses und kennt es wie seine Westentasche. Zielsicher geht der 89-Jährige zu einer Vitrine, in der sich seltene Barttassen befinden. Barttassen? Der Senior schmunzelt und löst das Rätsel auf, was es mit diesen seltsam anmutenden Trinkgefäßen auf sich hat. „Eine Barttasse war eine Tasse für Männer, die innen, oberhalb der Stelle, an der man beim Trinken den Mund ansetzt, einen waagerechten Steg hatte. Dieser sollte den Bart und das Wachs, das zur Schnurrbartmodellierung verwendet wurde, vor der Verschmutzung durch das Getränk oder dem Aufweichen durch heißen Dampf schützen“, erzählt er. Viele patriotisch gesinnte Männer hätten es anno dazumal Kaiser Wilhelm II. (1859-1941) gleichgetan. Sie trugen prächtige, nach oben gezwirbelte Schnauzbärte. Die Barttassen wurden meist aus Porzellan hergestellt, reich verziert und mit Sprüchen versehen wie „Deinen schönen Bart zu schützen, soll dir diese Tasse nützen.“.
Vom Großen Raum erreichen wir die Diele. Sie vermittelt einen Eindruck von Aspekten des ländlichen Lebens, der Milchwirtschaft und der Haus- und Vorratswirtschaft. Ebenso steht dort das Modell der Rohlfshagener Kupfermühle, das auf einen für Stormarn und den Umkreis von Hamburg im 18. und 19. Jahrhundert wichtigen Industriezweig aufmerksam macht. An der Längsseite ist eine Schmiedewerkstatt mit Amboss, Esse, Blasebalg und Originalwerkzeugen aufgebaut. Diese verweist auf die ursprüngliche Nutzung des Anwesens. Es wurde 1756 von einem Hugenotten namens Martin Friedrich Duwejer als Dorfschmiede errichtet. Ab 1855 diente es als landwirtschaftliches Gehöft, das 1974 in Erbpacht von der Gemeinde erworben wurde. Nach Sanierungs- und Umbauarbeiten öffnete es 1978 als Stormarnsches Dorfmuseum seine Tore. Die geräumige Diele des niederdeutschen Fachhallenhauses ist heute auch Veranstaltungsraum und Ort für standesamtliche Trauungen.
Foto: Silke Bromm-Krieger
Marianne Lentz berichtet, dass früher von hier zwei Ställe für Pferde abgingen. Jetzt sind dort „gute Stuben“ untergebracht, deren Mobiliar überwiegend aus der Zeit um 1900 stammt. In einer gibt es einen typischen gusseisernen Ofen aus der Carlshütte in Büdelsdorf. Bustorf nimmt eine danebenstehende „Feuerkieke“ in die Hand, einen durchlöcherten Behälter aus Metall. „In ihn wurden glühende Holzkohlen gelegt. Die Frauen nahmen ihn dann als wärmende Fußbank mit in den Gottesdienst“, erklärt er. In Haus und Hof oder bei Kutschfahrten war das Utensil gegen Fußkälte ebenso gefragt.
Am östlichen Ende der Diele gelangt man in den früheren Wohnbereich. Hier befindet sich die Hermann-Claudius-Stube. „Sie erinnert mit ihrer Raumaufteilung, den roten Wänden und Original-Einrichtungsgegenständen, Büsten und Bildern an das Arbeitszimmer des Schriftstellers in seinem Haus im benachbarten Grönwohld“, weiß Lentz. Die Lehrerin und Museumspädagogin im Ruhestand beschäftigte sich intensiv mit seinem Wirken und Werk. „Hermann Claudius war ein Urenkel des deutschen Dichters, Lyrikers und Journalisten Matthias Claudius (1740-1815). Er war dem Dorfmuseum eng verbunden, hat dessen Gründung und Entwicklung mit großem Interesse verfolgt und sich durch Lesungen und Gespräche aktiv an der Museumsarbeit beteiligt“, informiert die 84-Jährige. Sogar der Festakt zu seinem 100. Geburtstag fand im Museum statt. Einige Wochen vor seinem 102. Geburtstag starb er.
Über eine Treppe in der Hermann-Claudius-Stube erreichen wir eine weitere Abteilung des Museums. Auf dem ehemaligen Kornboden hat es Claus Möller, Museumsleiter von 1984 bis 2006, geschafft, auf kleinstem Raum ein Gesamtbild der Vor- und Frühgeschichte schlaglichtartig zusammenzufassen. Besonders im Fokus stehen Ausgrabungen, die der prähistorische Archäologe Dr. Alfred Rust (1900-1983) vornahm. Er entdeckte international relevante Funde im Ahrensburger Tunneltal. Eine Besonderheit ist außerdem der 4.100 Jahre alte Riesenbecher, ein 42 cm hohes Tongefäß, in dem während der Jungsteinzeit die Asche eines Menschen bei Börnsen im Kreis Herzogtum Lauenburg begraben wurde. Wir gehen zurück zum Großen Raum im Erdgeschoss, von dem man in das Obergeschoss gelangt. Dort befinden sich Exponate des Dorflebens aus der Zeit bis in die 1950er Jahre.
Foto: Silke Bromm-Krieger
Es fallen der historische Kolonialwarenladen und ein Klassenraum der alten Dorfschule ins Auge. Doch auch die Themen Herstellung von Textilien, altes Kinderspielzeug oder die Hausschlachtung werden behandelt. Über ein paar Stufen kommt man auf den ehemaligen Heuboden mit landwirtschaftlichen Geräten. An dieser Stelle wird über die Feldarbeit des Bauern von der Saat bis zur Ernte und das dörfliche Handwerk aufgeklärt. Außerdem kann man einen Ausflug in die heimische Vogelwelt unternehmen. „Unser Museum hat wohl die umfangreichste Sammlung von Präparaten heimischer Vögel in Schleswig-Holstein“, stellen die Ehrenamtlichen heraus.
Am Ende des zweistündigen Rundgangs, der angesichts der überwältigenden Menge an Exponaten und Infotafeln nur ausschnittsweise wiedergegeben werden kann, möchte Lentz einen kurzen Einblick hinter die Kulissen geben. „Träger des Museums ist die Gemeinde Hoisdorf. Über sie läuft die Finanzierung. Alles weitere leisten wir ehrenamtlich“, bemerkt sie. Nachdem es mit Adolf Christen, der in den 1950er Jahren mit anderen den Grundstein für die Sammlung legte, Claus Möller und Klaus Bustorf drei ehrenamtliche Leiter gab, übernehme seit einiger Zeit jeweils für ein Jahr ein dreiköpfiges Leitungsteam diese Aufgabe. Aktuell gehörten ihm Christiane Mertens, Maria Görlich und Hartmut Buthmann an. Die Mitarbeitenden seien in acht Teams organisiert, die sich um unterschiedliche Bereiche kümmern. „Wir sind eine tolle Gemeinschaft von Menschen zwischen 55 und über 90 Jahren und haben auch einen jungen Mann mit dabei. Über mehr Aktive würden wir uns freuen“, unterstreicht Marianne Lentz. Sie und Klaus Bustorf betonen, wie viel Freude ihnen ihr sinnstiftendes Ehrenamt macht. Bewahren, Sammeln, Forschen, Ausstellen, Vermitteln und Einordnen – diesen Grundsätzen der Museumsarbeit haben sie und ihre Mitstreiterinnen und Mitstreiter sich mit Kopf und Herz verschrieben. Weitere Informationen unter
www.museum-hoisdorf.de




