„Schalom und Moin! Hereinspaziert!“ – mit diesen Worten werden Besucher des Jüdischen Museums in Rendsburg künftig begrüßt. Derzeit wird das Museum umfangreich saniert, die Ausstellung komplett neu überarbeitet. Worauf sich die Besucher nach der Wiedereröffnung im Frühjahr 2023 freuen können, erklärten Museumsleiter Jonas Kuhn und die wissenschaftliche Mitarbeiterin Rebecka Schlecht bei einer Baustellenführung Mitte November.
Es riecht nach frischer Farbe, alle Räume in der ehemaligen Talmud-Tora-Schule, sowohl im Erd- als auch im Obergeschoss, sind leergeräumt und warten auf ihre neuen Bestimmungen. Und die werden bunt und farbenfroh sein, wie das Leben selbst, interaktiv und kurzweilig. Weg vom ursprünglich musealen Charakter, „soll es wohnlich zugehen, das passt zu dem Haus“, so der Museumsleiter.
Eine große Rolle spielen Partizipation und Inklusion. Menschen mit Behinderungen werden in den Räumen des neuen Ausstellungsbereichs zu den Exponaten und den geplanten Stationen Zugang haben und durch Ertasten, Audio- und Videodarstellungen teilnehmen können. Um das Obergeschoss besser erreichen zu können, wurde ein Fahrstuhl installiert. Die Museumsbesucher können sich in den verschiedenen Themen der Ausstellung immer wieder interaktiv auf das jüdische Leben und die Menschen, die sich dahinter verbergen, einlassen, ohne dass es langweilig wird. „Uns ist aber auch der wissenschaftliche Anspruch hinsichtlich der Geschichte, Fakten und Informationen sehr wichtig, fundiert und ausgewogen, so viel wie nötig, so wenig wie möglich, um genug Wissen zu vermitteln, um die Hintergründe zu verstehen, aber gleichzeitig nicht zu ermüden“, so Jonas Kuhn. Neben der Aufarbeitung der Vergangenheit wird es vor allem die Gegenwart sein, die eine große Rolle spielt in dem neuen Konzept, und immer wieder werden es Jüdinnen und Juden selbst sein, die zu Wort kommen, die ihr Leben damals und heute zeigen. Jüdische Perspektiven sollen sichtbar gemacht und dadurch neue Perspektiven und Blickwinkel den Besuchern vermittelt werden.
Neue Ausrichtung
„Das Problem, das Jüdinnen und Juden heute ganz oft benennen, ist, dass sie auf die Schoah, auf Israel und Antisemitismus reduziert werden. Sie wollen aber in ihrer Vielfältigkeit und nicht nur als Opfer gesehen werden“, erklärt Jonas Kuhn. „Somit stellte sich uns die Frage: Was können wir Menschen anbieten, um jüdisches Leben heute zu verstehen?“ – Das ist auch der zentrale Leitgedanke der neuen Ausstellung. Und so lädt das Museum in Rendsburg die Besucher ein, „jüdische Geschichte und Gegenwart zu entdecken. In unserer Ausstellung bieten wir historische Fakten, neue Einblicke, und ungewohnte Perspektiven. Als ein nichtjüdisches Team übergeben wir immer wieder Jüdinnen und Juden das Wort. Wir haben mit vielen Menschen diskutiert und ausgewählt, was wir für die Ausstellung wichtig und interessant finden. Schaut euch unsere Auswahl kritisch an! Macht euch ein eigenes Bild!“, lautet es in dem Raumtext. Eine Aufforderung, die ernst gemeint ist. „Nur weil wir diese Auswahl getroffen haben, heißt das nicht, dass sie nicht hinterfragt oder durch weitere Vorschläge ergänzt werden kann“, sagt Kuhn.
Nicht infrage stand, dass es für die Ausstellung einen neuen Schwerpunkt brauchte. War sie in der Vergangenheit mit der Kunst im Fokus auf kulturelle Bildung ausgerichtet, soll sie jetzt mit Gegenwartsbezug aktuelle Themen aufgreifen und damit in die Gesellschaft zurückwirken, um auf diese Weise auch zur Normalität von jüdischem Leben beizutragen.
Entwicklung einer Vision
Aus diesem neuen Schwerpunkt entwickelte sich eine Vision mit den bereits genannenten Aspekten: farbenfroh, innovativ, partizipativ, kreativ, diversitätssensibel, vermittlungsorientiert, kurzweilig, mit wissenschaftlichem Anspruch. „Das geht aber nicht ohne die Unterstützung und Mitwirkung von Externen“, so Kuhn. Wie solle man ansonsten als ein nichtjüdisches Team über Jüdinnen und Juden erzählen, ohne sie einzubeziehen? Auf diese Weise standen dem Museumsteam ein wissenschaftlicher Beirat, eine Fokusgruppe mit Vertretern jüdischer Institutionen, eine Fokusgruppe mit Vertretern von Interessengruppen von Menschen mit Behinderungen sowie die Geschichts-AG des Gymnasiums Heide-Ost zur Seite.
In unzähligen Gesprächen, Diskussionen, Beratungen und konstruktiven Auseinandersetzungen mit allen Beteiligten wurden die inhaltlichen Konzepte sowie die Gestaltungsentwürfe des Planungsbüros Whitebox aus Dresden entwickelt, diskutiert, verworfen, neu erstellt, erweitert und dann externen Gruppen sowie weiteren Experten vorgestellt. Bei der gestalterischen Umsetzung der Ideen konnte das Planungsbüro mit außergewöhnlichen und neuen Formaten unterstützen, die das Leben und Wirken der Jüdinnen und Juden in Schleswig-Holstein, aber auch in ganz Deutschland lebendig veranschaulichen. Und auch die Hinweise der Fokusgruppen hätten so manch neue Erkenntnis gebracht, „auf die wir im Leben nicht gekommen wären, vor allem aus der Perspektive eines Menschen mit Behinderungen“, so Kuhn. Großes Lob richtete er auch an die Heider Schüler, die ihre Freitagnachmittage und somit ihre Freizeit opferten, um mitzugestalten. Alle seien bis heute am Ball geblieben. Für diese Form der Kulturvermittlung wurde das Jüdische Museum im Oktober von der Commerzbank-Stiftung im Rahmen von „ZukunftsGut 2022“ mit einem Preis ausgezeichnet.
Foto: Iris Jaeger
Aktuelle Themen im Fokus
„In der zukünftigen Ausstellung werden daher Themen wie Flucht und Migration, der gesellschaftliche Umgang mit Antisemitismus und Rassismus, die Handlungsspielräume von Jüdinnen und Juden in Geschichte und Gegenwart, Identitäts- und Geschichtspolitik und jüdische Gegenwarten in einer pluralen Gesellschaft im Fokus stehen. Die Besucher, die in der Mehrheit nichtjüdisch sind, sollen inklusiv und diversitätssensibel zu einem Nachdenken über die eigene Geschichte und die eigene Position innerhalb der gegenwärtigen Gesellschaft angeregt werden. Dazu gehört auch die Reflexion des gesellschaftlichen Umgangs mit Geschichte sowie der Wahrnehmung der heutigen Gesellschaft“, fasst Jonas Kuhn die wesentlichen Punkte des umfangreichen Konzepts zusammen.
Jüdischsein heute in Schleswig-Holstein und in Deutschland, dargestellt in der ganzen Vielfalt, die das jüdische Leben mit sich bringt – damit zeige man etwas, das anderswo nicht gezeigt werde, „damit haben wir ein Alleinstellungsmerkmal“, freut sich der Museumsleiter.
Info
Das Jüdische Museum in Rendsburg befindet sich in der einzigen ursprünglich erhaltenen Synagoge aus der Zeit vor der Emanzpation und ist ein bedeutendes Baudenkmal. Es ist der einzige Ort in Schleswig-Holstein, an dem museal die Verfolgung von Jüdinnen und Juden während der NS-Zeit vermittelt und umfassend über jüdische Geschichte, Gegenwart, Religion, Identität und Kultur informiert wird. In den Räumen der Synagoge und denen der ehemaligen Talmud-Tora-Schule befanden sich bis zur Neugestaltung drei Dauerausstellungen. Auf der Frauenempore und im benachbarten Versammlungszimmer werden die jüdische Religion hinsichtlich der Feiertage im Jahreslauf, im Haus und im Leben des Judentums vermittelt. Im Obergeschoss der ehemaligen Talmud-Tora-Schule wurden bedeutende Werke von Künstlerinnen und Künstlern gezeigt, die in der NS-Zeit als Juden verfolgt wurden (zum Beispiel Max Liebermann, Felix Nussbaum oder Ludwig Meidner). 1991 wurde das Museum durch zwei Häuser, die an den Innenhof angrenzen, erweitert.




