Die Aufzucht der Kälber legt den Grundstein für leistungsstarke und gesunde Milchkühe von morgen. Dabei spielt unter anderem das Wachstum innerhalb der ersten sechs Lebensmonate eine wichtige Rolle. Kälber, die frühzeitig große tägliche Zunahmen erreichen, zeigen sich oft in ihrem späteren Leben als Milchkuh leistungsstärker und langlebiger. Dieser Effekt wird auch als metabolische Programmierung bezeichnet. Erreichen die Kälber während der Tränkephase zum Beispiel tägliche Zunahmen von mehr als 800 g, kann genau dieser Effekt beobachtet werden. Bleiben die täglichen Zunahmen unter 800 g, zeigt sich im späteren Verlauf der Aufzucht kompensatorisches Wachstum, währenddessen die Unterschiede zumeist wieder aufgeholt werden. Dennoch erreichen diese späteren Milchkühe mitunter nicht die gleiche Leistung.
Vor diesem Hintergrund erprobte das Lehr- und Versuchszentrum (LVZ) Futterkamp der Landwirtschaftskammer ein abgewandeltes Tränkeverfahren. Bisher wurden die Kälber über die ersten 77 Lebenstage mit einer Milchaustauscherqualität getränkt. Ziel der Erprobung war es, die Tränkephase auf 105 Tage zu verlängern und während der Abtränkphase (ab dem 63. Lebenstag) auf einen Milchaustauscher mit reduziertem Magermilchanteil zu setzen, der gleichzeitig einen Anteil an pflanzlichem Protein enthielt. Das pflanzliche Protein sollten die Kälber in dieser Lebensphase bereits verwerten können.
Ablauf des Tränkeversuchs
Für die Erprobung wurden die Tränkeaufnahmen und die Gewichtsentwicklung aller von April 2024 bis Januar 2025 geborenen Kälber berücksichtigt. Zusätzlich wurde die Gesundheit der Kälber betrachtet, die durch sogenannte Gesundheitschecks (Projekt „InnoRind“) dreimal wöchentlich bewertet wurde. Zur Einteilung in die Vergleichsgruppen „Versuch“ und „Kontrolle“ wurde die Aufzucht innerhalb der ersten 14 Lebenstage zugrunde gelegt. Hier unterschieden sich die Gruppen durch die Aufzucht im Einzeliglu (Kontrollgruppe) beziehungsweise in der frühen Gruppenhaltung (Versuchsgruppe). Innerhalb dieser Aufzuchtphase wurden die Kälber der Kontrollgruppe mittels Eimertränke zweimal täglich mit je 7 l Vollmilch getränkt. Die Kälber der Versuchsgruppe wurden während der ersten beiden Lebenstage ebenfalls über den Tränkeeimer mit Kolostrum versorgt und dann in die frühe Gruppenhaltung entlassen, wo sie am Tränkeautomat mit Milchaustauschertränke (Normi Plus) versorgt wurden. Am 15. Lebenstag wurden alle Kälber in den Holsteiner Kälberstall des Lehr- und Versuchszentrums Futterkamp umgestallt und gleichermaßen mit Milchaustauschertränke versorgt. Die Tränkephase ließ sich anhand der eingesetzten Milchaustauscher in drei Abschnitte einteilen. Während in Abschnitt 1 (Normi First Class: 15. bis 52. Lebenstag) und Abschnitt 3 (Normi Com: 63. bis 105. Lebenstag) je ein Milchaustauscher vertränkt wurde, wurden zur Änderung diese beiden unterschiedlichen Zusammensetzungen über zehn Tage miteinander verschnitten, um einen abrupten Wechsel und dessen Auswirkungen zu vermeiden.
Insgesamt wurden je Gruppe Daten von 55 Kälbern für die Auswertung berücksichtigt, die sich, wie in Tabelle 1 aufgeführt, auf Beef-on-Dairy-Kreuzungen und schwarzbunte Kälber aufteilten.
Deutliche Unterschiede in der Igluphase
Da insbesondere in der ersten Aufzuchtphase (erster bis 14. Lebenstag) Unterschiede im Tränkemanagement vorlagen, wurde zunächst diese Phase bewertet. Die Gewichtsentwicklung begann innerhalb der Kontrollgruppe bei einem mittleren Geburtsgewicht von 41,4 kg. Die Kälber der Versuchsgruppe wiesen ein mittleres Geburtsgewicht von 42,6 kg auf. Untersucht wurden in der Igluphase die Merkmale Tränkeaufnahme, Umstallgewicht und tägliche Zunahmen. Hier zeigte sich in der Kontrollgruppe eine insgesamt höhere Tränkeaufnahme (Abbildung 1). Während die Kolostrumaufnahme innerhalb der ersten 48 Lebensstunden mit 5.117 g (Kontrollgruppe) und 5.113 g (Versuchsgruppe) auf einem nahezu identischen Niveau war, zeigte sich ab dem dritten Lebenstag im Mittel ein deutlicher Unterschied. Mit 9.893 g pro Tag nahmen die Kälber aus der Kontrollgruppe rund 1.000 g mehr Tränke auf als die Versuchsgruppe mit 8.782 g pro Tag. Trotz dieser deutlichen Unterschiede in der Tränkeaufnahme entwickelte sich das Körpergewicht in beiden Gruppen ähnlich, sodass die Kälber beider Gruppen mit einem mittleren Gewicht von 57 kg in die nächste Aufzuchtphase im Holsteiner Kälberstall starteten. Gemessen am mittleren Geburtsgewicht nahmen die Kälber der Kontrollgruppe 1.115 g und die Kälber der Versuchsgruppe 1.037 g pro Tag zu.
Mittlere tägliche Zunahmen über 800 g
Ab dem 15. Lebenstag zeigte sich die Entwicklung der Tränkeaufnahmen anders. Hier nahmen die Kälber der Versuchsgruppe während der Ad-libitum-Phase täglich mehr Tränke auf als die der Kontrollgruppe (Abbildung 2). Im Mittel nahmen die Kälber der Versuchsgruppe während der Ad-libitum-Versorgung 9.351 g Tränke pro Tag auf. Die Kälber der Kontrollgruppe erreichten in dieser Phase tägliche Tränkeaufnahmen von 8.798 g. In der restriktiven Phase während des Abtränkens nahmen die Kälber der Versuchsgruppe im Mittel 6.514 g und die Kälber der Kontrollgruppe 6.377 g auf. Trotz dieser Unterschiede zeigten beide Gruppen vergleichbare tägliche Zunahmen. Im Mittel der gesamten Gruppe nahmen die Kälber der Versuchsgruppe rund 1.073 g je Tag zu, die Kälber der Kontrollgruppe lagen bei einer täglichen Zunahme von 1.087 g. Der Vergleich der Beef-on-Dairy-Kreuzungskälbern mit den schwarzbunten Kuhkälbern zeigt deren Wachstumspotenzial deutlich auf (Tabelle 2).
Insgesamt zeigen sich im Vergleich der Gruppen nur geringe Unterschiede in den täglichen Zunahmen. Dies war aufgrund der nur geringen Unterschiede zwischen den Gruppen in der Aufzuchtphase nicht anders zu erwarten. Es wird dennoch deutlich, dass unabhängig vom Tränke- und Haltungsverfahren innerhalb der ersten 14 Lebenstage mittlere tägliche Zunahmen von deutlich über 800 g in der gesamten Aufzuchtphase erreicht werden können. Es ist also anzunehmen, dass die Kälber die aufgewendeten Ressourcen gut ausnutzen und dieses Wachstum auch nach dem Abtränken beibehalten, ohne in kompensatorisches Wachstum zu verfallen.
77 versus 105 Tage Tränkedauer
Neben den eingesetzten Milchaustauschern hat sich auch die Dauer der Tränke verändert. Bis zur Erprobung wurden die Kälber bis zum 77. Lebenstag getränkt. Es liegt also nahe, hier einmal den Vergleich des alten und des neuen Tränkeverfahrens anzustellen. Dazu wurden die Daten aller weiblichen Kälber aus dem Jahr 2023 (27 Beef-on-Dairy-Kuhkälber, 39 schwarzbunte Kuhkälber) herangezogen und hier die täglichen Zunahmen während der Aufzuchtphase im Holsteiner Kälberstall miteinander verglichen. Der Gruppenvergleich macht deutlich, dass die täglichen Zunahmen im alten Tränkeverfahren mit 999 g je Kalb geringer ausfielen als im neuen. Hier erreichten die Kuhkälber insgesamt tägliche Zunahmen von 1.052 g, für die schwarzbunten Kuhkälber zeigte sich der Unterschied am deutlichsten. Hier waren die täglichen Zunahmen um rund 100 g höher als nach altem Tränkeverfahren. Trotz der Unterschiede wird deutlich, dass auch mit einer kürzeren Tränkephase hohe tägliche Zunahmen erreicht werden können, durch eine verlängerte Abtränkphase jedoch ein weicherer Übergang in die nächste Aufzuchtphase geschaffen werden kann.
Umfassende Gesundheitschecks
Parallel zur beschriebenen Erprobung lief das Projekt „InnoRind“, währenddessen die Kälbergesundheit detailliert beobachtet wurde. Das Augenmerk lag auf den Merkmalen Allgemeinzustand, Husten, Nasenausfluss, Augen, Ohren, Kotverschmutzung und Nabel. Während sich innerhalb der ersten 14 Lebenstage noch ein Unterschied im Merkmal Nasenausfluss (häufiger in der Versuchsgruppe) zeigte, waren in der weiteren Aufzucht insgesamt wenige Auffälligkeiten zu beobachten. Diese verteilten sich zudem gleichmäßig auf Versuchs- und Kontrollgruppe.
Fazit
Mit der beschriebenen Erprobung sollte der Einfluss verschiedener Milchaustauscherrezepturen in verlängerter Tränkephase auf die Tränkeaufnahme und die täglichen Zunahmen untersucht werden. Insgesamt zeigten sich mit über 1.000 g sehr hohe tägliche Zunahmen für alle Kälber. Durch dieses Tränkeverfahren konnten die vorher in kürzerer Zeit erreichten täglichen Zunahmen von über 1.000 g gesteigert werden. Es bleibt zu bewerten, ob sich der Einsatz der Ressourcen als metabolische Programmierung innerhalb der ersten Laktation der an der Erprobung beteiligten Tiere zeigt.



