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Selbstversorgung über alles?

Marktkommentar
Von Karsten Hoeck, LKSH-Markt
Foto: Imago

Das Thema der Selbstversorgung mit landwirtschaftlichen Erzeugnissen ist stark emotional besetzt. Häufig wird die Sorge geäußert, eine zu große Abhängigkeit vom internationalen Handel könne die Ernährungssicherheit gefährden oder die heimische Landwirtschaft unter Druck setzen. Insbesondere die Angst vor Billigimporten, die unter niedrigeren Produktionsstandards erzeugt werden und hiesige Betriebe preislich unterbieten, spielt in der Debatte eine große Rolle. Diese Sorgen sind ernst zu nehmen. Unterschiedliche Umwelt-, Tierwohl- und Sozialstandards in der landwirtschaftlichen Produktion können zu Wettbewerbsverzerrungen führen. Deshalb sind klare Regeln im internationalen Handel, faire Wettbewerbsbedingungen sowie gezielte Zölle oder Handelsbarrieren dort notwendig, wo heimische Standards systematisch unterlaufen werden. Handel braucht Regeln, um Akzeptanz zu finden. Dann funktioniert eine rationale Arbeitsteilung. Selbstversorgung bleibt dennoch ein wichtiges gesellschaftliches Ziel. Da die hiesigen landwirtschaftlichen Betriebe hohen Anforderungen an Umwelt-, Klima- und Tierschutz unterliegen, ist staatliche Unterstützung gerechtfertigt. Die Betriebe brauchen Planungssicherheit. Bis zu einem gewissen Grad müssen sie sich jedoch auch dem internationalen Wettbewerb stellen.

Kein heimischer Kaffeeanbau

Gleichzeitig darf der internationale Handel nicht grundsätzlich als Schwäche verstanden werden. Viele landwirtschaftliche Erzeugnisse können aufgrund klimatischer und natürlicher Bedingungen hierzulande nicht produziert werden, etwa Kaffee, Kakao oder bestimmte Früchte. Schon innerhalb Deutschlands sehen wir regionale Unterschiede. Körnermais und Hartweizen wachsen im Süden besser als in Norddeutschland. Handel ermöglicht den Verbraucherinnen und Verbrauchern ein vielfältiges Angebot über das gesamte Jahr hinweg und trägt zur Versorgungssicherheit bei. Auch für die heimische Landwirtschaft ist Handel von zentraler Bedeutung. Günstige Importe von Betriebsmitteln wie Dünger oder Futtermitteln senken Produktionskosten und sichern die Wettbewerbsfähigkeit der Betriebe. Exporte landwirtschaftlicher Produkte eröffnen zusätzliche Absatzmärkte und tragen dazu bei, Preise auf dem heimischen Markt zu stabilisieren. Versorgungssicherheit entsteht zudem nicht allein durch hohe Selbstversorgungsgrade, sondern durch stabile Wertschöpfungsketten und breit aufgestellte Handelsbeziehungen. Internationale Verflechtungen können regionale Ernteausfälle oder Krisen besser ausgleichen als abgeschottete Märkte.

Das saisonale Angebot nutzen

Neben Politik und Handel tragen auch die Verbraucherinnen und Verbraucher Verantwortung. Wer regionale und saisonale Produkte – insbesondere bei Obst und Gemüse – stärker nachfragt, unterstützt die heimische Landwirtschaft unmittelbar. Bewusste Kaufentscheidungen können helfen, regionale Produktion zu stärken, ohne auf die Vorteile des internationalen Handels zu verzichten. Selbstversorgung und Handel sind keine Gegensätze. Eine leistungsfähige heimische Landwirtschaft, fair geregelter internationaler Handel und verantwortungsbewusster Konsum gehören zusammen. Handel ist keine Schwäche – er ist ein notwendiger Bestandteil einer sicheren, vielfältigen und nachhaltigen Lebensmittelversorgung.

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