Die landwirtschaftlichen Familienbetriebe in Schleswig-Holstein sind oft zu groß, um von der Familie allein bewirtschaftet zu werden. Aber Fachkräfte sind knapp in Deutschland, besonders in der Landwirtschaft. Familie Andersen aus Wees in Angeln hat gute Erfahrungen mit der Vermittlung von internationalen Arbeitskräften durch eine dänische Agentur gemacht.
Vinzenz Andersen im Ortsteil Rosgaard der Gemeinde Wees züchtet Angler Rotvieh. „Ich brauche Leute, die zupacken können und zuverlässig sind. Die Kühe müssen jeden Tag gemolken werden“, sagt er. Nach dahingehend schlechten Erfahrungen mit der ansässigen Arbeitsvermittlung hat er sich auf die Suche nach ausländischen Mitarbeitern gemacht, im Internet recherchiert und bekam Kontakt zu einer Agentur, die ihren Sitz in einem osteuropäischen EU-Land hat. Hier machte er eine weitere schlechte Erfahrung.
Dubiose und seriöse Vermittlungen
„Der Mitarbeiter am Telefon sagte mir, welche Kosten für einen vermittelten Mitarbeiter auf mich zukommen würden. Als ich ihn fragte, wie viel davon beim Mitarbeiter ankommen würden, sagte er, das brauche mich nicht zu interessieren. Damit war für mich klar, dass ich mit dieser Agentur nicht zusammenarbeiten will. Ich will unsere Mitarbeiter anständig bezahlen.“
Schließlich hörte er von der dänischen Agentur „Bixter“, die ausländische Universitätsabsolventen in mehrere europäische Länder vermitteln. „Hier zahle ich Vermittlungsgebühren an die Agentur und schließe mit den Mitarbeitern einen Arbeitsvertrag ab. Der vereinbarte Lohn kommt zu 100 Prozent als Bruttolohn bei den Mitarbeitern an.“
Jonna Christensen, die auch fließend Englisch, Deutsch und Norwegisch spricht, ist bei der Agen+tur Bixter für die Vermittlungen in die Landwirtschaft und die Ernährungsindustrie in Deutschland zuständig. Die jungen Hochschulabsolventen, die sie vermittelt, dürfen nach ihrem Studium für ein Jahr in Deutschland arbeiten, um erste Berufserfahrungen zu sammeln.
Rechtliche Regelungen
Dieses eine Jahr wird als Arbeitspraktikum gewertet. Deutschland ist dabei durchaus wählerisch. Nur Absolventen der besten Universitäten dürfen kommen. Will jemand länger bleiben als dieses eine Jahr unmittelbar nach dem Studium, greifen die rechtlichen Regelungen zur Fachkräftezuwanderung. Solange der Antrag läuft, dürfen die Mitarbeiter bleiben. Wird der Antrag abgelehnt, müssen die Mitarbeiter mitunter von einem Tag auf den anderen Deutschland verlassen.
Jonna Christensen schwärmt von der Möglichkeit, junge Hochschulabsolventen nach Deutschland zu vermitteln. „Das ist eine Win-win-Situation für beide Seiten. Die jungen Menschen können erste Berufserfahrungen im Ausland sammeln und verdienen für ihre Verhältnisse viel Geld. Die Betriebe bekommen hochqualifizierte und hochmotivierte Mitarbeiter.“
Lourdes und Sophia
Auf dem Hof von Wiebke und Vinzenz Andersen arbeiten und leben zurzeit zwei junge Universitätsabsolventinnen, eine von den Philippinen und eine aus Tansania. Während Lourdes Makare Herman (24) aus Tansania erst seit Weihnachten 2022 in Deutschland ist, ist Sophia Agape Lapiz (24) von den Philippinen schon im zweiten Jahr hier. Zu Hause hatte Lapiz nichts mit Landwirtschaft zu tun. Ihr Vater ist Pastor. Dennoch war Landwirtschaft immer ihr Traumberuf, und sie hat deshalb Landwirtschaft studiert. Sie wollte gerne nach Europa, weil es hier modernere Maschinen und größere Betriebe gibt als in der kleinbäuerlichen Landwirtschaft der Philippinen. Deshalb will sie auch länger bleiben. Noch ist der Antrag nicht genehmigt. Ihr Arbeitgeber würde sie gerne weiter beschäftigen: „Sie ist die beste Melkerin, die ich je hatte“, sagt er.
Anders ist es bei Lourdes Makare Herman aus Tansania. Sie kommt von einem kleinen Selbstversorgerbauernhof mit vier Kühen. Sie will dieses eine Jahr in Deutschland nutzen, um Erfahrungen zu sammeln und Geld zu verdienen. Danach möchte sie zurück in ihre Heimat und den elterlichen Betrieb vergrößern, sodass es der Familie möglich wird, auch Produkte zu verkaufen. Auf dem Hof von Familie Andersen wechseln sich die beiden jungen Frauen wochenweise ab beim Melken der Kühe und der Versorgung der Kälber. Wer mit Melken dran ist, muss um 4 Uhr im Stall stehen, wer die Kälber versorgt, beginnt um 8 Uhr mit der Arbeit. Die Verständigung erfolgt in englischer Sprache, Grund genug für die Familie, das länger zurück liegende Schulenglisch wieder aufzufrischen.
Ungewohnte Speisen
Lourdes Makare Herman und Sophia Agape Lapiz haben Familienanschluss und wohnen in den ehemaligen Kinderzimmern der inzwischen erwachsenen Kinder von Familie Andersen. Gegessen wird gemeinsam am großen Küchentisch der Familie. Das erfordert für alle Beteiligten ein hohes Maß an Toleranz, zumal sich die Essensgewohnheiten in anderen Teilen der Welt von denen in Deutschland unterscheiden können. „Lourdes isst kein Brot und hat in den ersten Tagen deshalb fast nichts gegessen. Das geht natürlich nicht bei gleichzeitig körperlich schwerer Arbeit“, so Andersen. Längst hat sich die Situation zurechtgeruckelt: Lourdes kocht sich ihren Maisbrei.
Familienanschluss oder nicht
Wer mit Familienanschluss auf dem Hof wohnt, spart Mietkosten und Arbeitswege. Aber das ist nicht für alle das passende Modell, nicht für jede Bauernfamilie und nicht für jede ausländische Mitarbeiterin. Die Agentur fragt deshalb vorher genau nach, ob eine Unterbringung mit Familienanschluss gewünscht wird oder ob eine eigene Wohnung vorhanden sein muss.
Die Agentur betreut die Betriebe und Berufspraktikanten während der gesamten Vertragslaufzeit. Gibt es Probleme von einer der beiden Seiten, ist die Agentur jederzeit ansprechbar. Lassen sich die Probleme nicht lösen, sucht die Agentur eine passende neue Stelle für die Praktikantin.




