Welche Faktoren entscheiden künftig über den Erfolg in der Milcherzeugung? Auf dem diesjährigen DLG-Forum der Spitzenbetriebe Milchvieherzeugung im hessischen Hohenroda standen Künstliche Intelligenz (KI), Klimabilanzen und Ökonomie im Fokus.
Innerhalb kurzer Zeit war die Veranstaltung in diesem Jahr ausgebucht. Das zeigt, dass das diesjährige Programm bei den Praktikern erneut Anklang gefunden hat.
Plenumsvorträge und Denkanstöße
Die ökonomische Auswertung des Wirtschaftsjahres 2024/2025 der Spitzenbetriebe aus ganz Deutschland wurde zum Auftakt der Veranstaltung von Dr. Steffan Weber, LMS Agrarberatung Rostock, vorgestellt. Hier waren nicht nur die Zahlen der Betriebszweigauswertung ein Thema, sondern auch die berechneten Klimabilanzen wurden vorgestellt. Zur Ökonomie war die Kernaussage, dass bei Betrachtung der vergangenen 20 Jahre eine positive Perspektive bestehe, da die Produktionskosten im Vergleich zum Milchpreis nicht so stark gestiegen sind. Jedoch werden hier Managementunterschiede bei zunehmenden Volatilitäten immer entscheidender. Die unsichere aktuelle Milchpreislage wird sich somit auch auf die Betriebszweigergebnisse von 2025/2026 negativ auswirken.
Auch die bewusst verlängerte Zwischenkalbezeit wurde im Plenum angesprochen. Dr. Anke Römer vom Institut für Tierproduktion der Landesforschungsanstalt Mecklenburg-Vorpommern stellte hierzu mögliche Strategien vor. Dabei betonte sie, dass die Entscheidung zu einer verlängerten Laktation vor allem tier- und betriebsindividuell getroffen werden sollte. Es wurden verschiedene Tools und Hilfestellungen zur Umsetzung vorgestellt und noch einmal auf die Schlüsselindikatoren hingewiesen. Die Körperkondition, die Persistenz und die Gesundheit müssen tierindividuell berücksichtigt werden. Ein langsames Heranwagen und bewusste Entscheidungen sowie das richtige Management passend zur Herde sind hier die Schlüssel zum Erfolg bei der Entscheidung für das System.
Der Abendvortrag befasste sich mit dem Thema Künstliche Intelligenz oder eher „Kollaborative Intelligenz“. Sanjay Sauldi, Direktor der European Digital Business Institute & Academy, versetzte viele anwesende Köpfe mit seinem Vortrag ins Grübeln. Nach seiner Prognose wird der Einsatz von KI einen massiven Effizienzschub nach sich ziehen und Berufsfelder in Teilen oder vollständig ersetzen. Prozessoptimierung und Zeitersparnis durch den Einsatz von KI könnten auf jedem landwirtschaftlichen Betrieb angewendet werden. Nach Darstellung der sechs KI-Ebenen und deren unterschiedlicher Funktionsweisen sowie Stärken und Schwächen hinterließen verschiedene Anwendungsbeispiele bei dem einen oder anderen Eindruck und schufen Inspiration.
Eindrücke aus Argentinien
Anregungen und Einblicke gab es auch beim Vortrag von Maren Ebinger. Sie ist Großtierärztin mit dem Schwerpunkt Milcherzeugung und Dozentin an der Universität Buenos Aires in Argentinien. Sie stellte in ihrem Vortrag nicht nur die Positionen und Handelsstrukturen der Milcherzeugung in Argentinien dar, sondern nahm auch mit ihrem Vortrag das Auditorium auf einen Betrieb nach Argentinien mit. Bilder und Videos zeigten, wie die Milchviehwirtschaft in Argentinien praktiziert wird. Eine große Herausforderung in der Unternehmensführung ist die schwankende und teils hohe Inflation. Auch Investitionen sind teuer, wenn sie über Fremdkapital finanziert werden, denn mehrstellige Zinsprozentsätze bei der Aufnahme von Krediten sind üblich.
Praxisberichte und fachlicher Austausch
Die Arbeitskreise der Konferenz greifen ganzheitlich Themen auf, die in der Milchkuhhaltung immer wieder auftauchen, und verbinden Praxisberichte mit fachlichem Austausch. Das Thema KI wurde auch im ersten Arbeitskreis unter dem Motto „Starten statt warten!“ angesprochen. Künstliche Intelligenz ist auf den landwirtschaftlichen Betrieben noch nicht in der Breite vertreten. Zusammen mit den Referenten Dennis Welleweerd, Milchkuhhalter, und Esther Achler-Stubbe, beide von der Farmers Factory, arbeiteten die Teilnehmer selbst mit dem Thema KI. Ohne Vorwissen oder komplizierte Technik wurden den Teilnehmern Werkzeuge an die Hand gegeben, um den Büro- und Managementalltag leichter zu gestalten.
Alternative Anlagen und Mechanisierungsstrategien
Im zweiten Arbeitskreis stand das Thema „Außerlandwirtschaftlicher Kapitalaufbau“ im Fokus. Wachstum, sei es durch Stallbau oder Effizienzsteigerung, ist in vielen Betrieben ein Thema. Jedoch gewinnen auch alternative Investitionen immer mehr an Präsenz. Dr. Bodo-Wolfram Hager, Experte für außerlandwirtschaftliche Anlagemöglichkeiten, zeigte alternative Strategien auf. Vor- und Nachteile von Aktien, Aktienfonds, ETF, Immobilien, Gold, Versicherungen, Anleihen und geschlossenen Beteiligungen wurden diskutiert. Sowohl die persönlichen Ziele und Erwartungen als auch Kosten- und Zeitaufwand, Anlagehorizont mit Renditeerwartungen und der wichtige Aspekt der Kapitalsicherheit spielen beim Thema Kapitalaufbau eine wichtige Rolle.
Der Arbeitskreis drei behandelte die Frage, ob Grassilage besser in Eigen- oder Fremdmechanisierung erzeugt werden sollte, da sich Betriebe stark in Kosten und Futterqualität unterscheiden und es keine pauschale Lösung gibt. Anhand von zwei Praxisbeispielen wurde das Thema veranschaulicht. Thilo Dobbehaus, Betrieb Tantzen-Dobbehaus GbR, berichtete über seine Erfahrungen mit vollständiger Fremdmechanisierung durch ein Lohnunternehmen. Lea Müller, Betrieb Weidenhof, stellte ihr Konzept der Eigenmechanisierung vor. Ergänzend gab Heinz-Günter Gerighausen, Experte für Arbeitserledigungskosten und Prozessketten der Qualitätssilage, einen fachlichen Überblick über Kostenstrukturen und Effizienzpotenziale. Dabei wurde betont, dass weniger die Wahl des Systems entscheidend sei, sondern die konsequente Umsetzung.
Rationsberechnung und Eutergesundheit im Fokus
Dr. Detlef Kampf, Dr. Bernd Losand (beide Deutsche Landwirtschafts-Gesellschaft, DLG) und Jennifer Brandl von der Bayerischen Landesanstalt für Landwirtschaft boten die Gelegenheit, das neue System der Milchkuhfütterung nach GfE-Empfehlungen zur Energie- und Nährstoffversorgung von Milchkühen (2023) besser zu verstehen und Fragen zur konkreten Handhabung zu diskutieren. Das Verständnis der geänderten Kenngrößen und Zusammenhänge wurde in diesem Arbeitskreis vorgestellt und geklärt, welche Parameter künftig für eine Rationsberechnung benötigt werden.
Antibiotika und Eutergesundheit waren die Stichpunkte im fünften Arbeitskreis. Der Betrieb von Florian Bornholdt hat zusammen mit Betriebstierarzt Matthias Gösling und Herdenmanagerin Sandra Jessen die Eutergesundheit nachhaltig verbessern können. Der Betrieb melkt derzeit 13.000 kg ECM pro Kuh an Melkrobotern und nutzt zusätzlich zu den Roboterdaten das System Cow-Manager. Zusammen mit dem Betriebstierarzt stellten sie Datenverwaltung und Nutzung der einzelnen Systeme vor und zeigten Handlungsschemata, die dem Betrieb bei der Strukturierung und einheitlichen Arbeitsweise geholfen haben. Technik, Management und Tierwohl werden hier Hand in Hand betrachtet.
Melkautomation in größeren Beständen
Das Thema automatisches Melken wurde auch im Arbeitskreis sechs aufgegriffen. Hier war jedoch die Fragestellung, wie automatisches Melken in größeren Beständen umgesetzt werden kann. Praktiker mit Einzelanlagen/Doppelboxen und Batchmilking diskutierten ihre Beweggründe und arbeiteten Stärken sowie Schwächen aus. Von Investitionskosten und baulichen Voraussetzungen bis hin zu laufenden Kosten wurden diskutiert und herausgearbeitet, worauf im Betrieb, bei den Menschen und der Technik geachtet werden muss.
Im siebten Arbeitskreis wurde auf das Thema Treibhausgas (THG)-Bilanzen eingegangen. Zuerst wurde geklärt, welche Daten benötigt werden, wie die Auswertung erfolgt und welche Kennzahlen entscheidend sind. Friederike Hansen von der Hansen Freiheit GbR hat im Rahmen ihrer Masterarbeit eine THG-Bilanz für ihren Betrieb erstellt. In ihrem Beitrag präsentierte sie diese Ergebnisse und stellte sie dem CO2-Fußabdruck von DLG-Spitzenbetrieben gegenüber. Dabei zeigt sie Zusammenhänge zwischen produktionstechnischen und wirtschaftlichen Kennzahlen und dem CO2-Ausstoß je Kilogramm Milch. Abschließend wurden betriebliche Stellschrauben und konkrete Maßnahmen zur Verbesserung der THG-Bilanz diskutiert, wobei der Fokus auf praxisnahen Ansätzen und dem Austausch von Erfahrungen lag.
Fazit
• Großes Interesse an der Veranstaltung bestätigt, dass auch in diesem Jahr die Themen wieder den Nerv der Praxis getroffen haben und immer wieder Impulse gesetzt werden.
• Steigende Volatilität und weiter unsichere Milchpreise beeinflussen weiter stark die Betriebszweigergebnisse.
• Management wird immer entscheidender. Betriebsindividuelle Entscheidungen können über den Erfolg entscheiden.
• Digitalisierung ist eine Hürde für viele Betriebe, aber auch eine große Chance bei richtiger Umsetzung.




