Zu einem scheinbaren Tierschutzskandal am es im November 2025 auf dem überregional bekannten Betrieb Gut Hardegg in Seefeld-Kadolz (Niederösterreich). Der in Österreich tätige Verein gegen Tierfabriken (VGT) veröffentlichte heimlich gefilmte Videoaufnahmen aus den Schweineställen. Das Bauernblatt hat den Sachverständigen und Sprecher der Initiative Schweinehaltung Deutschland (ISD), Dr. Dirk Hesse, zu Lehren aus dem Fall Hardegg interviewt. Er wurde vom Betrieb als Berater engagiert.
Die Schweinezucht auf Gut Hardegg ist ein privates Zuchtunternehmen. Die Hardegger Austromax-Jungsauen sind leistungsgeprüfte Hybrid-Zuchtsauen und haben in Österreich einen Marktanteil von 10 %. Im Jahr 2002 errichtete Gut Hardegg gemeinsam mit Nutztierethologen einen Tierwohlstall für die Gruppenhaltung von Muttersauen, der in Österreich Vorbildcharakter hat. Dass ein solcher Vorzeigebetrieb in den Fokus von Tierrechtlern gerät, ist auch in Deutschland kein unbekanntes Phänomen.
Tierrechtler zeigen Filme
Der österreichische Verein gegen Tierfabriken tritt für eine Verbesserung der Tierhaltung ein, befürwortet aber vor allem den Vegetarismus und Veganismus. Um seine Ziele zu erreichen, arbeitet der VGT eigener Aussage zufolge mit „modernen, demokratischen Mitteln“ wie zivilem Ungehorsam, offensiver Aufdeckungs- und Aufklärungsarbeit.
Dem Verein wurden Aufnahmen auf Hardegg „zugespielt“, ein nicht unübliches Vorgehen, das für den Verein keine rechtliche Folgen nach sich zieht. Die Bilder zeigten Fehlverhalten einzelner Mitarbeiter beim Umgang mit den Tieren sowie Mängel in den Bereichen Hygiene und Beschäftigungsmaterial.
Hardegg greift durch
Gutsbesitzer Maximilian Graf Hardegg reagierte vor einem Jahr sofort: Die verantwortlichen Mitarbeiter wurden fristlos entlassen und strafrechtlich angezeigt. Zudem führte die Gutsverwaltung eine Null-Toleranz-Politik gegenüber Tierwohlverstößen ein. Die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft gegen den Betriebsinhaber selbst wurden im Frühjahr 2026 eingestellt.
Lehrreich ist die Einbindung eines unabhängigen Tierschutzexperten zur Optimierung der Haltungsbedingungen. In diesem Fall wurde Dr. Dirk Hesse mit einer Begutachtung der Bestände aus der Perspektive der Tiere beauftragt.
Sein Befund bescheinigte der Herde einen guten Allgemeinzustand, wies jedoch auch auf Optimierungsbedarf hin, etwa bei der Belüftungssteuerung zur Vermeidung von Stallverschmutzungen.
KI wertet Tierdaten aus
Als technologische Innovation setzt Schweinehalter Maximillian Hardegg heute auf ein Überwachungssystem mit KI. Es wertet mithilfe von Kamera- und Sensordaten rund um die Uhr Bewegung, Verhaltensmuster und Gesundheitsindikatoren der Tiere aus. Das Betreuungspersonal erhält bei Abweichungen oder Auffälligkeiten sofort eine Benachrichtigung auf das mobile Endgerät und kann entsprechend eingreifen.
Welche Schlüsse kann ein Nutztierhalter aus diesem Fall ziehen? Dr. Dirk Hesse berichtet dem Bauernblatt von seinen Erfahrungen aus der Alpenrepublik.
In Österreich hat das Gericht die Anzeige gegen Maximillian Hardegg wegen Tierquälerei niedergelegt, weil Sie den Vorwurf als Gutachter relativieren konnten. Ist die Sache damit aus der Welt?
Dirk Hesse: Der VGT hatte Maximillian Hardegg wegen Tierquälerei angezeigt, wobei vor Gericht der Eindruck erweckt wurde, dass nahezu alle Schweine mehr oder weniger gequält werden. Auslöser war ein Mitarbeiter, der sich nicht so verhalten hat, wie er es entsprechend der Arbeitsanweisung sollte, und dem nach Bekanntwerden der Verfehlung sofort gekündigt wurde.
Als Basis meines Gutachtens dienten die Tierwohlindikatoren des Kuratoriums für Technik und Bauwesen in der Landwirtschaft (KTBL). Die Umsetzung erfolgte durch eine Gewichtung der jeweils gemessenen Werte mit der Stückzahl der Tiere im Messbereich.
Bei 11.732 Stallplätzen wurden, wie ich darlegen konnte, etwa 97 % der Tiere im optimalen Bereich der Tierwohlindikatoren gehalten. Einige Tiere waren unnötig verschmutzt, einige hatten Schrammen infolge von Rangkämpfen in der Gruppenhaltung.
Ein Tier wurde entgegen der vorhandenen Arbeitsanweisung behandelt, was der Anlass für die Anzeige war. Mit dem Gutachten an der Hand war das Gericht in der Lage, die Schwere des Vorwurfs einzuordnen. Die Anzeige wegen Tierquälerei war damit für Maximillian Hardegg aus der Welt.
Was verstehen Sie unter einer Bewertung des Tierwohls „aus der Perspektive des Tieres“ im Vergleich zu gesetzlichen Vorgaben?
Von 1988 bis 2002 war ich als Wissenschaftler an der damaligen Bundesforschungsanstalt für Landwirtschaft in Braunschweig tätig. Die wissenschaftliche Tierwohlarbeit wurde gleich zu Beginn durch Gerrit van Putten geprägt, einen Pionier der angewandten Nutztier-Verhaltensforschung. Auf einer internationalen Verhaltensforschertagung sagte er: „Wer die Welt eines Schweines verstehen will, muss sich zwischen die Schweine legen!“
Genau das mache ich. So habe ich nicht nur eine Freilauf-Abferkelbucht entwickelt, sondern auch eine Abliegewand, die gern von den Muttersauen angenommen wird und Ferkelverluste durch Erdrücken verhindert.
Über mehrere Jahre konnten Mastschweinegruppen ganzjährig zwischen viel Stroh, wenig Stroh, und Betonboden mit Schlitzen wählen. Schweine sind Liegekühler. Sie können aber weder die Klamotten wechseln noch schwitzen. In diesem Fall hatten sie die Möglichkeit, den Boden entsprechend ihrem Temperaturbedürfnis zu wählen. Die Schweine verbrachten die meiste Zeit des Jahres auf dem Betonboden.
Dies sind zwei Beispiele, auf welche Lösungen man kommen kann, wenn man das Tierwohl nicht durch das menschliche Auge einschätzt, sondern am und mit dem Tier messbar macht. Das Messen am Tier hat obendrein den Vorteil, dass so auch der größte Einflussfaktor auf das Tierwohl, nämlich der Umgang des Menschen mit dem Tier, erkennbar wird.
Welche Rolle spielen messbare Tierwohlindikatoren in der Außendarstellung der Betriebe?
Der Wurm muss dem Fisch schmecken, nicht dem Angler! Menschen, die jeden Tag im Stall sind, verfügen in der Regel über viel Fachwissen und können auch das Wohl ihrer Tiere aus Erfahrung gut einschätzen.
Doch wie erkläre ich Menschen, die nicht jeden Tag im Stall sind, wie gut es den Tieren geht? Wichtig ist, dass wir Tierwohl nicht durch das gefühlvolle menschliche Auge einschätzen, sondern messbare Faktoren haben. Genau das hat das KTBL gemacht.
Das Prinzip sei an einem Beispiel erläutert. In Kinderbüchern sind die glücklichen Schweine in der Regel dreckig. Versuche zeigen aber, dass Schweine dann dreckig sind, wenn sie in einer Notsituation stecken. Wollen die Tiere ihre Körpertemperatur senken, müssen sie sich etwas Feuchtes suchen. In der Natur ist das die Suhle. Reichen die Lüftungs- und Kühlungstechniken im Stall nicht aus, bleibt den Tieren nur, sich in den feuchten Mist zu legen. Das ist allerdings das Letzte, was ein Schwein freiwillig tut. Die Sauberkeit der Hautoberfläche ist also ein guter und messbarer Tierwohlindikator.
Aus wissenschaftlichen Arbeiten kann abgeleitet werden, dass nur ein Schwein mit 100 % sauberer Hautoberfläche ein glückliches Schwein ist. Damit das Konzept praxistauglich gestaltet wird, hat man sich dazu entschieden, dass es dem Schwein optimal geht, wenn der Verschmutzungsgrad maximal 10 % der Hautoberfläche beträgt. 10 bis 30 % ist mittelgut. Ab 30 % Hautverschmutzung geht es dem Tier schlecht.
Welchen Stellenwert messen Sie dem Umgang des Betreuungspersonals mit den Tieren bei? Wird auch dies begutachtet?
Bei den Haltungsbedingungen werden Raummaße oder bauliche Vorgaben zur Bedingung gemacht. In der Praxis passt nicht jedes Haltungsverfahren in jede Region.
So sollten Strohverfahren eher in niederschlagsarmen Regionen eingesetzt werden, damit die Einstreu pilzfrei geerntet werden kann. Auch kann der Mensch den Grad der Hautverschmutzung des Schweines beeinflussen, beispielsweise durch die Wahl des Bodens im Liegebereich.
Stroh ist die meiste Zeit des Jahres zu warm zum Liegen. Längliche Buchten haben im Vergleich zu quadratischen bei gleicher Besatzdichte eine kleinere Oberfläche des Mistbereiches, was der Lungengesundheit zugutekommt.
Ganz wichtig ist die optimale Einstellung der Lüftungsanlage in Abhängigkeit von den im Stall befindlichen Tieren, ihrem Alter, Gewicht und der Fütterungsform. Helfen kann auch der Einbau von Kühlungstechnik.
Der entscheidendste Faktor für das Tierwohl ist aber der Umgang des Menschen mit dem Tier. Wie schon gesagt, kann der Mensch durch entsprechenden Technikeinsatz den Grad der Hautverschmutzung des Schweines beeinflussen. Und so kann durch die KTBL-Tierwohlindikatoren auch die Qualität der Arbeit des Menschen rund um das Tier gemessen und bewertet werden.
Auf welche Weise unterstützen KI-Systeme die Tierbetreuer bei der Überwachung der Schweine?
KI kann das Stallklima an die vom Tier bevorzugte Lufttemperatur anpassen, den Gesundheitsstatus der Tiere analysieren, das Schwanzbeißen erkennen und vermeiden, eine Falschnutzung der Funktionsbereiche oder auch Fehlfunktionen der Tränk- oder Fütterungstechnik melden.
Heute setzt das Gut Hardegg gezielt auf die digitale Transformation, auch mit dem Ziel, die Tierbetreuung außerhalb der üblichen Arbeitszeiten zu optimieren.
Inwiefern dienen solche Gutachten und die Praxisprojekte auf Gut Hardegg als Modell für die Weiterentwicklung der Schweinehaltung?
Gutachten, in denen die gemessenen Ergebnisgruppen der KTBL-Tierwohlindikatoren jeweils mit der Stückzahl Tier gewichtet werden, wurde bereits in mehreren mittleren und größeren Schweinehaltungen eingesetzt. Auf der Basis dieser Erfahrungen wissen wir, dass es keine Schweinehaltung gab, in der nicht mindestens 89 % der Tiere im jeweils optimalen Messbereich leben konnten.
Dies zeugt vom hohen Tierwohlniveau in deutschen Schweinehaltungen. Und es ist eine Darstellung, die auch von Menschen ohne Fachkenntnis verstanden wird.
Gut Hardegg möchte mit Blick auf die auch in Österreich gesetzlich festgelegten Entwicklungen umfangreiche Untersuchungen starten, um die Folgen dieser Neuerungen für Tier, Umwelt, Mensch und Ökonomie messen zu können. Dazu wird derzeit gemeinsam mit führenden Forschungsinstitutionen ein Konzept erarbeitet.
Wenn wir sowohl das Tierwohl als auch den Umweltschutz mit Erfolg voranbringen und die Folgen für Mensch und Ökonomie exakt messen wollen, dann sollten wir gut geplante wissenschaftliche Untersuchungen unter vergleichbaren Rahmenbedingungen ablaufen lassen.



