Ob Pflanzenextrakte, Mikroorganismen oder Amino- und Huminsäuren – die Anwendung von Biostimulanzien kann positiv auf das Pflanzenwachstum wirken. Über Potenziale und Grenzen dieser Produktklasse sprach Dr. Marina Mellenthin, Leiterin Technik bei Syngenta Agro, mit dem Bauernblatt.
Warum sind Biostimulanzien ein wichtiger Teil der Wachstumsstrategie von Syngenta?
In dem schwierigen Umfeld, in dem Landwirte jetzt produzieren müssen, sind Stimulanzien neu im Werkzeugkasten. Ziel ist es, die klimatischen und von den Böden her guten Voraussetzungen zur Nahrungsmittelproduktion weiter auszuschöpfen. In der Vergangenheit haben Pflanzenschutz und Düngung zu einem sehr hohen und auch sicheren Produktionsniveau beigetragen. Aber je enger diese Stellschrauben jetzt gedreht werden oder je mehr sie wegfallen, umso wichtiger wird es, nach neuen Möglichkeiten zu suchen.
Wieso sind Biostimulanzien in Südeuropa schon länger am Markt etabliert?
Es geht dort vor allem um die Produktion von Obst und Gemüse. Das sind Lebensmittelprodukte mit hoher Wertschöpfung und bei denen die Qualität eine wichtige Rolle spielt. Hier können Biostimulanzien ihr Potenzial zeigen, wenn es um die Verbesserung der Qualität geht.
Unter welchen Bedingungen bietet sich der Einsatz von Biostimulanzien in Deutschland an?
Wir sehen großes Potenzial in der konventionellen, aber auch in der ökologischen Landwirtschaft. Viel wichtiger ist aber der regionale Ansatz. Je nach Region gibt es unterschiedliche Anforderungen. In den Roten Gebieten geht es um Nährstoffeffizienz. In Regionen wie der Magdeburger Börde werden eher Produkte zum Einsatz kommen, die die Toleranz gegenüber Trockenheit oder Hitze verbessern. Es ist absehbar, dass Trockenperioden aufgrund des Klimawandels häufiger und stärker auftreten. Landwirte werden sich daher mit diesen neuen Produkten beschäftigen.
Welche Empfehlung würden Sie einem schleswig-holsteinischen Ackerbauern geben, der überlegt, Biostimulanzien einzusetzen?
Standardempfehlungen wären hier nicht angebracht. Es kommt auf die Situation vor Ort an. Welche Kultur steht in dem Jahr auf dem Schlag? Und tritt dort wirklich starker abiotischer Stress auf? Das kann auch Kälte sein, die vielleicht das Auflaufen verzögert, zum Beispiel bei früh gedrilltem Mais. Mit unserem Produkt Megafol, das in Situationen von abiotischem Stress eingesetzt werden kann, sind Pflanzen dann eher dazu in der Lage, unbequeme Umweltbedingungen zu tolerieren. In Roten Gebieten ist es einfacher, eine Standardempfehlung zu geben. Dort bietet sich zum Beispiel der Einsatz von Nutribio N an. Die darin enthaltenen Mikroorganismen siedeln sich in und an den Pflanzen an und fixieren 30 bis 40 kg Stickstoff aus der Luft und machen ihn verfügbar.
Wie funktioniert die Applikation?
Beim Nutribio N empfehlen wir eine Gabe von 50 g/ha, unabhängig von der Kultur. Die Mischbarkeit von Nutribio N ist ähnlich flexibel wie die von Megafol. Wir haben eine breite Produktpalette auf physikalisch-chemische Mischbarkeit getestet. Bei Mikroorganismen ist wichtig, dass sie die Mischung im Tank auch überleben. Bei Kombination mit Kupfer wäre ich beispielsweise vorsichtig. Kupfer ist toxisch und kann dazu führen, dass die Funktionsfähigkeit des Bakteriums in Nutribio N leidet.
Zu welchem Düngungszeitpunkt in Getreide wirkt Nutribio N am besten?
Wir empfehlen einen Einsatz in den Stadien BBCH 21 bis 31. Da die enthaltenen Bakterien sehr kälteunempfindlich sind, kann man schon sehr zeitig applizieren. Wir führen aktuell auch Versuche mit Herbstanwendung durch und sind auf die Ergebnisse gespannt. Sollte der Landwirt die N-Düngung reduzieren wollen, macht eine Reduktion zur zweiten Gabe am meisten Sinn.
Zum Einsatz von Biostimulanzien besteht noch großer Forschungsbedarf. Wie ist der Stand?
Das Thema ist in Universitäten und Fachhochschulen angekommen. Wir bekommen eine ganze Reihe von Anfragen für Master- und Doktorarbeiten mit der Bitte um Unterstützung. Es gibt Interesse, die Wirkungsweisen einzelner Biostimulanzien zu prüfen und mit verschiedenen Methoden im Labor nachzuweisen. Grundlagenforschung ist wichtig, damit Empfehlungen so optimiert werden, dass sie sich zu einem zuverlässigeren Mehrwert entwickeln. Landwirte werden kein Geld in die Hand nehmen für ein Produkt, ohne zu wissen, ob es auch wirkt.
Worauf liegt der Forschungsfokus bei Syngenta?
Wir haben seit mehr als einem Jahrzehnt in diesem Bereich eine eigene Forschungsabteilung und befinden uns weiter im Aufbau. Vergangenes Jahr haben wir eine Plattform gegründet, in der wir uns global vernetzen mit Start-ups, Instituten und Universitäten. Es gibt viele kleine Firmen, die an Produkten arbeiten, von denen sie sich erhoffen, dass sie als Biostimulanzien im Markt einen Mehrwert bieten können. Diese Firmen suchen dann oft einen Partner, der im Markt etabliert ist, um dem Produkt auf die Beine zu helfen. Wir glauben, dass es bald kaum noch einen Markt geben wird, in dem diese Produktgruppe nicht ihren Platz gefunden hat.
Welche neuen Biostimulanzien können die Landwirte in nächster Zeit aus Ihrem Hause erwarten?
Jede Menge. Wir haben fast zu viele Wirkstoffe, sodass für uns die größte Herausforderung darin besteht, uns auf diejenigen zu fokussieren, die den größten Mehrwert für Landwirte bieten. Wenn ein Produkt in Spanien im Tomatenanbau große Marktanteile hält, heißt das noch lange nicht, dass wir dieses Produkt in Deutschland beispielsweise im Ackerbau einsetzten können. Es gilt daher, Schritt für Schritt die Produkte unter unseren Bedingungen zu testen, zu beschreiben und dann zu selektieren, mit welchen wir in welches Segment gehen können. Konkret ansprechen möchte ich das Produkt YieldON. Das ist für Schleswig-Holstein besonders interessant, weil wir es im Raps positionieren möchten. YieldON hat gezeigt, dass es beim Einsatz zur Rapsblüte sowohl den Rapsertrag als auch den Ölgehalt positiv beeinflussen kann. Wir planen die Markteinführung 2024. Wenn man noch ein bisschen weiter in die Zukunft schaut, wird es weitere Biostimulanzien geben, zum Beispiel im Bereich Bodengesundheit. Das ist ein spannendes Gebiet, auf dem Stimulanzien definitiv etwas leisten können.




