Romantik, Folk und rasante Tanzmusik prägten die Konzerte beim Musikfest auf dem Lande auf Gut Pronstorf bei Bad Segeberg – und natürlich, wie es Kult ist, das Picknick auf der Wiese zwischen Musikscheune und Torhaus. Vier Aufführungen am Sonnabend hat der Bauernblatt-Reporter zugehört.
Unter dem Granatapfelbaum hat er zusammen mit seinem Opa auf Töpfe geschlagen, in einem Kibbuz im Süden Israels. Heute lebt Shaul Bustan, Sohn einer persischen Mutter und eines osteuropäischen Vaters, in der Nähe von Flensburg. Mit seinem Trio (Julia Czerniawska, Violine, Lillia Keyes, Cello) spielt er in Pronstorf ausschließlich eigene Kompositionen.
Wenn er nicht den Kontrabass streicht, greift er zur Oud, einem Zupfinstrument, dessen Tradition bis ins 3. Jahrhundert nach Christus zurückgeht. „Man kann sie schräg spielen, weil sie keine Bünde hat wie die Gitarre“, erklärt er. Und schräg spielen, das tun die drei auch weidlich. So wächst in ihrer süßen Musik ein leicht bitterer Kern wie im Fleisch des Granatapfels, in das liebliche Zwitschern von Vögeln greift plötzlich die Pranke einer Raubkatze.
Auch wenn die Stücke, wie Bustan betont, Elemente vieler Nationen enthalten, muten sie doch alle irgendwie israelisch an („Israel ist ein Einwanderungsland!“), und auch wenn er sie nicht dezidiert als Tanzmusik verstehen will, erinnern sie an den beständigen Tanz des Lebens.
Die zarte Gestalt und die nette, erklärende Stimme der 21-jährigen Cosima Federle stehen im Gegensatz zu ihrem Cellospiel zusammen mit dem 25-jährigen Pianisten Gabriel Yeo. „Ran an den Speck!“ ist man versucht im Rhythmus des Motivs von Brahms‘ Scherzo aus der F.A.E.-Sonate zu intonieren – voller Kraft und Temperament und dabei mit Leichtigkeit.
Erklären will Cosima Federle viel: unter welchen Gesichtspunkten sie ihr Programm unter dem Motto „Richard Strauss und seine Vorbilder Johannes Brahms und Richard Wagner“ zusammengestellt haben. Die beiden letzteren Komponisten dürfen dabei mal ihre romantische Seite zeigen.
Der dritte Part des Nachmittags ist „Balladen von der windumtosten Ostküste Schottlands“ gewidmet. Iona Fyfe aus Aberdeen gibt sie zum Besten, begleitet von Aidan Moodie mit der Gitarre (und mit etwas Begleitgesang) und Charlie Grey mit verschiedenen Instrumenten: Sopransaxofon, irische Flöte, irischer Dudelsack. Da kommen mitunter schier endlos viele Strophen, die von einem gebrochenen Pflug erzählen, in einer Sprache, die kaum einer hier versteht: Scots – Schottisch –, dem Iona Fyfe mehr Anerkennung verschaffen möchte. Drei oder vier Grundharmonien sorgen dabei weniger für Abwechslung als die Modulation und Phrasierung von Ionas Stimme – und die des Saxofons, das gern mal wohltuend schräg neben der Harmonie intoniert.
Mit Folk und Tänzen geht es weiter am Abend, und die „schwer zu bändigende Kapelle“, wie das Programmheft die Gruppe „Hepta Polka“ ankündigt, setzt da noch einen drauf. Das müsste in die Glieder fahren, doch kaum jemand tanzt in der Konzertscheune. Anders als der Bandname vermuten lässt, sind die acht Musiker (alles Männer!) Deutsche oder leben zumindest in Schleswig-Holstein, aber sie haben sich ihre Inspirationen in ganz Europa geholt, vor allem auf dem Balkan. Bis zu 17 Instrumente spielen die Jungs, neben bekannten wie Gitarre, Bass, Klarinette auch Kuriositäten wie Hardanger Fiddle, Strohgeige, Nyckelharpa, Tin-Whistle oder Knopf-Akkordeon, dazu eine Menge Percussion.
Da tobt der Bär auf der Bühne, was sich zu einer gehörigen Geräuschkulisse auswachsen kann (und noch immer bewegen sich nur ein paar Frauen zur Musik). Sind wir auf dem Balkan, in Frankreich, in Skandinavien, auf den Britischen Inseln, im jüdischen Klezmer? Überall auf der Welt diese Ausgelassenheit, dieser Rhythmus, diese Lebenslust! Nur deutsch klingt es nicht. Das hat unsere „Folks“-Musik verloren, vielleicht schon nach dem Mittelalter.




