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Die Moorbirke – Baum des Jahres 2023

Baumart mit ökologischen Vorzügen und wirtschaftlichem Potenzial
Von Dr. Gerrit Bub, Landwirtschaftskammer SH
Die Moorbirke ist in Feuchtwäldern eine interessante Beimischung mit hohem ökologischen und stammweise auch ökonomischen Wert. Foto: Dr. Borris Welcker

Als der Autor vor 40 Jahren in die forstlichen Kinderschuhe schlüpfte, galt die Moorbirke bei Waldeigentümern als forstwirtschaft­liches Unkraut. Sie sei „zu Holz gewordenes Gras“, meinte der Lehrförster damals. Diese Sichtweise hat sich geändert, und die Moorbirke wurde jetzt sogar zum Baum des Jahres gewählt.

Früher durfte man die Birken als Schüler aus den jungen Forstkulturen herausmähen und sich damit ein schmales Zubrot verdienen. Bei gröberen Stämmen wurde zur Heppe gegriffen. Wertvolle Kulturpflanzen sollten durch die „verdämmende“ Baumart nicht zu Schaden kommen. Auch im späteren Jungwuchs- und Durchforstungsstadium galten Birken als Störenfriede. Sie waren als „Baumpeitscher“ und Kronenbeschädiger von Fichte und anderen Laubgehölzen unter den Forstleuten verschrien. Kurzum, die Birke war im forstlichen Wirtschaftswald nicht gewünscht.

Hoffnungsträger der bäuerlichen Gesellschaft

Ein Blick in die Geschichte der Waldnutzung in Schleswig-Holstein zeichnet ein ganz anderes Bild. Schon früh wusste die bäuerliche Gesellschaft die Birke mit ihren vielen Vorzügen zu nutzen. „Ötzi“, der Steinzeitmensch aus Südtirol, trug bereits vor 5.000 Jahren einen Becher aus Birkenrinde für seine Wegzehrung mit sich. Von den Blättern über die biegsamen Zweige bis hin zum brennbaren Holz fand die Moorbirke vielfältige Verwendung in der Land- und Hauswirtschaft. Sie öffnete als stockausschlagfähige Baumart der bäuerlichen Niederwaldwirtschaft den Weg. Noch heute erkennt man die Zeugen einer solchen Nutzung im Wald.

Charakterbaum der Kulturlandschaft

Mit der Moorbirke als Baum des Jahres 2023 ehren wir ein Gehölz, das uns daran erinnert, wie wichtig es ist, Moore zu schützen und wiederzuvernässen. Doch die Heimat der Moorbirke ist in Deutschland selten geworden. Nach § 30 Bundesnaturschutzgesetz sind Moorbirkenwälder gesetzlich geschützt.

In Schleswig-Holstein finden wir die Moorbirke (Betula pubescens), auch Bruchbirke, Haar- oder Besenbirke genannt, auf den Geesten und Marschlandschaften mit anmoorigen Böden. Die Moorbirke erreicht eine Höhe bis zu 20 m. Die weiße, zumeist abschilfernde Rinde charakterisiert das Gewächs. Moorbirken durchdringen mit ihren Wurzeln den Standort nur oberflächlich bis 40 cm. Das flache Wurzelsystem verbleibt oberhalb der anstehenden Wasseroberfläche und kann oftmals sehr ausladend sein. Die Pionierbaumart blüht bereits früh im Alter von fünf bis zehn Jahren. Im April/Mai hängen zirka 4 cm lange Fruchtkätzchen an den Zweigen. Die männlichen Kätzchen beinhalten rund fünf Millionen Pollenkörner, die bis zu 2.000 km weit fliegen können. Ihre Samenfülle reicht an die 4 kg pro Baum.

Die Moorbirke ist überaus kälteunempfindlich. Sie besiedelte nach der Eiszeit als erste Baumart den Kontinent. Als Pionierart vermag sie sich auf einer Freifläche schnell auszubreiten. Der moderne, naturnahe Waldbau lässt der Birke mittlerweile eine besondere Rolle zukommen. Die relativ kurzlebige Lichtbaumart bietet durch ihr rasches Jugendwachstum den forstempfindlichen Schattholzarten einen wärmenden Schirm. Als sogenannter Vorwald ist die Birke folglich besonders geeignet. Die Blätter bilden nährstoffreichen Laubstreu, verbessern die Bodengare und das Bestandesinnenklima.

Die Birke ist nicht nur im ökologischen Sinn ein Multitalent. Sie hat auch ökonomisch viel zu bieten. Das feuchtigkeitsliebende Moorgehölz lässt sich bei einer guten Pflege zu gradschaftigen, wipfelschäftigen Stämmen erziehen. Bei einer frühzeigen Astung und kontinuierlicher Kronenpflege erwachsen in weniger als 80 Jahren astfreie Furnierstämme. Birkenfurnier erzielt in Schweden und Norwegen Spitzenpreise.

Das Holz wird heute vor allem im Innenausbau verwendet. Möbel aus Massivholz oder bisweilen aus Sperrholz sind nach wie vor gefragt. Auch die Tischler in Schleswig-Holstein schätzen das Birkenholz beim Drechseln kunst- und handwerklicher Gegenstände. Indigene Bevölkerungen nutzen die Birkenrinde als Ausgangsmaterial für Trinkgefäße. In Nordeuropa und Sibirien findet man Dächer und sogar Schuhwerk aus Birkenrinde. Auf den schmalen Lamellen der äußeren, abziehbaren Rinde schrieben frühere Generationen.

Als Brennholz bietet die Birke ein wunderschönes Flammenbild im Kamin. Sie brennt sogar im feuchten Zustand. Die Rinde enthält Betulinkristalle. Die äußere Hülle erhält dadurch ihre wasserfesten Eigenschaften. Wir schätzen die Birke auch als zierendes Gehölz auf Kirchenfesten und als Maibaum. Der Liebsten wird als Brauch ein geschmückter Birkenstrauch in den Vorgarten gesetzt.

Selten, deshalb schützen

Die Moorbirke ist eine Spezialistin für nährstoffarme Böden. Ideale Bedingungen findet sie in Mooren und anmoorigen Standorten. Um die Birke in den Waldbau einzubinden, bedarf es einer vorausschauenden Planung. Auf grundfrischen Standorten vergesellschaftet sich die Moorbirke gern mit der Schwarzerle und der Flatterulme.

Die Birke besiedelt als einzige Laubholzart die sehr sauren Moor- und Feuchtlandschaften in Schleswig-Holstein, die erhebliche CO2-Mengen binden können. Damit wirken sie neben dem Wald als Klimaschützer. Man finder unterhalb des Moorgehölzes oftmals Heidel- und Rauschbeeren, Torfmoose, Seggen und Wollgräser. Moorbirkenwälder weisen eine hohe Artenvielfalt auf. Spezialisierte Käferarten, Zikaden, Wanzen oder Schmetterlingsarten erhöhen die Biodiversität.

Intakte Moorlandschaften sind in Deutschland selten geworden. Lediglich 5 % der einstigen Moore gelten als intakt. Mit der Wahl zum Baum des Jahres soll die Moorbirke dazu beitragen, das einzigartige Ökosystem Moor zu erhalten.

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