Was passiert eigentlich, wenn einem Würfel die Ecken abgeschnitten werden? Diese Frage stellte ein Erzieher vor 200 Jahren Schülern im Geometrieunterricht in der kleinen Oberlausitzer Stadt Herrnhut. Antwort: Es entsteht die geometrische Form des Rhombenkuboktaeders, eines der 13 pythagoräischen Körper.
Dieser Körper mit 18 Quadraten und acht Dreiecken ist der Kern eines Herrnhuter Sterns bis heute, der als ältester Weihnachtsstern überhaupt gilt. Er hatte von Anfang an zwei Funktionen – als Unterrichtsgegenstand im Geometrieunterricht und als Abbild des Sterns von Bethlehem.
Aus dem Geometrieunterricht entwickelte sich in der Brüder-Unität (Herrnhuter Brüdergemeine) bald die Tradition des Sternbastelns am ersten Advent. Die ersten Sterne wurden in Weiß-Rot gefertigt. Weiß stand für die Reinheit und Rot für das Blut Jesu Christi. Damit wurden die Schulstuben geschmückt. Andere nahmen die Schüler mit nach Hause in ihre Familien. Nicht alle konnten mit ihren Eltern Weihnachten feiern, weil die weit weg in Übersee als Missionare tätig waren. Die Sterne sollten den Trennungsschmerz ein wenig lindern und so mancher Stern ging, von den Kindern in Deutschland eingepackt, auch auf die weite Reise zu den Eltern.
Bevor aus den Anfängen des Herrnhuter Sternes in einer Schulstube die weltweit verbreiteten Advents- und Weihnachtsterne wurden, sollten noch viele Jahre vergehen. 1897 entwickelte der Geschäftsmann Pieter Hendrik Verbeek den Herrnhuter Stern zu einem stabilen, zusammensetzbaren Stern weiter, sodass er auch verschickt werden konnte. Neu war der durchbrochene Metallkörper mit Schienen, auf den die Papierzacken mit Metallrahmen geschoben wurden.
Vor 125 Jahren gründete er die Sterne-Manufaktur. Ein Jahr später gab es den Stern bereits in zwei Größen, in 56 cm und 80 cm Durchmesser. Die Zacken wurden in fünf Farben gefertigt: in Weiß, Gelb, Rot, Grün und Blau. Elf Kombinationen waren möglich. Die erste schmiedeeiserne Halterung wurde hergestellt. Vertrieben wurden die Sterne von der Herrnhuter Missionsbuchhandlung. In der Anfangszeit waren es vor allem Kirchengemeinden, die Sterne für ihre Kirchen kauften und damit auch die Missionsarbeit der Herrnhuter unterstützen wollten.
1925 war ein wichtiges Jahr für die Herrnhuter Sterne. Aus dem Stern mit dem Metallkörper wurde ein körperloser Stern mit einer selbsttragenden Rähmchenkonstruktion. Die Rähmchen waren zunächst aus Metall, wenig später bereits aus Pappe. Was beim zusammengebauten Stern keinen Unterschied machte, war ein enormer Vorteil für die Serienfertigung und für den Versand. Verbeek meldete den ersten körperlosen Stern zum Patent an, mit 17 viereckigen und acht dreieckigen Zacken. Die Stern-Gesellschaft mbH Herrnhut wurde gegründet. Gesellschafter waren der Unternehmer Pieter Hendrik Verbeek, die Missionsanstalt der Brüder-Unität und die Firma Abraham Dürninger & Co., ein bis heute bestehendes Unternehmen zur Förderung der Herrnhuter Brüdergemeine.
Die DDR verstaatlichte 1950 den Sternenhersteller. Ab sofort hieß er VEB Oberlausitzer Stern- und Lampenschirmfabrik. Irgendwann passte die Handfertigung von Sternen nicht mehr ins Bild sozialistischer Industrieproduktion. Es kam in einer Zeit, in der anderswo bisher halbstaatliche Betriebe vollständig verstaatlicht wurden, zur Rückübertragung der Firma vom Staat an die Brüder-Unität – ein einmaliger Vorgang.
An der geschäftlichen Situation änderte sich durch diese Rückübertragung wenig, denn auch private Firmen waren staatlicher Planung unterworfen, das heißt Material war knapp und wurde zugeteilt. Die meisten der damals produzierten Sterne gingen in den Export. In der DDR waren sie deshalb kaum zu haben. Die DDR brauchte Devisen. Der Eigentümer bekam die Sterne selbstverständlich in DDR-Mark bezahlt.
Seit 1982 wurden die Sterne auch in Kunststoff gefertigt. Ab jetzt wurden sie auch öffentlich sichtbar und eroberten vor allem außerhalb der DDR Kirchtürme, Außenfassaden und Marktplätze. 1991 wurde die Herrnhuter Sterne GmbH neugegründet. Es begann ein neuer Abschnitt in der Geschichte der Herrnhuter Sterne. Jetzt war alles möglich, aber es galt, sich auch in der Marktwirtschaft zu behaupten. Herrnhuter Sterne waren in ganz Deutschland eine eingeführte Marke. Aber jetzt waren sie keine Mangelware mehr und sie waren teurer als vorher. Der Vertrieb musste völlig neu aufgebaut werden. Neue Materialien wurden eingesetzt, Fertigungsabläufe optimiert. Es blieb bei der Handarbeit. Die Nachfrage nach Herrnhuter Sternen ist in den letzten Jahrzehnten ständig gestiegen. Startete die Herrnhuter Sterne GmbH 1991 mit 23 Mitarbeiterinnen, waren es 2010 rund 80 Mitarbeiterinnen, die zirka 300.000 Sterne pro Jahr herstellten. Im Jahr 2019 stellten etwa 140 Mitarbeiterinnen bereits 700.000 Sterne im Jahr her. Wer will, kann den fleißigen Mitarbeiterinnen in der Schauwerkstatt bei der Arbeit zusehen oder nebenan ins Bastelstübchen gehen und sich den eigenen Stern ganz individuell zusammenbauen. Der Herrnhuter Stern ist die vielen Jahrzehnte hinweg in seiner Form gleich geblieben. 25 Zacken sind der Beweis für die Echtheit eines Herrnhuter Sterns. An der Stelle, wo die 26. Zacke hingehören würde, ist die Beleuchtung installiert. Es gibt nur eine Ausnahme: Der Stern im Kirchsaal der Herrnhuter Brüdergemeine bringt es auf stolze 110 Zacken.
Bei den Größen und Farben ist die Vielfalt im Laufe der Jahrzehnte stetig gewachsen, besonders aber in den letzten drei Jahrzehnten, in denen keine Materialengpässe die Kreativität der Herrnhuter Sternehersteller bremsen konnten. Inzwischen gehören auch Sterne mit Blumenmustern zum Sortiment und Lichterketten aus bunten, kleinen Sternen, die auch bei Sommergartenpartys Verwendung finden. Kunden können Sterne zwischen 13 cm und 80 cm Durchmesser wählen. Sonderanfertigungen gibt es auf Bestellung auch bis 190 cm Durchmesser. Wer die „Minis“, die kleinsten Herrnhuter Sterne mit einem Durchmesser von 8 cm, haben möchte, kann die nur in Herrnhut direkt kaufen. Während es in vielen Familien bis heute ein wichtiges Ritual ist, am ersten Advent gemeinsam den Herrnhuter Stern zusammenzubauen, gibt es längst Alternativen. So bieten die Sternehersteller inzwischen auch Kartons an, in denen die Sterne im zusammengebauten Zustand übersommert werden können. Dadurch werden die empfindlichen Papierzacken geschont.
Auch in Schleswig-Holstein hängen die Sterne mit der wechselvollen Geschichte längst nicht mehr nur in Kirchen und Gemeindehäusern, sondern auch auf Marktplätzen, in Privathäusern, in Gutshöfen und sogar an Scheunen. Und es werden jedes Jahr mehr.
Info
Herrnhut ist eine Kleinstadt in der sächsischen Oberlausitz und wurde 1722 von mährischen und böhmischen Glaubensflüchtlingen der Brüder-Unität gegründet. Die Brüder-Unität ist Mitte des 15. Jahrhunderts aus der böhmischen Reformation heraus entstanden und damit älter als die evangelischen Kirchen in Deutschland. Im 18. Jahrhundert wurden diese evangelischen Christen in ihrer Heimat verfolgt. Nikolaus Graf von Zinzendorf stellte ihnen Land zur Verfügung und bot ihnen im lutherischen Sachsen Schutz vor Verfolgung. In Herrnhut – unter der Hut des Herrn – lebten, arbeiteten und beteten die Glaubensflüchtlinge zusammen, gründeten Schulen und schickten schon nach wenigen Jahren die ersten Missionare in alle Welt, um die christliche Botschaft weiterzutragen. Heute zählt die kleine Freikirche in Deutschland zirka 5.000 Gemeindeglieder, weltweit sind es mehr als 1,2 Millionen, vor allem in Afrika, in Nord- und Mittelamerika und in der Karibik. Viele Gemeindeglieder in Deutschland sind auch Mitglied ihrer evangelischen Landeskirche. Außerhalb Deutschlands heißt die Kirche auch „Iglesia Morava“ oder „Moravian Church“. Eines der Markenzeichen der Herrnhuter Brüdergemeine war von Anfang an gute Bildung für alle, sowohl in den Gemeinden in Übersee als auch in der Heimat. Die Gleichheit aller Menschen und die Einheit von religiöser, sozialer und naturkundlich-praktischer Bildung und Erziehung waren die Grundpfeiler des Bildungskonzeptes der Herrnhuter, ein für die damalige Zeit sehr modernes Bildungskonzept. Das Schulwerk der Herrnhuter Brüder-Unität hatte schnell einen so guten Ruf, dass Anzeigen in überregionalen Zeitungen geschaltet werden mussten, doch bitte keine Kinder unangemeldet in die Schulen zu schicken.




