Einige der schönsten Wintermärchen stammen aus der Feder des weltberühmten dänischen Dichters und Schriftstellers Hans Christian Andersen (1805-1875). Denken wir nur an das kleine Mädchen mit den Schwefelhölzern oder die Schneekönigin. An seinem Geburtsort Odense auf der Insel Fünen begab sich das Bauernblatt auf eine Zeitreise durch seine Biografie und Märchenwelt.
„Es war fürchterlich kalt; es schneite und begann dunkler Abend zu werden, es war der letzte Abend im Jahre, Neujahrsabend! In dieser Kälte und in dieser Finsternis ging ein kleines, armes Mädchen mit bloßem Kopfe und nackten Füßen auf der Straße…“ So beginnt das Wintermärchen vom kleinen Mädchen mit den Schwefelhölzern. Andersen vollendete es 1845 während eines Aufenthalts auf Schloss Gravenstein an der Flensburger Förde.
In ihm erzählt er die berührende Geschichte eines Mädchens, das fröstelnd und hungrig auf der Straße Schwefelhölzer zu verkaufen versucht und dabei auf tragische Weise in den Tod gleitet. Generationen von Kindern sind mit dieser und anderen Geschichten von Hans Christian Andersen aufgewachsen. In Dänemark bekommen die Kleinen oft schon zur Taufe ein Märchenbuch von ihm. „Obwohl er von einer heilen Welt träumte, in der wie im Volksmärchen das Gute über das Böse siegt, ist seine Märchenwelt durchaus nicht heil, sondern, wie er selbst, von Widersprüchen und Brüchen geprägt“, stellt Autorin Gisela Perlet in ihrer bei Suhrkamp 2005 erschienenen Biografie „Hans Christian Andersen“ heraus. Etliche seiner Protagonistinnen und Protagonisten fänden ihr Glück gar nicht oder erst im Tod. So heißt es zum Schluss beim kleinen Mädchen mit den Schwefelhölzern: „Der Neujahrsmorgen ging über der kleinen Leiche auf, die mit Streichhölzern dasaß, wovon eine ganze Schachtel verbrannt war. Sie hat sich wärmen wollen, sagt man. Niemand wusste, was sie Schönes erblickt hatte, in welchem Glanze sie mit der alten Großmutter zur Neujahrsfreude gegangen war.“
Biografische Anklänge
All das Traurige und Melancholische in seinen dichterischen Schöpfungen ist sicherlich auch in der eigenen Biografie begründet. Etliche Texte haben biografische Anklänge. Am 2. April 1805 kommt der Schriftsteller als Sohn des verarmten Schuhmachers Hans Andersen und der alkoholkranken Wäscherin Anne Marie Andersdatter zur Welt. In seinem Kindheitshaus in der Munkemøllestræde wächst er von seinem zweiten bis zum 14. Lebensjahr auf.
Rückblickend sollte es die längste Zeit sein, die er je an einem Ort verbracht hat. Hier entdeckt er eine Welt, die ihn prägt und zur Brutstätte seiner späteren Fantasien und Träume wird. Er spürt zum ersten Mal das Licht des Sommers und die Dunkelheit und Kälte des Winters, erfreut sich am einzigen Grün, einem Stachelbeerstrauch im Hinterhof, lauscht den Geschichten des Vaters und bastelt mit ihm ein Puppentheater. Zur Schule geht er nur selten. In der beengten Wohnung, die gleichzeitig als Schuhmacherwerkstatt dient, lebt die Familie in bitterster Armut. Trotzdem gibt es dort einen Reichtum an Herz, Liebe und Fürsorge, wie Andersen später schrieb.
Einmal im Jahr erlaubt sich die Familie einen Theaterbesuch. Hans Christian ist von den Vorführungen stark beeindruckt. Sich selbst als introvertiertes, zurückhaltendes und verträumtes Kind bezeichnend, entwickelt er durch das Theater eine blühende Fantasie, träumt sich weg in eine andere Welt, in der er der kargen Tristesse des Alltags entfliehen kann. Im Jahr 1812 verlässt sein Vater Frau und Kind, um als Soldat in die Napoleonischen Kriege zu ziehen. Obwohl er nicht an Kampfhandlungen teilnimmt, kehrt er 1814 an Leib und Seele gebrochen heim und stirbt zwei Jahre später mit nur 34 Jahren. Nun muss der elfjährige Hans Christian durch Fabrikarbeit zum Lebensunterhalt für sich und seine Mutter beitragen.
Umzug nach Kopenhagen
„So formierte sich in seiner frühen Jugend der Wunsch, seinen prekären Lebensumständen zu entkommen, und er zog als Vierzehnjähriger nach Kopenhagen. Hier versuchte er sich als Theaterschauspieler und Sänger und schrieb erste Gedichte. Großer Erfolg wollte sich zunächst jedoch nicht einstellen“, weiß Dr. Lena Hennewig, wissenschaftliche Mitarbeiterin der Deutschen Digitalen Bibliothek (DDB). Aber es trifft sich, dass der damalige Direktor des Kopenhagener Theaters, Jonas Collin, auf den Jungen aufmerksam wird. Er lädt ihn ein, bei sich und seiner Familie zu leben. Durch seine Förderung und durch Unterstützung des damaligen Königs Friedrich VI. kann Hans Christian die Lateinschule und die Universität besuchen. Unermüdlich schreibt er eigene Texte, veröffentlicht schon zum Ende seiner Schulzeit sein erstes, international anerkanntes Gedicht „Das sterbende Kind“. Insgesamt sind 800 Gedichte, 158 Märchen, 40 dramatische Werke, sieben Romane, fünf Reiseberichte, drei Selbstbiografien und drei Bilderbücher von ihm überliefert. Die Zielgruppen seiner Werke sind dabei sowohl Kinder als auch Erwachsene. Da Andersen zudem bildkünstlerisch begabt ist, fertigt er über 1.000 Zeichnungen, Scherenschnitte, Collagen und andere kleinere Kunstwerke an, die er manchmal zur Illustrierung seines literarischen Schaffens nutzt.
Meistgelesener Autor
Ab 1831 sind teilweise mit staatlichen Stipendien finanzierte Reisen und Exkursionen, die ihn nach Deutschland und durch mehrere Länder Europas und in das Osmanische Reich führen, eine stete Inspirationsquelle. Die Aufenthalte im Ausland sorgen dafür, dass Andersen international bekannt wird. Bis heute sind seine Bücher in etwa 150 Sprachen erschienen. Damit ist er einer der meistgelesenen Autoren der Welt. In China gehören mehrere seiner Märchen zum festen Lehrplan in der Schule. „Das kleine Mädchen mit den Schwefelhölzern“ ist dort und im übrigen Asien eines der bekanntesten und beliebtesten Märchen. In der westlichen Welt werden „Das hässliche Entlein“ und „Die kleine Meerjungfrau“ am ehesten mit seinem Namen verbunden. Übrigens: Geheiratet hat der Künstler nie, aber mehrere unerfüllte, unglückliche Lieben gehabt. Dabei ist er immer ein Außenseiter und im tiefsten Inneren einsamer Mensch geblieben, der ständig unterwegs und nirgendwo wirklich zu Hause war. Und das, trotz vieler freundschaftlicher Verbindungen und einem Netzwerk von Beziehungen im Ausland. Am 4. August 1875 stirbt er im Alter von 70 Jahren in Kopenhagen. „Das wunderbarste Märchen ist das Leben selbst“, soll er einst gesagt haben. Eine posthume Ehre wird ihm 1967 zuteil: Anlässlich seines Geburtstages wird seitdem am 2. April der Internationale Kinderbuchtag begangen.
In Odense ist Hans Christian Andersen überall präsent. Durch sein Wirken ist er unsterblich geworden. Auf seinen Spuren – Schuhgröße 47 – kann man auf einem Rundweg mit der App „Useeum H.C. Andersens Odense“ 13 Stationen erkunden, die für die künstlerische Tätigkeit des Dichters von entscheidender Bedeutung waren. Die Tour beginnt am Museum H. C. Andersens Hus im H. C. Andersen Haven. Es öffnete im Sommer 2021 seine Tore und wurde vom japanischen Stararchitekten Kengo Kuma entworfen.
Der moderne Gebäudekomplex mit unterirdischer Ausstellungsfläche ist mit einem zauberhaften Märchengarten verflochten. Beeindruckend sind die interaktiven Multimedia-Installationen. Klang, Licht und Szenerie verbinden sich auf wunderbare Weise zu einem Erlebnis für alle Sinne. Hier treffen wir in einem stimmungsvollen Video auch das Mädchen mit den Schwefelhölzern wieder. In viele weitere Märchen können die Besucher – mit einem Audioguide ausgestattet – eintauchen und zum Schluss direkt ins gelbe Eckhaus, dem Geburtshaus des 1867 zum Ehrenbürger Ernannten, gehen. Von dort gilt es, Gebäude und Plätze zu entdecken, die mit dem Schriftsteller eng verbunden sind. So blickt eine Bronzestatue Andersens hinter dem Dom, in dem er konfirmiert wurde, auf die tiefste Stelle im nahen Bach, an der, dem Märchen „Die Glockentiefe“ zufolge, der Wassermann lebt. Auch das Schiffchen aus dem „standhaften Zinnsoldaten“ treibt dort im Wasser. Nur ein Katzensprung ist es von hier bis zum früheren Waschplatz seiner Mutter, dem Kindheitshaus und dem Rathaus, in dem er als Ehrenbürger Huldigungen entgegennahm. Das Schloss, in dem seine Mutter arbeitete, befindet sich ebenfalls in der Nähe. Seinen Spuren folgend, wird verständlich, was Gisela Perlet so treffend über den Schriftsteller schreibt: „Er war weder ein strahlender Aufsteiger noch ein naiv-kindlicher Märchenonkel, sondern eine höchst widersprüchliche Persönlichkeit“. Die jedoch bis heute weltweit von vielen großen und kleinen Menschen besonders für ihre tiefsinnigen Märchen verehrt und geliebt wird.




