Die Inhaftierung eines Elternteils ist ein Ereignis, das das Leben der betroffenen Familien massiv verändert. Besonders für die Kinder kann die Situation sehr schwierig sein. Seit 2018 erhalten sie in Schleswig-Holstein Unterstützung durch das Projekt „Wellenbrechen“, das von der Straffälligenhilfe der stadt.mission.mensch gGmbh in Kiel mit Förderung des Landesministeriums für Justiz und Gesundheit ins Leben gerufen wurde.
Ein Nachmittag auf Hof Stoltenberg in Schönkirchen, Kreis Plön. Aylin* nimmt im Reitstall einen Kamm aus dem Korb und geht zu Pony Daisy. Das Mädchen begrüßt es, streicht leicht über seinen Hals und setzt dann zaghaft den ersten Strich an der Mähne des Tieres an. Daisy hält mucksmäuschenstill. Aylins Gesichtszüge entspannen sich, während sie immer wieder vorsichtig mit dem Kamm durch die Mähne fährt. Reitpädagogin Andrea Block-Stoltenberg ist an ihrer Seite und ermutigt sie, es einmal mit kräftigeren Strichen zu versuchen. Aylin traut sich und lächelt zufrieden.
Die Elfjährige und ihre Geschwister Mehmet* (8) und Leyla* (6) (* Namen geändert) machen gerade eine herausfordernde Zeit durch. Seit einigen Monaten ist ihre Mutter in Haft, etwa eineinhalb Jahre wird sie noch in einer Justizvollzugsanstalt bleiben, bis sie zur Familie zurückkehren kann. Währenddessen ist der Stiefvater der Kinder allein für sie da. Seit September vorigen Jahres begleitet Sozialpädagogin Laura Rahlf die Familie. Sie weiß, was Kinder durchmachen, wenn ihr Leben durch die Inhaftierung von Mutter oder Vater durcheinandergebracht wird. Auch wenn sie nicht schuld an den Straftaten ihrer Eltern sind, leiden sie doch unter den Konsequenzen. „Oft haben sie das Gefühl, von einer Welle an Veränderungen, Ängsten und Fragen überrollt zu werden. Sie sind meist sehr verunsichert. Nicht selten kommt es bei ihnen zu psychischen Problemen und Konflikten mit Freunden oder in der Schule“, so die Projektmitarbeiterin. Da sei es wichtig, dass die Kinder jemanden an ihrer Seite hätten, mit dem sie über Fragen, Befürchtungen, Probleme und Bedürfnisse sprechen könnten, der sie stärke und ihnen helfe, damit umzugehen. Verständnis und Sicherheit seien das, was sie brauchten.
Hier kommt das Projekt „Wellenbrechen“ ins Spiel, das verschiedene Beratungs- und Unterstützungsangebote für Kinder und Familien von Inhaftierten bereithält. Neben den Angeboten für Erwachsene, nimmt das Projekt mit pädagogischen Angeboten die Kinder in den Blick. So kam es, dass Laura Rahlf mit Reitpädagogin Andrea Block-Stoltenberg und dem von ihr initiierten Förderverein Landerleben Kontakt aufnahm.
Selbstvertrauen stärken
Der Förderverein ermöglicht Kindern aus prekären Verhältnissen heilsame Natur- und Tiererlebnisse, unabhängig von Herkunft und Geldbeutel der Eltern (das Bäuerinnenblatt berichtete). Die Idee: den psychisch belasteten Geschwistern regelmäßig einen unbeschwerten Nachmittag auf dem Reiterhof zu schenken und dabei ihre Sozialkompetenz und das Selbstvertrauen zu stärken. Hierfür sagte der Förderverein seine finanzielle Unterstützung zu. Für den Selbstbehalt sprang das Projekt ein. So konnte das Angebot für die Familie kostenfrei bleiben.
Zum zweiten Mal hat Laura Rahlf heute die Geschwister von zu Hause abgeholt. Sie begleitet sie bei ihrem monatlich stattfindenden Hofausflug und bringt sie anschließend wieder heim. „In den Osterferien werden alle von uns begleiteten Kinder einen ganzen Tag mit vielen Aktionen auf Hof Stoltenberg verbringen und spielerisch auf dem Rücken der Pferde eindrucksvolle Momente erleben“, kündigt sie an. Auch wenn die Beratungsstelle des Projekts ihren Sitz in Kiel hat, agieren die Mitarbeitenden landesweit. Sie besuchen die Kinder und Familien zu Hause, an einem neutralen Ort, oder diese kommen direkt in die Beratungsstelle. Alle Angebote basieren auf Freiwilligkeit und die Gespräche sind vertraulich. „Eine Zusammenarbeit mit weiteren Stellen oder Ämtern geschieht nur, wenn die Familien dies wünschen. Aktuell betreuen meine zwei Kollegen und ich 36 Kinder und 20 Familien“, informiert Laura Rahlf. Bei Bedarf begleiteten die Fachkräfte die Kinder ebenfalls zu Besuchen ins Gefängnis und unterstützten den Kontakt zum inhaftierten Elternteil. „Manchmal ist es ja so, dass die Eltern getrennt oder geschieden sind und dass ein Elternteil deshalb die Kinder nicht selbst dorthin begleiten will.“
Entspannte Ferienfreizeiten
Außerdem bietet das Projekt kostenlose Freizeiten an. Hier treffen sich Kinder und Jugendliche, die alle von der Inhaftierung eines Elternteils oder Angehörigen betroffen sind. In lockerer Atmosphäre können sie sich kennenlernen und untereinander austauschen. In diesem Jahr wird es im Sommer zum Surfen nach Sylt, in ein Ferienhaus nach Dänemark oder in ein Abenteuercamp nach Radbruch gehen.
„Es ist immer toll zu sehen, wie die Kinder diese Pause von zu Hause in einem Kreis von anderen Kindern genießen, die in einer ähnlichen Situation sind. Hier müssen sie sich nicht verstellen, etwas verheimlichen oder sich schämen“, betont sie. Ebenfalls falle es ihnen während einer Freizeit leichter, sich den pädagogischen Mitarbeitenden zu öffnen und ihnen etwas anzuvertrauen, das ihnen vielleicht schon länger auf der Seele liege. „Wir nehmen uns bewusst viel Zeit, auf die Ferienkinder und ihre Emotionen einzugehen. Sie freuen sich, wenn sie einmal ungeteilte Aufmerksamkeit bekommen.“
Aylin, Mehmet und Leyla sind mittlerweile mit Mähne- und Schweifkämmen, Fellbürsten und Hufauskratzen fertig. Jetzt wollen sie mit Daisy auf dem Hofgelände einen Spazierritt unternehmen. Nacheinander dürfen sie entweder ein Stück auf dem Pony reiten, vorweggehen und die Richtung vorgeben oder das Pony an der Leine führen.
Leyla steigt als Erste aufs Pony. Die Reitpädagogin führt sie zu einem Apfelbaum und gibt ihr eine kleine Aufgabe. „Möchtest du für die Kaninchen zum Knabbern ein paar Äste vom Baum holen?“, fragt sie. Leyla nickt noch etwas schüchtern, hält aber schon wenig später stolz einige Äste in der Hand. Sie hat die Aufgabe gemeistert und es sogar geschafft, dabei ihr Gleichgewicht auf dem Ponyrücken zu halten. „Das hast du gut gemacht!“, lobt Andrea Block-Stoltenberg und Leyla strahlt. Laura Rahlf macht ein Foto der Aktion, das sie später den Eltern zeigen wird.
Neues digitales Angebot
Sie berichtet von einem neuen, kostenfreien digitalen Angebot für Kinder und Jugendliche im Alter von etwa zehn bis 18 Jahren, das seit Herbst 2023 zum Projekt „Wellenbrechen“ gehört: einer Online-Beratung und einem Chat.
Auf der Webseite wellenbrechen-sh.de finden die Heranwachsenden Infos und Antworten zu häufig gestellten Fragen rund um das Thema Inhaftierung: Wie kann ich Kontakt zu Papa oder Mama halten? Wie läuft ein Besuch im Gefängnis ab? Wie sieht dort ein Tag aus? Immer am Dienstag, Mittwoch und Donnerstag, jeweils von 15 bis 17 Uhr, können sie mit den Mitarbeitenden live chatten. „Und zwar anonym. Sie brauchen keinen Namen anzugeben. Sind wir nicht im Chat, können sie sich über die Webseite anonym registrieren und Fragen stellen. Wir antworten innerhalb von 24 Stunden“, versichert Laura Rahlf.
Auf Hof Stoltenberg geht es für die Kinder nun in die Reithalle. Jetzt schlägt die Stunde für Mehmet, der tatkräftig beim Aufbauen eines Parcours hilft und sich danach auf Daisy schwingt. Er traut sich, einen Moment mit einem Tuch vor dem Gesicht zu reiten, geführt von seinen Geschwistern. Zum Abschluss erhält Daisy für ihre geduldige Mitarbeit jeweils eine Mohrrübe von den Kindern.
Als Mehmet zunächst etwas ängstlich ist, nicht wagt, dafür näher an das Ponymaul heranzutreten, legt Aylin schützend ihren Arm um seine Schultern und hilft ihm. Nachdem die Kaninchen des Hofes mit Ästen und frischen Kohlblättern versorgt sind, lassen der Junge und die beiden Mädchen den Nachmittag unbeschwert beim Toben und Versteckspielen auf der riesigen Strohburg ausklingen. Andrea Block-Stoltenberg und Laura Rahlf können in fröhliche, völlig entspannte Kindergesichter schauen. Zum Abschied fragt Mehmet: „Dürfen wir in drei Tagen wiederkommen? Es war so schön hier.“
Weitere Informationen im Internet unter wellenbrechen-sh.de, stadtmission-mensch.de und foerderverein-landerleben.de




