Über die Nabelschnur erhält das Kalb während der Trächtigkeit alle wichtigen Nährstoffe und den nötigen Sauerstoff, zugleich werden Stoffwechselprodukte des Kalbes darüber zur Ausscheidung an das Blut der Kuh übergeben. Nach der Geburt reißt die Nabelschnur, und der Nabel stellt eine Wunde dar, die in den ersten Lebenstagen abheilen muss. Kommt es hier zu Störungen, können eine Nabelentzündung oder ein Nabelbruch entstehen.
Der Nabel des Kalbes ist eine Öffnung in der Bauchwand, durch die vier Gefäße aus der Bauchhöhle des Kalbes in die Nabelschnur übergehen. Diese Gefäße transportieren Blut und in der frühen Trächtigkeit auch den Harn des Kalbes. Während sich der harnleitende Gang (Urachus) bereits in der Hochträchtigkeit verschließt und zurückbildet, sind die Blutgefäße bis zum ersten Atemzug des Kalbes überlebenswichtig, da sie die Versorgung der sogenannten Rosen in der Plazenta sicherstellen, über die das Kalb Sauerstoff erhält und überschüssiges CO2 abgeben kann. Unter der Geburt reißt die Nabelschnur erst nach der Austreibung des Kalbes an einer „Sollbruchstelle“ zirka 10 bis 20 cm vor der Bauchwand des Kalbes ab. Dabei verschließen sich die Blutgefäße und ziehen sich gummibandartig in die Bauchwand zurück, sodass nahezu kein Blut austritt. Der Bauchnabel als ehemals wenige Zentimeter große Öffnung in der Bauchwand schließt sich zusehends und ist nach wenigen Tagen normalerweise nicht mehr zu fühlen.
Rückbildungsstörungen
Durch verschiedene Faktoren kann es aber zu Störungen der Nabelrückbildung kommen. Finden Bakterien von außen ihren Weg in die Nabelschnur, kann eine eitrige Nabelentzündung entstehen. Kommt es zu einem unvollständigen Verschluss der Bauchwandöffnung, spricht man von einem Nabelbruch (Hernie). Störungen rund um den harnableitenden Urachus, sogenannte Fisteln oder Zysten, sind ebenfalls möglich, aber wesentlich seltener.
Die Nabelentzündung als das häufigste dieser Probleme betrifft rund 5 % aller Kälber und ist vorrangig ein Problem der ersten drei Lebenswochen. Dabei gelangen Schmutzkeime (Kolibakterien oder Eitererreger) von außen in die Nabelschnur und steigen von dort in die Nabelhaut oder in die Nabelgefäße auf. Dabei ist nicht nur die akute Entzündung für das Kalb schmerzhaft und führt zu Fieber und verminderten Zunahmen, sondern durch die Verbindung der Nabelgefäße mit der Leber und dem weiteren Blutkreislauf kann es zu lebensbedrohlichen Vereiterungen der inneren Organe kommen. Ebenso ist ein Streuen der Keime in die Lunge und Gelenke eine mögliche Folge einer Nabelentzündung, die praktisch nicht mehr zu behandeln ist, sodass Tierverluste drohen.
Beim Nabelbruch hingegen besteht die Gefahr, dass durch die bleibende Öffnung in der Bauchwand innere Organe wie Darmschlingen oder der Labmagen in den sogenannten Bruchsack nach außen rutschen und dort eingeklemmt werden. In schweren Fällen kann es so zu starken Bauchschmerzen kommen, sodass diese Kälber umgehend als Notfälle behandelt werden müssen.
Nabelentzündung erkennen
Bei der normalen Nabelrückbildung ist der Nabelschnurrest nur noch in den ersten vier Lebenstagen feucht und trocknet dann zügig ein. Ab dem Ende der zweiten Lebenswoche sollte der trockene Strang abgefallen sein. Dabei ist der Hautbereich um den Nabel flach und nicht schmerzhaft. Die Kontrolle des Nabels sollte dabei immer so erfolgen, dass der Nabelschnurrest und der Wundbereich des Hautnabels nicht berührt werden. Es gilt: Nur anschauen, nicht anfassen. Sind hingegen Schwellungen der Nabelschnur oder des Hautnabels sichtbar oder ist Eiter erkennbar, sollte die Haut im Bereich des Nabels abgetastet und auf Schmerzhaftigkeit sowie vermehrte Wärme geprüft werden. Kälber mit Nabelentzündungen haben oft erhöhte Temperatur über 39,5 °C, sind weniger aktiv und haben zumeist einen geringeren Appetit. Sie müssen umgehend tierärztlich untersucht und behandelt werden, um schwere Verläufe zu verhindern.
Vorgehen beim Nabelbruch
Der Nabelbruch muss nicht unbedingt schmerzhaft sein. Solange nur eine Hautaussackung und eine kleine Öffnung in der Bauchwand ohne Organvorfall vorhanden oder die vorgefallenen Organe nicht eingeklemmt sind, ist der Zustand nicht akut lebensbedrohlich. Kleinere Brüche stellen für das Einzeltier keine Gefahr dar, sollten aber zuvor tierärztlich abgeklärt werden, da es sich auch um einen eitrigen Abszess des Nabels handeln kann. Letztere treten öfter bei Kälbern zum Ende des ersten Lebensmonats auf und müssen chirurgisch behandelt werden. Gleiches gilt für auch eigentlich schmerzfreie Organvorfälle, die über längere Zeit bestehen bleiben. Hier kann es zu Verklebungen und Verwachsungen kommen, die mittels aufwendiger Operationen behoben werden müssen, um Folgeschäden zu vermeiden. In jedem Fall sollten Tiere mit Nabelbruch nicht zur Zucht verwendet werden, da das Risiko vererbt wird.
Ursachen und Vermeidung
Während der Nabelbruch hauptsächlich genetische Ursachen hat, ist die Nabelentzündung vor allem durch äußere Faktoren beeinflusst. An vorderster Stelle steht der Keimdruck in Abkalbe- und Kälberbox oder -iglu. Durch regelmäßiges Misten und reichlich hochwertige Einstreu kann hier das Risiko von bakteriellen Infektionen des Nabels schon deutlich gesenkt werden. So sollte jedes Kalb eine frisch gereinigte und gut gestreute Box erhalten und ausreichend oft nachgestreut werden. Dabei ist Sägemehl zu meiden, da es oft bereits ab Werk mit hohen Keimgehalten belastet ist und zudem stark am feuchten Nabel haftet. Bei der Erstversorgung des Kalbes sollte der Nabel nur angeschaut, aber nicht angefasst werden. Jegliches Hantieren am Nabel erhöht die Keimbelastung an dieser Wunde und begünstigt Entzündungen. Treten allerdings auch Stunden nach der Geburt noch frische Bluttropfen auf oder ist der Nabel sehr kurz, sollte das Kalb umgehend tierärztlich untersucht werden, da es sonst zum inneren oder äußeren Verbluten kommen kann.
Für die Desinfektion des Nabels eignen sich flüssige Mittel mit milder und austrocknender Wirkung. Ideal ist das Besprühen des Nabels am liegenden oder stehenden Tier von beiden Seiten. Hierfür eignen sich alkoholische Jodlösung oder austrocknende Pflegemittel. Antibiotikahaltiges Blauspray ist hier fehl am Platz, da es nicht vorbeugend eingesetzt werden darf, keine Tiefenwirkung hat und die Gefahr der Resistenzförderung besteht.
Ein weiterer unverzichtbarer Baustein für einen guten Start des Kalbes ist die Biestmilchversorgung. Ohne die frühe (in den ersten drei Stunden) und ausreichende (mindestens 3 l) Versorgung mit hochwertigem Kolostrum ist das Kalb auch am Nabel weitestgehend wehrlos allen Keimen ausgesetzt. Daher ist die frühe, kontrollierte Kolostrumgabe mittels Nuckel von zentraler Bedeutung.
Als Zeitpunkte für die weitere Nabelkontrolle eignen sich das Ende der ersten und der zweiten Lebenswoche. Oft erfolgen hier auch andere Maßnahmen am Kalb, sodass der Nabelcheck sich leicht in die Routine integrieren lässt. Der Nabelschnurrest sollte ab dem fünften Tag trocken und nach zwei Wochen abgefallen sein.
In der weiteren Kälberaufzucht ist das gegenseitige Besaugen ein häufiger Auslöser für späte Nabelentzündungen oder -schwellungen. Durch die ständige Reizung des besaugten Gewebes und die Keimbelastung des Speichels können sich sowohl nichtinfizierte Schwellungen als auch eitrige Entzündungen des Nabels entwickeln. Daher sollten Sauger frühzeitig erkannt und mit Saugstopp versehen sowie besaugte Tiere intensiv kontrolliert werden. Zudem müssen die Ursachen für das Besaugen als Zeichen eines nicht befriedigten Saugreflexes gesucht und abgestellt werden.
Fazit
Die Nabelentzündung ist neben Durchfällen ein typisches Problem der ersten Lebenswochen. Außer der akuten Entzündung mit Schwellung, Schmerz, Fieber und vermindertem Appetit sind auch die Folgeschäden durch Aufsteigen der Bakterien gefährlich für das Kalb. So können über die Nabelgefäße Keime in Leber, Lungen oder Gelenke gelangen und zu unheilbaren Schäden führen. Gute Haltungshygiene und regelmäßige Nabelkontrollen können das Risiko aber gering halten. Der Nabelbruch ist zumeist eine Folge von erblicher Vorbelastung und kann auch langfristig zur Gefahr für das Kalb oder Jungrind werden. Kompliziertere Fälle sollten rechtzeitig operiert werden, um die Nutzbarkeit des Rindes zu erhalten und schweren Verläufen vorzubeugen.




