In der Kremper Marsch im Kreis Steinburg liegt der Hof Obendeich, auf dem Jana Bornholdt groß geworden ist. Nach langen Lehrjahren bei Harm Thormählen in Kollmar und einem prägenden Aufenthalt bei François Mathy in Belgien hat sie hier gemeinsam mit ihrem Mann Arne Bornholdt einen eigenen Zucht- und Ausbildungsstall aufgebaut.
Pferde spielten schon in Jana Bornholdts Kindheit eine große Rolle. „Meine Zwillingsschwester und ich bekamen zu unserem fünften Geburtstag einen Haflingerhengst geschenkt, Manu, noch ein Haflinger vom richtig alten Schlag, ein Mädchentraum“, erinnert sie sich. Aus dem einen Pony wurden mit der Zeit drei, und zweimal in der Woche kamen auch weitere Kinder aus dem Dorf zum Ponyreiten auf den Hof Obendeich. Dieser wurde damals nur noch als Resthof geführt.
„Meine Großeltern hatten noch einen landwirtschaftlichen Betrieb“, berichtet Bornholdt. Ihr Großvater, Ernst Engelbrecht-Greve (CDU), war viele Jahre Landwirtschaftsminister in Schleswig-Holstein und blieb seinem Hof parallel zur politischen Karriere treu. Doch mit zunehmendem Alter wurde klar, dass keins seiner Kinder den Betrieb weiterführen würde, und so wurde er Ende der 1970er Jahre eingestellt. Ihren Großvater lernten die Schwestern noch kennen, die Landwirtschaft nicht mehr. Das tat ihrer Liebe zu den Pferden keinen Abbruch.
Schnell wurden allerdings die unterschiedlichen Charaktere der Zwillingsschwestern auch im Sattel deutlich: Jana, die Springreiterin, und Kathrin, die Dressurreiterin. Beide waren ehrgeizig, und mit zwölf Jahren bekamen sie ihr erstes Großpferd, die Oldenburger Stute Wilma. Weil die Möglichkeiten auf dem heimischen Hof bald nicht mehr ausreichten, wechselten die Schwestern zum Reitstall Zimmer im nahe gelegenen Kollmar.
Als die Oldenburger Stute der Familie verletzungsbedingt aus dem Sport ausschied, war Jana etwa 15 Jahre alt. Ihr Vater schlug vor, bei Harm Thormählen vorbeizufahren. Die beiden kannten sich von früher. Thormählen hatte tatsächlich eine passende Stute in Kommission: eine achtjährige Lavall II-Tochter, bereits bis 1,40 m platziert. Die Familie kaufte sie, doch das Pferd erwies sich als schwierig, und man wandte sich erneut an Thormählen. „Für ihn war vor allem die Abstammung interessant, und er nahm die Stute in die Zucht“, erinnert sich Bornholdt.
Jung zu Harm Thormählen
Gleichzeitig fragte der berühmte Züchter, ob die damals 16-jährige Jana Lust hätte, bei ihm zu reiten. „So bin ich zu Harm gekommen“, lacht sie heute. Was als Reiten neben der Schule begann, wurde schnell mehr. „Dort kam ich zum ersten Mal wirklich mit der Pferdezucht in Berührung. Angefangen hat es mit den Geburten, aber sehr schnell interessierten mich auch die Abstammungen“, erzählt Bornholdt. Harm habe sein Wissen wie kaum ein anderer vermitteln können.
Sie verbrachte fortan jede freie Minute auf dem Hof, nach der Schule, in den Ferien, bei der Strohernte und beim Fohlenbrennen, und erhielt früh Thormälens Vertrauen, auch seine wertvollen Hengste zu reiten. Durch die vielen verschiedenen jungen Pferde habe sie erst so richtig reiten gelernt. Die Jungpferdeausbildung vom Anreiten bis zum ersten Parcours ist bis heute das, was ihr am meisten Spaß bringt. Trotzdem entschied sie sich gegen eine Ausbildung zur Pferdewirtin und arbeitete nach dem Abitur erst einmal zwei Jahre lang bei Thormählen.
Während dieser Zeit ging Bornholdt für einige Monate nach Belgien zu François Mathy, der dort einen der renommiertesten internationalen Turnier- und Handelsställe betreibt. So begegnete sie einem anderen Pferdetyp als dem, den sie aus Holstein kannte. „Die Pferde konnten wahnsinnig springen, aber die Rittigkeit und das Reitgefühl waren anders. In dieser Zeit habe ich erst richtig gemerkt, was für rittige und gut konstruierte Pferde wir in Holstein haben.“
Vor allem aber öffnete der Aufenthalt ihren Blick für den internationalen Springsport. „Ich habe gelernt, dass die Welt viel größer ist als Holstein und dass wir uns selbst nicht so wichtig nehmen dürfen“, erklärt sie. „Die anderen machen es ebenfalls ziemlich gut. Die Pferde waren vielleicht nicht immer die schönsten Typen, aber sie hatten viel Einstellung und eine sehr gute Technik.“
Auch sportlich war die Zeit in Belgien wertvoll. Bornholdt nahm Harm Thormählens Stute Cortina von Cardino-Calando I mit und startete mit ihr unter anderem bei der Sunshine Tour. Nach ihrer Rückkehr ritt sie erneut für Harm Thormählen, bevor sie eine Ausbildung zur Bankkauffrau machte und dann in die Immobilienbranche wechselte.
Einstieg in die Zucht
Nach der Hochzeit mit Arne Bornholdt und der Geburt ihrer heute neunjährigen Tochter Emelie begann sie, in Harm Thormählens Büro zu arbeiten und parallel die eigene Zucht aufzubauen. Die hatte mit dem Verkauf des von ihr ausgebildeten Wallachs Capriccio von Come-On aus der Kleinen Cera begonnen. Als Dankeschön für ihre Arbeit mit Capriccio schenkte Thormählen ihr die Hälfte an einem Acodetto-Stutfohlen.
Geplant war, dass Bornholdt die Stute aus dem Stamm 104A ausbilden und später verkaufen sollte. Doch nach einem Unfall im Jährlingsalter blieb Abba körperlich beeinträchtigt. Trotzdem zeigte sie beim Springen außergewöhnliche Qualitäten. „Sie hatte eine unglaubliche Einstellung, viel Mut und scheinbar grenzenloses Vermögen. Irgendwann konnte sie ihre Einschränkungen jedoch nicht mehr ausgleichen.“ Aus Sorge, dass die Stute nach einem Verkauf überfordert werden könnte, entschieden Jana und Arne Bornholdt sich für einen anderen Weg. „Arne hatte die Idee, auch die zweite Hälfte zu kaufen. Harm hat sie uns günstig überlassen, und mit dieser Stute haben wir angefangen zu züchten.“
Die Grundsätze ihrer Zucht beschreibt Jana Bornholdt mit wenigen Worten: „Klein und fein. Individuell und vor allem mit Zeit.“ Sie erklärt: „Ich habe jeden Zyklus meiner Stuten im Kopf. Für mich geht es nicht um die Masse, sondern um die individuelle Betreuung. Ich habe gelernt, meinem eigenen Gefühl zu vertrauen und nicht zu viel darauf zu hören, was andere sagen.“
Besonders viel Freude bereitet ihr die Auswahl der Hengste. „Andere junge Züchter können auf der elterlichen oder großelterlichen Zucht aufbauen. Wir haben bei null angefangen“, sagt sie. Bei ihren Anpaarungsentscheidungen geht sie weit über den Blick auf Abstammung, sportliche Erfolge oder aktuelle Modetrends hinaus. „Ich schaue mir die Stute zunächst sehr genau an und möchte sie vor allem vom Wesen her wirklich kennen. Anschließend versuche ich herauszufinden, wie der Hengst charakterlich ist. Natürlich beschäftige ich mich auch intensiv mit dem Körperbau, weil ich den für sehr wichtig halte.“
Dass sie immer wieder Fohlen verkauft, auch die guten, gehört zu ihrem Konzept. „Anders können wir diese Passion gar nicht finanzieren“, weiß sie. „Mir macht es am meisten Spaß, mich intensiv mit wenigen Pferden zu beschäftigen und ihnen die nötige Zeit zu geben.“ Heute hat Bornholdt jeweils etwa vier bis fünf Pferde in Arbeit, beispielsweise den von ihr gezogenen und als Fohlen an den irischen Olympiareiter Cian O‘Connor verkauften Wallach Haaland von Highway aus einer Casall-Mutter. Die Stute hat sie nicht mehr, aber das Fohlen ließ O‘Connor für die Aufzucht und Ausbildung bei ihr.
Heimat auf dem Familienhof
Dass ihre Zukunft einmal auf dem Hof Obendeich liegen würde, hatte die heute 40-Jährige lange Zeit nicht bewusst geplant. Der Resthof war nicht mehr landwirtschaftlich genutzt worden. „Wenn ich ganz tief in mich hineinhöre, war der Wunsch wahrscheinlich schon immer da. Ich konnte mir ein Leben hier vorstellen, hatte aber keinen klaren Plan, wie das einmal aussehen könnte.“
Konkreter wurde die Idee erst gemeinsam mit ihrem Ehemann, der selbst aus der Landwirtschaft stammt, jedoch als Ingenieur arbeitet, und neben Verständnis für ihre Leidenschaft auch viel praktisches Geschick mitbringt. Für Jana ist klar, dass ohne Arne die Zucht und der Stall zu Hause nicht entstanden wären. „Er hat hier jede Box und jeden Zaun gebaut. Ich mache alles am Pferd und er alles andere. Ich habe den allergrößten Respekt, dass er diesen täglichen Pferdewahnsinn so mit mir durchzieht. Das ist alles andere als selbstverständlich, wenn man selbst nicht aus dieser Welt stammt“, erzählt sie.
Inzwischen stehen etwa 25 Pferde bei ihnen, vom Absetzer bis zum Reitpferd. Bornholdt bietet einen Rundumservice an. Dabei sind ihr kleine Gruppen wichtig. Zusätzlich bewirtschaftet das Ehepaar etwa 30 der 86 ha und macht sowohl Heu als auch Stroh selbst. Arnes Vater Ernst Bornholdt ist dabei eine große Hilfe. Er kümmert sich zusammen mit Arne um die Bewirtschaftung der landwirtschaftlichen Flächen. „Wir haben also einen richtigen Familienbetrieb. Anders wäre es auch gar nicht möglich“, stellt Jana Bornholdt klar.
Ausgehend von der gemeinsam übernommenen Acodetto-Stute entwickelte sich die Zucht langsam weiter. Abba brachte schon einen Hengstanwärter: Cardoso von Comme il faut, der bei einem Unfall verstarb. Die heute ebenfalls in der Zucht eingesetzte Lotta II entstand aus einer Anpaarung mit Diarado. Sie und die zugekaufte Urenkelin der berühmten Fein Cera, Fairness von Chupamint-Contender (Stamm 3615), sind die Herzenspferde ihrer Besitzerin. Im nächsten und übernächsten Jahr sollen dann auch die Töchter der beiden in die Zucht gehen, denn Abba ist inzwischen in Rente.
Aus der Lotta haben Bornholdts eine einjährige Tochter des Epleaser van‘t Heike. Eine zweijährige Tochter der Fairness von Don VHP wird im nächsten Jahr zum ersten Mal gedeckt. Ein oder zwei Hengste hat Bornholdt dafür schon im Kopf. Ein bisschen Zeit bleibt noch, bis sie sich entscheiden muss. „Auf die Fohlen freue ich mich besonders. Es ist die dritte selbst gezogene Generation“, sagt sie mit Züchterstolz in der Stimme.
Jana und Arne Bornholdt gucken nun gespannt auf die Werdegänge ihrer vierbeinigen Nachzuchten. Die ältesten im Sport sind sechs Jahre alt. Andere werden folgen. Auch der zweibeinige Nachwuchs ist schon am Start. Neben Tochter Emelie, die jede freie Minute im Sattel eines ihrer beiden Ponys sitzt, gibt es noch den siebenjährigen Tom. Er verbringt seine Zeit am liebsten auf dem Trecker.



