Zu den wichtigsten als schmerzhaft empfundenen Zuständen und Krankheiten bei Milchkühen zählen Mastitis, Lahmheiten, das Abkalben (einschließlich Schwergeburt und Kaiserschnitt) und Gebärmutterentzündungen. Meist zeigen Rinder nur vage, undeutliche Schmerzäußerungen. Das bedeutet aber nicht, dass sie keine Schmerzen empfinden, denn nichts in der Anatomie und Physiologie von Kühen deutet daraufhin, dass sie weniger schmerzempfindlich sind als andere Säugetiere.
Es wird als Fortschritt in der Evolution angesehen, Schmerzen empfinden zu können, da sie eine wichtige Schutz- und Warnfunktion ausüben. Schmerz kann anhand von verschiedenen Parametern unterschieden werden, zum einen nach dem Entstehungsort: Als somatischer Schmerz werden der Oberflächenschmerz (zum Beispiel auf der Haut) und der Tiefenschmerz (beispielsweise in Muskeln, Knochen und Gelenke) bezeichnet. Von Menschen wird der Oberflächenschmerz häufig als stechend oder brennend, der Tiefenschmerz als dumpf bohrend beschrieben. Der Eingeweideschmerz (viszeraler Schmerz) wird bei starker Dehnung von Hohlorganen empfunden und verläuft oft krampfartig. Zum anderen kann der Schmerz in leicht, mittelgradig und stark eingeteilt werden. Plötzlich auftretender Schmerz wird als akut bezeichnet und verschwindet wieder, wenn die Schädigung behoben ist. Chronische Schmerzen dagegen bestehen über einen längeren Zeitraum (im Allgemeinen über ein halbes Jahr), sie stellen ein eigenes Krankheitsbild dar und besitzen keine Schutz- und Warnfunktion mehr. Schmerzen führen immer zu einer Beeinträchtigung des Wohlbefindens, was letztendlich das Erbringen einer hohen Leistung unmöglich macht. Wachstumsverzögerungen, eine verringerte Fruchtbarkeit und eine sinkende Milchleistung können die Folge sein.
Schmerzsignale bei Rindern
Unsere Hausrinder stammen von Wildtieren ab, welche als Beutetiere gejagt wurden. Ihre Überlebensstrategie liegt darin, Schmerzen und Schwäche nicht zu zeigen, damit Raubtiere nicht auf sie aufmerksam werden. Aufgrund ihres eher stoischen Naturells (das heißt, sie reagieren meist gleichmütig und akzeptieren, was geschieht, ohne sich zu beschweren), wird daher oft fälschlicherweise angenommen, dass Kühe unempfindlich seien. Eine Schmerzbeurteilung wird gar nicht oder nicht oft genug durchgeführt. Das Schmerzempfinden ist aber bei allen höheren Wirbeltieren ähnlich. Der Unterschied von Rindern zu anderen Tierarten und dem Menschen liegt in ihren Verhaltensreaktionen auf Schmerzen.
Gut wahrnehmbar sind Zähneknirschen und Stöhnen, der Blick ins Leere („Schmerzgesicht“: leicht gerunzelte Augenlider, Ohren zurückgestellt, weite Nasenöffnungen) und – allerdings sehr selten – Schmerzbrüllen. Diese Verhaltensweisen treten bei starken Schmerzen auf, die auch sofort behandelt werden sollten. Allerdings ist es ebenso notwendig, auf subtilere Schmerzverhaltensweisen zu achten, um auch geringe bis mäßige Schmerzen erkennen zu können und so zu verhindern, dass die Schmerzen über längere Zeit anhalten und im schlimmsten Fall nicht mehr therapierbar sind.
Weitere Anzeichen für Schmerzen bei Rindern sind:
– Abweichungen vom normalen Verhalten beim Kot- und Harnabsatz und beim Fressen: zum Beispiel Rückgang der Futteraufnahme
– Veränderung im Sozialverhalten: zum Beispiel Absonderung von der Herde, Verlust des Rangordnungsplatzes. Aber auch aggressives Verhalten gegenüber Artgenossen ist möglich.
– Haltungs- und Gangbildveränderungen, beispielsweise bei Schmerzen im Bewegungsapparat: Der Kopf und Hals sind gesenkt, die Rückenlinie ist gekrümmt, Schonhaltung der betroffenen Gliedmaße, längeres Stehen und Liegen, die Mobilität ist eingeschränkt.
– Schwanzschlagen auch bei Abwesenheit von Fliegen, wiederholtes Anziehen und Wiederausstrecken von Gliedmaßen, Kälber schlagen sich gegen den eigenen Bauch, Scharren, Aufwerfen von Einstreu: beispielsweise beim Einsetzen des postoperativen Wundschmerzes nach Bauchhöhlenoperationen, wenn die örtliche Betäubung abklingt.
Abweichungen von den normalen täglichen Aktivitätsmustern (sowohl erhöhte als auch reduzierte tägliche Liegezeit) können auch auf schmerzhafte Zustände und Krankheiten bei Kühen hinweisen. Je nach Schmerzursache, Schweregrad und Zeitpunkt kann es zu unterschiedlichen Ergebnissen kommen, die entsprechend interpretiert werden sollten. So verkürzen Kühe mit klinischer Mastitis aufgrund der Schmerzen, die durch das geschwollene Euter beim Liegen verursacht werden, ihre Liegezeit. Lahme Kühe zeigen jedoch im Vergleich zu nicht lahmen Kühen längere Liegezeiten. Technische Hilfsmittel wie beispielsweise digitale Sensoren und Herdenmanagementprogramme unterstützen das Erfassen und Auswerten der gewonnenen Daten beziehungsweise der Beobachtungen.
Schmerz zu definieren oder zu objektivieren ist sehr schwierig, da er eine individuelle Erfahrung darstellt. Um aber mit schnell erfassbaren Beobachtungen richtungsweisende Aussagen treffen zu können, wurde von einer Tierärztin zusammen mit Kollegen der Universität Kopenhagen eine Kuh-Schmerzskala entwickelt („Pain evaluation in dairy cattle“, K. B. Gleerup, 2015). Die Skala besteht aus sieben Schmerzverhaltensweisen, die in Abstufungen von null bis zwei bewertet und zu einem Wert zusammengefasst werden. Liegt der Schmerzwert über fünf, sollte das betreffende Tier genauer beobachtet und gegebenenfalls tierärztlich untersucht werden.
Schmerzsituationen bei Rindern
Im Allgemeinen können alle Erkrankungen zu Schmerzen führen, insbesondere bei allen entzündlichen Prozessen ist mit Schmerzen zu rechnen.
Beispiele für typische Schmerzsituationen bei Kälbern:
– blutige (OP) und unblutige (Burdizzo-Zange) Kastration
– Nabelbruch-OP
– Nabelabszess
– Enthornen
– Knochenbrüche
– Folgen von Zughilfen bei einer Schwergeburt
– Gelenksentzündungen
– Durchfall
– Lungenentzündungen
Beispiele für typische Schmerzsituationen bei erwachsenen Rindern:
– Klauenerkrankungen und deren Behandlung (zum Beispiel Klauenamputation, Sohlengeschwüre, Mortellaro)
– Schwergeburt und geburtshilfliche Maßnahmen (Zughilfe)
– Kaiserschnitt
– Enthornen
– Labmagen-OP
– Augenentzündung (Uveitis)
– Euterentzündungen (insbesondere akute E.-coli-Mastitis, aber auch „einfache“ Mastitiden mit Flocken führen zu Schmerzen)
– akute Gebärmutterentzündungen
– Knochenbrüche
Möglichkeiten beim Schmerzmanagement
Als erste Maßnahme sollte die Schmerzursache beseitigt werden. Aber häufig ist das nicht vollständig möglich und reicht allein nicht aus, um das Wohlbefinden des Tieres wiederherzustellen.
Das Schmerzempfinden lässt sich mittels verschiedener Wirkstoffe (Analgetika) im Rahmen einer symptomatischen Therapie auf mehreren Wegen beeinflussen. Bei entzündlichen Prozessen wie beispielsweise Lungenentzündungen, Durchfallerkrankungen und Euterentzündungen bieten sich Kortikosteroide und Nichtsteroidale Entzündungshemmer (NSAIDs, beispielsweise die Wirkstoffe Meloxicam, Flunixin) an. Sie reduzieren Entzündungssymptome, sodass die Tiere eher wieder fressen. Da sie auch die Sensibilität der Schmerzrezeptoren herabsetzen, werden sie beispielsweise auch im Vorfeld des Enthornens von Kälbern eingesetzt (Verabreichung ungefähr eine halbe Stunde vorher, damit sie bereits während des eigentlichen Enthornens ihre Wirkung entfalten können, einige Minuten vor dem Enthornen Gabe von Xylazin zur Stressverminderung). Die Art der Darreichung wird stetig weiterentwickelt, neben der Verabreichung per Injektion gibt es auch Aufgussbehandlungen (transdermal), an biologisch abbaubaren Mikronadelpflastern für die Verabreichung von Meloxicam über die Haut wird geforscht.
Um das Entzündungsgeschehen abzuschwächen, welches oftmals bei Kühen mit Schwergeburten gesehen wird und um das Wohlbefinden zu verbessern, werden häufig Kortikosteroide verabreicht. Bei einer Studie führte das Kortikosteroid Dexamethason zu Veränderungen in den Verhaltensmessungen, die auf eine Verringerung der Beschwerden hindeuten könnten, allerdings verringerte sich auch die Milchleistung im ersten Monat nach dem Abkalben. Daher wird diese Behandlung nicht für den routinemäßigen Einsatz empfohlen.
Krampflösende Medikamente (Spasmolytika) lösen die Verkrampfungen der glatten Muskulatur, zum Beispiel im Magen-Darm-Trakt im Rahmen eines Durchfallgeschehens oder bei einer Kolik. Wirkstoffbeispiele in diesem Bereich sind Butylscopolamin und Metamizol. Lokalanästhetika betäuben die Schmerzrezeptoren und verhindern so ein Weiterleiten des Schmerzreizes in das Gehirn. Sie werden zur örtlichen Betäubung des Operationsfeldes, zum Beispiel bei einem Kaiserschnitt oder einer Labmagenoperation, beim Enthornen (bei Kälbern über sechs Wochen Pflicht), bei Klauenoperationen oder in Kombination mit Xylazin bei Nabeloperationen eingesetzt. Xylazin dient der Analgesie, Sedation und zur Muskelentspannung, allein reicht es allerdings nicht zur Schmerzausschaltung.
Schmerzprävention sehr wichtig
An sich ist der Schmerz eine sinnvolle Einrichtung des Körpers, der durch seine Reaktionen wie beispielsweise das Zurückziehen einer Gliedmaße oder die Fluchtreaktion vor weiteren Schäden bewahrt. Allerdings können besonders starke oder lang andauernde Schmerzen (zum Beispiel bei Operationen oder Klauenerkrankungen) zu einer Sensibilisierung des schmerzleitenden Systems führen. Dabei kommt es durch die Gewebeschädigung zur Freisetzung verschiedener Botenstoffe und anschließender Entzündungsreaktion; über die verschiedenen Nervenbahnen wird dies dem Gehirn gemeldet und kann dort zur Entwicklung eines Schmerzgedächtnisses führen. Dadurch können ein verstärktes Schmerzempfinden (Hyperalgesie) und eine gesteigerte Empfindlichkeit auf eigentlich nicht schmerzhafte Reize (Allodynie) entstehen. Durch ein adäquates Schmerzmanagement sollte dies unbedingt verhindert werden, denn ein späterer „Ausgleich“ durch hoch dosierte Schmerzmittel ist meist nicht erfolgreich.
Fazit
Kühe empfinden Schmerzen ähnlich wie auch andere Säugetiere, allein ihr Verhalten daraufhin unterscheidet sich. Deshalb liegt es in der Verantwortung des Tierhalters, für das Wohlbefinden seiner Tiere zu sorgen und Schmerzen, sobald möglich, zu lindern oder ihnen vorzubeugen (Stichworte effiziente Schmerzbehandlung, Schmerzprävention und frühzeitiges Eingreifen bei Auftreten von Schmerzen). Kritische Verbraucher legen zunehmend großen Wert auf die Einhaltung dieser Grundsätze.




