Seit 2017 bieten die Landwirtschaftskammer und die Schweinespezialberatung Schleswig-Holstein eine Eler-geförderte Beratung zur Erreichung des Kupierverzichtes an.
In der Richtlinie 2008/120/EG des Rates vom 18. Dezember 2008 zur Festlegung von Mindestanforderungen zum Schutz von Schweinen (kodifizierte Fassung) steht Folgendes: „Weder das Kupieren der Schwänze noch das Kürzen der Eckzähne dürfen routinemäßig durchgeführt werden, sondern nur, wenn nachweislich Verletzungen an den Zitzen der Sau oder an den Ohren oder Schwänzen anderer Schweine aufgetreten sind. Vor der Durchführung dieser Verfahren sind unter Berücksichtigung der Umgebung und der Besatzdichte andere Maßnahmen zu ergreifen, um Schwanzbeißen und andere Laster zu verhindern. Aus diesem Grund müssen unzureichende Umweltbedingungen oder Managementsysteme geändert werden.“
Bisher überwiegt bei den Schweinehaltern die Sorge – vor allem in der seit zwei Jahren vorherrschenden wirtschaftlichen Notlage – vor Misserfolgen. Auf die Frage, warum noch häufig kupiert wird, wurden in einer nicht repräsentativen Umfrage folgende Gründe genannt:
• Hilflosigkeit bei Caudophagie in kupierten Beständen
• Misserfolge
• höhere Verluste
• psychische Belastung für Tierhalter und -betreuer
• Schwierigkeiten bei Kontrollen
• Tiergesundheit
• Ohrrandnekrosen
• Unplanbarkeit
• sinkende Wirtschaftlichkeit
• höherer Arbeitsaufwand
• Abhängigkeit vom Mäster oder Ferkelerzeuger
Warum ist Kupierverzicht so schwierig?
Die Ursachen für das Schwanzbeißen sind sehr vielfältig und kaum übertragbar, daher ist es so schwierig, auf das Kupieren zu verzichten.
Ähnlich dem Liebig’schen Fass (Abbildung 1) gestaltet sich auch der Kupierverzicht. Jede einzelne Fassdaube ist einer von vielen Einfluss- oder Stressfaktoren auf den Kupierverzicht. Dazu kommt, dass dieses Fass in jedem Betrieb unterschiedlich aussieht, und nur, wenn alle Fassdauben bis oben reichen, ist ein erfolgreicher Kupierverzicht möglich. Folglich muss das Ziel sein, die Toleranz gegenüber den Stressfaktoren bei den Tieren zu erhöhen (Stichwort Resilienz) und die Stressfaktoren in der Haltungsumgebung zu minimieren.
Das Abfressen von Schwänzen, auch Caudophagie genannt, gibt es in abgewandelter Form ebenfalls beim Menschen, die Onychophagie, das ist das Nägelkauen. Die Caudophagie wird in verschiedene Arten unterteilt (Abbildung 2).
Häufige Auslöser der akuten Caudophagie
Ursachen für das Ausbrechen von Schwanzbeißen werden hier vor allem in folgenden Punkten gesehen:
• fehlendes Wohlbefinden, Infektionen, Unterversorgung, Genetik
➔ Ziel: Erhöhung der Toleranz gegenüber Stressfaktoren
• Havarien, Tier-Fressplatz-Verhältnis, Funktionsfähigkeit der Tränken, Stress durch Sonne/ Überbelichtung, fehlender Platz (Überfüllung durch Lieferverzögerungen)
➔ Ziel: Stressfaktoren im Stall minimieren
• Tätertiere (krankhafter Beißzwang)
Die Auslöser zu erkennen, hilft bei einer effektiven Ursachenforschung und ist wichtig, um die „Fassdauben“ erhöhen zu können, also den erfolgreichen Kupierverzicht hinzubekommen. Denn leider ist die Ablenkung mit „Spielzeug“ nur eine Symptombehandlung und keine Ursachenbekämpfung.
Sofortmaßnahmen bei Caudophagie
1. intensive Tierbeobachtung
• Unruhe in der Bucht, Schwanzschlagen, hängende oder eingeklemmte Schwänze, Saugen oder Lutschen an den Schwänzen von Buchtengenossen (ohne erkennbare Blutung)
• Veränderungen am Schwanz (Nekrosen, Kratzer, Bissverletzungen (mit/ohne Blut)
2. Notfallkoffer einsetzen (ständig wechselnde Beschäftigungsmaterialien ohne Stallgeruch)
• Luzernesilage (oder andere Silage), Heu, Stroh, Müsli
➔ in hervorragender Qualität
• Jutesäcke, Taue (auf welchen Schweine massiv kauen können)
• gegebenenfalls ganze Maispflanzen, Zuckerrüben (Hygiene!)
• Beißsterne
• Urgesteinsmehl, Salzlecksteine, Viehsalz, Magnesiumoxid
3. gegebenenfalls Tätertiere schnell finden
• Separieren, Buchtenwechsel
4. gegebenenfalls medizinische Behandlung von Tieren mit angebissenen Schwänzen
5. Ursachenforschung!
• siehe häufige Auslöser
Grundlegende Maßnahmen bei Caudophagie
Foto: Karin Müller
Den größten Einfluss auf das Immunsystem hat der Magen-Darm-Trakt. Also muss vorrangig die Magen-Darm-Gesundheit optimiert werden, um die Toleranz gegenüber Stressfaktoren zu erhöhen. Und dies beginnt schon bei der Sau. Denn wenn der Magen-Darm-Trakt gesund ist, sind in der Darmflora genug „gute“ Bakterien als Gegengewicht zu den „bösen“ Bakterien, und er verhindert durch eine intakte Barriere, dass Schaderreger in den Blutkreislauf gelangen. Zudem verbessert eine gute Magen-Darm-Gesundheit die Futterverwertung und entlastet den Leberstoffwechsel.
Schritte zur besseren Magen-Darm-Gesundheit:
• hygienisch einwandfreies Wasser/Futter
➔ saubere Futter- und Wassertröge und -leitungen
➔ regelmäßige Futter- und Wasseranalysen (auf Schadstoffe und Toxine …)
➔ regelmäßige Kontrolle der Silos und gegebenenfalls Anmischbehälter (Kondenswasser, Schimmelbildung, Schaderregerbefall …)
• bedarfsgerechte Fütterung
➔ Bedarfsbestimmung (Erhaltungs- und Leistungsbedarf)
➔ geeignete Komponentenauswahl (Weizen, Gerste/Roggen/Triticale …)
➔ regelmäßige Futteranalyse auf Inhaltsstoffe
➔ Abgleich der Inhaltsstoffe mit Bedarfsempfehlung
• Erhöhung des Rohfasergehalts im Futter oder zusätzliches Raufutter
➔ verbesserte Darmperistaltik – unterstützt Darmgesundheit und Immunkompetenz
➔ Steuerung der Passagerate und Kotkonsistenz, verbesserte Kotabsetzung
➔ Bildung bakterieller Stoffwechselprodukte bei der Fermentation von Rohfaser (zum Beispiel flüchtige Fettsäuren)
➔ Erhöhung der Enzymsekretion durch mechanische Stimulierung der Darmmucosa
➔ Quellvermögen steuert die Futteraufnahme (Sättigungsgefühl), Tiere werden ruhiger.
➔ Volumen im Magen-Darm-Trakt wird durch Quellvermögen der Faser erhöht – kann Futteraufnahmekapazität zum Beispiel in der Laktation verbessern.
• antibiotische Einzeltierbehandlungen
➔ Fluch und Segen von Antibiotika: Kranke Tiere müssen immer behandelt werden! Jedoch ist es wissenschaftlich nachgewiesen, dass der frühe Einsatz von Antibiotika bei Ferkeln die Bakterienvielfalt reduziert und schädlich auf die gesunden Mikrobiotagemeinschaften wirkt. Dies führt zu einer schlechteren Leistung des Immunsystems. Im Gegenzug werden eine bessere Gesundheit und ein höheres Wohlbefinden beobachtet, wenn die Antibiotikagabe nach der Geburt weggelassen wurde. Die Wissenschaft empfiehlt die Verringerung des Einsatzes antimikrobieller Mittel, insbesondere bei der metaphylaktischen Behandlung von Ferkeln. Als vielversprechende Alternativen wurden die Verbesserung der Biosicherheit und der Futterqualität sowie der Einsatz von Impfstoffen identifiziert.
Optimierung der Haltungsbedingungen
Neben allem, was die gute fachliche Praxis empfiehlt, ist es vor allem die Buchtenstrukturierung, die hilft, Stressfaktoren zu minimieren. Ausreichendes Platzangebot vereinfacht die Einteilung in Fress-, Aktivitäts-, Ruhe- und Kotbereich (Hilfsmittel: Trennwände, Balkone …) sowie die Schaffung von Klimazonen und Mikroklimabereichen (Hilfsmittel: Deckel, Luftführung, Böden, Einstreu …). Die Wahlmöglichkeiten in gut strukturierten Buchten helfen den Tieren, instinktiv Stress aus dem Weg zu gehen, und verbessern somit das Wohlbefinden.
Fazit
Um den erfolgreichen Kupierverzicht zu erreichen, müssen die Toleranz gegenüber den Stressfaktoren erhöht und die Stressfaktoren in der Haltungsumgebung minimiert werden. Dazu sind genaue und zeitaufwendige Tierbeobachtung sowie Ursachenforschung und -behebung notwendig.




