Wie kann eine alternative Kälberaufzucht in der Praxis funktionieren? Mit dieser Frage beschäftigte sich eine Veranstaltung des Projekts „Fokus Tierwohl“ auf dem Betrieb von Jan Lieske in Hadenfeld, Kreis Steinburg. Neben wissenschaftlichen Erkenntnissen standen Anfang Mai vor allem praktische Erfahrungen aus der kuh- und ammengebundenen Kälberaufzucht im Mittelpunkt.
Den Auftakt machte am Vormittag Dr. Kerstin Barth vom Thünen-Institut. In ihrem Vortrag beleuchtete sie verschiedene Ansätze der alternativen Kälberaufzucht und stellte Forschungsergebnisse sowie Erfahrungen aus dem Versuchsbetrieb Trenthorst vor. Dabei ging sie insbesondere auf Tierwohlaspekte, Arbeitswirtschaft und Herausforderungen in der Praxis ein. Grundlage des Vortrags waren unter anderem Inhalte aus dem Leitfaden „Kuhgebundene Kälberaufzucht in der Milchviehhaltung: Leitfaden für die Praxis“, der weiterhin online abrufbar ist (https://t1p.de/c7es1). Darüber hinaus bietet die Internetseite des Thünen-Instituts zahlreiche weiterführende Informationen zum Thema.
Praxis im Ammenstall
Nach dem Mittagessen führte Jan Lieske die Teilnehmenden durch Stall und Weide und berichtete offen über seine Erfahrungen mit der ammengebundenen Kälberaufzucht. Besonders die Fragen, welche Kühe sich als Ammen eignen und wie die Gruppen organisiert werden, standen dabei im Mittelpunkt. Auf dem Betrieb werden 100 Kühe gemolken. Häufig kommen Frischmelkerkühe als Ammen zum Einsatz, denen mehrere Kälber angesetzt werden. Teilweise werden jedoch auch Kühe in späteren Laktationsstadien genutzt. Einige Tiere verbringen sogar die komplette Laktation als Ammen. Nach einiger Zeit erhalten sie erneut Kälber und können so im Verlauf einer Laktation bis zu elf Kälber großziehen. Kühe, die zu Beginn der Laktation als Ammen eingesetzt wurden und ihre Kälber später wieder abgeben, werden anschließend regulär in den Melkstand integriert.
Zu Beginn werden jeweils zwei bis vier Kälber einer Kuh zugeteilt. Diese erste Phase dauert etwa zwei Wochen und findet separat statt, damit sich Kuh und Kälber aneinander gewöhnen können. Anschließend wechseln die Tiere zunächst in kleinere Gruppen. Sind die Kälber etwa anderthalb Monate alt, werden sie gemeinsam mit den Ammenkühen in größere Gruppen integriert. Auch das Absetzen erfolgt schrittweise. Dafür wird die Zahl der Ammen nach und nach reduziert. So betreuen beispielsweise am Ende zwei Ammenkühe noch neun Kälber.
Auswahl der Ammenkühe
Besonders interessant für viele Teilnehmende waren Lieskes Erfahrungen bei der Auswahl geeigneter Ammenkühe. Denn nicht immer lasse sich die Eignung bereits im Melkstand erkennen. „Nur weil eine Kuh im Melkstand ruhig ist, heißt das nicht automatisch, dass sie auch gut mit Kälbern umgehen kann“, berichtete Lieske. Umgekehrt könnten auch temperamentvolle oder im Umgang anspruchsvollere Färsen sehr ausgeprägte Muttereigenschaften zeigen und sich hervorragend um die Kälber kümmern.
Auch stallbauliche Fragen wurden diskutiert. Aktuell werden Ammenkühe und Kälber dauerhaft gemeinsam im großen Tiefstreubereich gehalten. Nach Einschätzung von Jan Lieske wäre in späteren Aufzuchtphasen jedoch auch ein System denkbar, in dem die Kühe Liegeboxen nutzen, während den Kälbern ein separater Rückzugsbereich mit Stroh zur Verfügung steht. Solche Kälberbereiche stehen den Tieren während der gesamten Aufzucht zur Verfügung und fördern die Bildung von „Kindergartengruppen“, in die sich die Kälber zurückziehen können. Interessant waren zudem die Beobachtungen zum Fressverhalten der Kälber. Die ersten Festfutteraufnahmen erfolgen überwiegend direkt neben den Kühen. Erst später nutzen die Kälber zunehmend ihren eigenen Fressbereich am Kälberfuttertisch.
Die Veranstaltung konnte dank der Förderung durch das Bundesministerium für Landwirtschaft, Ernährung und Heimat kostenfrei angeboten werden.
Fazit
Die Veranstaltung zeigte, wie vielfältig die Möglichkeiten der kuh- und ammengebundenen Kälberaufzucht in der Praxis sind. Neben wissenschaftlichen Erkenntnissen bot insbesondere der offene Austausch auf dem Betrieb wertvolle Einblicke in Arbeitsabläufe und Herausforderungen. Deutlich wurde dabei auch, dass erfolgreiche Systeme immer individuell an Betrieb, Tiere und Arbeitsorganisation angepasst werden müssen.




