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Den korrekten Auszug kann man nie genug üben

Rinder aktuell: Geburtshilfe für Rinder im AgriSkills Lab
Von Kim-Juelie Sonn, Landwirtschaftskammer SH
Bevor die aktive Geburtshilfe geleistet wird, ist es wichtig zu wissen, in welcher Phase der Geburt sich die Kuh befindet und wie lange schon. Fotos: Kim-Juelie Sonn

Das Agricultural Skills Lab ist seit eineinhalb Jahren fester ­Bestandteil in der Aus-, Fort- und Weiter­bildung am Lehr- und ­Versuchszentrum Futterkamp der Landwirtschaftskammer Schleswig-Holstein. Es bietet Raum, verschiedene Aufgaben aus den täglichen Routinen Rinder und Schweine haltender Betriebe stressfrei zu erlernen. Eine nicht zu unterschätzende Lerneinheit ist die Geburtshilfe beim Rind. Für diese Lerneinheit können zwei Dummys (Kühe mit Kalb) ­genutzt werden.

Das Dummy-Kalb liegt im Mutterleib der Kuh auf einem Luftkissen und bleibt so in Position, um in den Geburtskanal eintreten zu können. Zusätzlich ist das Kalb mit einem nachgestellten Uterussack umhüllt. So kann es für die geburtshilfliche Untersuchung in verschiedene Positionen gebracht werden. Ergänzt durch einen Beckenknochen und ein weiteres Luftkissen, wird der schmale Geburtskanal simuliert. Mithilfe der beschriebenen Dummys lassen sich verschiedene Szenarien rund um die Geburtshilfe üben. Dies ist zum Beispiel im Rahmen von Geburtshilfelehrgängen möglich, die regelmäßig unter anderem in Kooperation mit dem Netzwerk Fokus Tierwohl durchgeführt werden.

Das Üben am Geburtsdummy gibt Sicherheit für die Geburtshilfe im Stall. Im AgriSkills Lab können die Handgriffe unter realitätsnahen Bedingungen trainiert werden.

Warum ist Geburtshilfe so wichtig?

Früher galt eine Zwischenkalbezeit von rund 365 Tagen als Standard. Das bedeutet, pro Kuh und Jahr fand eine Geburt auf dem Betrieb statt. Mittlerweile hat sich dies geändert, und die meisten Betriebe arbeiten mit einer Zwischenkalbezeit von 380 bis 400 Tagen oder mehr. Man spricht nicht mehr strikt von einem Kalb pro Kuh und Jahr. Dennoch gehören Geburten weiterhin zum regelmäßigen Betriebsalltag. Diese Situation macht es unumgänglich, Geburtshilfe korrekt und schnell leisten zu können.

Worauf kommt es bei der Geburtshilfe an?

Grundsätzlich kann eine Kuh allein kalben. Dennoch kommen immer wieder Situationen vor, in denen die Kuh menschliche Unterstützung braucht. Jedes Eingreifen seitens der Landwirtinnen und Landwirte oder Tierärztinnen und Tierärzte wird als Schwergeburt definiert. Ziel ist es, unter einer Schwergeburtenrate von 3 % zu liegen. Sollte ein Wert von 10 % Schwergeburten erreicht sein, spricht man von einem Alarmwert, der die Rücksprache und Ursachenkontrolle mit Tierarzt oder -ärztin notwendig macht. Sollte es erforderlich werden, Geburtshilfe zu leisten und damit in die natürliche Geburt einzugreifen, muss zunächst die akute Situation bewertet werden. Für die zielgerichtete Geburtshilfe ist es entscheidend, in welcher der fünf Phasen einer Geburt sich die Kuh befindet und wie lange diese schon andauert.

Vorbereitungsphase: Sie dauert rund 14 Tage. Innerhalb dieser Phase lockern sich die Beckenbänder, das Euter füllt sich, die Scham wird rot und schwillt an, oftmals ist eine Schleimschnur zu sehen, der Tonus der Schwanzmuskulatur nimmt ab, die Gebärmutter sinkt ab, der Muttermund fängt an, sich zu dehnen, die Beckensymphyse erschlafft, und der knöcherne Geburtsweg fängt an, sich zu weiten. In dieser Phase suchen die Kühe gern Bürsten auf.

Öffnungsphase: Sie beschreibt den sichtbaren Geburtsbeginn. Hier wird die Kuh zunehmend unruhiger, das Kalb wird in Geburtsposition gebracht, die einsetzenden Wehen öffnen den Muttermund aktiv, die Fruchtblase tritt erst in den Gebärmutterhals ein, weitet den Geburtsweg und wird sichtbar. Diese Phase dauert zwischen sechs und 16 Stunden.

Die Geburtshilfe sollte zielgerichtet und überlegt angewendet werden, um sowohl dem Kalb als auch der Kuh nicht zu schaden.

Aufweitungsphase: Der Moment vom Blasensprung bis zum Durchtreten des Kopfes des Kalbes. Der Druck durch den Kopf des Kalbes auf die Rezeptoren im Scheidendach löst die Bauchpresse aus. Die Fruchtblase platzt. Wichtig ist, dass die Fruchtblase nicht von außen geöffnet wird, da die Versorgung des Kalbes abbricht. Das Fruchtwasser sollte klar bis leicht gelblich oder rötlich sein. Verfärbtes, übel riechendes Fruchtwasser deutet auf ein bereits verstorbenes Kalb hin. Bei Kühen dauert diese Phase zwischen ein und drei Stunden, bei Färsen vier bis sechs Stunden.

Austreibungsphase: Die letzte aktive Phase der Geburt dauert 10 bis 15 min. Diese Phase beschreibt in der Vorderendlage das Austreten des Kopfes aus der Scham bis zum vollständigen Austrieb. Bis der Oberkörper geboren ist, ist das Kalb über die Nabelschnur mit Sauerstoff versorgt. Kommt das Kalb rückwärts, ist die Sauerstoffversorgung früher unterbrochen. In diesen Fällen muss das Kalb zeitnah zur Welt gebracht werden.

Nachgeburtsphase: Durch das Hormon Oxytocin werden Nachwehen ausgelöst, die den Abgang der Nachgeburt bedingen. Es lösen sich die Eihäute von den Karunkeln. Diese Phase sollte innerhalb von zwölf Stunden abgeschlossen sein.

Schwergeburten – Erkennen und Ursachen

Die Gründe für eine Schwergeburt sind vielfältig. Es gibt kuh­assoziierte, kalbassoziierte und mechanische Ursachen für Schwergeburten. Zu den kuhassoziierten Ursachen gehören unter anderem die Laktationsnummer, Überkonditionierung, Erstkalbealter, Wehenschwäche und Krankheitsgeschehen. Die falsche Vatertierrasse, Mehrlingsträchtigkeiten, tote Kälber und fehlerhafte Stellung, Lage oder Haltung des Kalbes zählen zu den kalbassoziierten Ursachen. Zu den mechanischen Ursachen zählen beispielsweise eine Gebärmutterverdrehung oder ein Missverhältnis zwischen der Größe des Kalbes und dem Geburtsweg der Kuh. In der Regel ist es nicht eine einzige Ursache, sondern mehrere gleichzeitig, die für eine Schwergeburt verantwortlich sind. Hinweise auf eine Schwergeburt können unter anderem ein stockender Geburtsverlauf, das Festliegen der Kuh, Haltungsanomalien oder Missbildungen des Kalbes, eine verminderte Vitalität des Kalbes sowie auffälliges Fruchtwasser sein.

Fachgruppen können wiederholt verschiedene Lage-, Stellungs- und Haltungsanomalien ausprobieren und das Erkennen und Korrigieren üben.

Geburtshilfliche Unter­suchung und der Auszug

Für einen zielgerichteten und erfolgreichen Auszug muss die Kuh fixiert sein, alle nötigen Hilfsmittel wie Geburtsstricke, Wasser, Reinigungsmittel, Geburtshelfer, Handschuhe und Gleitmittel müssen bereitliegen, und die Genitalregion muss gründlich gereinigt sein. Auch die Person, die Geburtshilfe leistet, muss Arme und Hände waschen, Schmuck ablegen, bestenfalls ärmellose Kleidung tragen und schulterlange Einmalhandschuhe überziehen. Das saubere Arbeiten ist unabdingbar, um Folgeprobleme für die Kuh zu verhindern. Nach der Vorbereitung wird die Kuh untersucht, Lage, Stellung und Haltung des Kalbes werden bewertet und bei gegebenen Anomalien korrigiert. Zusätzlich wird die Frucht auf Lebenszeichen untersucht und überprüft, ob sich diese im knöchernen oder weichen Geburtsweg befindet. Bevor Anomalien korrigiert werden, müssen auch die Größe und das Platzverhältnis zwischen Geburtsweg und Kalb erfühlt werden. Sind alle Voraussetzungen für einen Auszug gegeben, wird das in Vorderendlage, in oberer Stellung befindliche Kalb nach oben mit jeder Wehe in das Becken gezogen. Nach Durchtritt des Kopfes wird das Kalb nach unten Richtung Euter gezogen. Kommt das Kalb in Hinterendlage, verläuft die Zugrichtung parallel zur Wirbelsäule der Kuh und ändert sich während des Auszugs nicht. Nach Austritt der Beckenpartie muss es schnell gehen, da die Nabelschnur reißt und die Gefahr der Erstickung im Fruchtwasser besteht.

Die besonderen Vorteile des AgriSkills Lab

Die geburtshilfliche Untersuchung auf Haltung, Stellung und Lage kann an den Dummys geübt und nachgefühlt werden. Es können verschiedenste Positionen des Kalbes im Uterus nachgestellt und geübt werden. Auch komplizierte und seltene Haltungs-, Stellungs- und Lageanomalien können im AgriSkills Lab mehrfach geübt werden. Der finale Auszug und das Anbringen von Geburtsstricken oder -ketten kann in einer entspannten Lernatmosphäre im AgriSkills Lab so lange trainiert werden, bis ein sicheres Gefühl für den Auszug an der lebenden Kuh besteht. Das AgriSkills Lab bietet nicht nur die Möglichkeit für angeleitete Kurse. Auch das Buchen des Raumes und das eigenständige Erlernen der Techniken sind möglich.

Fazit

Die Geburtshilfe erfordert Wissen und Erfahrung. Das AgriSkills Lab bietet den Raum, in entspannter Lernatmosphäre die Geburtshilfe inklusive der Einschätzung des Kalbes im Uterus so lange zu üben, bis eine erste Routine entsteht. Gern können entsprechende Kurse oder auch das eigenständige Erlernen im AgriSkills Lab in Futterkamp gebucht werden.

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