Unter der Erde arbeiten viele Pflanzen längst auf Hochtouren. Denn die sogenannte Winterruhe ist in der Botanik tatsächlich keine schöpferische Pause. Gehölze, Zwiebelblumen und Stauden bereiten sich, wenn auch witterungsbedingt mit verlangsamtem Stoffwechsel, auf die kommende Vegetationsperiode vor. Und die ersten Frühblüher wagen sich bereits aus der Reserve.
Winterblüher machen sich vor allem im Vorgarten gut, aber auch an Stellen, die beim Blick aus dem Fenster ins Auge fallen. Hier können sie am besten wahrgenommen werden. Dabei sind es nicht nur die Zwiebelblumen wie Schneeglöckchen (Galanthus), Krokus (Crocus), Schneestolz (Chionodoxa), Blausternchen (Scilla) oder Traubenhyazinthe (Muscari), die hier für Farbe im ausklingenden Winter sorgen.
Die Zaubernuss (Hamamelis) zählt mit ihren leuchtend gelben bis roten Blüten zu den schönsten Ziersträuchern. Als Zugabe überrascht sie im Herbst mit einer gelben bis rötlichen Laubfärbung. Der Duft-Schneeball (Viburnum farreri) schiebt bereits seit Anfang Oktober immer wieder einzelne Blütenstände, bis schließlich die Hauptblüte im März/April noch vor dem Laubaustrieb erfolgt.
Mit primelgelben Blüten überrascht der Winterjasmin (Jasminum nudiflorum). Von Weitem wirken sie wie Forsythienblüten, doch sie erscheinen wesentlich früher im Jahr. Die ersten Blüten öffnen sich im Dezember, die letzten im April. Das ist ein Schutzmechanismus, der Frostschäden vorbeugt. Viel zu selten ist die Glockenhasel (Corylopsis pauciflora) anzutreffen. Die auffällige, gelbe Blüte erfreut ab März Bienen, Hummeln und Menschen. Sicherheitshalber gibt man der Glockenhasel besser einen geschützten Platz und legt die Neupflanzung ins Frühjahr.
Auch die rosafarbene Hauptblüte der Winter-Kirsche (Prunus subhirtella) zeigt sich im März. Je nach Witterung bilden sich jedoch bereits ab November erste Vorblüten aus. Neben den Blüten sorgen auch besondere Rindenfärbungen für Blinkfänge im noch kahlen Garten. Ganz oben auf der Liste stehen Zimt-Ahorn (Acer griseum), Himalaya-Birke (Betula utilis var. jacquemontii), Mahagoni-Kirsche (Prunus serrula) und die Ahornblättrige Platane (Platanus x acerifolia).
Doch nicht nur Gehölze wecken die Vorfreude auf den Frühling, auch unter den Stauden finden sich eindrucksvolle Winterblüher. Zu den bekanntesten gehört sicher die Christrose (Helleborus). Die unterschiedlichen Arten punkten mit Farbvariationen von Weiß über Zartgrün und Rosa sowie Weinrot bis hin zu gesprenkelten und gar fast schwarzen Blüten.
Auch die zarten Blüten des Duftveilchens (Viola odorata) zeigen sich oft schon Anfang März. Es ist nicht nur anspruchslos und pflegeleicht, sondern zählt auch zu den schönsten Bodendeckern für halbschattige Standorte. Die Popularität des Duftveilchens sorgte für unzählige Züchtungen. Die Sorte ‚Alba‘ blüht reinweiß und ist wintergrün. ‚Donau‘ überzeugt mit großen, blauvioletten Blüten an langen Stielen. Sie eignen sich sogar für die Vase. Wer gelbe Farbtupfer mag, wählt die Sorte ‚Sulphurea‘. Die Frühlings-Anemone (Anemone blanda) zeigt bei milder Witterung bereits im Februar ihre farbenfrohen Blüten. Regulär erscheinen sie von März bis April. Tipp: Neupflanzungen im Herbst vornehmen und gleich nach dem Kauf in den Boden bringen, da die Rhizome schnell austrocknen.
Foto: Karin Stern
Die meisten Wachstumsprozesse von Pflanzen sind temperaturgesteuert. Da schieben sich Feinwurzeln von im Herbst gepflanzten Neuzugängen durch die Erde, bereits länger ansässige Stauden und Gehölze treiben erste Knospen. Schon wenige warme Tage im Spätwinter versetzen die ersten Pflanzen in echte Frühlingslaune. Das birgt leider immer die Gefahr von Frostschäden, da zu früh austreibende Knospen dem Frost schutzlos ausgeliefert sind. Dennoch schaffen es einige Spezialisten, uns im Januar und Februar mit ihren Blüten zu erfreuen, ohne dabei Schaden zu nehmen. So wenden Schneeglöckchen (Galanthus) einen tollen Trick an, um durch die Schneedecke zu brechen. Die in der Zwiebel verbrennenden Kohlenhydrate erwärmen die grünen Pflanzenteile auf 8 bis 10 °C. Diese eingebaute „Heizung“ taut den Schnee rund um Stängel und Blätter ab. Das Schmelzwasser wiederum kann nun von den Wurzeln aufgenommen werden. Doch winterblühende Pflanzen müssen nicht nur gut mit niedrigen Temperaturen zurechtkommen, auch das Problem der Bestäubung ist zu lösen. Blüten als Vermehrungsorgane der Pflanzen werden entweder vom Wind oder von Insekten bestäubt. In der kalten Jahreszeit bremst keinerlei Laub den Wind aus und die Frühaufsteher unter den Blüten haben nur wenig Konkurrenz zu fürchten. Die frühe Blüte bringt einen weiteren Vorteil: Schon zeitig im Jahr sind die Samen ausgebildet und fallen während der ersten warmen Tage auf den noch unbedeckten Boden. Doch wie schützen diese Spezialisten ihre Blüten vor dem Frost? Sie haben die Fähigkeit entwickelt, anstelle von Glukose (Zucker) Glyzerin zu produzieren. Im Zellwasser gelöst, wirkt es wie ein natürliches Frostschutzmittel. Außerdem bieten die meist kleinen Blüten der Kälte nur wenig Angriffsfläche. Ein weiterer Trick besteht darin, die Blüte über Nacht zu schließen und erst bei höheren Tagestemperaturen zu öffnen. Dies schützt die empfindlichen Vermehrungsorgane vor direktem Frost.



