Die St. Marienkirche steht im Dorf Kirchnüchel im Kreis Plön inmitten einer sanft hügeligen Landschaft 116 m über dem Meeresspiegel. Damit ist sie das höchstgelegene Gotteshaus in Schleswig-Holstein. Anlässlich des Pfingstfestes stellt Pastorin Anja Haustein die frühere Wallfahrtskapelle vor, die erstmalig 1259 erwähnt wurde.
Foto: Silke Bromm-Krieger
An diesem Sonntag hat sich die St. Marienkirche fein herausgeputzt. Kleine Blumensträuße zieren die Sitzbankreihen. Auf dem Altar stehen duftende Löwenmäulchen und Rosen. Rote Antependien hängen passend zum Anlass am Altar und Lesepult. Eben war das Gotteshaus noch bis auf den letzten Platz besetzt. Sieben aufgeregte Konfirmanden erlebten im Kreise der Familien ihren feierlichen Einsegnungsgottesdienst. Während die „Konfis“ nun zu Hause weiterfeiern, nimmt sich Pastorin Anja Haustein Zeit für eine Führung.
Seit zehn Jahren ist die Geistliche für Kirchnüchel und Blekendorf im Einsatz. Die zwei selbstständigen Kirchengemeinden werden von ihr im Rahmen einer Verbundpfarrstelle betreut und verwaltet. Gemeinsam betreten wir durch die Turmhalle den Kircheninnenraum. Hier ist es nach all dem Trubel herrlich still. Sieben kunstvoll gestaltete Glasfenster lassen Sonnenstrahlen hinein und tauchen ihn in ein warmes Licht. Was für eine friedvolle Atmosphäre!
Anja Haustein lenkt die Aufmerksamkeit auf die ersten beiden Fenster im hinteren Kirchenschiff, die wie die anderen in der Ätz- und Schmelzglastechnik gestaltet sind. Dadurch haben die Farben eine besonders prächtige Strahlkraft. Rechter Hand ist die Berufung des Moses am brennenden Dornbusch, gegenüber Stammvater Noah nach der Sintflut mit den Zeichen der Gnade Gottes in Form einer Taube und eines Regenbogens zu sehen. Es sind Fenster des Künstlers Max Schegulla (1918-2008), die Schiff und Altarraum schmücken. Nach einer Renovierung ab Mitte der 1960er Jahre stiftete der damalige Besitzer des benachbarten Gutes Grünhaus, der Hamburger Bankdirektor Wilhelm Huth, die 1971 fertiggestellten Fenster. „Marc Chagalls Fensterschöpfungen in der Synagoge der Universitätsklinik in Jerusalem inspirierten den Künstler zu diesen Glasgemälden“, weiß die Pastorin. Zunächst sei nur ein Fenster hinter dem Altar geplant gewesen, aber dann kamen Sponsor, Künstler und der damalige Pastor Rudolf Fitzner in einen so fruchtbaren Gedankenaustausch, dass daraus schließlich sieben Fenster mit der Darstellung biblischer Überlieferungen geworden seien. Wir schauen uns die drei Rundfenster an der Südseite des Altarraums an, die an die Verehrung der Mutter Jesu in der St. Marienkirche erinnern.
Im linken Fenster findet Maria den zwölfjährigen Jesus im Tempel, im rechten ist sie mit Jesus auf der Hochzeit zu Kana, darüber in der Mitte wird sie mit dem Jünger Johannes unter dem Kreuz Jesu dargestellt. Ein weiteres Fenster vis-à-vis zeigt Jesu Begegnung mit der Samariterin am Jakobsbrunnen. Das Fenster hinter dem Altar ist stark blau getönt, es thematisiert den Gnadenstrom, der vom Thron des Gotteslammes ausgeht. Da die Werke von Max Schegulla nicht gegenständlich, sondern eher abstrakt gestaltet sind, braucht es für eine eingehendere Betrachtung ein geübtes Auge und eine gute Vorstellungskraft. Haustein beginnt voller Begeisterung, die Geschichten aus der Bibel zu erzählen, die den Fenstermotiven zugrunde liegen.
Stundenlang könnte man ihr zuhören, doch es gibt noch so viel mehr zu erkunden. Also widmet sie sich nach einer Weile anderen Objekten. „Als es das Fenster über dem Altar noch nicht gab, stand hier ein alter Kanzelaltar. Nur Fragmente davon blieben erhalten. Zum einen das ehemalige Altarbild von 1867, das vorn in der Turmhalle steht, das Predella-Bild hinter dem Altar und zwei Engel sowie die Altarbekrönung, eine Jahwesonne, die nun unter dem Fenster mit der Noah-Geschichte ihren Platz gefunden haben“, informiert sie.
Foto: Silke Bromm-Krieger
Da wir gerade im Altarraum stehen, macht sie außerdem auf das dort Ende des 17. Jahrhunderts in direkter Anbindung entstandene Mausoleum der Grafen Brockdorff auf Kletkamp aufmerksam. Seit Erwerb des Gutes Grünhaus 1635 hatten sie das Patronatsrecht in Kirchnüchel inne. Durch eine Glastür gelangen wir in einen Vorraum, von dem aus man in die ab 1692 erbaute Gruftkapelle schauen kann. Sie ist mit einem schmiedeeisernen Tor verschlossen. Die Gruftanlage für den Grafen Cai Lorenz Brockdorff (1646-1725) war das letzte Werk des Bildhauers Thomas Quellinus (1661-1709). Neben dem Durchgang zum Mausoleum fällt rechts vor dem Altar ein Taufbecken aus Stein und Holz von 1680/90 mit einem Deckel von 1866 in den Blick. Die Pastorin hebt ihn vorsichtig an und erzählt, dass für die Taufen immer noch eine kostbare Taufschale aus Messing eingesetzt werde. Langsam nähern wir uns einem Kleinod, das schon im Mittelalter Gläubige aus allen Himmelsrichtungen anzog. „Es war lange nicht mehr da und wurde erst 1969 aus dem Landesmuseum zurückgeholt“, berichtet sie.
Foto: Silke Bromm-Krieger
Wir treten zur Nordseite des Chorbogens. Dort hängt eine goldfarbene Mandorla, eine mandelförmige Glorie, an der Wand. In ihr ist eine zarte, nur 7 cm hohe, elfenbeingeschnitzte Madonna mit dem Jesuskind aus dem Anfang des 14. Jahrhunderts hinter Glas eingefasst, die auf die mittelalterliche Marienverehrung an diesem Ort hinweist. Sie fand wohl einst als Schenkung aus adligem Hause den Weg dorthin. Im Hintergrund der Figur ist das zugehörige perlenbestickte Samtmäntelchen drapiert. Pilger sollen sich früher demütig vor ihr verneigt haben mit der Bitte um Trost, Hilfe oder ein Wunder.
Bis zur Reformation war die St. Marienkirche ein viel besuchtes Wallfahrtsziel. Noch heute lassen sich Besucher von der Ausstrahlung der winzigen Figur berühren. Davon zeugen ergreifende Zeilen, die sie in einem ausliegenden Gästebuch hinterlassen haben. Die Marienkraft und der Friede, der von ihr ausgeht, werden in den Eintragungen positiv hervorgehoben. Eine Besucherin vermerkte, sie spüre im Gotteshaus die Spiritualität vieler Jahrhunderte. Die St. Marienkirche sei ein „wundervoller Kraftort“, schrieb eine andere.
Dass sie auf einem Hügel als Wallfahrtskapelle überhaupt errichtet wurde, hängt mit einer Quelle in der Nähe zusammen, die schon in wendischer Zeit für heilig und heilkräftig gehalten und nach der Christianisierung mit der Jungfrau Maria in Verbindung gebracht wurde. Die sogenannte Marienquelle befindet sich wahrscheinlich südlich gegenüber der Marienkirche hinter dem mittlerweile geschlossenen Gasthaus „Marienquelle“ von 1867 auf einer Weide.
Da wir in Kürze das Pfingstfest feiern, soll auch darüber ein Wort gesagt sein. „Pfingsten gilt als die Geburtsstunde der christlichen Kirche und Anfang der weltweiten Mission. Es ist nach Weihnachten und Ostern das dritte Hauptfest des Kirchenjahres. Mit ihm wird der Heilige Geist gefeiert, der die Jünger Jesu 50 Tage nach dessen Tod am Kreuz ergriffen hat. Dadurch konnten sie neue Sprachen sprechen und Gottes Wort in allen Nationen verbreiten“, erklärt die Pastorin. Gern zeigt sie die vorhandenen pfingstlichen Symbole in der Kirche, die für das Erscheinen des Heiligen Geistes stehen: das Feuer und die Taube.
Foto: Silke Bromm-Krieger
„Zur Konfirmation und zu Pfingsten schmücken wir Lesepult und Altar mit roten Antependien, das Lesepult mit einem Flammenmeer-Motiv und den Altar mit einer Taube“, bemerkt sie. Auch auf dem alttestamentarischen Noah-Bild im hinteren Kirchenschiff ist eine Taube verewigt. Doch die Taube am Altar sieht anders aus, sie ist in Bewegung geraten und stürzt sich geradezu hinab auf die versammelte Gemeinde. „Ich glaube, dass die Darstellungen aus dem alten und neuen Testament miteinander korrespondieren. Die Taube in der Schöpfungsgeschichte steht für Frieden, Versöhnung, Hoffnung und Neuanfang, die Pfingsttaube für Glaube, Gottvertrauen und Liebe“, denkt Haustein laut nach.
Was Pfingsten uns heutzutage sagen könne? „Die Bibel berichtet ja von einem Sprachenwunder. Alle verstanden sich plötzlich, hörten einander zu, trotz unterschiedlicher Herkunft. Dieses ‚Hörwunder‘ wünsche ich mir auch für heute, dass die Menschen sich verstehen und auch bei unterschiedlicher Meinung einander zuhören. Im Namen Gottes sind wir alle eingeladen, aufeinander zuzugehen, offen immer wieder Neues zu entdecken, und in Gemeinschaft Toleranz und Zusammenhalt zu leben.“




