Um „Transformationsprozesse in Krisenzeiten“ ging es gestern (26. Januar) bei der 73. Hochschultagung der Agrar- und Ernährungswissenschaftlichen Fakultät der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel (CAU). Obwohl die Plenarvorträge im Internet gestreamt wurden, kamen mehr als 150 Interessierte persönlich ins Audimax der CAU.
Von Prof. Matin Qaim, Agrarökonom an der Universität Bonn, erfuhren die Besucher, dass weltweit rund 830 Mio. Menschen hungern. Die meisten davon lebten in Asien (55 %) und Afrika (37 %). „Auf diese beiden Kontinente müssen wir schauen“, betonte Qaim. Der Anteil der Hungernden habe zwar seit 1945 kontinuierlich abgenommen, seit 2005 stagniere dieser Wert jedoch bei zirka 10 % der Weltbevölkerung. Nährstoffdefizite wiesen zudem mehr als ein Drittel der Weltbevölkerung auf. Das seien vor allem Menschen, die sich gesunde Ernährung nicht leisten könnten.
Zu Unrecht verteufelt
Qaim erinnerte daran, dass die Preise für Weizen bereits vor Kriegsausbruch in der Ukraine hoch waren. Das liege an einem zu geringen Produktionswachstum bei steigender Nachfrage. Dazu kämen hohe Energiepreise und „Schocks“, wie die Corona-Pandemie, Kriege und Klimawandelfolgen. „Wenn die Produktion sinkt, gibt es eine Flächenausdehnung, vor allem im globalen Süden, – oft verbunden mit Abholzung – was wir eigentlich nicht wollen,“ erläuterte der Bonner Hochschullehrer.
Ihm zufolge wirkt der Klimawandels deutlich negativer auf die Regionen der Welt, die schon jetzt die meiste Armut und den meisten Hunger aufwiesen. Richtung Nordpol erwarte man wegen der Erderwärmung hingegen Ertragssteigerungen. Qaim folgerte: „Man muss unsere Verantwortung für die Produktion von Lebensmitteln hinterfragen und auch die Folgen für Migrationsbewegungen im Blick haben.“
Er räumte ein, dass intensive Landwirtschaft negative Umweltauswirkungen hat. Allerdings führe diese auch dazu, dass insgesamt weniger Fläche gebraucht werde. „Der Landnutzungswandel ist der größte Faktor für die Treibhausgasemissionen der Landwirtschaft. Das gilt auch für Artenvielfalt“, unterstrich Qaim. Ertragssteigerungen blieben daher das „A und O“. Die Frage sei: Wie bekommen wir Ertragssteigerungen hin, während wir gleichzeitig weniger Mineraldünger und chemischen Pflanzenschutz verwenden?
Chancen sieht er in neuen Technologien der Pflanzenzüchtung. Nach Stand der Wissenschaft liefere die Nutzung von Gentechnik – wo sie angewendet werden dürfe – 22 % Mehrertrag bei einem um 37 % reduzierten Pestizideinsatz. Die Nutzenwirkungen für Gentechnik seien in Entwicklungsländern deutlich größer, als in Industrieländern.
Vor allem in Europa hemmten bislang massive Akzeptanzprobleme. Nicht weil es nicht zuverlässig funktionieren würde, sondern weil es keinen politischen und gesellschaftlichen Willen gebe. Qaim appellierte: „Ich sehe nicht, dass wir die Ziele des Green Deal erreichen können, ohne die neuen genomischen Verfahren einzusetzen.“ Bio allein sei jedenfalls nicht die Lösung. Man würde nur Umwelt- und Klimaeffekte auslagern, da weniger exportiert und mehr importiert würde.
Arbeiten im Kriegsland
Hans Wenzl hat 2003 in der Ukraine einen Ackerbaubetrieb mit 1.500 ha übernommen. Der Betrieb liegt auf der Luftlinie zwischen Kiew und Odessa, zirka 200 km südlich der ukrainischen Hauptstadt. Durch kontinuierliches Wachstum bewirtschaftet der Betrieb heute mehr als 4.000 ha. Wenzl berichtete: „Ich habe es damals nicht fassen können, dass die Russen in die Ukraine einmarschiert sind.“ Dass der russische Präsident Wladimir Putin wirklich einen Krieg entfacht, sei undenkbar gewesen. Man habe dann im Team der Unternehmensführung entschieden, weiter zu arbeiten. „Vier Männer von uns gingen zum Militär. Jetzt sind sie an der Front“, schilderte Wenzl. Trotz des Krieges habe die Vermarktung der Ernteprodukte relativ gut geklappt. Zahlungsmittel bei der Vermaktung von Zuckerrüben sei aktuell Zucker. „Wir können entscheiden, ob wir den selbst vermarkten oder an die Zuckerfabrik verkaufen“, erläuterte Wenzl. Weitere wichtige Kulturen im Betrieb seien Weizen, Raps, Sonnenblumen und Mais. Zudem gebe es zwei Saatzuchtstationen vor Ort, eine von Limagrain, eine von Bayer.
Die Sonnenblumen bleiben nach Wenzels Angaben im Land. Raps und Weizen würden hingegen in Richtung Odessa zum Teil in den Export vermarktet. Mais werde auch international vermarktet. Im vergangenen Jahr seien die Preise trotz des Krieges sehr gut gewesen. Auch in diesem Jahr ist Wenzl bisher zufrieden. Die Transporte nach Odessa und auch über das schwarze Meer funktionierten erstaunlich gut. Die Großhändler hätten gekauft. Dünger ist laut Wenzl sehr teuer geworden. Aufgrund des Krieges bestünden aber die größten Probleme für die meisten Betriebe in der Ukraine bei der Beschaffung von Diesel.
Wenn Druck zu Angst wird
Ihre Erfahrungen aus einem ganz anderen Themenfeld berichtete Karen Hendrix. Die Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie beschäftigt sich mit psychischen Belastungen von Landwirten. Früher seien ihre Patienten überwiegend zwischen 45 und 60 Jahre alt gewesen. Aktuell kämen aber immer mehr junge Bauern zu ihr, die den Betrieb ihrer Eltern übernommen haben und massive Zukunftsängste hätten. Als Beispiel erzählte sie von einem Schweinehalter, der sich von allen Seiten bedroht fühle, von Dokumentationspflichten, Kontrollen und gesellschaftlichem Druck. Dazu komme die Angst um die wirtschaftliche Perspektive. „Kein Landwirt will derjenige sein, der einen viele hundert Jahre alten Betrieb aufgibt“, so Hendrix. Nach den Erfahrungen aus ihren Gesprächen führe das oft zu suizidalen Gedanken. Die Ärztin berichtete von einer Studie nach der 46 % aller Landwirte unter psychische Belastungen leiden. Das seien deutlich mehr als in der Normalbevölkerung.
„Was Landwirte auffrisst, ist die zunehmende überbordende Bürokratie“, erklärte Hendrix. Problematisch sei zudem die kritische Darstellung der Landwirte in den Medien, zum Beispiel als Umweltvergifter und Tierquäler. Das gehe schon in der Schule los, wenn Landwirtskinder von ihren Mitschülern diskriminiert würden. Dazu komme, dass Städter oft gar nicht mehr genau wüssten, was eine moderne Landwirtschaft ausmacht.
Auch Schulden seien „ein wahnsinnig großer Anlass für Depressionen“. Diese Last könne zum Beispiel zu Schlafproblemen führen. Ein neues Problem seien Wölfe. Ein Schäfer, der auf seiner Koppel mit 20 verletze und angefressen Schafe auffand sagte wörtlich zu ihr: „Das halte ich nicht mehr aus.“ Ein klares Signal für psychische Belastung ist laut der Expertin sozialer Rückzug. „Wenn man nicht mehr ausgeht, die Post nicht mehr geöffnet“, beschreibt Hendrix. Irgendwann würden dann die Tiere nicht mehr ordentlich versorgt.
Die Ärztin rät, dass man sich in solchen Situationen jemandem anvertraut. Sie betonte: „Es funktioniert nicht, wenn der Lack nach außen glänzt, aber der Motor kaputt ist.“ Sich mit anderen auszutauschen sei oft schon eine große Hilfe.
Zitate
Prof. Simone Fulda, Präsidentin der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel:
Neben Forschung und Lehre arbeitet die Agrar- und Ernährungswissenschaft intensiv an Technologie- und Wissenstransfer.
Werner Schwarz (CDU), Landwirtschaftsminister:
Agrarpolitik ist wissensbasierte Politik. Schleswig-Holstein hat aktuell den Vorsitz der Agrarministerkonferenz. Themen sind dort die Umsetzung der Vorschläge der „Borchert-Kommission“ und die Gemeinsame Agrarpolitik nach 2027. Es braucht attraktive Programme, um die Landwirte aus den Direktzahlungen heraus in die Honorierung von Nachhaltigkeitsleistungen zu bekommen.
Ute Volquardsen, Präsidentin der Landwirtschaftskammer:
Die Wertschätzung für Lebensmittel ist gestiegen. Da die Produktion auf den Betrieben teurer geworden ist, steigen auch die Preise für unsere Produkte.
Prof. Georg Thaller, Dekan der Agrar- und Ernährungswissenschaftlichen Fakultät:
Das Thema „Transformationsprozess in Krisenzeiten“ wurde schon vor dem Beginn des Krieges in der Ukraine gewählt. Es gab also bereits multiple Krisen, die dieses Thema hervorgebracht haben. Immer weniger Agrar-Studierende haben einen direkten Bezug zur Landwirtschaft. Wir müssen deshalb in die Schulen und unsere Themen in den Sozialen Netzwerken mehr und besser platzieren.




