Betrachtet man die diesjährigen, zur Feldbestandsprüfung angemeldeten Saatgutvermehrungsflächen, liegt der Schluss nahe, dass Züchter und Handel eine weitere Anbaudiversifizierung auf den landwirtschaftlichen Betrieben erwarten. Zwar sind die konkreten Vorgaben der Gemeinsamen Agrarpolitik (GAP) 2023 in Bezug auf den geforderten Fruchtwechsel noch nicht final beschlossen, es zeichnet sich jedoch ab, dass die meisten Betriebe ihre Fruchtfolgen erweitern und auch über neue Fruchtfolgeglieder nachdenken werden.
Weiter gestellte Fruchtfolgen machen ohne Frage aus pflanzenbaulichen und insbesondere phytosanitären Gründen Sinn. Letztlich müssen die gewählten Fruchtarten und Sorten unter Praxisbedingungen und damit aktuell auch unter den bestehenden Restriktionen akzeptable Erträge und Erlöse für den Landwirt bringen, wobei die derzeit starken Preisschwankungen sowohl für Betriebsmittel als auch für Getreide und Raps die Anbauentscheidung nicht leichter machen.
Die Ergebnisse der Landessortenversuche und die Druschergebnisse der landwirtschaftlichen Betriebe werden zeigen, welche Sorten in diesem Jahr vorne liegen. Diese Ergebnisse in Verbindung mit den aufgrund ihrer mehrjährigen Leistungen sowie besonderen Anbaueignungen in der Praxis bewährten Sorten ergeben die Zusammenstellung der Sorten für die kommende Herbstaussaat – eine Sortenwahl, die beim Wintergetreide durch die Handelshäuser bereits im vergangenen Herbst bei der Anlage der Vermehrungsflächen getroffen werde musste. Welcher Vermehrungsumfang und welche Sorten ausgewählt wurden, erläutert dieser Artikel.
Vermehrung bundesweit leicht rückläufig
Bundesweit ist die Vermehrungsfläche von Wintergetreide nach den vorläufigen Erhebungen der Arbeitsgemeinschaft der Anerkennungsstellen (ag-akst.de) um etwa 5 % reduziert worden und liegt damit auf einem Niveau von etwa 94.000 ha. Insbesondere die Vermehrungsflächen von Wintergerste und Winterroggen wurden deutlicher reduziert, während Winterweizen und Wintertriticale in etwa auf dem Niveau des Vorjahres liegen.
Auch wenn es in manchen Jahren starke Schwankungen bei einzelnen Fruchtarten gibt, bleibt die schleswig-holsteinische Vermehrungsfläche in der Summe über alle Kulturen gesehen in den vergangenen Jahren überwiegend konstant. Neben Gründen, wie zum Teil schlechten Aussaatbedingungen für Wintergetreide, welche wir zuletzt im Herbst 2017 und 2019 hatten, findet zunehmend eine Verschiebung des Flächenanteils zwischen den Fruchtarten statt. War es noch vor einigen Jahren nahezu undenkbar, sich in der breiten Praxis mit dem gezielten Anbau von Sommergetreide und Leguminosen auseinanderzusetzen, haben diese Kulturen mittlerweile auf vielen Betrieben einen festen Platz in einer weiter gestellten Fruchtfolge. Nicht zuletzt findet seitens des Handels vielfach auch eine Anpassung des Vermehrungsumfangs an die zu erwartenden Absatzmengen des Saatguts statt.
Wintergetreide nimmt leicht ab
Betrachten wir die zur diesjährigen Ernte vermehrten Fruchtarten (Tabelle 1), so liegt der Winterweizen nach wie vor mit deutlichem, aber nochmals verringertem Abstand vorn. Diese Fruchtart wird auf einer Fläche von 3.250 ha und damit auf gut 40 % der Getreidevermehrungsfläche vermehrt. Es folgt die Wintergerste, deren Vermehrungsfläche mit knapp 1.800 ha nahezu konstant geblieben ist. Insgesamt werden auf etwas über 7.800 ha die verschiedenen Getreidearten vermehrt, wobei der Anteil der Sommergetreidearten in den vergangenen Jahren kontinuierlich und aktuell deutlich angestiegen ist. Dies ist vor allem in der Ausdehnung der Vermehrungsfläche des Hafers begründet. Sowohl pflanzenbauliche Erwägungen als auch die aktuell recht guten Absatzbedingungen sorgen dafür, dass der Anbau in der Praxis zunimmt.
Leguminosen weiterhin auf hohem Niveau
Bei den Leguminosen dominiert in Schleswig-Holstein klar die Ackerbohne. Der Vorfruchtwert von Leguminosen für die nachfolgende Kultur ist als sehr gut einzuschätzen. Als heimische Eiweißpflanzen eignen sich Leguminosen sowohl für die Verwertung in der tierischen als auch in der Humanernährung. Wurden Leguminosen in der Vergangenheit eher stiefmütterlich behandelt, gibt es mittlerweile zwei nennenswerte Zuchtprogramme von Züchtern aus Schleswig-Holstein, die in unserem Bundesland umfangreich Vorstufenvermehrungen anlegen. Auch die Landhandelsfirmen sehen zumindest in der Ackerbohne als heimische Eiweißpflanze Potenzial und legen ihrerseits eigene Vermehrungen an.
Grassamenvermehrung leicht reduziert
Mittlerweile hat sich die Vermehrung von Gräsersaatgut auf einigen, spezialisierten Betrieben als fester Bestandteil in der Fruchtfolge etabliert, wobei die Vermehrungsflächen aber nicht im Ansatz an den deutlich größeren Flächenumfang von vor zirka 50 Jahren anknüpfen können. Es sind nicht nur Futterbaubetriebe, sondern zunehmend auch reine Marktfruchtbetriebe, die Grassamen, vorrangig Weidelgräser, vermehren. Neben der Erweiterung der betrieblichen Fruchtfolge ist die Steigerung der Bodenfruchtbarkeit durch Humusbildung und die intensive Durchwurzelung des Bodens ein weiterer Vorteil, von dem letztlich alle Fruchtfolgeglieder des Betriebs profitieren.
Geringer Sortenwechsel bei Winterweizen
Betrachtet man den Winterweizen als größte Kultur in der Saatgutvermehrung, fällt auf, dass im Vergleich zum Vorjahr nur ein verhaltener Sortenwechsel stattgefunden hat. Es ist bei der deutlichen Dominanz von Sorten in B-Qualität geblieben. Sie nehmen 70 % der hiesigen Vermehrungsfläche ein, während die Weizensorten in A-Qualität auf gut 25 % der Vermehrungsfläche angebaut werden. Es führt, wie im Vorjahr, die EU (B)-Weizensorte ‚Chevignon‘ mit einer Vermehrungsfläche von 525 ha. Im Vergleich zum Vorjahr bedeutet dies einen nahezu konstanten Anbauumfang, allerdings bei insgesamt gesunkener Weizenvermehrungsfläche. Bundesweit ist die Vermehrungsfläche dieser Sorte deutlich ausgedehnt worden, sodass mittlerweile zirka 4.500 ha dieser Sorte im Feld stehen, was über 10 % der Weizenvermehrungsfläche bedeutet.
Mit deutlichem Abstand folgt die Sorte ‚KWS Donovan‘, ebenfalls ein Weizen in B-Qualität und mit einer Vermehrungsfläche von 351 ha auf Rang zwei. Gegenüber dem Vorjahr bedeutet dies ein deutliches Plus von 152 ha, damit ist die Sorte in diesem Jahr der größte Aufsteiger. Auf Rang drei folgt mit ‚Informer‘ eine weitere Sorte in B-Qualität, die auf einer Fläche von 265 ha (–127 ha) vermehrt wird. Mit ‚LG Initial‘ liegt knapp dahinter die führende A-Weizensorte auf dem vierten Platz der Rangliste. ‚LG Initial‘ wird zur diesjährigen Ernte auf insgesamt 239 ha vermehrt, das ist ein Minus von 47 ha gegenüber dem Vorjahr.
Auf den Plätzen fünf und sechs befinden sich fast gleichauf die B-Winterweizensorten ‚Campesino‘ mit einer Vermehrungsfläche von 209 ha (+39 ha) und ‚Knut‘ mit einer Vermehrungsfläche von 206 ha (+84 ha). Dahinter rangiert auf Platz sieben mit einer Vermehrungsfläche von 156 ha (–121 ha) die langjährig bewährte B-Weizensorte ‚Porthus‘. Auf Rang acht folgt mit ‚Faxe‘ eine Sorte mit A-Qualität, die in Schleswig-Holstein auf einer Fläche von 143 ha (–77 ha) vermehrt wird. Es folgt mit ‚RGT Reform‘ eine weitere Sorte in A-Qualität. Diese mehrjährig bewährte Sorte wird noch auf 120 ha vermehrt, was einem Rückgang von 125 ha entspricht. Bundesweit liegt ‚RGT Reform‘ dagegen noch auf dem zweiten Rang. Neben den zuvor genannten Sorten zeigt Tabelle 2 die dreijährigen Vermehrungsflächen aller aktuell vermehrten Weizensorten in Schleswig-Holstein und damit auch die Aufsteiger und Absteiger der aktuellen Anbauperiode.
Wintergerste nahezu konstant
Im Gegensatz zu den Bedingungen im Süden Deutschlands sind in Schleswig-Holstein bis auf wenige Ausnahmen nur mehrzeilige Wintergerstensorten im Anbau vertreten. Bei den hiesigen Vermehrungsflächen muss zwischen den von Vertriebsfirmen angelegten Vermehrungsvorhaben der Liniensorten für den regionalen Absatz und den vom Züchterhaus für den überregionalen Vertrieb vorgesehenen Vermehrungen der Hybridsorten einschließlich deren Erbkomponenten in ausgewählten Lagen und Betrieben unterschieden werden. Zur Ernte 2022 liegt die Hybridsorte ‚SY Galileoo‘ mit einer Vermehrungsfläche von 259 ha knapp auf dem ersten Platz. Im Vergleich zum Vorjahr ist die Vermehrungsfläche praktisch konstant geblieben.
Es folgt mit knappem Abstand auf Rang zwei mit ‚KWS Higgins‘ die Sorte, die im Vorjahr führend war und deren Anbauumfang um 39 ha auf aktuell 252 ha reduziert wurde. Auf Platz drei erscheint mit ‚SU Midnight‘ die Sorte mit der größten Zunahme der Vermehrungsfläche. Aktuell 206 ha bedeuten eine Steigerung um 154 ha. Es folgen ‚Esprit‘, die auf 143 ha vermehrt wird (–43 ha), ‚SU Jule‘ mit einer Vermehrungsfläche von 125 ha (–6 ha), sowie die Hybridsorte ‚SY Dakoota‘ mit 101 ha, wie der Tabelle 3 zu entnehmen ist.
Triticale mit leichtem Zuwachs
Während Saatgut der Fruchtart Triticale in Schleswig-Holstein überwiegend für Landhandelsfirmen vermehrt wird, erfolgt die Vermehrung von Winterroggen nahezu ausschließlich im direkten Vertragsverhältnis für die Züchter. Dies betrifft sowohl die Vermehrung von Vorstufen- und Basissaatgut von Populationssorten als auch die Vermehrung von Hybridsorten. Im aktuellen Anbaujahr (Tabelle 4) liegt mit der Sorte ‚Inspector‘ ein Populationsroggen mit einer Vermehrungsfläche von 68 ha in Führung, gefolgt von der Hybridsorte ‚SU Performer‘ (65 ha), dem Grünschnittroggen ‚Protector‘ (62 ha) und der Hybridsorte ‚KWS Progas‘ (55 ha). Bei der Fruchtart Wintertriticale führt in diesem Jahr wieder die Sorte ‚Lombardo‘ mit 122 ha den Vermehrungsanbau an, gefolgt von den Sorten ‚Ramdam‘ (91 ha) und ‚Lumaco‘ (85 ha).
Saatgutanerkennung der Landwirtschaftskammer
Die Saatgutanerkennung ist eine hoheitliche Aufgabe, die die Landwirtschaftskammer im Auftrag des Landes Schleswig-Holstein durchführt. Neben der Kontrolle der Anmeldungen, bei der beispielsweise die Flächenangaben, Vorfruchtsituation und der Saatgutbezug überprüft werden, findet eine ein- bis mehrmalige Feldbestandsprüfung jeder Vermehrungsfläche durch von der Landwirtschaftskammer bestellte Feldbestandsprüfer statt. Hierbei werden die Vermehrungsbestände insbesondere auf die Einhaltung der gesetzlichen Grenzwerte geprüft. Mittels über den Schlag verteilter, repräsentativer Zählstrecken werden die Sortenechtheit, Homogenität, Fremdbesatz und der Gesundheitszustand in Bezug auf samenübertragbare Krankheiten geprüft und die Ergebnisse dokumentiert. Nur der Aufwuchs von erfolgreich besichtigten Feldbeständen kann später, nach der Aufbereitung des Ernteguts, als Saatgut zur Beschaffenheitsprüfung auf Reinheit, Keimfähigkeit und Besatz vorgestellt und somit anerkannt werden.
Ausfallgetreide macht Probleme
In engen Getreidefruchtfolgen ist es stets eine große Herausforderung, das Ausfallgetreide zum Auflaufen zu bringen und zu bekämpfen. Häufig reichen die Bearbeitungsgänge oder die Bodenfeuchte nicht aus, um eine ausreichende Bekämpfung zu gewährleisten. Starker Altaufschlag tritt in der Folge häufig an Stellen im Schlag auf, an denen der Vermehrungsbestand schwächer entwickelt ist, wie auf Kuppen oder in nassen Senken. Hier haben auflaufende Getreidepflanzen, aber auch Ungräser, wie beispielsweise Ackerfuchsschwanz oder Flughafer, in der Folge gute Entwicklungsbedingungen.
Ob sich diese Situation mittelfristig verbessert, scheint fragwürdig, da aufgrund der sehr hohen Preise für Diesel sicherlich noch mehr über das Erfordernis von Bodenbearbeitungsgängen nachgedacht wird. Auch und gerade im Vermehrungsbetrieb ist praktizierte Feldhygiene jedoch immer gut angelegtes Geld, da auch notwendige Selektionsarbeiten oder der Einsatz von Pflanzenschutzmitteln Kosten verursachen. Wie in jedem Jahr hat Fremdbesatz mit anderen Getreidearten oder anderen Sorten derselben Art in diesem Jahr zu Aberkennungen in nennenswertem Ausmaß geführt, die aber nicht so hoch angesiedelt sind, dass generell Knappheit bei Getreidesaatgut zu erwarten ist.
Fazit
Die anstehende Aussaatsaison steht neben den geltenden pflanzenbaulichen Erfordernissen im Zeichen der volatilen Preissituation auf den Agrarmärkten und der Vorgaben der GAP 2023. Die schleswig-holsteinischen Saatgutvermehrungsflächen sollten auf einem passenden Niveau zur erwarteten Nachfrage nach Saatgut der unterschiedlichen Fruchtarten angelegt worden sein. Aufgrund der in etlichen Betrieben erweiterten Fruchtfolgen hat dies zur Reduktion beim Winterweizen und zur Ausdehnung insbesondere bei Sommergetreide und teilweise bei Leguminosen geführt. Nicht zuletzt von den Ergebnissen der Landessortenversuche sowie den Marktleistungen der Kulturen hängt ab, ob die von Züchtern und Handel angelegten Vermehrungsflächen der Fruchtarten und Sorten der Nachfrage der Kunden entsprechen. Sofern die Ernte zügig mit guten Qualitäten und Saatgutausbeuten eingebracht werden kann, sollte die Versorgung des Marktes mit anerkanntem Saatgut zur Aussaat gegeben sein.




