„Der liebe Gott weiß, wie man fruchtbaren Boden macht, und er hat sein Geheimnis den Regenwürmern anvertraut“, besagt eine bekannte Bauernweisheit aus Frankreich. Tatsächlich spielen Regenwürmer eine zentrale Rolle bei der Humusherstellung. Zudem verbessert reiche Regenwurmaktivität den Luft- und den Wasserhaushalt des Bodens ebenso wie den Nährstoffhaushalt, stärkt den Schutz vor Erosion und verschafft den Pflanzen in jeder Hinsicht günstigere Wachstumsbedingungen.
Regenwürmer sind seit etwa 200 Millionen Jahren in unseren Böden aktiv, weit länger, als die menschliche Geschichte zurückreicht. Unsere gesamte Humusschicht ist durch den Körper von Regenwürmern gegangen. Unter jedem Quadratmeter Boden leben bis zu 400 Regenwürmer und reichern die Erde jedes Jahr mit bis zu 10 kg feinsten Düngers in Form von Wurmkot an. Weltweit gibt es zirka 3.500 verschiedene Regenwurmarten. Mit Ausnahme von Wüsten- und Polarregionen sind fast alle Böden von ihnen belebt. Mancherorts, etwa in sauren Moorböden, gedeihen allerdings nur wenige, spezialisierte Arten.
Regenwürmer gelten als die größten wirbellosen Bodenbewohner. Ihr lang gestreckter Körper ist von Längs- und Ringmuskeln umgeben und besteht aus zahlreichen Segmenten – die regenwurmtypische Ringelung. Durch abwechselndes Strecken und Zusammenziehen einzelner Körperabschnitte bewegen sich die Tiere fort. Statt Augen besitzen Regenwürmer am Vorder- und Hinterende Sinneszellen für Licht. In der Dunkelheit der Erdröhren orientieren sie sich mit dem Tastsinn und ihrem Sinn für Schwerkraft. Regenwürmer besitzen keine Lunge, sondern atmen durch die Haut. Solange das Wasser genügend Sauerstoff enthält, können sie auch in wassergefüllten Gängen, etwa nach Regenfällen, atmen.
Regenwurmkot – feinster Dünger für den Boden
Freiwillig kommen Regenwürmer meist nur nachts an die Bodenoberfläche und ziehen abgestorbene Pflanzenteile in ihre Gänge. Dort, in der obersten Bodenschicht, werden diese von Mikroorganismen zersetzt, quasi „vorverdaut“, bevor der Regenwurm sie aufnimmt, denn die zahnlosen Tiere können nur sehr feines Material verdauen. Zudem „weiden“ Regenwürmer Algen, Einzeller, Bakterien und Pilze ab, die auf der Bodenoberfläche nahe dem Ausgang ihrer Wohnröhre wachsen. Ein Regenwurm frisst täglich etwa die Hälfte seines eigenen Gewichts. Weil Regenwürmer aber schlechte Futterverwerter sind – sie nehmen hauptsächlich Eiweiße und Kohlenhydrate auf –, wird der größte Teil davon auch wieder ausgeschieden.
Regenwürmer ernähren sich von verrottetem organischem Material und nehmen gleichzeitig mineralischen Boden auf. Die Mineralteilchen helfen im Regenwurmmagen dabei, die pflanzliche Nahrung fein zu zerreiben. Im Darm werden die für den Regenwurm unverdaulichen Reste des organischen Materials und die mineralischen Bodenbestandteile intensiv durchmischt, durch Schleimabsonderungen „verkittet“ und als Kot ausgeschieden.
Weil Regenwurmaktivität und Pflanzenwachstum in etwa synchron sind, stehen die mit der Regenwurmlosung ausgeschiedenen Nährstoffe den Pflanzen genau dann zur Verfügung, wenn sie sie brauchen. Regenwurmkot enthält durchschnittlich fünfmal so viel Stickstoff, siebenmal so viel Phosphor und elfmal so viel Kalium wie die ihn umgebende Erde. Während durch das Einziehen befallener Blätter in den Boden manche Schadorganismen von Bodenorganismen abgebaut werden, siedeln sich nützliche Bodenbakterien und -pilze bevorzugt in Böden mit reicher Regenwurmaktivität an.
Pflanzenwurzeln lieben Regenwurmgänge
Zum einen tragen Regenwürmer so bedeutend zur Humusbildung und zur Bildung eines stabilen Krümelgefüges bei, das Nährstoffe und Wasser besser speichert, leichter bearbeitbar und besser vor Verschlämmung und Erosion geschützt ist. Zum anderen lockern sie auch tiefere Bodenschichten durch ihre zahlreichen Gänge. Regenwurmröhren durchlüften den Boden, verbessern die Durchwurzelbarkeit und erleichtern gleichzeitig sowohl die Wasseraufnahme und -speicherung wie auch das Abfließen überflüssigen Wassers. Weil Regenwürmer die Wände ihrer Wohngänge mit ihren Ausscheidungen auskleiden, ist die Erde entlang der Röhren besonders fruchtbar und entsprechend attraktiv für Pflanzenwurzeln, um dort entlangzuwachsen.
Am aktivsten sind Regenwürmer im Frühjahr (März/April) und im Herbst (September/Oktober). Nicht nur in kalten Wintern ziehen sie sich in tiefere Bodenschichten zurück, sondern auch bei Trockenheit und Hitze. Trockene Böden erschweren die Grabetätigkeit, zudem setzt die Hautatmung genügend Umgebungsfeuchtigkeit voraus. Den Winter verbringen Regenwürmer bei uns zumeist in Kältestarre in etwa 40 bis 80 cm Tiefe oder unter Wärme speichernden Dingen wie Komposthaufen oder großen Steinen. Unter einer winterlichen Bodenbedeckung (Gründüngung, Mulch) sind Regenwürmer länger aktiv.
Während sich fast ihr ganzes Leben unterirdisch abspielt, kommen Regenwürmer für die Paarung an die Bodenoberfläche, meist im Frühjahr oder im Herbst nach Regenfällen nachts oder in der Dämmerung. Regenwürmer sind zwittrig, sie besitzen sowohl Hoden als auch Eierstöcke. Der verdickte Gürtel im vorderen Drittel des Körpers zeigt die Geschlechtsreife an. Obwohl Regenwürmer sich in seltenen Fällen auch selbst befruchten, ist die Paarung der Normalfall. Nach dem Samenaustausch bildet sich am Gürtel ein Schleimring, in dem die Befruchtung stattfindet und der nach dem Abstreifen zu einem blassgelben Kokon, dem „Regenwurmei“, aushärtet.
Bis zum Schlüpfen der neuen Regenwürmchen dauert es art- und temperaturabhängig zwischen zwei Wochen und bis zu viereinhalb Monaten. Wenn er nicht vorher von Vögeln, Maulwürfen, Igeln oder anderen Fressfeinden verspeist oder versehentlich bei der Bodenbearbeitung zerteilt wird, kann ein Regenwurm je nach Art zwei bis acht Jahre alt werden.
Flachgräber und Tiefgräber
Die in unseren Gärten und Ackerböden lebenden Regenwurmarten werden in Flachgräber, Tiefgräber und Streubewohner unterteilt. Letztere graben keine Gänge, sondern leben in der natürlichen Mulchschicht (Streuschicht), vor allem im Wald, wo sie sich von Falllaub ernähren und so an der Zersetzung zum Humusboden des Waldes mitwirken. Aber auch der rote Kompostwurm und Mistwürmer gehört zu den Streubewohnern. Kompostwürmer und ihre im Wald lebenden Verwandten sind mit etwa 2 bis 6 cm Körperlänge recht zierlich. Sie sind von allen Regenwurmarten am kurzlebigsten, vermehren sich dafür aber stärker als die großen Regenwurmarten.
Foto: Anke Brosius
Flach grabende Arten leben vorwiegend im Oberboden bis 40 cm Tiefe. Sie graben meist horizontale Gänge und ernähren sich von abgestorbenen Pflanzenteilen, die sie in den oberen Bodenschichten finden. Diese Würmer sind klein bis mittelgroß, von heller Färbung und sehr lichtempfindlich. Wenn man sie bei der Bodenbearbeitung versehentlich ans Tageslicht befördert, sollte man sie also rasch wieder bedecken, besonders bei sonnigem Wetter.
Den bedeutendsten Beitrag zur Bodenverbesserung leisten die Tiefgräber unter den Regenwürmern. Sie bewohnen alle Bodenschichten bis zu mehreren Metern Tiefe und leben in senkrechten, stabilen Wohnröhren. Sie sind es, die auch größere Pflanzenteile, etwa abgefallene welke Blätter, in den Boden ziehen können. Tief wurzelnde Pflanzen nutzen die Röhren, um in verdichteten Bodenschichten tiefer vorzudringen. Zugleich finden sie in den mit Regenwurmdung ausgekleideten Gängen ideale Wachstumsbedingungen. Tief grabende Arten sind an ihrer rotbraunen Farbe kenntlich, wobei der Kopf dunkler gefärbt ist. Erwachsene Würmer dieser Arten erreichen oft 15 cm Länge und mehr, der im Hochschwarzwald lebende Badische Riesenregenwurm kann sogar bis zu 60 cm lang werden.




