Ein Biotech-Start-up will sich in den großen Kampf um Marktanteile im Bereich von zellbasiertem Fleisch werfen. Die Zukunftsaussichten sind ungewiss, was man je nach Gefühlslage positiv oder negativ bewerten kann. Auf einer Veranstaltung vergangene Woche Donnerstag in Rendsburg klärten Bauernverband Schleswig-Holstein (BVSH), Schweinespezialberatung und Netzwerk Sauenhaltung auf. BVSH-Vizepräsident Dietrich Pritschau meinte, als überzeugtem Tierhalter falle es ihm schwer, von „Fleisch” zu sprechen. Doch warnte er gerade angesichts desaströser Preise davor, Scheuklappen aufzusetzen.
Unter dem Namen „Neat“ wollen Lars Krüger und Alexander Heuer, zwei Mitarbeiter des Beratungsunternehmens Roland Berger, positive Anreize für Tierhalter setzen, neben der bisherige Erzeugung etwas anzubieten, das den gesellschaftlichen Trends entspricht. Parallel zur Tierhaltung sollen die Betriebe zellbasierte Fleischprodukte herstellen.
Laut Krüger drückt die Ethikdiskussion auf den Fleischabsatz. Vegane Alternativen enthalten ihm zu viel „Chemie“. Daraus leitet er Absatzchancen für sogenanntes In-vitro-Fleisch (ivF) ab, die er mittelfristig höher bewertetet als die veganer Produkte. Die Wiederkaufsrate veganer Produkte bezeichnete er als gering. Zudem basierten Nachhaltigkeitsstrategien des Lebensmittelhandels auch auf ivF. Wie der Projektmanager berichtete, habe das Hamburger Start-up die gesamte Wertschöpfungskette von der Herstellung der ersten Zellen über die Maschinen bis zu den Abnehmern an Bord.
Da der Hauptmarkt im Fleischsektor aus verarbeiteten Produkten bestehe, will Neat nicht mit dem Steak starten, sondern auf Fleischbrät zur Weiterverarbeitung setzen. Aus ethischen Gründen will man die benötigten Stammzellen aus den Nabelschnüren der neugeborenen Tiere gewinnen, statt mit einer Biopsie in die körperliche Unversehrtheit des Tieres einzugreifen. Auch wird man nicht auf Kälberserum setzen, um die Zellen zum Wachstum anzuregen, wie es ansonsten üblich ist.
Technisch will man eine Art Plug-&-Play-System anbieten, entweder in ehemaligen Ställen oder als Containerlösung. Aus den Stammzellen der hofeigenen Tiere wird mittels einer Nährlösung, wahrscheinlich aus proteinreichem Algenextrakt, innerhalb weniger Wochen Muskelgewebe erzeugt. Der Bioreaktor läuft voll automatisiert, damit fallen Personalkosten größtenteils weg. Das erzeugte Fleischbrät wird abgeholt, aufbereitet und an die verarbeitende Industrie verkauft.
Zahlreiche Nachfragen der anwesenden Schweinehalter zur Hygiene, dem Inhalt der Nährlösung, der Kühllogistik, aber auch zu bau- und steuerrechtlichen Hürden zeigten, dass mit einer kurzfristigen Umsetzung nicht zu rechnen ist. Und tatsächlich steht das Hamburger Start-up ganz am Anfang; in vier bis fünf Jahren wird die Marktreife erwartet.
Intensiv wurde die bis dato unbekannte Einbindung der Landwirte/Tierhalter diskutiert. Krüger und Heuer verwiesen auf die Vorteile einer regionalen, dezentralen Erzeugung und der damit verbundenen Transparenz und Kundenakzeptanz. Auch sei der Bezug der Nabelschnüre an die Betriebe gebunden. Heuer führte Marktstudien an, die die Beweggründe der Verbraucher zum Kauf von ivF darstellten. Es gehe um Ethik und Gesundheit. Viele Vegetarier würden die Produkte probieren.
Da die ivF-Erzeugung nicht wirklich skalierbar sei, fällt laut Heuer der Vorteil einer großtechnischen Anlage weg. Die Wertschöpfungstiefe der Landwirtschaft in diesem Ansatz muss jedoch ausreichend attraktiv sein. Gefragt wurde, ob die Betriebe an der Produktion der Nährlösung teilhaben könnten. Hinterfragt wurde, dass die Tierhalter so gut wie keine eigenen Stellschrauben hätten, um den Erfolg zu beeinflussen.
Bisher wurde vieles nur im Labormaßstab erprobt, es zeichnet sich aber nach Aussage von Krüger bereits Interesse aus dem Lebensmittelsektor ab, solche Produkte höherpreisig anzubieten. Viele Detailfragen können erst während des geplanten Pilotprojekts genauer beantwortet werden. Als umso wertvoller bezeichneten die Neat-Gründer die Diskussion, da die Ideen und Hinweise aus der Diskussion in die Geschäftsstrategie und die Technik einfließen würden. Sie machten abschließend deutlich, dass sie ihr Start-up als Gegenentwurf zu einer industriellen Aufstellung sehen. Vielmehr solle die Landwirtschaft die Möglichkeit haben, den Trend zu ivF mitzugestalten und daran teilzuhaben.



