Welche Markteinflüsse gibt es auf die Kartoffelerzeugung in Deutschland? Wie wirken sich die Herausforderungen durch den Klimawandel auf Kartoffelanbau und -züchtung aus? Und wie lassen sich Herbizidstrategien überdenken, wenn Wirkstoffe wie Metribuzin künftig nicht mehr zur Verfügung stehen? Zum Kartoffeltag der Europlant Pflanzenzucht kamen am Montag rund 70 Gäste an den Grünen Kamp nach Rendsburg.
Eckhard Simon, Anbauberater der Europlant für Schleswig-Holstein, blickte auf zuletzt schwierige Anbaubedingungen zurück: „Es scheint, dass ein normales, gemäßigtes Wachstum nicht mehr stattfindet. Wir haben entweder das eine Wetterextrem oder das andere.“ Anbau und Bestandesführung werden laut Simon immer schwieriger, da Betriebsmittel wegfielen und zum Teil teure Alternativen gefunden werden müssten.
Blick auf das Marktgeschehen
Die europaweit erschwerte Anbausituation im nassen Frühjahr mit späten Auspflanzungen bis in den Juni hinein stellte Ulf Hofferbert dar, Leiter des Versuchs- und Beratungswesens der Europlant. Termine und Bedingungen seien häufig nicht optimal gewesen. Frühkartoffeln hätten sich verzögert entwickelt und auch bei späteren Kartoffeln habe eine schwierige Bestandsentwicklung vorgeherrscht. Frühe Trockenheit und Hitze hätten zu einem unterdurchschnittlichen Knollenansatz geführt. „Da sind keine Höchsterträge herangewachsen“, so Hofferbert.
Der Einkauf von Speisekartoffeln in privaten Haushalten sei gegenüber dem Vorjahr etwa gleich geblieben. Langfristig sei aber ein Abwärtstrend zu beobachten, etwa durch veränderte Verzehrgewohnheiten. Einen Rekordabsatz erzielten hingegen TK-Kartoffelprodukte.
„Wir werden eine deutliche Ausdehnung im Anbau von Frühkartoffeln in Deutschland und der EU bekommen. Die Ware zieht zum Geld hin.“ In der Mittelmeerregion, Ägypten, Zypern und Iberische Halbinsel, bleibe die Anbaufläche von Speisefrühkartoffeln durch die zuletzt positive Vermarktungssituation mindestens stabil. In Südosteuropa werde der Anbau weiter eingeschränkt, da er im Wettbewerb mit Spezialkulturen und alternative Fruchtarten stehe. Eine weitere Anbaustabilisierung hingegen erwartet Hofferbert im mittelosteuropäischen Raum.
„In Nordwesteuropa werden wir eine Ausdehnung der Anbaufläche für Verarbeitungsware und eine Reduzierung der Anbaufläche von Speise- und Stärkekartoffeln bekommen“, veranschaulichte Hofferbert. Die Suche nach konzentrierten Anbauregionen für Verarbeitungsware werde der Motor für die Kartoffelwirtschaft der nächsten Jahre sein. Für Schleswig-Holstein sieht er auch in den kommenden Jahren den Markt in der Produktion von Speisekartoffeln. „Wir rechnen mit einer Anbaustabilisierung in Europa, die sich auch auf den Anbau in Schleswig-Holstein auswirkt. Der Markt ist positiv gestimmt.“ Große Probleme bereite jedoch der deutliche Rückgang der Vermehrungsflächen in Deutschland. Hofferbert riet, sich auf sehr hohe Pflanzgutpreise einzurichten.
Klimawandel begünstigt Krankheiten
Durch den Klimawandel und einen gesellschaftspolitisch geänderten Rahmen sähen sich Kartoffelanbau und -züchtung neuen Herausforderungen gegenüber, erklärte Dr. Karsten Buhr von der Böhm Nordkartoffel Agrarproduktion aus Teendorf, Landkreis Uelzen. „Der Anteil bodenbürtiger Krankheitserreger nimmt mit der globalen Erwärmung zu“, so der Phytopathologe. Alte und neue Schädlinge seien auf dem Vormarsch. So werde etwa der Kartoffelkäfer eine zunehmende Verbreitung mit sehr wahrscheinlichen Schäden auch im Norden finden. Während die zur Verfügung stehenden Wirkstoffe weiter eingeschränkt würden, seien auch die Potenziale der Züchtung begrenzt. Kartoffelzüchtung sei kein Selbstzweck, die Zuchtarbeit dauere oft mehr als zehn Jahre. „Jede Sorte ist in der Summe ihrer Eigenschaften ein Kompromiss“, so Buhr.
„Die Palette wird dünner“, erklärte auch Thomas Stelter, Kartoffelberater bei der Landwirtschaftskammer Niedersachsen, vor dem Hintergrund der eingeschränkten Verfügbarkeit von Wirkstoffen. Metribuzin etwa sei in der EU nur noch bis Februar 2025 zugelassen. „Wir werden uns daran gewöhnen müssen, dass Herbidizidmaßnahmen eine Masse Geld kosten werden.“ Helfen könne etwa, über Fruchtfolgen nachzudenken, da Möglichkeiten einer Bekämpfung in der Folgekultur bestünden. Für die Zukunft sieht Stelter eine Kombination aus Herbizidmaßnahme und mechanischer Unkrautbekämpfung. Erste Versuche hätten vielversprechende Ergebnisse geliefert: „Wenn wir anders nicht weiterkommen, wird diese Entwicklung zwangsläufig folgen.“
Info:
Von den rund 11 Mio. t geernteten Kartoffeln in Deutschland kamen 0,2 Mio. t aus Schleswig-Holstein. Nach 6.400 ha im Vorjahr und Erträgen von 427 dt/ha ernteten die Landwirte in Schleswig-Holstein 2023 auf etwa 6.000 ha im Schnitt 365 dt/ha. Deutschlandweit ist die Anbaufläche mit rund 263.000 ha in etwa konstant geblieben. Zum Vergleich: Aus den Böden im Nachbarland Niedersachsen kam mit 5,1 Mio. t fast die Hälfte der inländischen Kartoffelproduktion.




