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Putins Getreide-Wumms sitzt

Kommentar zur Ernährungssicherheit
Von Dr. Robert Quakernack
In der EU landeten 2020 fast 57 Mio. t Nahrungsmittel im Müll – ein Großteil davon aus privaten Haushalten. Foto: Imago

Der russische Präsident Wladimir Putin setzt Hunger als Waffe im Krieg gegen die Ukraine ein. Entsprechend heftig fielen die Reaktionen auf seinen „Getreide-Wumms“ aus – die einseitige Aussetzung des Getreideabkommens, das Transporte über das Schwarze Meer ermöglicht. Mittlerweile hat Moskau dank Vermittlung durch die Türkei und die Vereinten Nationen der Wiederaufnahme der Schiffstransporte zugestimmt, doch die Lage bleibt fragil. 

Eine erhöhte Konkurrenz um Nahrungsmittel trifft direkt vor allem Länder in Afrika und Asien, schürt aber auch Konflikte in der westlichen Staatengemeinschaft, zum Beispiel als Inflationstreiber oder durch steigende Risiken für Flüchtlingsbewegungen. Europa muss jetzt fest zusammenstehen, ist aber auch in der Verantwortung, seinen Teil zur Ernährungssicherheit beizutragen. 

Im Rahmen der Gemeinsamen Agrarpolitik (GAP) ist die Aussetzung der Stilllegungspflichten und der Fruchtfolgeregelung ein richtiger Schritt. Das von der EU-Kommission vorgelegte Naturschutzpaket, das den Einsatz chemischer Pflanzenschutzmittel in Schutzgebieten komplett verbietet, wirkt hingegen in der aktuellen Krise deplaziert. Viele Agrarpolitiker und Landnutzerverbände laufen zu Recht Sturm gegen das Gesetzesvorhaben, zumal sich die deutschen Landwirte ohnehin in unsicherem Fahrwasser befinden, was den deutschen GAP-Strategieplan angeht, der immer noch nicht genehmigt ist.

Forderungen, vor der Einführung pauschaler Verbote Folgenabschätzungen durchzuführen, sind zu begrüßen. Denn niemand will Leakage-Effekte, also Produktionsverlagerungen ins Ausland, die am Ende weder dem Klima noch der Artenvielfalt helfen.

Extensivierung muss klug und fachlich ausgewogen erfolgen. Passende Instrumente sind schon vorhanden oder werden entwickelt. Biologischer Pflanzenschutz birgt weitere Potenziale. Präzisionslandwirtschaft in Kombination mit mechanischer Beikrautbekämpfung kann ein Plus für die Umwelt bieten, bei geringen oder keinen Produktionsverlusten. Nicht zuletzt helfen robustere Sorten, den Pflanzenschutzmitteleinsatz zu reduzieren und trotzdem die Ertragsstabilität hoch zu halten. 

Erschreckend wirken vor dem Hintergrund steigender Ernährungsunsicherheit die jüngsten Zahlen des Statistischen Amts der EU (Eurostat) zu Lebensmittelverlusten. Gemessen daran, wie viele Lebensmittel in der EU im Müll landen, scheint es hier noch großes Potenzial für den Klima- und Ressourcenschutz zu geben. Laut Eurostat fielen im Jahr 2020 für jeden Einwohner etwa 127 kg Lebensmittelverluste an. Demnach wanderten in der EU insgesamt fast 57 Mio. t Nahrungsmittel in den Abfall. Für die mit Abstand größte Menge waren dabei die privaten Haushalte verantwortlich: Hier belief sich das Aufkommen auf mehr als 31 Mio. t, was 70 kg pro Kopf beziehungsweise 55 % der Gesamtmenge entsprach. 

Es bedarf also einer gemeinsamen Kraftanstrengung, die durch den russischen Angriffskrieg ausgelöste Ernährungskrise zu lösen: durch kluge politische Entscheidungen und die Verantwortung jedes Einzelnen, sorgsam mit Lebensmitteln umzugehen.

Dr. Robert Quakernack
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