Als wichtige Zeigerpflanze im phänologischen Kalender läuten Schneeglöckchen (Galanthus) den Vorfrühling ein. Die Natur erwacht endlich, wenn sich die zarten Blütenglöckchen trotzig gegen Schnee, Kälte und eisigen Wind stemmen. „Galanthophilie“ nennt man die Sammelleidenschaft für Schneeglöckchen. In Großbritannien werden Sorten zusammengetragen, gekreuzt und auf Events präsentiert, was das Zeug hält. Diese Passion schwappt mittlerweile auch auf den Kontinent. Wer mit dem Galanthus-Virus infiziert ist, kann mit Spezial-Anbietern zur Schneeglöckchen-Blüte nach England und Schottland reisen.
Ihre Vielfalt bewegt sich zwischen 2.000 und 3.000 bekannten Sorten. Sie unterscheiden sich von den 19 natürlichen Arten durch gefüllte oder anders geformte Blüten sowie gelbe und grüne Farbmarkierungen. Die jeweilige Art einer Sorte ist übrigens nicht immer eindeutig zu bestimmen, da schon Mitte des 19. Jahrhunderts die ersten Hybriden gezüchtet wurden. Mitunter vergehen 20 Jahre, bis eine neue Sorte auf den Markt kommt. Bei Auktionen erzielen seltene Sorten schon einmal mehrere Hundert Euro pro Zwiebel. Sammler achten auf feine Unterschiede und Details. Da gibt es die Exemplare mit gelbem Fruchtknoten, jene mit reinweißen, tropfenförmigen Blütenblättern, Sorten mit abstehenden Blütenblättern und mehr oder weniger kräftigen Grünfärbungen. Nicht zu vergessen natürlich die Unterschiede in Laubfarbe und -größe.
In unseren Gärten findet sich am häufigsten das heimische Galanthus nivalis. Ab Mitte Februar, gesteuert durch ein Wechselspiel aus Licht und Temperatur, zeigen sich die etwa 15 cm hohen, zarten Stiele mit den wippenden Glöckchen und blaugrünen Blättern. Galanthus nivalis verwildert gerne unter Gehölzen, vor Hecken oder in Rasenflächen. Als ideal gelten Standorte im Schatten sommergrüner Gehölze. Sie sind zur Blütezeit unbelaubt und lassen viel Sonne durch. Besonders hübsch wirkt das Schneeglöckchen in der Nachbarschaft früh blühender Zwiebelblumen wie Krokus, Blausternchen und Winterling. Als Pflanzpartner passt auch die Nieswurz (Helleborus orientalis). Sorten mit Blüten in Rosa, Rot oder Burgunderrot lassen das klare Weiß der Schneeglöckchen erstrahlen. Der Effekt ergibt sich ebenfalls mit dem Pink der Vorfrühlingsalpenveilchen (Cyclamen coum). Der Handel bietet verschiedene Sorten von Galanthus nivalis an. ‚Sam Arnott‘ erfreut sich wegen der großen, duftenden Blüten hoher Beliebtheit. Kein Wunder, denn mit ihrer Blühfreudigkeit und Robustheit ist dies eine der dankbarsten Sorten. ‚Atkinsii‘ bildet ebenfalls sehr große Blüten, wächst 20 cm hoch und überzeugt mit Standfestigkeit. Seit fast 200 Jahren wird ‚Flore Pleno’ kultiviert. Ihre gefüllte, duftende Blüte gleicht die etwas niedrigere Wuchshöhe von nur 10 bis 15 cm mehr als aus. Ebenfalls mit gefüllten Blüten und grün überhauchten Blütenhüllblättern punktet ‚Hippolyta‘. Wer eine Sorte mit gelbem Fruchtknoten sucht, greift am besten zu ‚Spindlestone Surprise‘. Die wüchsige Sorte ‚Maximus‘ eignet sich bestens zum Verwildern zwischen Bodendeckern.
Ein weiteres Familienmitglied ist das Großblütige Schneeglöckchen, manchmal auch Riesenschneeglöckchen (Galanthus elwesii) genannt. Es unterscheidet sich von Galanthus nivalis durch die breiten, blaugrünen Blätter. Zudem verwildert es nicht so stark. Diese Art wächst recht kompakt und verströmt einen angenehmen Duft. Optimal sind sonnig-warme Standorte am Gehölzrand oder im Steingarten. Das entspricht am ehesten den heimatlichen Verhältnissen im südöstlichen Europa. Galanthus nivalis dagegen bevorzugt frischen, lehmig-humosen und nährstoffreichen Boden. Nicht unerwähnt bleiben darf das Woronow-Schneeglöckchen (Galanthus woronowii) mit dekorativem, hellgrün glänzendem, breitblättrigem Laub und reinweißen Blüten. Diese Art stammt aus den Wäldern rund um das Schwarze Meer. Sie wirkt schön in Tuffs in Beet und Steingarten, eignet sich aber auch zum Verwildern.
Gepflanzt werden die kleinen Zwiebeln ab September. Für eine üppige Blüte im darauffolgenden Frühjahr sollte man auf frische, pralle und saftige Zwiebeln achten und sie gleich nach dem Kauf 5 bis 8 cm tief einpflanzen. Ausgetrocknete Zwiebeln treiben im Frühjahr meist nicht aus. Mancher Liebhaber kauft bestimmte Sorten blühend im Frühjahr, denn nur so lassen sich die spezifischen Merkmale zweifelsfrei erkennen. Der weitere Vorteil liegt darin, dass damit der Kauf vertrockneter, ihrer Triebkraft beraubter Zwiebeln vermieden wird. Während der Abblühphase ist der beste Termin für die Vermehrung durch Teilung der Horste. Wer im Gartenmarkt zum Ende der Blühsaison reduzierte Pflanzen im Topf bekommt, sollte beherzt zugreifen. Geduldigere Naturen schwören auf die Vermehrung durch Aussaat. Dafür drückt man die reifen Samenkapseln einfach an der gewünschten Stelle in den Boden. Bis zur ersten Blüte können durchaus drei bis vier Jahre vergehen. Ameisen sorgen außerdem für die Ausbreitung der Samen im Garten. Nach der Blüte brauchen Schneeglöckchen ausreichend Zeit, um ihr Laub einzuziehen. Die Zwiebel lagert die Nährstoffe als Kraftreserve für den nächsten Austrieb ein. An geeigneten Standorten erweisen sich Schneeglöckchen als angenehm pflegeleicht, da sie keinerlei Düngung benötigen und am liebsten ungestört wachsen.




