Ulrike Röhr ist seit 2009 im schleswig-holsteinischen Präsidium der LandFrauen und seit 2017 ihre Präsidentin. Bei den Wahlen an diesem Sonnabend wird sie nicht mehr kandidieren. Sie weiß schon jetzt, dass ihr in Zukunft etwas fehlen wird.
Frau Röhr, was mögen Sie besonders an den LandFrauen?
Der Baff-Kurs zur Qualifizierung zur Büroagrarfachfrau brachte mich 2003 zu den LandFrauen. Bei der Anmeldung sagte man mir, dass es für Mitglieder Vergünstigungen gebe. Ich trat in meinen Ortsverein Reinfeld ein und ging auch gleich zur nächsten Versammlung. Es waren viele interessante Frauen dort, von denen ich schon einige kannte. Ich wurde offen aufgenommen und bin geblieben.
Es war also eher ein Zufall, wie sie zu den LandFrauen gekommen sind?
Ja, genau. Und kurz darauf kam der Anruf einer LandFrau aus Reinfeld, die im Vorstand war. Sie fragte, ob ich mich in den Vorstand wählen lassen wollte. Ja, dachte ich, warum denn nicht! Ich hatte erfahren, dass es viele spannende und wichtige Projekte gab. Die Mitarbeit hat von Anfang an Freude gemacht und motiviert, weil ich Ideen einbringen konnte und das Team sehr offen war für neue Gedanken.
Dann ging es für Sie schnell an die Spitze der Organisation.
Ja, das ging schnell. 2003 wurde ich Mitglied in Reinfeld, 2004 Beisitzerin, dann stellvertretende Vorsitzende. Ich stellte fest, wie gewinnbringend die Mitarbeit bei den LandFrauen und wie bedeutend der Verband ist. Ich konnte mich dann sehr schnell auf Kreis- und Landesebene engagieren, unter anderem von 2007 bis 2014 als stellvertretende Vorsitzende beim Kreisverband Stormarn. Auf Landesebene war ich zunächst Präsidiumsmitglied und vor meiner Wahl zur Präsidentin zwei Jahre Vizepräsidentin.
Wie wichtig war es für Sie, an die Spitze der Organisation gewählt zu werden?
Für mich persönlich fand ich es nicht wichtig, aber für das, was man an der Spitze für die LandFrauen erreichen kann, fand ich es wichtig. Die Arbeit im Präsidium ist politischer, und das Netzwerken und die Interessenvertretung für Frauen und Familien im ländlichen Raum nehmen noch mal einen ganz anderen Stellenwert ein. Lösungen im Team zu erarbeiten, Einflussmöglichkeiten zu nutzen in Entscheidungsgremien, das gehört zu den vornehmlichen Aufgaben im Landespräsidium. Das war einfach spannend im Präsidium. Als Vizepräsidentin stieg die Verantwortung, und ich wusste die Teamarbeit noch mehr zu schätzen. Als Präsidentin geht es noch stärker darum, die LandFrauenideen nach vorn zu bringen und die Themen der LandFrauen und Frauen im ländlichen Raum an den richtigen Stellen anzusprechen. Es ist eine besondere Position mit viel Verantwortung.
Was hat es mit Ihnen selbst gemacht, an der Spitze eines der größten Verbände Schleswig-Holsteins zu stehen?
Verändert habe ich mich, glaube ich, nicht. Aber das vielfältige Engagement macht etwas mit einem. Man wächst mit der Aufgabe. Beispielsweise fällt es mir heute leichter, spontan bei Veranstaltungen Reden zu halten. Es ist spannend, noch mehr Präsenz zu zeigen und zu schauen: Wo stehen wir LandFrauen, und wie präsentieren wir uns? Wie vernetzen wir uns, und wo finden wir für unsere Projekte Kooperationspartner?
Der LandFrauenverband Schleswig-Holstein ist mit rund 30.000 Mitgliedern ein Schwergewicht in der Verbandslandschaft. War das für Ihre Gesprächspartner von Bedeutung?
Die LandFrauen haben eine starke Präsenz und Stimme in der deutschen Verbandslandschaft mit bundesweit 22 Landesverbänden und 400.000 Mitgliedern. Wir haben mehr Mitglieder als die großen politischen Parteien. In Schleswig-Holstein sind die LandFrauen in 160 Ortsvereinen organisiert. Mit insgesamt rund 30.000 Mitgliedern sind wir der größte Verband in Schleswig-Holstein und auf jeden Fall eine bedeutende Stimme für die Frauen im ländlichen Raum. Wenn es um die Vertretung berufsständischer Interessen der Bäuerinnen und Frauen im ländlichen Raum geht, um die Verbesserung der sozialen, wirtschaftlichen und rechtlichen Situation von Frauen sowie um die Vereinbarkeit von Familie und Beruf, dann sind die Vertreterinnen und Vertreter der Politik sich unserer Bedeutung durchaus bewusst.
Wir sind in zahlreichen Gremien vertreten – vom Bauernverband über die Landwirtschaftskammer bis hin zum Landesfrauenrat. Die Bedeutung und Wahrnehmung zeigen die regelmäßigen Anfragen, die an uns gestellt werden, Stellung zu bestimmten Themenbereichen und politischen Fragen zu beziehen. Aber das passiert nicht von allein, es gehört viel Arbeit dazu, an unterschiedlichen Stellen präsent zu sein und mit den verschiedenen Akteuren im Austausch zu bleiben.
Welche Ihrer Eigenschaften waren Ihnen hilfreich bei der ehrenamtlichen Führung des LandFrauenverbandes?
Es wird ein Teil von allen Talenten gebraucht, die man besitzt. Auf jeden Fall helfen Kommunikationsbereitschaft und Interesse, mit verschiedenen Menschen ins Gespräch zu kommen. Hilfreich sind auf jeden Fall Organisationstalent und ein gutes Zeitmanagement, um nicht unterzugehen. Das sind die Klassiker, die mir geholfen haben, alles gut zu bewältigen. Denn es sind ganz klar Führungs- und Managementaufgaben in ganz unterschiedlicher Form bei den LandFrauen zu bewältigen, nach innen wie nach außen.
Auf Menschen zugehen zu können, ist eine Grundvoraussetzung, und die Bereitschaft, mit unterschiedlichen Menschen zu sprechen. Toleranz gegenüber anderen gehört auch dazu. Es ist hilfreich für viele Gespräche, wenn man ein breit gefächertes Interesse zeigen kann.
Das Gute und Gewinnbringende in unserem Vorstand ist, dass jede Frau unterschiedliche Eigenschaften mitbringt. Alle Vorstandsmitglieder können gut organisieren, sind kommunikationsfreudig und haben vielfältige Interessen. Aber jede Einzelne ist mit ihren ganz persönlichen Eigenschaften ausgestattet, und das macht uns interessant und umsetzungsstark in der Zusammenarbeit. Übrigens sind auch Geduld und Gelassenheit wichtig und die Fähigkeit, über sich selbst lachen zu können.
Was bedeutet der Strukturwandel in der Landwirtschaft für die LandFrauen?
Der Strukturwandel ist unheimlich vielfältig und schnell. Es ist kein Phänomen, das gerade erst jetzt stattfindet. Immer mehr politische und gesellschaftliche Anforderungen und Erwartungen werden an die Landwirtschaft gestellt. Wir setzen uns damit auseinander.
Der Strukturwandel ist da, und Veränderungen wird es weiter geben. Jedes einzelne Mitglied hat dazu eine eigene Wahrnehmung. Aber für die LandFrauen, die landwirtschaftlich geprägt oder in der Landwirtschaft tätig sind, ist der Strukturwandel mit vielen Gedanken, Sorgen und Zukunftsfragen behaftet. Wo sich Fragen ergeben, versuchen wir zu informieren und zu helfen. Dafür arbeiten wir auch eng mit dem Bauernverband zusammen und haben eine gute Kooperation mit der Landwirtschaftskammer. Wir sind gut vernetzt mit allen Verbänden rund um die Landwirtschaft.
Ich glaube, für alle landwirtschaftlich tätigen Frauen ist ein ständiger, aktueller Austausch wichtig, auch untereinander. Die nötige Beratung leisten direkt vor Ort die berufsständischen Organisationen wie die Landwirtschaftskammer oder der Bauernverband mit ihrer hohen Fachkompetenz.
Kann die LandFrauenorganisation noch wachsen, oder hemmt der Strukturwandel?
Die Mitgliederzahl im LandFrauenverband ist seit einigen Jahren relativ konstant. Etwa zehn Prozent unserer Mitglieder im Verband sind landwirtschaftlich tätige Frauen. Unsere Mitglieder kommen aus den unterschiedlichsten Bereichen und bilden die Vielfältigkeit des ländlichen Raumes ab.
Auf welche Ratschläge hätten Sie verzichten können, die man Ihnen als Präsidentin gab?
Ich kann mich an keine erinnern. Nur die Fragen, die ab und zu kamen: „Wann findest du dich?“ oder „Wann hast du Zeit für dich?“. Die Entscheidung für das Ehrenamt ist ja eine freiwillige und bewusste gewesen. Die Zeit im Ehrenamt war für mich toll und gewinnbringend, sodass ich einfach sagen kann, ich habe das Ehrenamt unheimlich gern ausgeführt, es hat mir ganz viel Spaß gemacht, und es war eine Bereicherung.
Gibt es etwas, das Sie bei den LandFrauen gelernt haben? Oder eine positive Erfahrung, die Sie gemacht haben, die Sie teilen möchten?
Die besondere Erfahrung ist, dass die LandFrauen ein Verband für alle Frauen auf dem Land sind. Es kursiert immer noch der Gedanke, dass unsere Ortsvereine nur für Bäuerinnen offen seien. Das ist nicht so und manchmal leider ein Kontakthindernis, uns anzusprechen. Die LandFrauen sind offen für alle Frauen im ländlichen Raum, und es wird auf LandFrauenveranstaltungen immer jemand da sein, der sagt: „Setzen Sie sich doch neben mich, wo kommen Sie her und was machen Sie?“ Es muss keine Hemmschwelle geben, das würde ich gerne mit allen teilen. Jede Frau ist willkommen bei uns.
Was werden Sie vermissen?
Vermissen werde ich auf jeden Fall die monatlichen Vorstandssitzungen, die inspirierenden Treffen mit dem Vorstand und auch die Fahrten in die Geschäftsstelle. Es ist immer kreativ gewesen, miteinander gestalten zu können. Das wird mir sicher fehlen. Auch die Einladungen zu vielfältigen und spannenden Veranstaltungen und Ereignissen, bei denen man unterschiedlichste und interessante Menschen getroffen hat. Die vielen Gespräche, die ich dabei führen konnte, und die Einblicke, die man erhalten konnte in alle möglichen Bereiche, das könnte mir in Zukunft etwas fehlen.
Haben Sie eigentlich die Ausbildung zur Büroagrarfachfrau, die Sie damals zum Eintritt bei den LandFrauen angeregt hat, genutzt?
Ich hatte ja schon lange auf dem Betrieb und vor allen Dingen im Büro mitgearbeitet, sodass ich schon vieles wusste und mir erarbeitet hatte. Trotzdem war viel Interessantes und auch Neues dabei, weil die Kurse vor allem hinsichtlich der Agrarpolitik oder zum Beispiel der Gemeinsamen Europäischen Agrarpolitik (GAP) sehr aktuell sind. Was ich in dem Kurs geschätzt habe, waren das Vernetzen mit den anderen Frauen, der persönliche Austausch und die Möglichkeit, miteinander ins Gespräch zu kommen.




