In Schleswig-Holstein hat Winterroggen in erster Linie auf der Geest einen großen Anbauumfang. Hier kann er, insbesondere auf den teils sehr schwachen Standorten, seine Stärken ausspielen. Jedoch dürfte er in Zukunft auch auf leichteren Lehmstandorten wieder eine etwas größere Bedeutung erlangen, da der zunächst befristet ausgesetzte Fruchtwechsel mit der Gemeinsamen Agrarpolitik (GAP) ab 2023 längerfristig zu einer Anbauausweitung führen dürfte. Gleichzeitig besteht für einige sehr leichte Flächen, wo der hoch selbstverträgliche Roggen in Selbstfolge steht, das Problem der Suche nach einer Alternativfrucht. Die Landessortenversuche zeigen, wie die einzelnen Roggensorten abgeschnitten haben.
Für das Jahr 2022 geht das Statistikamt Nord von einer Anbaufläche von Winterroggen und Wintermenggetreide von 34.300 ha aus, was einer Verringerung von etwa 8 % gegenüber dem Vorjahr entspricht. Mit geschätzten 73 dt/ha (Stand 21. Juli) wird ein um etwa 1 % geringeres Ertragsniveau erreicht. In den Versuchen hingegen konnte ein hohes Ertragsniveau ermittelt werden.
Das Problemfeld Mutterkorn
Das Mutterkorn, welches durch eine Infektion in der Blüte mit Sporen des Pilzes Claviceps purpurea ausgebildet wird, ist sowohl in der Vermarktung als auch in der Eigenverfütterung bei Roggen ein Problem. Hierbei gibt es durchaus Sortenunterschiede in der Anfälligkeit auf die Mutterkornbildung. Eine noch größere Rolle spielen aber die Rahmenbedingungen für eine Infektion. Entscheidend für einen geringen Mutterkornanteil sind eine starke Pollenschüttung und gute Bedingungen für Pollenflug (Roggen ist ein Fremdbefruchter). Dies ist in der Regel bei trockenen Bedingungen und dichten, gleichmäßigen Beständen gegeben. Probleme mit Mutterkorn gibt es hingegen, wenn regnerisches Wetter die Pollenschüttung verzögert und den Pollenflug erschwert. Dadurch kann es nicht zu einer zügigen Befruchtung der Blüten kommen, sodass bei gleichzeitig ausreichender Feuchtigkeit Infektionsbedingungen herrschen und das länglich, schwarze, alkaloidhaltige Mutterkorn ausgebildet wird. Aber auch Bestände, die in der Blüte keine nennenswerte Mutterkorninfektion hatten, können betroffen sein. Das gilt in der Regel für zwiewüchsige Bestände, in denen noch sehr spät angelegte Seitentriebe in die generative Phase gehen und bei vereinzelter später Blüte keine ausreichende Befruchtung aufweisen. Dies kann bei späten Regenereignissen, die die Fahrgassenränder oder lichte Bestände durchgrünen lassen, ebenso der Fall sein wie in der Nähe von Waldkanten, wo eine verzettelte Blüte auftritt. Eine Gegensteuerung lässt sich hier zum Teil über die Sorte regeln und auch über das Erreichen gleichmäßig dichter Bestände. Generell sollte Durchwuchsroggen aus den Vorjahren vermieden werden, da er bereits pilzbelastet sein kann. Dies ist am besten durch die Verwendung von zertifiziertem Saatgut, gutem Stoppelmanagement und Fruchtfolgegestaltung sowie bei Roggen in Selbstfolge durch wendende Bodenbearbeitung erzielbar.
Aufbau der Landessortenversuche
Für eine gute Beurteilung der Sortenleistung sind die Landessortenversuche (LSV) auf für das Anbaugebiet repräsentative Standorte aufgeteilt. Der Aufbau der LSV ist wie gehabt zweistufig: In Stufe 1 gibt es keinen Wachstumsregler (bei sehr hohem Lagerdruck gegebenenfalls reduziert) und keinen Fungizideinsatz. In Stufe 2 wird eine ortsübliche Intensität angewandt. Die Düngung erfolgt DÜV-konform versuchseinheitlich nach Düngebedarfsermittlung unter Berücksichtigung des Abzuges von 20 % N aufgrund der N-Kulisse. Zur sichereren Bewertung der Sorten werden neben den eigenen LSV-Standorten und Wertprüfungen auch Standorte aus Niedersachsen und Mecklenburg-Vorpommern in die mehrjährige Verrechnung nach Hohenheim-Gülzower Verrechnungsmethode mit einbezogen.
Ergebnisse und Sortenempfehlungen
In diesem Jahr konnte nur der Standort Schuby gewertet werden, der ein sehr hohes Ertragsniveau und sehr sichere Ergebnisse mit geringer Grenzdifferenz erreichte (Tabelle 1). Die älteste im Sortiment geprüfte Sorte ‚SU Performer‘ erreichte ein mittleres Ertragsniveau. Sie liegt mehrjährig noch bei relativ 98 und ist somit weiterhin voll empfohlen (Tabelle 2).
‚KWS Eterno‘ zeigte sich leicht unterdurchschnittlich, aber verhältnismäßig stark in der Stufe 1 und bleibt aufgrund mehrjährig überdurchschnittlicher Ergebnisse weiterhin empfohlen.
Mehrjährig mit relativ 99 gut bei sehr guter Gesundheitseinstufung und Mutterkornresistenz, ist ‚Serafino‘ weiterhin empfohlen. ‚Piano‘ erreichte sowohl im Einzelversuch als auch in der mehrjährigen Einschätzung relativ 97.
Die mehrjährig nun deutlich stärkste Sorte ‚KWS Tayo‘ bildet weiterhin den Schwerpunkt der Empfehlung mit relativ 104 bei insgesamt günstigen Anbaueigenschaften.
Mittlerweile im zweiten LSV-Jahr geprüft wurde die Sorte ‚SU Perspectiv‘, die leicht überdurchschnittliche Erträge erreichte, eine tendenziell bessere Standfestigkeit zeigt und sich damit für einen Anbau empfiehlt. Neu in der Prüfung befand sich ‚KWS Tutor‘, die ertraglich bislang leicht unterdurchschnittlich abschnitt, aber insbesondere mit einer sehr günstigen Mutterkorneinstufung neben ‚Serafino‘ attraktiv ist.
Neuer Kurzstrohroggen als Besonderheit
Außerhalb der Wertung wurde im zweiten Jahr die Sorte ‚Durinos‘ mitgeprüft. Das Besondere an dieser Sorte ist das vorhandene Kurzstrohgen, welches sie um gut 20 bis 30 cm kürzer als die anderen Sorten wachsen lässt und ihr damit im Vergleich eine sehr hohe Standfestigkeit verleiht. Allerdings reagiert die Sorte empfindlich auf den nicht notwendigen Wachstumsregler, sodass im Versuch nur Fungizid eingesetzt wurde. Genetisch bedingt ist das Ertragspotenzial bislang begrenzt, auch wenn es sich um eine Hybride handelt. Jedoch ist sie die bislang erste Sorte mit dieser Eigenschaft und kann unter besonderen Bedingungen (beispielsweise Vertragsanbau) sinnvoll eingesetzt werden, da sie gleichzeitig die beste Einstufung im geprüften Sortiment bei Mutterkorn hatte.
Fazit
Die Roggensorten wurden im Versuch allesamt auf sehr hohem Ertragsniveau gedroschen. Winterroggen kann im Hinblick auf den Fungizideinsatz relativ extensiv und risikoarm geführt werden. Das Lagerrisiko sollte je nach Standortgüte beachtet werden. Dem Problem der Mutterkornbildung kann außer durch Sortenwahl auch pflanzenbaulich mittels Fruchtfolge und Bodenbearbeitung begegnet werden.




