In vielen landwirtschaftlichen Familien herrschten nach wie vor unausgesprochene Rollenerwartungen. In der Aufteilung der Care-Arbeit liegen, das zeige die aktuelle Studie „Frauen.Leben.Landwirtschaft“ , Hausarbeit sowie die Versorgung von Kindern oder Senioren noch immer zu etwa 80 % bei den Frauen. Unter Landwirtschaftsstudenten ist der Frauenanteil sehr hoch, bei den Betriebsleitern beträgt er lediglich 11 %. Diese Zahlen boten viel Gesprächsstoff auf dem Bäuerinnenforum im Rahmen der Grünen Woche in Berlin.
„Es ist fatal, dass sich eine Frau auch heute noch aus Vereinbarkeitsgründen gegen die Betriebsleitung oder gegen Kinder entscheidet“, erklärte Petra Bentkämper, Präsidentin des Deutschen LandFrauenverbandes (dlv) in ihrer Einleitung. „Hier gilt es, individuelle Lösungen in den Familien zu finden. Neben einer frühzeitigen Planung braucht es aber auch entsprechende politische und gesellschaftliche Rahmenbedingungen.“
„Kind oder Kuh?“, brachte Anne Dirksen, sozioökonomische Beraterin der Landwirtschaftskammer Niedersachsen, die Frage der Vereinbarkeit von Familie und Beruf auf eine drastische Formel. Angesichts der Ergebnisse der Frauen-Studie mahnte sie an, zunächst Aufgaben in der Familie anders zu verteilen, „um ein individuelles, echtes Wahlrecht für alle zu erreichen“. In vielen landwirtschaftlichen Familien herrschten nach wie vor unausgesprochene Rollenerwartungen. Wenn ein Mann einheirate, sei es zumeist selbstverständlich, dass er die Betriebsleitung auf dem Hof übernehme, umgekehrt aber nach wie vor unwahrscheinlich. In der Aufteilung der Care-Arbeit lägen, auch das zeige die Studie, Hausarbeit sowie die Versorgung von Kindern oder Senioren noch immer zu etwa 80 % bei den Frauen. „Hofprinzen werden übrigens von Müttern erzogen“, merkte Dierksen an. Eine wiederkehrende Erfahrung in ihrer sozioökonomischen Beratungstätigkeit sei zudem, dass Familiensysteme, in denen die gleichberechtigte Mitarbeit der Frau auf dem Hof gut organisiert sei, mit der Geburt des ersten Kindes kippten. Dierksen benannte das Delegieren von Aufgaben, die frühzeitige Suche nach einer Ersatzkraft für den Betrieb, eine Vorabregelung der Kinderbetreuung und die Übernahme unternehmerischer Verantwortung auch für die eigenen Belange als Handlungsfelder der Betriebsleiterinnen. Unter diesen Voraussetzungen laute die Antwort auf ihre Eingangsfrage „Kind und Kuh“, so die Referentin.
Cecilia Abel berichtete als Betriebsleiterin und junge Mutter über ihre persönlichen Erfahrungen. Sie habe ihrer Schwangerschaft mit dem Gefühl, gut vorbereitet zu sein, entgegengesehen. Mit ihrem Co-Betriebsleiter, der bereits drei kleine Kinder habe, seien die Aufgaben auf dem Ziegenhof mit 80 Tieren und Käserei gleichberechtigt aufgeteilt gewesen. Das habe sich nach der Geburt ihres Sohnes extrem geändert. Mit Kind rutsche man trotz aller guten Vorhaben schnell in alte Rollenbilder. Die studierte Landwirtin aus dem Spreewald forderte eine Erweiterung der Betriebs- und Haushaltshilfe der Sozialversicherung für Landwirtschaft, Forsten und Gartenbau (SVLFG): „Eine Betriebshilfe für 40 Stunden in der Woche ist ein guter Anfang.“ Angesichts der körperlich schweren Arbeit auf dem Hof sei diese Gewährleistung sechs Wochen vor der Geburt und acht Wochen danach aber zu kurz.
Claudia Lex, Geschäftsführerin der SVLFG, betonte in der anschließenden Podiumsdiskussion, dass 2022 40.000 Einsatztage von Betriebs- oder Haushaltshilfen für werdende Mütter gewährt worden seien. Dass sei angesichts des Fachkräftemangels nicht immer einfach. Sie riet daher, sich rechtzeitig über die Leistungen der SVLFG zu informieren und diese zu beantragen. Die Diskrepanz zwischen der Fülle an bestehenden Informationsangeboten und deren Verbreitung war ebenfalls ein Thema der Debatte. Mara Walz, Winzerin und Hofnachfolgerin aus Baden-Württemberg, forderte, dass das Thema Care-Arbeit und damit verbundene Ungleichgewichte bereits verpflichtend in Berufs-, Fach- und Hochschulen etabliert werden sollte. Die junge Mutter ermutigte junge Unternehmerinnen zudem, Dinge zu verändern. „Der Betrieb muss so aufgestellt werden, dass er für mich passt“, so ihre Maxime.
Die Bundestagsabgeordnete Isabel Mackensen-Geis (SPD) bezeichnete die Studie „Frauen.Leben.Landwirtschaft“ als Meilenstein und wichtige Datengrundlage, um als Politikerin für die Vereinbarkeit von Familie und Beruf auch in der Landwirtschaft zu arbeiten. Dass die Studie auf der IGW beim Empfang des Deutschen Bauernverbandes erwähnt wurde, sei doch schon mal ein Zeichen, so die Rheinland-Pfälzerin. Es sei eine gesellschaftliche Aufgabe zu ermöglichen, dass beide, Väter und Mütter, arbeiten könnten. Dafür brauche es aber auch Vorbilder auf dem Dorf, Frauen und Männer, betonte sie.
Johanna Röh, gelernte Landwirtin und heute Tischlermeisterin aus Niedersachsen, sagte, sie habe als junge Mutter gelernt, Beratungsangebote zu nutzen und Dinge einzufordern, um ihre Arbeit weitermachen zu können. Inzwischen ist sie deutschlandweit vernetzt und kämpft für eine Reform des Mutterschutzes.
Aus dem Publikum meldete sich zu diesem Thema auch ein Mann: Jan Hägerling, Geschäftsführer des Bundes der Deutschen Landjugend. Seine Erkenntnis aus dem Bäuerinnenforum 2023: „Dieses Thema muss unbedingt an die Männer auf dem Land herangetragen werden.“
Einig waren sich die Teilnehmerinnen der Diskussion, dass die Vereinbarkeit von Beruf und Familie nicht allein auf den Schultern der Familien lasten dürfe. Hier seien die Politik, aber auch der Deutsche LandFrauenverband gefragt. Es seien 72 Impulse nötig, bis sich etwas ändere, hatte Anna Dierksen in ihrem Vortrag zum langen Atem ermutigt, denn Frauen, die nicht forderten, würden beim Wort genommen.




