Vor 20 Jahren zieht es Christina Löther-Mourujärvi aus Hohenlockstedt nach Finnland, sie trifft auf Manne und Rentiere – und bleibt für immer. Sie wird eine von Finnlands ersten ausländischen Rentierzüchterinnen und betreibt mit ihrem Mann einen Ferienhof in Lappland.
Von Rovaniemi am Polarkreis – wo offiziell der Nikolaus wohnt – fährt ein kleiner, gelber Minibus nach Posio. Er ist gleichzeitig der Schulbus und hält unterwegs an einsam gelegenen Bauernhöfen, wo ein wohlgenährtes, von der Kälte rotbäckiges Kind nach dem anderen in den Schnee und in diese einsamen nordischen Wälder hinaussteigt. Nach dreieinhalb Stunden Fahrtzeit ist der Busbahnhof des 3.000-Einwohner-Ortes Posio nur ein einfaches Holzgebäude. Christina Löther-Mourujärvi steht schon da. „Willkommen in Finnland“, grüßt sie und trägt ein blaues Auge. „Entschuldige, nicht dass du denkst, mein Mann schlägt mich – das war ein Rentiergeweih“, lacht sie und ist auf Anhieb sympathisch. „Die Tiere wissen manchmal nicht, was sie tun. Es sind eigentlich sehr sanftmütige Tiere, wir lieben sie.“ Die gebürtige Norddeutsche aus Hohenlockstedt züchtet mit ihrem finnischen Ehemann Manne Mourujärvi Rentiere. Der Hof liegt noch einmal 30 km entfernt, nur 20 km unter dem Polarkreis und mitten im Wald. Er besteht aus drei, für Finnland so typischen roten Holzgebäuden.
Es waren Mannes Großvater, der vom Staat Land zugewiesen bekam, und Mannes Vater, der 1957 in den Wald zog, um einen kleinen landwirtschaftlichen Betrieb aufzubauen. „Wir hatten immer so um die sechs Milchkühe, ein Teil der Milch war für die Selbstversorgung, wie es damals eben so war“, erinnert sich Manne. Die alten Milchkannen hängen heute an einer Hauswand und sie werden für den Wassertransport zur Sauna genutzt.
„Das waren harte Zeiten, wir waren sechs Kinder, Haferbrei gab es nur am Sonntag, 1978 kam erst Strom.“ Keines der Geschwister wollte den Betrieb weiterführen, als der Vater sich 1987 zur Ruhe setzte. „Man hätte zu viel investieren müssen“, kommentiert Manne. Doch ihn ließ der Hof nicht mehr los. Er zog fort, verdiente sein Geld als Fährmann und am Skilift, zahlte seine Geschwister aus.
Foto: Petra Jacob
Am Skilift in Suomu war es auch, wo Manne und Christina sich 2005 kennenlernen. Die damals als Redaktionsassistentin arbeitende Norddeutsche hatte da bereits ihr Herz an Finnland verloren und verbrachte ihre Urlaube im Land. „Das ist mein Platz!“, waren ihre Gedanken, als sie vor zwanzig Jahren zum ersten Mal finnischen Boden betrat, das weiß die 47-Jährige noch wie heute, wie sie sagt. Sie war begeistert von der ursprünglichen Natur, dieser Ruhe, den intensiven Jahreszeiten, aber auch diesem besonderen Menschenschlag. Was sie mag an den Finnen, ist dieses Zurückhaltende, wie sie sagt. „Sie fallen nicht gleich mit der Tür ins Haus, sie sind eigentlich so wie ich.“
Vor 17 Jahren zieht Christina von Deutschland fort und mit Manne auf seinen Hof. Sie richten ihn her und beginnen mit der Rentierzucht. Während seiner Abwesenheit hatte Manne einige Rentiere bei einem Bekannten untergestellt. Manne war zehn, als er im Wald eine Rentierkuh mit Kalb fand und sich in die Tiere vernarrt habe, wie er sagt. Sein Vater kaufte dem Besitzer die Tiere ab und holte die ersten Rentiere auf den Hof. „Der Opa besaß zudem noch eine dieser Ohrmarken, die jeder Züchter in Finnland haben muss, der Rentiere in den Wald entlässt“, so Manne.
In Finnland gibt es 54 Rentierzuchtbezirke und rund 12.000 verschiedene Ohrmarken. Die Ohrmarke steht für das Muster, das den Tieren in die Ohren geschnitten wird. Daran erkennt man, zu wem das Rentier gehört, wenn es in freier Wildbahn unterwegs ist. „Um eine Ohrmarke zu bekommen, muss man einem Zuchtverband angeschlossen sein, das ist ein richtiger Prozess, normalerweise werden sie in der Familie weitergegeben“, erklärt Christina. Inzwischen ist auch sie Besitzerin einer Ohrmarke, wie sie erzählt. Darauf ist sie sehr stolz, das weist sie als legitimierte Rentierzüchterin aus. Sie wurde eine der ersten ausländischen Rentierzüchterinnen Finnlands.
Wie das Faible für Finnland und Manne war die Zuneigung zu den sanftmütigen Rentieren „einfach da, ein Bauchgefühl“, wie Christina gesteht. „Das ist gar nicht so typisch für mich, normalerweise bin ich ein sehr durchdachter Mensch.“ Aus der Landwirtschaft stammt sie nicht, die Mutter war gelernte Bauzeichnerin, der Vater arbeitete in der Keramikindustrie. Doch sie sei immer ein „Naturmensch“ gewesen, wie sie erzählt. „Wir haben auf einem Bauernhof in Hohenlockstedt viele Jahre Milch geholt und ich wollte immer Bäuerin werden.”
Auf ihrem Hof haben die Mourujärvis den Rentieren eine Umzäunung mit Futterstand gebaut. Jene Tiere, die am Hof ständen, nennten sich Hausrentiere, erzählt Christina beim Hofrundgang, da habe jedes Tier einen Namen. „Doch frag‘ nie einen Rentierzüchter nach der Anzahl seiner Tiere, das ist so, als wolltest du den Kontostand erfahren“, lacht sie. Doch wie viele Tiere zum Haus gehören, das kann sie schon verraten – es sind 30.
Diese Hausrentiere sind an Menschen gewöhnt, spazieren regelmäßig über den Hof und einige werden trainiert, um Schlitten zu ziehen. Das Ehepaar hat sein Anwesen vor einigen Jahren auch kleinen Besuchergruppen zugänglich gemacht. Auf einer separaten Wiese stehen rustikale Hütten und eine 6 m hohe Kota, ein „Zelt“ aus Holzbrettern, das im Stil des finnischen Urvolkes der Samen gebaut wurde und in dem bis zu sechs Menschen schlafen können. „Ein einmaliges Erlebnis“, verspricht Christina.
Foto: Petra Jacob
Zum Hof gehören auch Waldrentiere, sie verbringen die meiste Zeit in den Wäldern. Wie viele, das ist ein Geheimnis. Ab Herbst, wenn das Futter knapper wird, kommen sie näher an den Hof. „Doch eigentlich gehen sie gar nicht mehr so weit weg wie früher, denn sie haben es ihren Jungen beigebracht“, so Christina. „Es kommt vor, dass sich in den Wäldern um den Hof viel mehr Tiere aufhalten als zu uns gehören. Die kommen, weil sie wissen, hier sind sie sicher und werden nicht verscheucht.“
Immer wieder kommt es zu Konflikten mit Landwirten, weil Rentiere auf deren Feldern oder Grünland unterwegs sind. Manch einer greift da aus Frust sogar zur Flinte. In Lappland leben an die 200.000 Rentiere, mehr als Einwohner, von denen es rund 180.000 gibt. Mourujärvis entrichten an den Rentierzuchtverband jährlich eine Abgabe von rund 35 € pro Tier, damit wird unter anderem das Einzäunen landwirtschaftlicher Flächen der betroffenen Landwirte finanziert.
Die Waldrentiere dienen vor allem zur Fleischgewinnung. Im Herbst wird ausgewählt, welche Tiere geschlachtet werden sollen. „Da schaut man nach den Zähnen, denn wenn die zu abgenutzt sind, können die Tiere nicht mehr gut fressen“, so Christina. Früher sind die Tierhalter zu Fuß oder auf Skiern in die Wälder, um die Tiere einzuholen, heute sind sie mit Quadbikes unterwegs. Bei dieser Arbeit unterstützen sich mehrere Rentierhalter und die Tiere kommen an einem Ort zusammen. Kleine Tiertransporter stehen bereit – in jeden passen sechs Rentiere – und fahren direkt zum Schlachthaus. Das dem Hof nächste befindet sich in Posio, rund 30 km entfernt.
Mourujärvis verkaufen schlachtreife Rentiere auch an Heino, einen befreundeten Landwirt. Der macht daraus Rentierfleisch in Dosen und Trockenfleisch, das viele Wochen bei ihm auf dem Hof im kalten Wind lufttrocknet. Von ihm bekommen sie auch die Grassilage, die sie im Winter an die Hausrentiere verfüttern. Zum Rentierhof gehören zwar 70 ha Land, das meiste ist jedoch Wald. Früher, als Mannes Vater hier noch einen Milchviehbetrieb hatte, gab es noch mehr Wiesen und es wurde Heu gemacht. Doch der Wald hat sich die Flächen mit den Jahren wieder zurückerobert. Im Sommer dürfen die Mourujärvis die Wiese eines Bekannten für die Futtergewinnung nutzen.
Mourujärvis füttern auch Pellets aus Getreide und Mineralien, die auf Rentiere abgestimmt sind. Und im Winter brauchen sie einen Silageballen pro Woche. Die Silage kommt in Plastikfolie eingeschweißt, lagert im Freien und ist in der kalten Jahreszeit schnell gefroren. Wird ein frischer Ballen gebraucht, kommt er vor dem Verfüttern in einen beheizbaren Holzkasten, den Manne selbst gebaut hat. Zu zweit hieven sie den schweren Kasten hoch, um an den aufgetauten Ballen zu kommen. Mit Plastikschlitten wird das Futter zum Gehege gezogen, wo die Tiere schon sehnsüchtig warten. Auch auf Streicheleinheiten. „Sie lieben es, an der Stirn berührt zu werden“, krault Christina liebevoll eines der flauschigen Tiere. Zu einigen der Rentiere hat sie eine besondere Beziehung; sie kamen als Waisen auf den Hof und wurden von ihr mit der Flasche aufgezogen. „Rentiere geben einem so viel zurück“, schwärmt sie. Ihr Mann sage immer: „Wer Rentieren dreimal etwas Gutes tut, bekommt es siebenfach zurück.“ In der freien Wildbahn fressen Rentiere am liebsten Flechten und Moose. „Dafür braucht es einen gesunden Wald“, merkt Manne an. Ein ausgewachsenes Tier kann im Winter bis zu 2 kg Flechten am Tag fressen. Um den Hof von Christina und Manne ist der Wald in gutem Zustand. „Die Bäume sind mindestens 200 Jahre alt, die gab es schon, als Opa geboren wurde“, berichtet Manne. Die Bäume tragen hier Bartflechten, Indikator von sehr reiner Luft, wie er sagt. So eine intakte Natur freut die Rentiere und natürlich auch Christina und Manne, die sehr gerne hier leben, wie sie sagen.
Foto: Petra Jacob
Die beiden sind ein gutes Team geworden. Christina schmeißt den Laden; allein, wenn Manne an einigen Tagen in der Woche am Kemijärvi-See arbeitet. Im Sommer ist er dort Fährmann. Im Winter ist der See zugefroren und er kontrolliert die Eisstraße; er entscheidet, mit wie viel Maximalgewicht Fahrzeuge über den See fahren dürfen. Manne lacht verschmitzt: „Mit ein paar Rentieren im Anhänger kommst du schnell auf ein hohes Gewicht.“
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