Licht ist für Rinder nicht nur wichtig, damit sie sehen können. Es steuert auch ihren Tagesrhythmus und entscheidet über Wohlbefinden und Produktivität. Dieser Artikel beschreibt, worauf es bei der Beleuchtung im Rinderstall ankommt.
Ob Mensch oder Rind – wir brauchen Licht, um uns und unsere Umwelt wahrzunehmen, aber nicht nur das. Licht steuert unsere innere Uhr und beeinflusst unser Wohlbefinden, unseren Hormonhaushalt oder unsere Leistungsfähigkeit. Das gilt für Mensch und Tier gleichermaßen. Daher ist die Beleuchtung ein elementarer Bestandteil eines guten Managements im Rinderstall.
Wie sehen Rinder?
Rinder sehen anders als wir Menschen. Daher gilt es, bei der Stallbeleuchtung einen Kompromiss zu finden zwischen idealen Bedingungen für die Tiere und einem angenehmen Arbeitsumfeld für den Landwirt – zum Beispiel im Hinblick auf die Lichtfarbe. „Je höher die Farbtemperatur, desto besser für das Sehvermögen der Rinder und desto größer die biologische Wirksamkeit“, erklärt Dr. Daniel Werner von der Landwirtschaftskammer Nordrhein-Westfalen. Gleichzeitig sei aber darauf zu achten, dass der Landwirt sich in dem Licht wohlfühlt, denn je höher die Farbtemperatur, desto kühler wird das Licht.
Der Sehsinn von Rindern ist darauf ausgerichtet, dass sie als Fluchttiere unter natürlichen Bedingungen herannahende Fressfeinde früh erkennen:
Sie haben ein deutlich weiteres Gesichtsfeld als wir (330°) durch die seitlich am Kopf liegenden Augen. Dreidimensional sehen können sie dafür nur in einem Bereich von rund 30° vor ihrem Kopf, in dem sich die Sehfelder beider Augen überschneiden.
Bewegungen nehmen Rinder sehr gut wahr mit einem Auflösungsvermögen von bis zu 60 Bildern pro Sekunde. Menschen können nur rund 30 Bilder pro Sekunde unterscheiden. Das heißt, was wir als flüssigen Film oder konstantes Licht sehen, nehmen Rinder möglicherweise als unangenehmes Flimmern oder Flackern wahr.
Nachts sehen Rinder deutlich besser als wir. Wissenschaftlichen Untersuchungen von Werner zufolge reicht ihnen in offenen Ställen in der Regel das von außen einfallende Licht aus, um sich zu orientieren. Eine Orientierungsbeleuchtung ist dem Experten zufolge nicht nötig. Ist sie vorhanden, zum Beispiel am Melkroboter, sollte sie keinesfalls eine Beleuchtungsstärke von 10 lx übersteigen, um die Tiere nicht in der Dunkelphase zu stören.
Die Anpassung von hell auf dunkel dauert bei Rindern deutlich länger als bei uns. Kommen sie aus dem Dunklen ins Helle oder umgekehrt, können sie eine Zeit lang fast nichts sehen. Umso wichtiger ist es, den Stall möglichst gleichmäßig auszuleuchten. Außerdem spielen Beleuchtungsübergänge eine entscheidende Rolle für einen reibungslosen Kuhverkehr.
Wenn sich die Beleuchtung ändert, bleiben die Tiere stehen, um sich an die Veränderung anzupassen. Dementsprechend ist es sinnvoll, die Helligkeit stufenweise anzupassen und zum Beispiel schon im Vorwartebereich zu erhöhen, damit sich die Kühe nicht plötzlich von 150 lx im Stall auf 500 lx im Melkstand umstellen müssen.
Wie viel Licht ist nötig?
Die Tierschutz-Nutztierhaltungsverordnung enthält nur für Kälber konkrete Vorgaben zur Beleuchtung. Sie fordert eine möglichst gleichmäßige Lichtverteilung im Aufenthaltsbereich mit mindestens 80 lx Beleuchtungsstärke und mindestens zehn Stunden Beleuchtungsdauer. Die Deutsche Landwirtschafts-Gesellschaft (DLG) empfiehlt für Kälber eine Beleuchtungsintensität von 150 lx bei einer Beleuchtungsdauer von anfangs 16 Stunden und ab der vierten Lebenswoche mindestens 14 Stunden.
Für Milchkühe gelten die allgemeinen Anforderungen der Tierschutz-Nutztierhaltungsverordnung. Demnach muss die Beleuchtung zur Beobachtung und Kontrolle der Tiere ausreichen. Beleuchtungsintensität und -dauer müssen den Bedürfnissen der Art entsprechen. Doch was heißt das in der Praxis? Werner empfiehlt eine Beleuchtungsdauer von zwölf bis 16 Stunden mit einer Beleuchtungsintensität von rund 150 lx, je nach Management. „Bei einem automatischen Melksystem sollte die Beleuchtungsdauer bei rund 13 Stunden liegen, beim konventionellen Melken von morgens 30 Minuten vor dem Melken bis abends 30 Minuten nach dem Melken“, erklärt er.
Trockenstehende Kühe sind ein Sonderfall: Es kann sich positiv auswirken, sie zeitlich begrenzt unter Kurztagsbedingungen mit einer Beleuchtungsdauer von nur acht Stunden zu halten. Dieser „künstliche Winter“ kann sich positiv auf die Regeneration des Euters und die Milchleistung in der folgenden Laktation auswirken.
Besondere Anforderungen gelten für Melkstand und Separationsbereich. Hier sollten laut Werner Leuchten mit einer Intensität von mindestens 500 lx zuschaltbar sein zur Qualitätskontrolle beim Melken und zur Tierbeurteilung oder -behandlung im Selektionsbereich.
Gibt es auch zu viel Licht?
Zu viel Licht führt nicht nur zu höheren Stromkosten als nötig, sondern bringt auch Hormonhaushalt und Biorhythmus der Rinder durcheinander. Das Hormon Melatonin wird nachts ausgeschüttet und beeinflusst den Tag-Nacht-Rhythmus. Damit der Anstieg der Melatoninkonzentration gewährleistet ist, sollte die Beleuchtungsintensität im Stall in den Nachtstunden 10 lx nicht überschreiten.
Eine rote Nachtleuchte bietet laut Werner keinen Mehrwert für Mensch oder Tier. Die Tiere benötigten sie nicht, und zur Tierkontrolle reiche sie nicht aus, weil der Landwirt in dem schwachen Rotlicht lediglich erkennen könne, ob ein Tier liegt oder steht. Stattdessen empfiehlt Werner, für den abendlichen oder nächtlichen Kontrollgang die Hauptbeleuchtung zu nutzen und sie auf 10 bis 20 % zu dimmen.
Welche Auswahl an Leuchten?
LED-Leuchten sind langlebig und haben eine hohe Lichtausbeute bei geringem Stromverbrauch. Obwohl sie in der Anschaffung deutlich teurer sind als die Alternativen, führen sie langfristig zu geringeren Gesamtkosten. Aus Gründen der Energieeffizienz empfehle es sich daher, für die Stallbeleuchtung auf LED zu setzen, bestätigt Werner.
„Wichtig ist, in vollwertige LED mit guter Kühlung zu investieren“, betont er. Von LED-Retrofit-Produkten rät er hingegen ab. Bei diesen Produkten wurden Glühlampe oder Leuchtstoffröhre durch LED ersetzt. Das größte Problem dabei ist laut Werner, dass dadurch möglicherweise die Gewährleistung des Herstellers erlösche, sodass die Versicherung bei einem Brand gegebenenfalls nicht zahle. Außerdem seien LED-Retrofits weniger langlebig, und es könne ohne richtige Kühlung leicht zum Schmoren kommen.
Generell rät Werner, nur hochwertige Produkte einzubauen, die auf Stalltauglichkeit geprüft seien, also zum Beispiel von der DLG getestet. Außerdem sei wichtig, nur flackerfreie Leuchten zu nutzen. Wie gehen Betriebe bei der Auswahl einer neuen Stallbeleuchtung vor? Werner empfiehlt folgende Schritte:
Beleuchtungssimulation erstellen lassen: Diese zeigt, wie viele Lampen nötig sind und wo sie angebracht werden sollen. Hersteller und Vertriebspartner bieten diesen Service in der Regel individuell und kostenlos an. Wichtig ist, nicht nur die Maße und Abmessungen des Stalles zu berücksichtigen, sondern auch möglichen Schattenwurf durch Konkurrenzmontagen wie Stützen, Ventilatoren, Futterstationen und -leitungen oder Teile der Dachkonstruktion.
Leuchte im Stall testen: Man sollte sich Musterleuchten schicken lassen und sich das Licht bei entsprechender Lichtpunkthöhe im Stall ansehen. Da Kuh und Mensch unterschiedlich sehen, ist die Beleuchtung im Stall immer ein Kompromiss. Aber es ist wichtig, dass auch der Mitarbeiter sich in dem Licht wohlfühlt und die Intensität ausreicht, um Arbeitssicherheit und -komfort sowie die Tierkontrolle sicherzustellen.
Musterleuchte begutachten: Qualitätsunterschiede verschiedener Leuchten sind meist schnell erkennbar (Verarbeitung, Qualität der Dichtungen, Kühlkörper). Es sollte außerdem geprüft werden, dass die Leuchten nicht flackern, indem eine Handykamera davorgehalten wird. Diese nimmt in der Regel wie das Rinderauge etwa 60 Bilder pro Sekunde auf. Flackert das Licht in der Kamera, nehmen es auch Rinder so wahr, und es sollte eine andere Leuchte gewählt werden.
Fehler bei der Stallbeleuchtung
Dass vorab keine Beleuchtungssimulation erstellt wird, ist laut Werner einer der häufigsten Fehler beim Kauf einer neuen Stallbeleuchtung. Die Folge sei oft eine ungleichmäßige Beleuchtung oder dass zu wenig oder zu viele Leuchten installiert würden. Weitere häufige Fehler seien eine fehlende oder nicht optimal eingestellte Lichtsteuerung oder die Installation einer überflüssigen Nachtbeleuchtung.
Egal wie gut die Beleuchtung ist – mit der Zeit verschmutzen die Leuchten, und es setzt sich Staub ab, was die Leuchtleistung negativ beeinflussen kann. Deshalb ist es wichtig, sie regelmäßig zu reinigen. Werner empfiehlt, Lichtaustrittsfläche und Kühlkörper einmal jährlich mit einem feuchten Tuch zu säubern.
Fazit
Im Milchviehstall sollte über zwölf bis 16 Stunden am Tag eine Beleuchtungsintensität von rund 150 lx erreicht werden. Nachts sollte sie 10 lx nicht überschreiten. Aus Gründen der Energieeffizienz empfiehlt sich eine Beleuchtung mit LED. Man sollte nur hochwertige Leuchten verwenden, die flackerfrei und auf Stalltauglichkeit geprüft sind. Vor der Installation sollte eine Beleuchtungssimulation erstellt werden.
Begriffe rund um das Licht
• Licht = für das menschliche Auge wahrnehmbarer Bereich der elektromagnetischen Strahlung (380 bis 780 nm)
• Lichtstrom (Lumen) = „Lichtmenge“, die eine Leuchte in alle Richtungen abgibt
• Beleuchtungsstärke (Lumen/m² = Lux (lx)) = gibt an, wie viel Lichtstrom auf eine bestimmte Fläche trifft
• Lichtfarbe (Kelvin (K)) = Maß zur Beschreibung der Farbtemperatur einer Lichtquelle (je höher der Wert, desto kühler die Lichtfarbe)
• Beleuchtungsdauer = Zeit pro Tag, in der ein bestimmtes Beleuchtungsniveau sichergestellt ist




