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Eingriffe am Tier stressfrei am Simulator erlernen

Rinder aktuell: Kammer startet Lernwerkstatt in Futterkamp
Von Jan-Hinnerk Templin, Landwirtschaftskammer SH
Mit dem Tierrettungssimulator können praktische Übungen zum Umlagern festliegender oder zur Bergung verunfallter Kühe durchgeführt werden. Fotos: Jan-Hinnerk Templin

Eine Anforderung in der beruflichen Ausbildung in der Landwirtschaft ist es, praktische Fähigkeiten im Bereich der Tierhaltung Auszubildenden so zu vermitteln, dass den Tieren beim Üben möglichst kein Leid zugefügt wird. Auch für die Lernenden sind die ersten praktischen Übungen am Tier mit viel Stress verbunden, denn niemand möchte einen Fehler machen und so dem Tier schaden. Jetzt wurde ein Konzept zum Aufbau einer Lernwerkstatt entwickelt und im Lehr- und Versuchszentrum umgesetzt.

Die Landwirtschaftskammer Schleswig-Holstein richtet am Lehr- und Versuchszentrum Futterkamp ein Agricultural Skills Lab ein. Das Projekt ist Teil der Modell- und Demonstrationsvorhabens (MuD) „Tierschutz“ im Bundesprogramm Nutztierhaltung. Es wird somit über das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft gefördert.

Mit dem AgriSkills-Lab soll ein Lernort geschaffen werden, an dem die Lernenden mithilfe von verschiedenen Tiersimulatoren und digitalen Hilfsmitteln in aller Ruhe unterschiedliche Eingriffe am Tier erproben können, bevor sie diese Eingriffe erstmals am lebenden Tier durchführen. Auf diese Weise kann jeder im eigenen Tempo lernen und sich Routinen aneignen. Fehler sind erlaubt, und die Übungen sind beliebig oft durchführbar, sodass der Druck aus dem Lernen genommen wird und erste Routine in den Handlungen entsteht. Als Vorbild für dieses Projekt dient vor allem das Clinical Skills Lab der Tierärztlichen Hochschule in Hannover, welches zur Ausbildung der zukünftigen Tierärztinnen und Tierärzte genutzt wird.

Für das AgriSkills-Lab in Futterkamp wurde eigens ein großer, heller Raum im Gebäude der Bau- und Energielehrschau geschaffen. Die Endeinrichtung ist zum jetzigen Zeitpunkt fast vollständig abgeschlossen. Hier werden auch die Tiersimulatoren für die Übungen untergebracht. Im Rahmen des Projekts wurden unterschiedliche Simulatoren verschiedener Nutztierarten angeschafft.

Sobald diese Lernwerkstatt eingerichtet ist und Nutzungskonzepte ausgearbeitet wurden, soll sie in der überbetrieblichen Ausbildung der Auszubildenden in der Landwirtschaft genutzt werden. Zusätzlich soll für externe Einrichtungen, beispielsweise für Hochschulen, die Möglichkeit bestehen, den Raum und die Simulatoren für Schulungseinheiten zu mieten.

Der Milchkuh-Dummy mit Kalb ermöglicht es, verschiedene Eingriffe am Tier zu proben, bevor die Übungen am lebenden Tier durchgeführt werden. 

Verschiedene Tiersimulatoren verfügbar

Für die Ausbildung in der Rinderhaltung steht unter anderem ein neuer Milchkuhsimulator mit Kalb zur Verfügung. Dieser bietet verschiedene Nutzungsmöglichkeiten.

Die Hauptnutzung liegt hier in der Geburtshilfe. Das dazugehörige Kalb kann so im Uterus des Simulators platziert werden, dass die Korrektur verschiedener Lage-, Stellungs- und Haltungsanomalien sowie der Auszug geprobt werden können. Ein künstlicher Beckenknochen aus Hartplastik und luftgepolsterte Geburtswege sorgen für möglichst realitätsnahe Bedingungen. Zusätzlich zur Geburtshilfe lässt sich das Euter der Kuh mit Flüssigkeit befüllen. So bietet der Milchkuhsimulator auch die Möglichkeit, die Entnahme von Milchproben, das Eingeben von Zitzeninjektoren oder die Anwendung interner Zitzenversiegler zu erlernen. Natürlich können auch Tätigkeiten wie das Anlegen eines Strickhalfters oder die Anwendung eines Schlagbügels geübt werden.

Ein weiterer Kuh-Dummy hat den Zweck, die Bergung oder das Umlagern von festliegenden oder verunfallten Kühen zu proben. Ein unsachgemäßes Vorgehen bei der Bergung einer Kuh, die beispielsweise in einer Liegebox festliegt, kann schwere Schäden und Tierleid verursachen. Der Rettungs-Dummy hat bewegliche Gliedmaßen und ist ziemlich schwer, sodass auch hier eine einigermaßen realistische Situation geschaffen werden kann.

Diese Übungen sind ohne den Dummy nur theoretisch erlernbar, und das Wissen muss im Ernstfall sofort abrufbar sein. Durch vorherige praktische Übungen am Simulator kann das Wissen besser gefestigt werden, und die Handgriffe sitzen im Ernstfall besser.

Virtuelle Realitäten mit VR-Brille erkunden

Ein digitales Lernkonzept mit dem Einsatz von VR-Brillen bietet zudem die Möglichkeit, theoretische Inhalte vor der Dummy-Arbeit zu vermitteln. Dies erfolgt im Rahmen des Projektes SilA, was für „Simulationsgestütztes und immersives Lernen in der landwirtschaftlichen Ausbildung“ steht. Über die VR-Brillen bekommen die Lernenden Informationen über 360°-Videos vermittelt. Per „point and click“ müssen dann verschiedene Aufgaben erledigt und Fragen beantwortet werden. Durch diesen virtuellen Lernraum ist jeder in seiner eigenen Welt, abgeschirmt vom Treiben im AgriSkills-Lab. So können die Inhalte selbstgesteuert und an die individuellen Bedürfnisse angepasst erarbeitet werden.

Der eigens angefertigte Demonstratorstab zeichnet die Durchführung der Enthornung auf und über ein iPad erhält der Anwender dann ein Feedback. Mithilfe der VR-Brillen können weitere digitale Lernkonzepte angewendet werden.

Geplant ist eine Einheit zum Thema Kälberenthornen. Nach der Lerneinheit mit den VR-Brillen werden dann am Kalb des Milchkuhsimulators Enthornungsübungen durchgeführt. Dafür bekommt das Kalb eine Haube mit Hornknospen um den Kopf geschnallt. Ein sensorgestützter Demonstratorstab mit einem Enthornungsstab als Aufsatz dient als Enthornungsgerät.

In der Übung am Dummy erfolgt die Enthornung ohne Hitze und ohne die Entfernung der Hornanlagen. Während der Durchführung zeichnet der Demonstratorstab jedoch die benötigte Zeit, die Drehbewegung und den eingesetzten Druck auf. Auf einem Tablet ist dann unmittelbar nach der Durchführung zu sehen, wie erfolgreich die Übung war. Durch den Einsatz des Simulators können keine Schäden am Tier entstehen, und die Lernenden können die Übungen so oft wiederholen, bis die Ergebnisse zufriedenstellend sind und sie sich in der Handhabung sicher fühlen.

Zügig geht es in den Endspurt

Nach jetzigem Stand sind die Simulatoren und technischen Hilfsmittel bereits geliefert worden, und auch der Raum für das AgriSkills-Lab wurde vor Kurzem fertiggestellt. Die Endeinrichtung ist momentan in den letzten Zügen, und bald können auch die letzten Simulatoren umziehen. Sobald dann die Lernkonzepte erstellt wurden, kann am Lehr- und Versuchszentrum Futterkamp ein erweitertes Lehrangebot eingeführt werden.

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