Start Blog

Zeitreise in 130 Fotos

0

In 45 Jahren Pressefotografie kommen so einige Bilder und noch mehr Erlebnisse zusammen. So um die eine Million Fotos, schätzt der Hamburger Pressefotograf Andreas Laible. Zusammen mit seinen Kollegen Jürgen Joost und Ronald Sawatzki hat er das Kunststück vollbracht, aus diesen 45 Jahren Pressefotografie 130 Bilder für die Ausstellung in der Hauptverwaltung der Itzehoer Versicherungen in Itzehoe auszuwählen. Eindrucksvolle Porträts von Künstlern und Politikern, Stadtansichten Hamburgs, politische und geschichtliche Ereignisse, Konzerte, Theateraufführungen, Demos, jüdisches und muslimisches Alltagsleben, festgehalten mit der Kamera. Und allesamt erzählen sie eine Geschichte.

Andreas Laible (li.) und Ronald Sawatzki vor von ihnen fotografierten Porträts.
Foto: Iris Jaeger

Erstflug des Airbus A380 über Hamburg: Pressefotograf Andreas Laible sitzt in einem Hubschrauber, der bereits seit einer halben Stunde über dem Hamburger Hafen „steht“ und auf die Ankunft des Flugzeuges wartet. Der Hubschrauber-Pilot steht im ständigen Kontakt mit dem Tower, unsicher, ob seine Position geeignet ist oder sich die Luftverwirbelungen durch die Rotoren negativ auf den Airbus-Flug auswirken könnten. Plötzlich zieht das Flugzeug vorbei, Laible schafft es, im richtigen Moment den Auslöser seiner Kamera zu drücken. Es entsteht eine einzigartige Aufnahme des A380 über dem Hafen.

Pressefotograf Jürgen Joost hat einen Termin mit Leonard Cohen im Hotel. Doch der kanadische Sänger und Schriftsteller liegt mit einer Erkältung im Bett und kann nicht kommen. Joost fragt nach, ob es nicht möglich wäre, ihn am Bett zu treffen. Es gelingt. Cohen setzt sich die Mütze auf und lässt sich im Bett sitzend fotografieren. Bei der HSV-Meisterfeier 1979 im Hamburger Volksparkstadion durchbrechen Fans den Zaun der Westkurve, es herrscht ein einziges Chaos. Es gibt zahlreiche Verletzte, Helfer kümmern sich um die zum Teil bewusstlosen Anhänger des Vereins. Joost wird mit seiner Kamera Zeitzeuge dieser Eskalation. Eines der Schwarz-Weiß-Fotos schafft es auf den Titel des Magazins „Stern“, allerdings koloriert und per Fotomontage nachbearbeitet, um es aggressiver wirken zu lassen.

Boris Füting setzt mit seiner akkuraten Hängung die Bilder perfekt in Szene. 
Foto: Iris Jaeger

Es sind diese und unzählige weitere Geschichten, die die drei renommierten Hamburger Fotografen bei ihrer Arbeit erlebten und die hinter den gezeigten Fotografien stecken. „Es ist wie eine Zeitreise durch die vergangenen Jahrzehnte“, fasst Ronald Sawatzki die Ausstellung zusammen. Bereits bei einer vorangegangenen Ausstellung habe man erlebt, wie beeindruckt die Besuchenden jedes Mal waren und beim Betrachten der Fotos in Erinnerungen schwelgten. „Geld damit zu verdienen ist das eine. Aber uns ist es wichtig, diesen Nachlass der vergangenen 45 Jahre allen zugänglich zu machen, denn wie in allen Bereichen der Kunst haben Menschen ein Anrecht darauf, das hier zu sehen“, so Sawatzki. Und so erzählen die Fotos von bewegenden Ereignissen, leisen Momenten und großen gesellschaftlichen Umbrüchen.

Sie zeigen Persönlichkeiten aus Politik und öffentlichem Leben auch einmal in unerwarteten Momenten: zum Beispiel einen meist hanseatisch steif wirkenden Helmut Schmidt, herzhaft lachend mit seiner Frau Loki, einen verschmitzt lächelnden Olaf Scholz. Ein Wiedersehen gibt es mit Jan Fedder, Harald Junke oder Götz George. Udo Lindenberg wird zu seinem 80. Geburtstag eine Hommage gewidmet, in großformatigen Porträts sind internationale Stars wie Clint Eastwood, Morgan Freeman oder John Malkowich zu sehen. Erinnert wird an Ereignisse wie den G20-Gipfel in Hamurg, den bereits genannten Airbus-Erstflug oder die besagte Meisterfeier des HSV. Ergänzt wird der Bilderreigen durch Konzertfotos von beispielsweise Bruce Springsteen, Carlos Santana, Tokio Hotel oder Peter Maffay. Wer sich auf diese fotografische Reise begeben will, kann das während der regulären Öffnungszeiten der Itzehoer Versicherungen montags bis freitags von 8 bis 18 Uhr tun. Der Eintritt ist frei. Die Ausstellung ist ab dem 24. April bis Februar 2027 zu sehen.

Jürgen Joost, Andreas Laible und Ronald Sawatzki zeigen an die 130 Pressefotos in den Räumen der Itzehoer Versicherungen in Itzehoe.
Foto: Romanus Fuhrmann

Foto: Ronald Sawatzki
Foto: Andreas Laible
Foto: Jürgen Joost
Foto: Jürgen Joost
Foto: Ronald Sawatzki
Foto: Ronald Sawatzki

Foto: Ronald Sawatzki

Foto: Ronald Sawatzki

Foto: Ronald Sawatzki

Foto: Ronald Sawatzki
Foto: Iris Jaeger


Theo entdeckt seine Welt mit Herz und Zauberstab

0

Alexander Ramm aus Laboe im Kreis Plön ist Ehemann, Papa, Autor und Mensch mit Sehbehinderung. Seit vielen Jahren setzt er sich für Inklusion, Teilhabe und Barrierefreiheit ein. Nun hat er das autobiografische Kinderbuch „Theo und der Zauberstab – Geschichten eines unerschrockenen Entdeckers“ geschrieben. Es handelt von Mut, Freundschaft und dem Leben mit einer Sehbehinderung.

Als im vergangenen Jahr die ersten 200 druckfrischen Exemplare des Buches zu Hause eintrafen, war das ein ganz besonderer Moment, auch für Sohn Mats Fiete. Er war mächtig stolz auf seinen Papa und bat ihn als Erster um ein Exemplar samt Autogramm. „Danach stellte er im Kinderzimmer das Buch so aufs Regal, dass jeder das Titelbild sehen kann“, schmunzelt der 44-Jährige. In seinem Kinderbuch verarbeitet der gebürtige Niedersachse eigene Kindheitserfahrungen, webt in die Geschichten aber auch Hilfsmittel ein, die Kinder mit einer Beeinträchtigung des Sehens heute nutzen können. „Damals gab es etliche noch nicht. Ich musste vieles ohne Unterstützung bewältigen“, blickt der verrentete Informationskaufmann zurück.

Alexander Ramm orientiert sich mit einem Blindenstock, der ihm hilft, abtastend den Weg zu finden und Hindernisse zu erkennen, bevor er sie erreicht.
Foto: Silke Bromm-Krieger

Vor uns liegt sein kunterbuntes Kinderbuch für Leser ab vier Jahren. Ein Hardcover mit hochwertiger Fadenbindung im DIN-A4-Format, die 28 Seiten aus reißfestem, dickem Papier. Die liebevoll gezeichneten Illustrationen in Aquarell stammen von Kunstmalerin Alexandra Eicks. Auf dem Einband ist der kleine Theo mit einem blauen Ranzen zu sehen, wie er fröhlich mit dem Blindenstock zur Schule geht. Weil es dem Autor wichtig ist, dass alle kleinen und großen Menschen auf ihre eigene Art die Geschichten des unerschrockenen Entdeckers erleben können, hat er sie durch barrierefreie Angebote ergänzt. Im Buch findet sich ein QR-Code, über den ein Hörbuch aufrufbar ist. Außerdem sind Theos Abenteuer in drei Versionen der Blindenschrift Braille verfügbar, in Anfänger-Braille, Vollschrift und Kurzschrift. Ein Video in Gebärdensprache befindet sich in der Produktion. Demnächst wird es gleichfalls eine plattdeutsche Fassung geben.

Im Buch, dessen erste Auflage er in Eigenregie mit Unterstützung von Spenden herausbrachte, geht es um den Jungen Theo, der mutig, neugierig und voller Ideen ist. „Doch Theo sieht die Welt anders als andere Kinder, denn er ist sehbehindert. Das hält ihn aber nicht davon ab, aufregende Abenteuer zu erleben. Mit seinem treuen Zauberstab, wie er seinen Blindenstock nennt, erkundet er neue Wege, meistert Herausforderungen und zeigt, dass wahre Stärke aus Freundschaft und Zusammenhalt kommt“, stellt Ramm den Inhalt seines Werkes vor. Die Leser könnten Theo und seine Freunde beispielsweise in einer magischen Nacht unter dem Sternenhimmel, beim Kicken oder in der Schule begleiten.

In seinem Buch erzählt der Autor über eigene Kindheitserfahrungen.
Foto: Silke Bromm-Krieger

Zu Beginn in der Geschichte „Theo und das Schlüsselloch“ erklärt Theo seinen Spielkameraden, dass er die Welt ein wenig anders sieht. „Es ist, als würde ich durch ein kleines Schlüsselloch gucken. Ich kann nur das sehen, was direkt vor mir ist. Alles andere ist unsichtbar.“ Auch Ramm ergeht es so. Er wuchs mit seinen Eltern und zwei Brüdern in der niedersächsischen Gemeinde Salzhausen auf. Schon früh erhielt er die Diagnose Retinitis pigmentosa. „Das ist eine zunehmende Degeneration der Augennetzhaut, die zu einer Gesichtsfeldeinschränkung, einem Tunnelblick, einer Nachtblindheit und reduzierter Kontrastwahrnehmung führt“, informiert er. Auf dem linken Auge sehe er 10 %, auf dem rechten nur hell und dunkel. Dabei ändere diese Erkrankung nicht nur das Sehen, sondern auch die Orientierung, Sicherheit und Selbstständigkeit im Alltag. Damit die Leser sich das anschaulich vorstellen können, ist dem Buch eine spezielle Pappbrille beigelegt, die sein Sehen simuliert.

In Kindheit und früher Jugend war Ramm ein begeisterter und erfolgreicher Fußballer, bis er die lieb gewonnene Freizeitbeschäftigung aufgrund einer stärker werdenden Beeinträchtigung des Sehens aufgeben musste. Im Buch greift er das Thema in der Geschichte „Theo und der Fußball mit Freunden“ auf. Hier erfahren die Leser, dass es mit dem Schlüssellochblick gar nicht einfach ist, den Ball im Spiel nicht aus den Augen zu verlieren. Deshalb haben Theos Freunde die geniale Idee, einen Ball zu holen, der bei jeder Bewegung rasselt und klingelt, damit er weiter mitkicken kann.

In die autobiografischen Geschichten hat Ramm aus Freude, Spaß und Schalk kleine „Geheimnisse“ eingebaut, die den Lesern verborgen bleiben. „Der beste Freund von Theo heißt Mats. Ich habe ihm den Namen meines Sohnes gegeben“, verrät er. Auch weitere „Easter-Eggs“, wie er sie augenzwinkernd nennt, hat er in den Text einfließen lassen. „So gibt es eine Illustration von Theo mit seinen Eltern, die immer für ihn da sind. Sie sehen tatsächlich wie meine Eltern aus“, berichtet er lächelnd. Daneben sei das Geburtsdatum seines Sohnes in einem Bild versteckt.

Nach den Geschichten über Theo, die zeigen, dass jeder Teil eines Abenteuers sein kann, egal welche Hindernisse zu überwinden sind, schließt sich im Buch ein Sachteil an. Hier beantwortet der Autor kindgerecht Fragen wie: Was bedeutet es, sehbehindert oder blind zu sein? Zudem gibt es Informationen zum Blindenstock und Tipps für inklusive Spiele.

Nach der Buchveröffentlichung 2025 war Ramm sehr auf die Resonanz gespannt. Für ihn war es toll zu erleben, dass die Rückmeldungen der Leserschaft durchweg positiv und wertschätzend ausfielen. Schnell war die Erstauflage vergriffen. „Nachdem Kinderbuchverlage mein Manuskript zuvor abgelehnt hatten, war ich einen Moment doch unsicher, ob ich es wirklich wagen sollte, es auf eigene Faust herauszugeben“, gesteht er. Zum Glück ließ er sich nicht beirren, hatte für den geplanten Nachdruck seines Herzensprojekts sogar bald Größeres im Sinn. Wie wär’s, wenn er deutlich machte, dass das Buch mehr als eine Geschichte, nämlich Teil einer Bewegung sei? Kurzerhand gründete er im vergangenen Jahr mit sechs Mitstreitern den gemeinnützigen Verein InkluFusion.

Alexander Ramm mit Ehefrau Jasmin, die 2004 späterblindete, und Sohn Mats Fiete, der alles sehen kann
Foto: privat

Die offene Community ohne Mitgliedsbeitrag finanziert sich ausschließlich über Spenden und setzt sich bundesweit für gelebte Inklusion, Aufklärung und gegenseitiges Verständnis ein. „Wir glauben, jeder Mensch hat das Recht gesehen und verstanden zu werden, mit allen Stärken, Eigenheiten und Besonderheiten. Mit Projekten wie ‚Theo und der Zauberstab‘ möchten wir Kindern und Erwachsenen Mut machen, Barrieren zu erkennen und gemeinsam abzubauen“, bringt er es auf den Punkt. So wurde die zweite Auflage über den Verein realisiert. Der Verkaufserlös kommt seiner ehrenamtlichen Arbeit im vollen Umfang zugute. Seit Herausgabe des Buches ist Ramm auf Lesetour. Er besucht Kindergärten, Grundschulen und war beim bundesweiten Vorlesetag dabei, um sich für Vielfalt in der Gesellschaft starkzumachen. Er will dafür schon die Kleinsten mit ins Boot holen, sie für gelebte Inklusion und Barrierefreiheit sensibilisieren. „Oft machen wir die Erfahrung, dass die Hürden für Menschen mit Behinderung nicht nur auf der Straße, sondern in den Köpfen der Mitmenschen entstehen“, gibt er zu bedenken.

Für die Zukunft kann er sich vorstellen, dass Theos Geschichten weitergehen, dass sein Protagonist älter wird und weitere, spannende Abenteuer erlebt. „Über die schreiben wir dann aber gemeinsam, Papa“, hat sein Sohn sich schon gewünscht.

Wenn man Alexander Ramm im Gespräch erlebt, springen der innere Funke, der ihn antreibt, seine Leidenschaft und sein Herzblut für die gute Sache sofort über. Wie er als Brückenbauer, Macher, Kämpfer und engagierter Mensch anpackt, sich einsetzt und Vorurteile abbaut, ist vorbildhaft. Noch viel mehr könnte über ihn und sein bewegtes Leben erzählt werden, aber das würde hier den Rahmen sprengen. Also sei an dieser Stelle auf Facebook verwiesen, wo er unter „Mehr als Blind“ regelmäßig postet. Bei Instagram ist er unter ­
@inklufusion_verein zu finden. „Auch mit meinen Einschränkungen bin ich ein aktiver und lebensfroher Mensch“, bekräftigt er zum Abschied.

Literatur

Alexander Ramm (Text), Alexandra Eicks (Illustrationen): „Theo und der Zauberstab – Geschichten eines unerschrockenen Entdeckers“, 15 €, kann per ­E-Mail bestellt werden unter post@in​klufusion.de, weitere Informationen finden sich auch unter
www.inklufusion.de

Die Qual mit Wolf und Wal

0

Gleich zwei tierische Ereignisse im Norden boten zwischen Iran- und Ukraine-Krieg, dem Gezerre um die Straße von Hormus, explodierenden Energiepreisen und politischen Rändern im Aufschwung jüngst Anlass zum Staunen: Ein Wal war vor Timmendorfer Strand und später der Insel Poel gestrandet, und in Hamburg ist eine Frau durch einen seit Wochen im Stadtgebiet umherstreunenden Wolf verletzt worden.

Vor allem am gestrandeten Buckelwal kam man in Internet, Zeitung und Fernsehen nur schwer vorbei. Von einem „Drama an der Ostseeküste“ war da die Rede, Livestreams und -ticker sowie eine Berichterstattung, die ihresgleichen suchte, versorgten die Menschen mit Neuigkeiten rund um den zu allem Überfluss auf den Namen „Timmy“ getauften Wal. Ganz grün über den praktikablen Umgang mit „Timmy“ waren sich die Beteiligten vor Ort dabei jedoch selbst nicht. Viel ist gestritten und debattiert worden, wie mit dem Säugetier richtig umzugehen sei. Vor allem der Meeresbiologe Robert Marc Lehmann polarisierte. Schnell wurden nach dem zunächst berechtigten Aktionismus Stimmen laut, das durch menschliche Einflüsse gezeichnete Tier in Ruhe sterben zu lassen.

Nicht weniger kurios war da der Fall des Wolfes, der in Hamburg eine Frau verletzte. Das Jungtier, das zuvor mehrfach in der Hansestadt gesichtet worden war, hatte sich in ein Altonaer Einkaufszentrum verirrt. Beim Versuch einer Passantin, das immer wieder gegen eine Glasscheibe laufende Tier aus der Einkaufsmeile herauszugeleiten, ist diese im Gesicht verletzt worden –  wie genau, ist bis heute nicht ganz klar. Die Fürsprecher des Wolfes sprachen schnell von Glassplittern, die die Frau beim Sturz im Gesicht verletzt hätten. Der Wolf selbst hingegen konnte es – natürlich – nicht gewesen sein. Das später aus der Binnenalster gezogene Tier wurde nach Aufenthalt in einer Wildtier- und Artenschutzstation am südlichen Stadtrand, an der Grenze zu Niedersachsen, mit einem Sender ausgestattet wieder ausgewildert. Warum dieser Wolf nicht entnommen, sondern wieder in die Freiheit entlassen wurde, ruft nicht nur beim jagdpolitischen Sprecher der CDU-Landtagsfraktion in Schleswig-Holstein, Hauke Göttsch, Unverständnis hervor.

Eifrig ist für beide Tiere demonstriert worden, und Wal und Wolf zogen eine Aufmerksamkeit auf sich, von der andere – weniger populäre – Arten nur träumen können. Mit beiden wirbt es sich aber offenbar am besten, auch für hehre Ziele im Naturschutz. Ein „Like“ bei Instagram genügt, um sich für diese Individuen einzusetzen und zu zeigen, dass man zu den Guten gehört. Abseits des Smartphones kochten die Emotionen rund und um den Wal jedoch auch ganz handfest weiter hoch, es wurden etwa Polizeiabsperrungen durchbrochen und Strafanzeigen gegen Mecklenburg-Vorpommerns Landwirtschaftsminister Dr. Till Backhaus (SPD) gestellt. Gabriele Richter, Bürgermeisterin der Insel Poel, sprach von Morddrohungen einzelner Kritiker, die „den zuständigen Stellen ein vorsätzliches, kriminelles Handeln zum Nachteil des Wales“ vorwarfen, nachdem man sich entschieden hatte, weitere Maßnahmen zur Rettung des Schwergewichtes einzustellen. Man muss sich schon die Augen reiben, wenn Einzelne das wildtierische Leben offenbar über das menschliche stellen. Am Mittwoch voriger Woche gab es dann schließlich grünes Licht für einen weiteren Rettungsversuch, diesmal durch eine private Initiative. Das Wildtier wird zur Projektionsfläche für die eigenen Wünsche und Erwartungen.

Ob Isegrims Auftritt im Einkaufszentrum manch naturverbundenen Hanseaten zum Nachdenken bewegt hat? Zwischen Altbaustuck und Dielenboden wird dieses Ereignis, ähnlich wie das Schicksal des Wals „Timmy“, zwischen den Sorgen des Alltags schnell wieder ins Vergessen geraten – ebenso wie die Begeisterung für Wal und Wolf. Die wolfskritischen Stimmen dürften dabei einmal mehr als provinziell und übertrieben abgetan werden. So uneingeschränkt famos, wie viele die Rückkehr des Wolfes gern feiern, ist sie offensichtlich eben doch nicht. Schäfer, Landwirte und Bewohner des ländlichen Raumes wissen darum schon lange. Oft genug sind ihre Bedenken belächelt worden.

Lob von Bauern und Jägern

Der Deutsche Bauernverband (DBV) hat die Aufnahme des Wolfs ins Bundesjagdrecht, die nach dem Bundestag kürzlich auch der Bundesrat abgesegnet hat, als „gute Entscheidung für die Weidetierhaltung“ begrüßt. Auch vom Deutschen Jagdverband (DJV) und vom Deutschen Landkreistag kam Zustimmung. Der Förderverein der deutschen Schafhaltung zeigte sich hingegen enttäuscht, und Umweltschutzorganisationen lehnten die Neuregelung komplett ab.

Nach Einschätzung von DBV-Generalsekretärin Stefanie Sabet erhalte die Weidetierhaltung „erstmals einen praktikablen und bundesweiten Rahmen zur Regulierung des Wolfsbestandes“. Die vom Berufsstand seit Langem geforderte Gesetzesänderung sei ein Meilenstein in der Wolfspolitik und mache den Weg frei für ein realistisches Wolfsmanagement. „Jetzt brauchen wir eine schnelle Umsetzung in den Ländern, eine sofortige Anwendung der Schadwolfentnahme und eine unverzügliche Aufstellung von Managementplänen“, so Sabet. Zudem müssten die Länder die Weidegebiete abgrenzen, die nicht verhältnismäßig zäunbar seien und damit frei von Wölfen gehalten werden müssten.

Für die Aufstellung der Managementpläne fordert der DBV eine bundesweite Mindestentnahmequote von 40 % des jährlichen Nachwuchses, um eine generelle Regulierung zu ermöglichen. Besonders betroffene Bundesländer mit hohem Wolfsbestand sollten darüber hinausgehende Entnahmequoten festlegen.

Der Förderverein der deutschen Schafhaltung räumte ein, dass die Politik zwar einen Schritt in die richtige Richtung getan habe. Sie agiere aber zu zögernd. Zentrale Hürden bleiben aus Vereinssicht bestehen. Insbesondere die weiterhin engen rechtlichen Vorgaben, die Abhängigkeit von komplizierten Managementplänen und die unklare Definition des günstigen Erhaltungszustands verhinderten eine wirksame und schnelle Entlastung der Weidetierhaltung.

Monitoring verbessern

Der DJV wertete die Entscheidung als ein „Signal für verantwortungsvolle Wildtierpolitik und funktionierende Weidetierhaltung in Deutschland“. Auch wissensbasierte Vorschläge der Jägerschaft hätten zu einem guten Bundesjagdgesetz geführt. DJV-Präsident Helmut Dammann-Tamke sieht die künftigen Aufgaben der Jäger nicht nur in der Bejagung, sondern auch in der Information.

Der Deutsche Landkreistag sieht in der Aufnahme des Wolfes ins Jagdgesetz einen wichtigen Schritt zu mehr Rechtsklarheit und zu einem sachgerechteren Umgang mit dem Wolf. Jetzt gebe es einen Rechtsrahmen, der auch den berechtigten Interessen der ländlichen Räume gerecht werde. Wo Koexistenzprobleme zunähmen, müsse differenziert und ohne lange Verwaltungsverfahren gehandelt werden können. Für ein wirksames Wolfsmanagement brauche es darüber hinaus eine belastbare und valide Datengrundlage. Notwendig sei ein deutlich besseres Monitoring des Erhaltungszustands.

Vorwurf der Symbolpolitik

Der Deutsche Tierschutzbund konstatierte hingegen einen „schwarzen Tag für den Tier- und Artenschutz“. Die Eröffnung der Jagd auf den Wolf sei ein Symbol für eine tief populistische Kampagnenpolitik, die Lobbyinteressen über Wissenschaft, EU-Recht und im Grundgesetz verankerte Werte stelle. Durch eine pauschale Bejagung könnten Weidetierrisse aber nicht verhindert werden. Daher sei der Herdenschutz dringend weiterzufördern. Auch der World Wide Fund für Natur und der Naturschutzbund Deutschland sind davon überzeugt, dass die pauschale Jagd auf Wölfe das Ergebnis reiner Symbolpolitik sei und keine Sicherheit für Weidetiere schaffe.


„Der Wolf ist in der Großstadt angekommen“ – Kritik an Auswilderung im Süden Hamburgs

Hauke Göttsch, jagdpolitischer Sprecher der CDU-Fraktion Schleswig-Holstein, erklärte zum Wolfsangriff in Hamburg und der erfolgten Auswilderung: „Der Wolf ist mittlerweile in der Großstadt angekommen. Der Angriff auf eine Passantin mitten in der Hamburger Innenstadt hat gezeigt, dass der Wolf ein Kulturfolger ist und demzufolge auch vor urbanen und dicht besiedelten Gebieten nicht haltmacht. Das aggressiv-bissige Verhalten des Wolfes, das zu erheblichen Verletzungen geführt hat, zeigt, dass es sich beim Hamburger Wolf um einen Problemwolf handelt. Deshalb ist die Reaktion des Senats falsch und verantwortungslos.“ Die „übereilte Auswilderung“ in ein der Öffentlichkeit anfänglich unbekanntes Gebiet verschiebe das Problem in andere Bundesländer und gefährde dort die Sicherheit der Bevölkerung, so Göttsch.

Die mit Steuergeld finanzierte Überwachung des Wolfes löse das Problem nicht, da Wölfe mobil seien. Bereits jetzt gebe es eine nachgewiesene erhebliche Überpopulation in Deutschland. Allein in Sachsen-Anhalt betrage die offiziell bestätigte Wolfsdichte 16 Tiere auf 1.000 km²: „Das zeigt die Dimension des Problems. Wir sollten uns an bewährten Modellen wie in Schweden und Frankreich orientieren. Dort gilt eine Obergrenze von durchschnittlich maximal einem Wolf pro 1.000 km². Damit wird sowohl dem Schutz von Nutztieren, Menschen und Natur Rechnung getragen als auch die Akzeptanz in der Bevölkerung erhöht“, bekräftigte Göttsch.

Mit der Änderung des Bundesjagdgesetzes habe die CDU-geführte Bundesregierung dem Problem durch Aufnahme des Wolfes ins Jagdrecht Rechnung getragen. Problemwölfe könnten darüber hinaus schon länger entnommen werden. Umso unverständlicher sei, warum der Hamburger Problemwolf ausgewildert und nicht entnommen wurde. Durch diese Entscheidung werde mit der Sicherheit und dem Leben der Bevölkerung in Stadt und Land unnötig gespielt.

Drei Fragen an den neuen Pflanzenschutzberater Eric Naeve

Seit März ist Eric Naeve neuer ­Referent im Fachbereich Pflanzen­schutz. Bis vor Kurzem hat der gelernte Landwirt an der Hochschule für angewandte Wissenschaften, Fachbereich Agrar, studiert.

„Das A bis Z des Ackerbaus ist mein Ding“, sagt er. Im elterlichen Betrieb im Dänischen Wohld habe ihn das Thema schon früh interessiert. Die Vielfalt an Ackerkulturen, die wir mittlerweile haben, und was bei der Bearbeitung dazugehört, die Bestandesentwicklung zu beobachten, um auf unterschiedliche Bedingungen zu reagieren, sei spannend.

Bei der Kammer werden Sie die Schaderreger überwachen, die Betreuung der Pflanzenschutzversuche und die klassische Beratung machen. Was können unsere Kunden von Ihnen erwarten?
Eric Naeve: Erwarten können sie fachlich fundiertes Know-how und sicherlich auch praxisgerechte Lösungsvorschläge. Die Entscheidung treffen die Landwirte am Ende aber selbst. Da ich von einem Betrieb komme, kann ich den Spagat zwischen Theorie und Praxis gut verstehen.

Was zeichnet die Pflanzenschutzberatung der Kammer aus?
Im Rahmen der rechtlichen Anforderungen, in denen wir uns heute bewegen, müssen sehr viele Aspekte berücksichtigt werden. Und da muss man als Berater immer am Ball bleiben bei den differenzierten Anwendungsbestimmungen und Auflagen. Diese muss man an die Praxis weitergeben. Außerdem verändert sich der Ackerbau zum Beispiel durch den Klimawandel, die Politik und den wirtschaftlichen Druck. Hier sind meine Kollegen immer auch aktuell dran.

Warum die Bewerbung als Pflanzenschutzberater?
Gereizt hat mich, dass man viele neue Leute kennenlernt, Landwirte und Betriebe besucht und dass ich es hinkriegen muss, für jeden Lösungsvorschläge zu erarbeiten. Kein Tag ist wie der andere, es ist eine Mischung aus Schreibtischarbeit und Praxis. Jeder Anruf ist eine neue spannende Aufgabe.

Frühjahrskörung und -auktion beim Holsteiner Verband

Auf der Verbandsanlage des Holsteiner Verbandes in Elmshorn kamen Züchter, Reiter und Pferdebegeisterte aus dem In- und Ausland zur traditionellen Frühjahrsauktion mit angeschlossener Körung zusammen.

Sechs Dreijährige und ein Vierjähriger wurden in der Fritz-Thiedemann-Halle der Körkommission des Holsteiner Verbandes vorgestellt. Am Ende erteilten Zuchtleiter Stephan Haarhoff sowie Deike Ahsbahs und Matthias Wittke vier Hengsten die begehrte Zuchtzulassung.

Zum einen war das der dreijährige Zuccavisto von Zuccero-Con­thargos (Stamm 3615) aus der Zucht und dem Besitz des Hofs Thormählen aus Kollmar, Kreis Steinburg. Der Schimmel überzeugte mit viel Qualität am Sprung. Aus der Zucht von Thomas Horns aus Bredenbekshorst, Kreis Segeberg, stammt der dressurbetonte Val d’Isére von Va Bene-Ampere. Ausgestellt wurde der Braune aus dem Stamm 4847 von Janina Oppl aus Bayern.

Mit Chrispin von Christian-Dinken stellte die Witt Pferdezucht GbR aus Wellinghusen, Kreis Dithmarschen, ebenfalls einen gekörten Hengst aus. Der Fuchs entspringt dem Stamm 776 und ist eng verwandt mit Cardentos von Cardento, der unter Richard Vogel erste internationale Erfolge gesammelt hat. „Ein moderner Sohn des Christian, hochbeinig, leicht und edel“, beschrieb Stephan Haarhoff den Dreijährigen und bescheinigte ihm ein „tolles Springen“.

Die Anreise aus den Niederlanden lohnte sich zudem für Checco Z von Chacco-Blue-Heartbreaker (Joop Buikema, Zweloo). Auch dieser Dreijährige erhielt das positive Körurteil. Die gekörten Hengste wurden auf einer Ehrenrunde noch kurz gefeiert, bevor sie entlassen wurden.

Auf der 40. Holsteiner Frühjahrsauktion erhielt My Kanlina von Million Dollar-Kannan (Mike Patrick Leichle, Schnarup-Thumby) den höchsten Zuschlag. Die Fünfjährige war eins der auffälligsten Pferde der Kollektion und hatte bereits im Vorfeld zahlreiche Begehrlichkeiten geweckt. Kunden aus Baden-Württemberg war diese sportliche Stute 44.500 € wert.

Für 39.000 € sicherte sich Alessandro Mingoli aus Italien Cierana von Casall-Contendro I (Carsten Harms, Rastede) aus dem Stamm 1752. Die sechsjährige Stute, dekoriert mit Erfolgen in Springen bis 1,10 m, hat mit Cieran, der unter dem Iren Diarmuid Howley erfolgreich ist, einen prominenten Vollbruder.

Zum Preis von 33.000 € wechselten gleich zwei Pferde den Besitzer. Zum einen war das Dincan E von Cancara-Caretino (Gerd Eggers, Stadum) aus dem Stamm 5064. Auch der Vierjährige kann mit prominenter Verwandtschaft aufwarten. Seine Mutter ist die Vollschwester zu Cassandra Orschels Derbysiegerin Dacara E, die ihre sportliche Karriere ebenfalls auf einer Frühjahrsauktion des Holsteiner Verbandes begann. Zum anderen kostete Carlchen 33.000 €. Der Chezarro-Caretino-Sohn (Stamm 2966) ist bei Martin Zuba in Wesselburen, Kreis Dithmarschen, geboren und wird in Zukunft sportlich gefördert. Der Durchschnittspreis betrug rund 22.100 €. pm

Gemüseanbau mit Gelinggarantie

0

Pflücksalat, Möhren und Gurken sind gesunde Naschereien. Auch Anfängern gelingt der Anbau dieser Kulturen. Mit den nachfolgenden Tipps für Aussaat, Pflanzung und Pflege kann man bereits in wenigen Wochen ernten.

Anfängerfehler wie zu dichter Stand oder der wahllose Griff zu irgendeiner Samentüte sollten vermieden werden. Die Angaben zum Platzbedarf auf der Rückseite der Samentüte oder auf dem Etikett von Jungpflanzen sind immer zu beachten. Gemüse braucht ausreichend Platz, viel Sonne und passend dosierte Nährstoffe, sonst haben Krankheiten und Schädlinge leichtes Spiel. Sparen beim Saatgut lohnt sich nicht. Auf tolerante und resistente Züchtungen achten, so erntet man läusefreien Salat, mehltaufreie Gurken, Zucchini ohne Viruskrankheiten und madenfreie Möhren. Auch bei vorgezogenen Jungpflanzen Sorteninfos auf dem Etikett beachten. Angaben wie „früh“ oder „spät“ beziehen sich nicht auf den Aussaattermin, sondern auf die Reifezeit. Frühe Sorten reifen schneller, späte Sorten langsamer.

Zucchini ,Soleil‘ bringt mit gelben Früchten Farbe ins Beet. Foto: Karin Stern

Boden, Beetbreite, Düngung und Standort

Zum Säen und Pflanzen muss der Boden ausreichend abgetrocknet sein. Er sollte eine feinkrümelige Beschaffenheit aufweisen. Tipp: Geduldig sein und nicht von den ersten Sonnenstrahlen zum Loslegen verlocken lassen. Die optimale Beetbreite beträgt 120 cm (gern mit dem Zollstock ausmessen). Im Frühjahr 3 bis 5 l/m² reifen Kompost bei der Beetvorbereitung einarbeiten. Das führt Humus und Nährstoffe zu. Optimal für hungrige Kulturen (sogenannte Starkzehrer, zum Beispiel Zucchini und Gurken) ist ein Gemüselangzeitdünger. Er setzt die Nährstoffe nach und nach frei. Wichtig ist, weder zu viel noch zu wenig zu düngen, sondern immer dem Bedarf entsprechend (siehe Dosierungsanleitung auf der Packung). Gemüsebeete immer an einem sonnigen Standort anlegen.

Salat: Am besten zum Pflücken

Pflücksalat ist sehr ertragreich und kann über einen längeren Zeitraum beerntet werden. Foto: Karin Stern

Pflücksalat bringt drei- bis viermal so hohen Ertrag wie Kopfsalat. Außerdem kann er über einen längeren Zeitraum hinweg beerntet werden. Voraussetzung dafür: Beim Pflücken lässt man die inneren Blätter stehen. Jungpflanzen gibt es im Gartenmarkt. Wer Pflücksalat säen möchte, bringt die Samen dünn aus. Die Saatreihen sollten 30 cm Abstand haben. Später zieht man zu eng stehende, schwache Pflanzen aus, damit die übrigen besser wachsen. Idealerweise stehen die Pflanzen im Abstand von 10 cm in der Reihe. Praktisch sind Saatbänder, in denen die Samen im optimalen Abstand in Papierstreifen stecken. Sie werden etwa 1 cm tief in die Saatrille gelegt, mit Erde bedeckt und gegossen. Die Ernte beginnt vier bis sechs Wochen nach der Aussaat. Tipp: Samentüten mit drei unterschiedlichen Sorten Pflücksalat bringen mehr Abwechslung. Auch der Anbau von Rucola ‚Speedy‘ und Asia-Salat-Mischung gelingt Einsteigern mühelos. Auch Kopfsalat bekommt man im Gartenmarkt als Jungpflanzen. Der Abstand auf dem Beet beträgt 25 x 25 cm. Bei regnerischem Wetter neigen manche Sorten jedoch zur Fäulnis und trüben so den Gartenspaß. Erstaunlich regenfest sind erfahrungsgemäß die Sorte ‚Laurenzio‘ beziehungsweise die Nachfolgersorte ‚Roxy‘.

Mit der Verwendung von Saatbändern läuft Asiasalat gleich im richtigen Abstand auf. Foto: Karin Stern

Fruchtgemüse: Salatgurken und Zucchini

Der Anbau von Gurken klappt auch im Freiland mit der passenden Sorte. Die Mini-Salatgurken ‚Paska‘ oder ‚Printo‘ kommen auch ohne Dach über dem Kopf draußen klar. Im Freiland erfolgt die Aussaat ab Mitte Mai. Dann ist der Boden warm genug. Um früher ernten zu können und die Ernteperiode zu verlängern, kann man die Gurken in Töpfen auf der Fensterbank ab Mitte April vorziehen. Diese Vorgehensweise empfiehlt sich auch für die Zucchini ‚Mastil‘. Sie bringt bis in den September hinein hohe Erträge hervor. Wer gelbe Früchte bevorzugt, pflanzt ‚Soleil‘. Tipp: Beide Gemüsearten haben einen hohen Nährstoffbedarf, der sich prima mit Tomatenlangzeitdünger stillen lässt. Man mischt ihn nach Packungsanweisung unter die Erde ins Pflanzloch.

Nur die kräftigste Jungpflanze bleibt nach dem Auflaufen der Zucchini im Anzuchttopf stehen. Foto: Karin Stern

Immer gut: Radieschen, Möhren und Buschbohnen

Radieschen wachsen schnell und können fast ganzjährig angebaut werden. Passende Sorten dafür: ‚Sora‘, ‚Raxe‘ und ‚Rundes halbrot-halbweiß‘. Einfach anzubauen sind auch Möhren. Optimal sind Sorten, die nicht von der Möhrenfliege befallen werden, etwa ‚Flyaway‘ und ‚Purple Haze‘. Tipp: Zwischen der Aussaat und dem Auftauchen der ersten grünen Spitzen vergehen bei Möhren bis zu drei Wochen. Im Juni gesäte Möhren keimen wegen der höheren Bodentemperaturen recht schnell. Ab Mitte Mai ist der Boden warm genug für die Aussaat der Buschbohnen. Anders als Stangenbohnen brauchen sie kein Gerüst. Die Pflanzen liefern über mehrere Wochen hinweg viele Hülsen bei wenig Pflegeaufwand. Sorten wie ‚Saxa‘ oder ‚Duplika‘ sind standfest und wenig krankheitsanfällig. Als Farbspielerei erweisen sich violette Bohnen (‚Bluevetta‘). Wenn die Bohnen etwa handhoch gewachsen sind, häufelt man sie mit etwas Erde an. Dann sind sie standfester. Tipp: Bohnen erst ab Mitte Mai im Freiland säen, frühere Aussaaten in Töpfen auf der Fensterbank vornehmen. 

Nur bei ausreichendem Abstand entwickeln sich große Radieschen. Foto: Karin Stern
Zu dichte Reihen dünnt man aus, wenn die Pflanzen etwa handhoch gewachsen sind. Foto: Karin Stern
Für eine Reihe Buschbohnen findet sich immer noch Platz. Foto: Karin Stern


Nahostkonflikt wirkt als Treiber

0

Der Iran-Krieg schlägt sich auch in den Weltmarktpreisen für wichtige landwirtschaftliche Erzeugnisse nieder. Trotz einer insgesamt komfortablen globalen Getreideversorgung sorgten im März vor allem die gestiegenen Preise für Düngemittel und Energie für Unsicherheit auf den Märkten. Das trieb den Lebensmittelpreisindex der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) im zweiten Monat in Folge nach oben. Erreicht wurde ein Niveau von 128,5 Punkten, womit der Februarwert um 2,4 % übertroffen wurde. Gegenüber März 2025 legte der Index um 1,0 % zu.

Der Getreidepreisindex erhöhte sich im Vergleich zum Vormonat um 1,5 %. Die internationalen Weizenpreise stiegen um 4,3 %, unter anderem bedingt durch eine dürrebedingte Verschlechterung der Ernteaussichten in den USA. Zudem wird in Australien wegen der hohen Düngerkosten eine Einschränkung des Weizenanbaus erwartet. Etwas abgeschwächt wurde die Aufwärtsbewegung des Getreidepreises durch günstige Wetterbedingungen in Europa und einen starken Wettbewerb unter den Exporteuren. Die Maispreise stiegen nur um 0,9 %, da eine ausreichende weltweite Verfügbarkeit weiterhin die Märkte belastete.

„Die Preissteigerungen seit Beginn des Konflikts waren moderat, hauptsächlich angetrieben von höheren Ölpreisen und gedämpft durch reichliche weltweite Getreidevorräte“, erklärte FAO-Chefökonom Máximo Torero. Sollte der Konflikt bei hohen Betriebskosten und derzeit niedrigen Margen jedoch länger als 40 Tage dauern, müssten die Landwirte wählen: eine unveränderte Anbaufläche mit weniger Betriebsmitteln bewirtschaften, weniger anpflanzen oder auf weniger wirksame Düngemittel umsteigen.

Um 5,1 % erhöhte sich der Pflanzenölpreisindex; damit liegt er bereits um 13,2 % über dem Vorjahresniveau. Die internationalen Preise für Palm-, Soja-, Sonnenblumen- und Rapsöl stiegen durch die Bank als Folge der starken Verteuerung von Rohöl. Die internationalen Palmölpreise erreichten den höchsten Stand seit Mitte 2022, während sich die Weltmarktpreise für Sojaöl nur geringfügig erhöhten.

Den höchsten Anstieg verzeichnete die FAO beim Zuckerpreisindex, der um 7,2 % stieg. Von den Marktakteuren wird erwartet, dass Brasilien – der weltweit größte Zuckerexporteur – während der kommenden Ernte stärker auf zuckerrohrbasiertes Ethanol angewiesen sein dürfte, um die höheren Rohölpreise auszugleichen. Hinzu kommen Befürchtungen, dass sich eine Eskalation des Nahost-Krieges auf die Zuckerhandelsströme auswirken könnte. Im Zaum gehalten wurde der Gesamtanstieg der Weltzuckerpreise durch eine insgesamt günstige globale Versorgungsprognose für die Saison 2025/2026.

Für den Fleischpreisindex ergab sich ein Plus von 1,0 %. Angetrieben wurde diese Entwicklung durch einen Anstieg der EU-Schweinefleischpreise bei einer anziehenden saisonalen Nachfrage. Die Rindfleischpreise erhöhten sich nur moderat. Etwas nach unten ging es hingegen mit den Preisen für Schaf- und Geflügelfleisch, teilweise aufgrund logistischer Einschränkungen beim Zugang zu den Märkten im Nahen Osten.

Ein Zuwachs um 1,2 % wurde für den Milchpreisindex registriert. Dies war der erste Anstieg seit Juli 2025, hauptsächlich angetrieben durch höhere Preise für Magermilchpulver, Butter und Vollmilchpulver. age

USDA zum Weizenmarkt: Globale Reserven auf Fünfjahreshoch

Das amerikanische Landwirtschaftsministerium (USDA) hat seine Prognose für die globalen Weizenendbestände für 2025/2026 angehoben und übertraf damit die Erwartung der meisten Analysten. In seinem Bericht „World Agricultural Supply and Demand Estimates“ (WASDE) beziffert das Ministerium die betreffende Menge auf voraussichtlich 283,12 Mio. t; im März lag die Prognose bei lediglich 276,96 Mio. t. Mit dem neuen Prognosevolumen würden die Anfangsbestände um 24,03 Mio. t oder 9,3 % übertroffen. Analysten waren im Durchschnitt von einer Anhebung der Voraussage auf nur 277,07 Mio. t ausgegangen.

Auch in seinem aktuellen Bericht über den Weltgetreidemarkt hebt das USDA die Entwicklung der Endbestände in den wichtigsten Exportländern hervor. Dieser zentrale Indikator für die globale Versorgung dürfte bis zum Ende des laufenden Wirtschaftsjahres sogar um rund 30 % auf fast 79 Mio. t steigen – der höchste Stand seit 2009/2010. Die größten Lagerbestände werden dabei in den USA mit 25,52 Mio. t erwartet, was einem Sechsjahreshoch entspräche. Vor diesem Hintergrund rechnet das Ministerium im kommenden Wirtschaftsjahr mit einer insgesamt kleineren Weizenanbaufläche in den USA. Bereits Ende März hatte das USDA in seinem Bericht „Prospective Plantings“ darauf hingewiesen, dass die Landwirte ihre Weizenfläche per saldo um etwa 3 % reduzieren wollten.

Für Russland, den weltweit führenden Weizenexporteur, erwartet das US-Ministerium erntebedingt einen Anstieg der Endbestände um mehr als 40 % gegenüber dem Anfangsniveau auf nahezu 15 Mio. t. Außerdem dürfte die Lagermenge in der EU mit 16,18 Mio. t um mehr als 45 % größer ausfallen als zum Vorjahreszeitpunkt.

Zudem könnten die Reserven der Ukraine das höchste Niveau seit Beginn des russischen Angriffs erreichen – vor allem wegen deutlich rückläufiger Exporte, was insbesondere Lieferungen in die EU betreffen soll. Weitere umfangreiche Weizenvorräte werden laut USDA zudem für die wichtigen Exporteure Kanada, Australien, Kasachstan und Argentinien erwartet. age

Für die Zukunft des Moores

Im Projekt der Europäischen ­Innovationspartnerschaft (EIP) ­„Unsere Moor­Zukunft Oldenburger Graben (UMZOG)“ arbeiten seit August 2024 landwirtschaftliche Betriebe, Verbände und weitere regionale ­Akteure gemeinsam mit dem Fachbereich Agrarwirtschaft der Hochschule für Angewandte Wissenschaften (HAW) Kiel und dem Lead-Partner FuE-Zentrum FH Kiel GmbH daran, Perspektiven für die Zukunft der Niederung des Oldenburger Grabens zu entwickeln. Ziel ist, ein Konzept zu erarbeiten, das Klima- und Naturschutz wie auch die landwirtschaftliche Wertschöpfung berücksichtigt.

Ein zentraler Baustein der ersten Projektphase war die agrarstrukturelle Analyse der Niederung. In 54 Interviews mit Betriebsleitenden wurden die aktuellen Strukturen, Planungen und Herausforderungen der Betriebe erhoben. Die Ergebnisse zeigen eine Bandbreite an Ausgangssituationen und Zukunftsperspektiven, aber ebenso klare Anforderungen an praktikable Lösungen. Besonders deutlich wurde, dass langfristig tragfähige Konzepte nur gemeinsam mit der Landwirtschaft entwickelt werden können.

Nutzungsoptionen im Fokus

Parallel wird im Projekt intensiv an möglichen Nutzungs- und Entwicklungsoptionen gearbeitet. Im Fokus steht ein zonierter Ansatz: Neben weiter intensiv landwirtschaftlich bewirtschafteten Flächen werden extensivere Nutzungsformen sowie nasse Bereiche mit angepasster Bewirtschaftung wie extensiver Beweidung oder Paludikulturen betrachtet. Entscheidend ist dabei eine moderne, angepasste Wassersteuerung und -führung, die flexibel auf vielfältige Anforderungen reagieren kann.

Die Projektbegleiterinnen des „UMZOG“-Projektes, Ilka Bestmann (li.) und Wiebke FrankFoto: Brigitte Basedau

Nächste Projektphase

Wesentlicher Bestandteil waren bislang die enge Zusammenarbeit in der operationellen Gruppe sowie der kontinuierliche Austausch mit regionalen Akteuren. Im Sinne des Bottom-up-Ansatzes werden die Konzepte gemeinsam mit den beteiligten Akteuren vor Ort erarbeitet. In Workshops und Gesprächen wurden dafür gezielt Bewirtschafter aus der Niederung sowie junge Landwirte eingebunden, um unterschiedliche betriebliche Perspektiven frühzeitig zu berücksichtigen. Dabei waren insbesondere praktische Fragestellungen zur künftigen Bewirtschaftung und zur Umsetzbarkeit wichtig. So konnten verschiedene Sichtweisen zusammengeführt und gemeinsame Ansätze entwickelt werden. In der zweiten Projektphase sollen die Ansätze weiter konkretisiert, wirtschaftlich bewertet und schrittweise umgesetzt werden. Ziel ist die Entwicklung tragfähiger Konzepte, die sowohl praktikabel als auch wirtschaftlich attraktiv für die Betriebe sind. Dazu gehört insbesondere die Entwicklung geeigneter Organisationsstrukturen.

Hochspannungsleitung mit deutlich sichtbarer Bodensackung in der Niederung des Oldenburger Grabens Foto: Wiebke Frank 

Das EIP-Projekt „UMZOG“ zeigt, dass kooperative Ansätze eine zentrale Voraussetzung sind, um die Transformation von Niederungsstandorten praxisnah und langfristig tragfähig zu gestalten. Es wird im Rahmen der Europäischen Innovationspartnerschaft Schleswig-Holstein durch den Europäischen Landwirtschaftsfonds für die Entwicklung des ländlichen Raums (Eler) gefördert.

Die Eutergesundheit verbessern

0

Eutererkrankungen zählen zu den teuersten Gesundheitsproblemen im Milchviehbetrieb. Sie kosten Milch, Arbeitszeit und Tierwohl – und sind der häufigste Grund für Antibiotikaeinsatz im Milchvieh­betrieb. Ziel muss es daher sein, die Erkrankungshäufigkeiten langfristig zu senken und Antibiotika gezielt und verantwortungsvoll einzusetzen. Ein strukturiertes Vorgehen mit Nutzung vorhandener Daten und digitaler Hilfsmittel ist sinnvoll. Schleswig-holsteinische Milchviehbetriebe können sich dafür in einem Coaching schulen lassen.

Statt den Problemen hinterherzulaufen, lohnt es sich, immer die Lage im Blick zu behalten und bei Abweichungen nach den Ursachen zu forschen. Es gibt fast nie nur eine Ursache – im Regelfall führen viele verschiedene Faktoren zu einer Störung der Eutergesundheit. Diese Faktoren liegen vor allem im Management, in der Fütterung, Haltung, Hygiene et cetera und sind damit auch durch das betriebliche Management zu beeinflussen.

Für Erfolge in der Eutergesundheitsarbeit braucht es ein klares, systematisches Vorgehen: Möchte man mit einer strukturierten Arbeit zur Eutergesundheit beginnen, sollte dafür ausreichend Zeit eingeplant werden. Bei Problemen anfangs etwas mehr, bei guter Herdeneutergesundheit wenigstens vierteljährlich nötig: die Überprüfung aller Daten und Festlegung von Zielen.

Welche Daten werden gebraucht?

Die Milchkontrolldaten (Eutergesundheitskennzahlen) bieten einen guten Blick auf die subklinische Herdeneutergesundheit und geben erste Hinweise, wo genau die Probleme auftauchen (zum Beispiel in der Laktation/in der Trockenstehzeit).

Die zytobakteriologischen Milchprobenbefunde (mindestens von frischen Mastitiden, möglichst weitere zum Beispiel trockenzustellender Tiere) der letzten sechs bis zwölf Monate helfen zu erkennen, welche Mastitiserreger vorrangig in der Herde Ärger bereiten. Da man weiß, welche Erreger wie übertragen werden, kann man dadurch auch Risikobereiche erkennen und angehen.

Die Befunde der klinischen Mastitisfälle: Dazu müssen diese von allen Mitarbeitern sicher im Schweregrad erkannt und zeitnah dokumentiert werden.

Die Hygiene beim Ansetzen des Melkzeugs spielt für die Eutergesundheit eine wichtige Rolle.
Auf die Sauberkeit der Zitzen ist besonders zu achten.

Fotos: Ulrike Peschel

Durch die Auswertung dieser Basisdaten können die Eutergesundheitssituation eines Betriebes gut beschrieben und eine Problematik klar abgegrenzt werden. Es kann nun geschaut werden, welche konkreten Risikofaktoren in genau diesem Fall eine Rolle spielen. Werden sie minimiert, wird dies erfolgreich zu einer Verbesserung der Situation beitragen. Gibt es beispielsweise in einem Betrieb in der Trockenperiode und um den Abkalbezeitpunkt herum zu viele Neuinfektionen durch Umwelterreger wie Streptococcus uberis, dann sollten die Hygiene im Spättrockensteherstall, im Abkalbebereich, die Häufigkeit geburtsnaher Erkrankungen und weitere spezifische Risikofaktoren überprüft werden. Wenn es da Optimierungspotenziale gibt, dann muss ganz konkret besprochen und festgelegt werden, wie beispielsweise eine bessere Hygiene im Abkalbestall erreicht werden kann. Das kann dann zum Beispiel mehr Einstreu sein, verbesserte Reinigungs- und Desinfektionsmaßnahmen oder eine geringere Belegung.

Viele Probleme lassen sich so mittel- bis langfristig reduzieren. Gleichzeitig müssen die Daten immer im Auge behalten werden, um neuen Abweichungen schnell entgegensteuern zu können. Zeit und Kenntnisse sind dafür notwendig. Hoftierärztinnen und -ärzte unterstützen dabei. Aber die Hauptarbeit und die Verantwortung für eine kontinuierliche Durchführung der Eutergesundheitsarbeit liegen im Herdenmanagement.

Die Hygiene im Trockensteher- und Abkalbebereich hat Einfluss auf die Neuinfektionsrate.

Für diese strukturierte Eutergesundheitsarbeit kann das digitale Tool Eutergesund eingesetzt werden. Es unterstützt bei der konkreten Zielfestlegung (zum Beispiel Zellzahl senken, Neuinfektionen reduzieren), führt durch die Analyse der relevanten Risikofaktoren und hilft damit, betriebliche Verbesserungsmöglichkeiten zu erkennen. Das Programm gibt weiterhin Hinweise zur evidenzbasierten Mastitistherapie sowie der Minimierung des Antibiotikaeinsatzes und unterstützt bei einem kontinuierlichen Monitoring der Eutergesundheitssituation.

Eutergesundheit durch Coaching verbessern

Im Rahmen des Verbundprojektes „RindforNet_SH“ bietet die Landwirtschaftskammer Schleswig-Holstein in Zusammenarbeit mit dem Ökoring einzelbetriebliche Eutergesund-Coachings für schleswig-holsteinische Milchviehbetriebe an. Beim Coaching wird der Betrieb in die Anwendung des Programms eingeführt und über die Folgemonate dabei begleitet. Betriebsinhaber und deren Mitarbeiter können sich an die Autorin dieses Beitrages unter ulrike.peschel@oekoring.bio wenden oder alternativ Kontakt zur zuständigen Referentin der Landwirtschaftskammer Schleswig-Holstein, Daniela Rixen, unter der E-Mail-Adresse drixen@lksh.de aufnehmen.