In vielen Milchviehbetrieben verlässt ein großer Teil der Kälber im Alter von rund 14 Tagen den Erzeugerbetrieb. Die Änderung der Tierschutztransport-Verordnung § 10 (4) zum 1. Januar 2023 sieht vor, dass Kälber zukünftig erst mit 28 Tagen den Betrieb verlassen dürfen, auf dem sie geboren wurden. Damit kommt auf die Milchviehhalter ein Mehrbedarf an Kälberplätzen zu. Auf den ersten Blick scheint bei einer Verdopplung der Haltungsdauer die Verdopplung der Kälberplätze die zwingende Konsequenz. Um den eigenen betrieblichen Mehrbedarf an Kälberplätzen richtig zu kalkulieren und rechtzeitig die notwendigen Vorkehrungen treffen zu können, lohnt sich ein detaillierterer Blick.
Als Grundlage für die Berechnung sollte zunächst festgestellt werden, welche und wie viele Kälber im Betrieb über das Jahr geboren werden. Wie ist die Geschlechterverteilung und wie viel Prozent der Kälber verlassen aktuell den Betrieb mit 14 Tagen? Bereits bei dieser ersten Überlegung wird deutlich, dass der zusätzliche Platzbedarf nur für die Kälber entsteht, welche bisher den Betrieb mit 14 Tagen verlassen haben, die Abbildung verdeutlicht dies. Für alle anderen Kälber müssen auch jetzt bereits ausreichend Plätze vorgehalten werden.
Bei einer gleichmäßigen Geschlechterverteilung und in der Annahme, dass alle weiblichen Tiere zur Remontierung behalten werden, verursacht dann die Hälfte der Kälber den Mehrbedarf. Betriebe, die bisher auch weibliche Kälber oder Kreuzungskälber mit 14 Tagen verkaufen, sind daher von der Regelung mehr betroffen als Betriebe, die unter den derzeitigen Bedingungen bereits viele ihrer Kälber behalten (zur Mast oder zur Zucht).
Mehrbedarf richtig kalkulieren
Als Faustregel lässt sich festhalten: Für einen Betrieb mit 100 Kühen werden ab dem 1. Januar vier zusätzliche Kälberplätze notwendig sein. Dieser Mehrbedarf verhält sich linear zur Herdengröße und ist in der Tabelle gut ersichtlich. So muss der Betrieb mit 300 Kühen zukünftig rund 13 zusätzliche Plätze vorhalten, hat damit aber genauso wie der Betrieb mit 100 Kühen einen Mehrbedarf von etwa 50 %. Diese Berechnung beruht auf der Annahme einer ausgeglichenen Geschlechterverteilung sowie einer Remontierung (32 %) und Zwischenkalbezeit (410 Tage), welche dem Durchschnitt der Betriebe in Schleswig-Holstein entsprechen. In alle Berechnungen ist bereits ein Sicherheitszuschlag einkalkuliert.
Die Berechnung der bereits vorhandenen Kälberplätze basiert auf den gleichen Grundannahmen und stellt den rechnerischen Bedarf an Kälberplätzen dar. Die eigene Betriebssituation kann davon abweichen. Sind auf dem Betrieb bereits deutlich mehr als die angenommenen Plätze vorhanden, muss vielleicht gar nicht oder in weniger neue Plätze investiert werden. Bei einer deutlichen geringeren Ausstattung mit Kälberplätzen wird die verlängerte Haltungsdauer diese Situation in besonderem Maße verschärfen.
Eine zu geringe Ausstattung mit Kälberplätzen geht häufig zulasten der Zeiten für Reinigung und Leerstand der Plätze und wirkt sich langfristig negativ auf die Kälbergesundheit, die Arbeitsbelastung und letztendlich die Wirtschaftlichkeit der Kälberaufzucht aus. Die Beurteilung der eigenen Ausstattung und die Schaffung ausreichender Haltungsplätze ist langfristig die kosteneffizientere Investition.
Einflussfaktoren Herdenmanagement
Auf die neuen gesetzlichen Rahmenbedingungen werden sich die Milchviehhalter einstellen müssen. Gleichzeitig gibt es einzelbetrieblich Ansatzpunkte, die mehr oder weniger großen Einfluss auf den Platzbedarf nehmen. Aus Sicht des Herdenmanagements ließe sich über eine Senkung der Remontierungsrate oder eine Verlängerung der Zwischenkalbezeit (ZKZ) die Gesamtzahl der Kälber über das Jahr gesehen reduzieren.
Während die absolute Zahl der Kälber durch diese beiden Kennzahlen gesenkt wird und sich aus ökonomischer Sicht positiv auswirken kann, ist der Einfluss auf die Anzahl der Kälberplätze vergleichsweise gering. Selbst bei einer Reduktion der Remontierungsrate um 10 % oder einer Verlängerung der ZKZ um durchschnittlich 50 Tage lassen sich nur 0,3 bis 0,8 Plätze einsparen. Für die Frage nach dem Investitionsbedarf zum 1. Januar 2023 ist dieser Effekt zu vernachlässigen und steht in keinem Verhältnis zu den Auswirkungen auf das Herdenmanagement.
Größere Bedeutung kommt hingegen der Vermeidung von Abkalbespitzen zu. Während Betriebe mit saisonaler Abkalbung zwangsläufig stärker betroffen sind, sollten Betriebe mit einer kontinuierlichen Abkalbung darauf achten, dass alle theoretischen Berechnungen immer eine Kontinuität unterstellen. Diese rechnerisch optimale Verteilung wird sich in der Praxis so kaum umsetzen lassen. Betriebe sollten daher auch einen angemessenen Puffer einrechnen. Wie groß die Abweichung zwischen Theorie und Praxis im Betrieb ist, lässt sich schätzen, wenn man die theoretische Verteilung der Kalbungen im Jahr vergleicht mit den Tagen oder Wochen, an denen wirklich Kalbungen stattgefunden haben. Die Differenz kann als Puffer einkalkuliert werden, ein zusätzlicher Puffer von 20 % sollte dann mit einem zusätzlichen Platz ausgeglichen werden.
Kreuzungskälber als Lösung?
Als zusätzliche Möglichkeit zur Reduktion der Zahl geborener Kälber bietet sich an, die Qualität der Verkaufskälber zu verbessern, und auf diese Weise nicht die Kosten, sondern die Erlösseite zu optimieren. Eine bereits gut etablierte Möglichkeit in diesem Zusammenhang bietet die vermehrte Erzeugung von Kreuzungskälbern. Auf diesem Wege können einerseits Kälber zu einem höheren Verkaufspreis vermarktet werden, gleichzeitig müssen weniger Kälber über die vier Wochen hinaus gehalten werden, wenn weniger weibliche Kälber für die eigene Nachzucht produziert und behalten werden. Zwar ist hier ein gewisses Einsparpotenzial in Quadratmetern gegeben, allerdings ist dieses ähnlich gering wie bei den zuvor genannten Faktoren. Dem positiven Einfluss auf die Erlösseite kann hingegen eine deutlich größere Bedeutung zugemessen werden.
Einflussfaktoren Betriebsablauf
Vergleichsweise kostengünstig, und damit nachhaltiger zu beeinflussen, sind hingegen Optimierungsmöglichkeiten im Betriebsablauf. Die Optimierung von Reinigungs- und Leerstandszeiten ist dabei eine Möglichkeit, die Auslastung der vorhandenen Kälberplätze zu verbessern und gleichzeitig die Hygiene in der Kälberhaltung zu steigern. Sinnvoll ist es, dafür Arbeitspläne zu erstellen, an welchen Tagen und in welchen Abständen Arbeiten zur Reinigung und Desinfektion der Kälberplätze durchgeführt werden können. Dies bewahrt davor, erst mal eine gewisse Anzahl „zu sammeln“, um dann bei kurzfristigen Ereignissen vielleicht nicht ausreichend Plätze zur Verfügung zu haben.
Auch eine technische Verbesserung der Kälberhaltung kann die Auslastung der vorhandenen Plätze optimieren. Moderne Kälberhaltungssysteme sind leichter zu reinigen und ermöglichen eher eine maschinelle Entmistung als ältere Provisorien in Form von Kunststoffcontainern. Dabei spielt auch die Verfügbarkeit der notwendigen Arbeitsgeräte eine wichtige Rolle. Ein ordentlich eingerichteter Waschplatz mit Hochdruckreiniger erleichtert maßgeblich die Arbeit und es können Kälberplätze in kleineren Einheiten gereinigt werden, als wenn man für jede Reinigung erst alle Gerätschaften auf dem ganzen Betrieb zusammentragen muss. Je leichter die Durchführung, desto eher wird sie auch gemacht.
Fazit
Die betriebliche Ausgangslage hat großen Einfluss auf die Berechnung der zusätzlichen Kälberplätze. Im Durchschnitt der Betriebe kann von einem Mehrbedarf von vier Kälberplätzen pro 100 Kühen ausgegangen werden. Dabei hilft eine vorausschauende Planung der zukünftig benötigten Plätze, das Niveau der derzeitigen Kälberhaltung zu halten oder auch die Chance zu nutzen und aktuelle Schwachstellen zu überdenken, um die Kälberhaltung zu verbessern. Einflussfaktoren aus dem Herdenmanagement haben dabei zwar einen positiven ökonomischen Einfluss, aber nur einen vergleichsweise geringen Einfluss auf den Bedarf an Kälberplätzen. Erfolgversprechender scheinen hier eine Reduktion unnötiger Leerzeiten der vorhandenen Kapazitäten, eine Verbesserung der technischen Ausstattung und die Optimierung von Arbeitsabläufen zu sein.



