Beim Weltcupfinale der Vierspännerfahrer in Leipzig haben die beiden deutschen Teilnehmer Michael Brauchle und Mareike Harm die Plätze sechs und sieben belegt. Der Sieg ging an den amtierenden Europameister Bram Chardon aus den Niederlanden.
Schon in der Einlaufprüfung zeigte sich Mareike Harm aus Negernbötel, Kreis Segeberg, gut in Form. Für sie standen am Ende des Tages 163,89 s im Protokoll, das bedeutete Platz sechs. Mit einer flotten Runde und lediglich einem Abwurf hatte sie eine sehr gute Leistung erbracht, doch im Laufe des Parcours ein bereits durchfahrenes Hindernis noch einmal überfahren. Das erhöhte ihr Strafsekundenkonto um weitere 8 s. So gesehen spiegelte ihr sechster Platz nicht die eigentliche Qualität ihrer Vorstellung wider.
Für die Finalprüfung gab der Auftritt auf jeden Fall Anlass zur Hoffnung. Denn in der über den Sieg im Weltcup entscheidenden Prüfung am Sonntagmittag fing jeder Teilnehmer wieder bei null an, die Karten wurden also ganz neu gemischt.
Leider blieb der ganz große Erfolg auch im Finale aus. „Es war trotzdem ein tolles Erlebnis, hier in der Halle bei diesem großartigen Publikum zu fahren, auch wenn ich am Ende des Tages nur den siebten Platz belegt habe“, zog Mareike Harm ein Fazit aus ihrer ersten Teilnahme an einem Weltcupfinale. Die Negernbötelerin, die 2021 mit der Mannschaft Vizeeuropameisterin geworden war, erklärte ihr Ergebnis: „Meine Pferde haben toll mitgemacht. Mir waren die Leinen etwas durch die Hand gerutscht, deshalb musste ich einen zusätzlichen Bogen fahren, das hat ein besseres Ergebnis verhindert.“ So kam sie in 173,56 s ins Ziel. Michael Brauchle aus Baden-Württemberg, der mit einer Wildcard in Leipzig an den Start gehen durfte und 2021 in Budapest gemeinsam mit Mareike Harm Silber gewonnen hatte, fuhr in 166,79 s auf Platz sechs.
Keine Kraft nötig
Die „Navigatoren“ im Fahrsport sind häufig weiblich, das ist kein neues Phänomen. Neu ist jedoch die Teilnahme einer Frau als Fahrerin an dieser inoffiziellen Hallenweltmeisterschaft. Die Schleswig-Holsteinerin Mareike Harm ist die erste Frau, die sich in dieser bislang rein männlichen Domäne einen Platz erobert hat.
Der Medienrummel im Vorfeld des Weltcupfinales in Leipzig war daher außergewöhnlich. Der „Bild” war es einen Artikel wert, dass Mareike Harm dort als erste Frau mitfuhr, und selbst das Mittagsmagazin von ARD und ZDF sendete einen Beitrag über die erfolgreiche Fahrerin. „Das wäre bei einem Finale in Bordeaux deutlich weniger gewesen“, vermutete die Holsteinerin.
Sieger Bram Chardon erwähnte ausdrücklich: „Es ist gut, dass Mareike unter Beweis stellt, wie gut auch Frauen diesen Sport ausführen können. Fahrsport ist kein Kraftsport, mit der richtigen Ausbildung und der richtigen Ausrüstung können Frauen das ebenso erfolgreich wie Männer ausüben.“
Harm selbst erklärte: „Ich versuche natürlich, meine Pferde möglichst zu sensibilisieren, um es etwas leichter zu haben. Und ich kann mir auch vorstellen, dass manche meiner männlichen Kollegen mehr Kraft aufwenden. Aber nein, extra Krafttraining mache ich nicht. Muss ich auch nicht, das Training mit meinen Pferden reicht.“ Die Herausforderung sei ohnehin nicht die körperliche Anstrengung, sondern eher die Aufgabe, aus vier verschiedenen Pferden, vier unterschiedlichen Individuen, ein Team zu formen.
Ein weibliches Team
Im Weltcupfinale fuhr die 36-Jährige, die in ihrem Pensionspferdebetrieb 15 Fahrpferde im Training hat, im Unterschied zu vielen ihrer Konkurrenten kein spezielles Indoorgespann, sondern die Pferde, die sie das ganze Jahr hindurch auf Turnieren einsetzt. Eine Stütze des Gespanns ist Quebec Sautreuil, genannt Sepp. Der braune Wallach ist schon seit zehn Jahren dabei, er kennt den Sport in- und auswendig. Neben ihm geht Luxusboy als Vorderpferd, der ursprünglich den Einspänner zog und früher kein großer Freund von Indoorveranstaltungen war. „Jetzt hat er aber unheimlich Spaß daran“, freut sich seine Fahrerin. Zatijn und Zazou komplettieren das Gespann als Stangenpferde, das sind die hinteren Pferde in einem Vierspänner. „Einen Viererzug zu fahren, besonders auch im Marathon, hat mir so recht keiner zugetraut. Deshalb bin ich heute ein bisschen stolz, dass ich das so durchgehalten habe“, so Mareike Harm.
Der Fahrsport ist ein Teamsport, nicht nur vor, sondern auch auf der Kutsche. Das Team um Mareike Harm ist rein weiblich, auch das ist etwas Besonderes unter den Vierspännerfahrern. Wie auch sonst im Gelände stand in Leipzig Linda Tödten hinter der Fahrerin. Sie ist sozusagen die Co-Pilotin auf der Kutsche, gibt Anweisungen für den richtigen Weg und beobachtet gleichzeitig die Pferde. Seit sechs Jahren ist sie Mitglied des Teams und kennt sich bestens aus.
Nicole Bielemeier ist für die korrekte Gewichtsverteilung und die Balance der Kutsche verantwortlich. „Das ist eigentlich ein reiner Männerjob, aber Nicole macht das fantastisch“, erklärte Harm. „Immer das Gewicht aufs innere Hinterrad und dann gut festhalten. Hat ein bisschen was von Motorradfahren. Auch wenn Nicole jetzt nicht so viel Gewicht mitbringt wie viele Männer: Wir sind damit im wahrsten Sinne des Wortes gut gefahren und ‚Never change a winning team‘.“ Nicole hat ihre Ausbildung bei Mareike Harm gemacht und gehört seither zum Betrieb.



