Die ungewöhnliche Forderung eines Mitarbeiters und etwa 80.000 Verkehrsbewegungen am Tag auf der benachbarten Autobahn 7 und der Bundesstraße 4 bestärkten Biogasanlagenbetreiber Christian Saul in Brokenlande, Kreis Segeberg, voll auf die Zukunft der E-Mobilität zu setzen. Immer mehr elektrisch betriebene Fahrzeuge im Land und eine notwendige EEG-Nachfolgeregelung für seine Biogasanlage veranlassten Saul, in eine besondere Form der direkten Stromvermarktung zu investieren.
„Elektromobilität funktioniert“, sagt Christian Saul inmitten des rund 6 ha großen Areals unweit der A 7, auf dem der studierte Betriebswirt und gelernte Gemüsegärtner mit einer Dauerlast von 3,5 bis 4 MW jährlich rund 33 Mio. kWh Biogas produziert. Fünf Blockheizkraftwerke (BHKW) vor Ort und fünf Satelliten-BHKW in der Umgebung wandeln die Energie in Strom und Wärme um. Zum Einsatz kommen verschiedene Mais- und Grassilagen, GPS, Hühnertrockenkot, Frischgras, Rüben, (Pferde-)Mist und Gülle. Den Transport übernimmt im näheren Umkreis seit Sommer der laut Saul deutschlandweit erste vollelektrische Lkw in der Landwirtschaft (siehe Bauernblattausgabe 31).
Von der Zukunft der E-Mobilität überzeugt
Der bis zu 666 PS starke Volvo FH electric bewegt dabei entweder einen Auflieger samt Gülletank oder einen Abschiebewagen, die Reichweite betrage aktuell noch weniger als 250 km, aber die Technik gehe weiter, so Saul: „Wir versuchen herauszufinden, welche Arbeitsreichweitenentfernung wirtschaftlich tragfähig ist.“ Das Wiederaufladen über einen DC-Lader mit einer Leistung von 300 kW dauere nur etwa zwei Stunden. Auch privat setzt der Unternehmer auf einen elektrisch angetriebenen Pkw und konnte bereits einige der 30 Mitarbeiter vom Umstieg auf E-Mobilität überzeugen. Geladen werden auch diese Fahrzeuge auf dem Anlagengelände. „Für mich war klar, dass bei der Suche nach einer EEG-Nachfolgeregelung hier an der A 7, also einer viel befahrenen EU-Kernstraße, mit E-Mobilität etwas gehen könnte“, erklärt Saul, der früher bei einer Wirtschaftsprüfungsgesellschaft und einer Bank arbeitete, bevor er sich als Biogasanlagenbetreiber und Dienstleister in einer kleinen Unternehmensgruppe selbstständig gemacht hat. „Wir glauben, dass E-Mobilität kommt – und sie ist eine Möglichkeit, Klimagasemissionen in der Landwirtschaft einzusparen.“
Ursprünglich auf die Idee brachte ihn ein früherer Mitarbeiter, der als Schüler auf der Biogasanlage arbeitete und für sich einen Dienstwagen haben wollte: „Erst habe ich ihm an der Stirn gefühlt“, sagt Saul, aber der junge Mann habe ihn schließlich überzeugen können, 35 € seines monatlichen Gehaltes umzuwandeln und in einen damals wenig beliebten Elektro-Pkw des Herstellers Hyundai zu investieren – und diesen auf der Anlage laden zu können. Künftig will Christian Saul aber nicht nur für seine Mitarbeiter Ladestrom aus Regenerativen Quellen anbieten: Eine Ladeinfrastruktur mit einer Leistung von 20 MW für Lkw und Pkw soll – ähnlich einem Autohof – mit Restaurant und Kinderspielplatz entstehen. Die notwendigen Genehmigungen sind beantragt, gestalten sich aber nicht gerade unkompliziert. Realisiert werden soll das Vorhaben über Blockheizkraftwerke, Batterien und Gasspeicher.
Vor dem Hintergrund des über den Tag schwankenden Strompreises will sich Christian Saul künftig auf die Produktion von Ladestrom fokussieren. Die Stromproduktion aus Biogas koste etwa 20 ct/kWh: „Im Tagesverlauf liegt der Strompreis häufig darunter. Da hat man teilweise nur eine Stunde, in der man annähernd bei 20 Cent liegt. Wir sind nur ein kleiner Anbieter in einem riesengroßen Markt“, verdeutlicht der Geschäftsführer.
Ökonomisch interessante Vermarktungsmöglichkeit
„Beim Anbieten von Ladestrom sehen wir es als wahrscheinlicher an, die Produktionskosten wieder hereinzubekommen. Dieser kostet an der Autobahn in etwa zwischen 20 Cent und einem Euro.“ Wolle man auch nach dem Auslaufen des EEG am Markt tätig sein, müsse man sich die Frage stellen, wo die Reise hingehe. „Wir gehen von einem weiteren Zubau bei Windkraft und Photovoltaik aus. Die Stromvermarktung auf dem Weg der Ladeinfrastruktur ist also auch ökonomisch sehr interessant“, erläutert Christian Saul. Ladestrom entsprechend der technologischen Entwicklung klimaneutral bereitzustellen, sieht der Anlagenbetreiber als tolle Leistung bei der Energiewende und insbesondere der Verkehrswende: „Zu unserer Überraschung sind wir einige der wenigen, die das überhaupt machen.“
Die Technik der E-Mobilität sei – abgesehen von der noch verbesserungswürdigen Reichweite – insgesamt ausgereift, einfacher handhabbar als der Betrieb mit CNG und weniger energieintensiv als beim Wasserstoff.
Dazu komme ein unerreicht hoher Wirkungsgrad. „Eine Biogasanlage in Kombination mit Wind und Solar ist ideal, um direkt Ladestrom anzubieten. Darin sehe ich eine ganz große Zukunft auch für die Landwirtschaft in Schleswig-Holstein“, blickt Saul nach vorn. Ladeinfrastruktur zur Verfügung zu stellen, könne ein ganz eigener Bereich sein, in dem Landwirte direkt in die Energiewende einsteigen und „ihre Früchte ernten und direkt verkaufen beziehungsweise Wertschöpfung betreiben können“.
Dekanter zur Ammoniumtrennung
Die großen Futtermittelberge aus Nachwachsenden Rohstoffen sollen auch auf der Brokenlander Anlage langfristig kleiner werden. Zunehmend konzentriert sich der Betrieb daher auf die Vergärung von Gülle und Mist. Während die Gülle im direkten Umkreis flüssig transportiert wird, setzt Saul auf den weiter entfernten Betrieben einen Dekanter der Firma Slootsmid aus den Niederlanden ein, der die feste Phase abtrennt, während die flüssige Phase auf dem Betrieb bleibt und als aufbereiteter, flüssiger Ammoniumdünger für Grünland, Mais oder Getreide genutzt wird. Klimaschädliches, aber energiereiches Methan wandert als feste Phase in die Biogasanlage, die Gärreste werden anschließend wieder auf den Flächen ausgebracht. Neben der Möglichkeit für die Betriebe, überschüssige Nährstoffe – vor allem Phosphor – auf diese Weise loszuwerden, werde Stickstoff hingegen behalten und gleichzeitig Lagervolumen gespart: „Je nach Einstellung der Maschine werden zwischen zehn und 20 Prozent Lagervolumen gespart. Der Dekanter trennt besonders gut ab“, so Saul. Von den 18-30 km entfernt liegenden Betrieben transportieren die Mitarbeiter nur die festen Bestandteile zu Sauls Anlage. „Die Transportfähigkeit ist auf jeden Fall eher gegeben. Wir sollen künftig mehr Gülle vergären, aber da die Zahl der Betriebe begrenzt ist, vergrößern wir den Radius um die Anlage erheblich und erreichen, dass wir durch Technikeinsatz mehr Futtermittel bekommen.“
Für Christian Saul bedeutet all das: „Wir müssen darauf achten, dass wir effizient bleiben, die technologischen Trends bei der Umsetzung der Projekte mitgehen und diese nicht anderen überlassen. Die Landwirtschaft hat es auch selbst in der Hand.“




