Vieles ist anders auf Hof Gasswies. Schon die Lage im äußersten Südwesten Deutschlands an der Grenze zur Schweiz ist außergewöhnlich. Außergewöhnlich sind auch die vielfältige Bewirtschaftung der Ackerflächen, die Düngung, die Milchviehhaltung und die Mast der männlichen Kälber. Auch die Kälberaufzucht unterscheidet sich von den gängigen Verfahren.
Neue Wege versuchten Fredi und Silvia Rutschmann, das Betriebsleiterehepaar, während eines Stallbaus für Milchviehhaltung. Ein neuer Milchviehstall stand auf der Wunschliste der Rutschmanns, obwohl sie schon 2015 im bundesweiten Wettbewerb „ökologischer Landbau“ als Sieger hervorgingen. Auslöser für die Planungen war die veraltete Technik im Stall. Die Teilnahme an dem EU-Projekt „EIP-Rind“ bot die Gelegenheit, in der Diskussion mit Berufskollegen, Architekten, Beratern und Wissenschaftlern baulich-technische Innovationen zu erproben und eine zusätzliche Förderung zu erhalten. Aus der Arbeitsgruppe kamen viele Anregungen. „Die gebaute Lösung unterscheidet sich deshalb von der zu Beginn geplanten Lösung. Die Zusammenarbeit hat uns weitergebracht“, bewertet Fredi Rutschmann die Arbeit in der EIP-Rind-Arbeitsgruppe.
Der einige Hundert Meter außerhalb von Rechberg liegende Einzelhof bot ausreichend Entwicklungsmöglichkeiten für ein größeres Stallgebäude, in dem die Haltungsansprüche der Rinder noch besser erfüllt werden können. Prioritäten der Rutschmanns waren:
• Weiterbetrieb des Vollweidesystems auf Kurzrasenweide
• Weiterhin saisonale Abkalbung
• Raumlösungen für die Mutter- und Kuhgebunde Kälberaufzucht
• Reduzierung und Erleichterung der Arbeit, besonders in der Kälberaufzucht
• Reduzierung der Ammoniak (NH3)-Emissionen
Fredi und Silvia entschieden sich anstatt eines Neubaus für den Umbau des alten Milchviehlaufstalles und der bestehenden Heuhalle. Letztere wurde durch eine Erweiterung den erhöhten Anforderungen des Demeter-Verbandes und des EIP-Projekts für Milchviehställe gerecht.
Umbau für Kälber und weibliche Nachzucht
Im alten, parallel zur Heuhalle stehenden Milchviehstall sind nun die Tränkekälber und die weibliche Nachzucht bis zu einem Alter von 24 Monaten untergebracht.
Der alte Laufstall wurde in drei Bereiche unterteilt. In einer Wandboxenreihe mit Laufgang wurden die Liegeboxenbügel entfernt und eingestreute Bereiche in Form der „Schwarzwälder Aufstallung“ geschaffen. Auf der anderen Stallseite wurden die Liegeboxen für die Nachzucht ab einem Alter von zwölf Monaten beibehalten. Die Tiere haben einen breiten Zugang zu einem nicht überdachten Laufhof mit anschließendem Futterband. Auf der anderen Seite des Futterbandes können die Kühe in dem parallel stehenden Milchviehstall fressen.
Zwischen den beiden wandständigen Boxen liegen die Tränkekälber auf dem ehemaligen Futtertisch auf Tiefstroh. Über den Ausgang auf der linken Seite können sie in den großen Wartebereich vor dem Melkstand laufen. Dieser multifunktionale Raum wird auch als Kontaktbereich der Mütter mit ihren Kälbern oder – je nach Bedarf – als Laufgang für Kühe oder Kälber genutzt.
Dreireihiger Milchvieh-Liegeboxenlaufstall
Zu Beginn der Planung stand ein Kompoststall im Fokus. Die fünf besichtigten Ställe konnten Fredi Rutschmann nicht überzeugen. Der Aufbau des Kompostes sei schwierig, im Herbst und bei Nebel stünden die Tiere im Dreck. „Keiner hat richtig funktioniert“, ist seine enttäuschende Erkenntnis.
Die ehemalige Heubergehalle bot ausreichend Platz für den Einbau eines dreireihigen Liegeboxenlaufstalles. Für den Melkstand, einen geräumigen Wartebereich sowie Sozialräume und Räume für eine geplante Milchverarbeitung wurde der Stall um 12 m auf der ganzen Stallbreite verlängert. Im Obergeschoss konnten ein Gemeinschaftsraum und dringend benötigter Wohnraum für Mitarbeiter geschaffen werden. Am anderen Stallende wurde die Halle um 18 m verlängert. Dadurch entstanden ein Lager für Heu, Stroh und sonstige Vorräte sowie eine Überdachung für die Beschickung des Futterbandes. Der wegfallende Lagerplatz für Heu und Stroh konnte durch die Überdachung eines Fahrsilos ersetzt werden. Durch die Vollweide von März bis Oktober ist der Lagerraumbedarf niedriger als im Vergleich zu ganzjähriger Stallhaltung.
Für den Bau der Fressplätze wurde eine Außenmauer entfernt und ein 3,8 m breiter, planbefestigter Laufgang geschaffen. Zum Fressen stehen die Kühe auf einem 1,55 m langen, 12 cm erhöhten und 1 m breiten Fressplatz mit 2 % Gefälle. Die breitere Ausführung wird dem erhöhten Platzbedarf der horntragenden Kühe gerecht.
Die Fressplatzerhöhung bietet mehrere Vorteile:
• Beim Fressen fällt viel Kot an, der auf den Laufgang fallen soll. Dadurch sinkt die Emissionsfläche von Ammoniak (NH3). Entscheidend für diesen Vorteil ist die Länge des erhöhten Fressplatzes in Abstimmung mit dem Fressgitter.
• Fressplatzteiler sorgen dafür, dass die Kühe nicht auf dem erhöhten Fressplatz laufen können und den Fressplatz rückwärts verlassen müssen. Auch rangniedrige Kühe können ungestört fressen. Im Hof Gasswies wurden an jedem der 1 m breiten Fressplätze ein Fressplatzteiler eingebaut.
• Die Kühe werden beim Fressen nicht durch den stationären Schieber gestört. Durch die dadurch mögliche erhöhte Reinigungsfrequenz sinken die Emissionen auf dem Laufgang. Fredi Rutschmann bedauert, in den Laufgang kein Gefälle zur Gangmitte eingebaut zu haben. Manchmal steht ihm zu viel „Wasser“ im Gang.
Beim Übergang vom Laufgang auf den Fressgang des Anbaus müssen die Kühe das 60 cm breite Fundament der Außenmauer überwinden. Dies stellt aber kein Hindernis dar, beobachte Fredi Rutschmann. Der Sockel bot einen geeigneten Platz für die Installation der Trogtränken und Kuhbürsten. Mit der Verlängerung des Daches konnte der Fressplatz überdacht werden.
Das Einstreuen der Tiefboxen übernimmt eine stationäre Anlage. An jeder Doppelbox kann das Kurzstroh an zwei Ausgängen in den Kopfbereich der Box fallen. Beim händischen, täglichen Einstreuen von Gesteinsmehl kann das Stroh über die ganze Box verteilt werden.
Vom Flüssigmist zum Festmist
Mit dem Einzug in den neuen Stall versucht Fredi Rutschmann Harn und Festmist zu trennen – „bis zur Pflanze“. Bereits im Stall beginnt die Festmistherstellung. Dafür hat die Einstreuautomatik zwei Kreisläufe. Neben dem Kreis über den Liegeboxen gibt es einen weiteren, separat gesteuerten über den Gängen im Kuh- und Jungviehstall. Dadurch kann im Fressgang, in dem der meiste Kot anfällt, öfter gestreut werden. Die Strohballen werden vor der Verteilung kurz gehäckselt und entstaubt. Durch das Häckseln steigt die Saugfähigkeit um zirka 50 % an, beobachtet der Landwirt. Der Strohbedarf sinkt und damit auch die Kosten für den Strohzukauf.
Das Kot-Harn-Gemisch schiebt der stationäre Schieber über einen Rost im Laufgang. Der Harn fließt in die Güllegrube ab. Das Stroh-Kot-Gemisch fällt am Stallende in einen Querkanal. Von dort transportieren es Schubstangen zu einem „Maulwurf“, das heißt einem Zylinder mit Kolben, der es unterirdisch auf die wie ein Fahrsilo gebaute Mistlege schiebt. Neben Stroh wird zweimal pro Woche Pflanzenkohle auf die Laufgänge gestreut und das Gemisch über die eingebaute Kuhdusche mit einem Milchsäureferment versetzt. Die Konzentration beträgt 3 bis 4 %. Der Vorgang erfolgt zweimal täglich, bevor der Laufgang abgeschoben wird. Fredi Rutschmann experimentiert noch über die beste Dosierung der Komponenten.
Betriebsspiegel Hof Gasswies KG
Wutöschinger Str. 4
79771 Klettgau-Rechberg
www.hof-gasswies.de
Lage: 430 m über NN
Niederschläge: 800 mm
Bewirtschaftung:
ökologisch nach den Richtlinien des Demeter-Verbandes
Landwirtschaftliche Nutzfläche:
80 ha Ackerfläche,
100 ha Dauergrünland,
6 ha Obstanlage
1 ha Wald
Ackernutzung: Ackerfutter, Soja, Dinkel, Weizen, Hafer, Körnermais, Sonnenblumen
Obstanlage: Äpfel, Birnen, Kirschen, Mirabellen, Zwetschgen
Viehhaltung:
58 horntragende Milchkühe, Rasse Fleckvieh
100 Rinder: Nachzucht und Masttiere; Masttiere als Kreuzungen Fleckvieh x Limousin
Mast aller Bruderkälber und aller Kreuzungskälber der Erstlaktierenden in gepachteter Betriebsstelle
Natursprung mit saisonaler Abkalbung
Fütterung ausschließlich über Vollweide (Kurzrasenweide), Grassilage, Heu: Umstellung auf Heumilch geplant
Arbeitskräfte:
Betriebsleiter: Fredi Rutschmann 100 %
Silvia Rutschmann 50 %
1 Fremdarbeitskraft
2 betreute Arbeitskräfte
1 Azubi
2 bis 5 Saisonaushilfen Obsternte
Nebenbetriebe:
1 Ferienwohnung
Hofladen: Direktvermarktung von Fleisch; Verkauf von Obst, Fruchtsäften und Edelbränden
Auszeichnungen:
1. Auszeichnung der Architektenkammer Baden-Württemberg für die 2006-07 erstellten Wohn- und Betriebsgebäude
2. Gewinner des Bundeswettbewerbes Ökologischer Landbau 2015
3. Demonstrationsbetrieb Ökologischer Landbau




