Sie sind der Hölle des Krieges entronnen, haben eine beschwerliche Flucht hinter sich, Angehörige und Freunde verloren oder zurücklassen müssen. Nun finden die Geflüchteten aus der Ukraine Aufnahme in Schleswig-Holstein. Die Hilfsbereitschaft in der Bevölkerung und das Engagement der Ämter sind riesig. Zwei Beispiele aus dem Dänischen Wohld im nördlichen Kreis Rendsburg-Eckernförde:
„Christos voskrese! Voistinu voskrese!“ ist in kyrillischen Buchstaben auf das weiße Altartuch gestickt – der Ostergruß „Christus ist auferstanden. Wahrhaftig auferstanden“, mit dem sich orthodoxe Christen am Ostermorgen begrüßen. Ein Geschenk ukrainischer Freunde aus besseren Tagen – und zur Friedensandacht in der Basisgemeinde in Wulfshagenerhütten in der Gemeinde Tüttendorf nahe Gettorf auch ein trotziges Statement gegen den allgegenwärtigen Tod in der Ukraine.
Altar in Blau und Gelb
Seit Anfang März treffen sich jeden Mittwochabend Mitglieder der Basisgemeinde Wulfshagenerhütten – einer kleinen ökumenischen Gemeinschaft – und der evangelisch-lutherischen St. Jürgen-Gemeinde Gettorf immer abwechselnd zur gemeinsamen Friedensandacht, dazu jeden Freitagmittag in der St. Jürgen-Kirche Gettorf. Der Altarraum ist dann in den Farben Blau und Gelb angestrahlt.
In den 1990er Jahren baute die Basisgemeinde ein landwirtschaftliches Projekt in der Westukraine auf. Das hat längst seinen Abschluss gefunden. Geblieben sind Freundschaften. Gekommen sind Flüchtlinge aus dem Umfeld dieser Freundschaften. Eine fünfköpfige ukrainische Familie lebt seit Anfang März in der Gemeinschaft der Basisgemeinde. Drei Tage waren sie unterwegs. Vollständig ist die Familie nicht. Der 63-jährige Mathematikprofessor Dr. Aleksandr Petrenko musste seine Ehefrau zurücklassen, die im Gesundheitswesen arbeitet und deshalb nicht aus dem Land darf. Er begleitet seine Tochter Marija Danyljuk (39), die wiederum ihren Ehemann zurücklassen musste, der an der Front ist. Marija ist mit ihrem drei Monate alten Baby und ihrer 17-jährigen Tochter Anna gekommen, die eigentlich in diesem Jahr ihren Schulabschluss machen wollte. Mit ihnen ist die 21-jährige Informatik-Studentin Sofija Petrenko, eine Cousine, geflüchtet.
Die Namen dieser Geflüchteten sind von der Redaktion geändert, mit der Presse sprechen wollen sie bei der Friedensandacht noch nicht. Das überlassen sie ihren Gastgebern. Sie sind traumatisiert, können noch nicht fassen, was passiert ist. Doch sie versuchen, ihr Leben wieder in die Hand zu nehmen. Sofija hat mit einem Onlinedeutschkurs begonnen und setzt inzwischen auch ihr Informatikstudium online an ihrer westukrainischen Hochschule fort. Dabei ist es schon passiert, dass eine Lehrveranstaltung jäh durch Bombenalarm unterbrochen wurde. Anna ist wieder online mit ihrer alten Schule verbunden und hofft, ihren Schulabschluss machen zu können.
Das Ehepaar Andrea Woog und Martin Klotz-Woog von der Basisgemeinde kümmert sich um die ukrainischen Flüchtlinge, die zwischen Schock und ersten Zukunftsplänen ihren Weg suchen, versucht ihnen ein bisschen Normalität zu geben. Die Sorge um die Angehörigen, die sie zurücklassen mussten, können sie ihnen nicht nehmen. Gemeinsames Singen und Beten helfen und die Solidarität derer die gekommen sind, die Anteil nehmen, die helfen wollen.
Inzwischen ist auch praktische Hilfe angelaufen für Ukrainer, die ihre Zuflucht in Polen gefunden haben. Erste Hilfsgüter sind bereits von Gettorf an die polnisch-ukrainische Grenze ins rund 1.000 km entfernte Teschen (Cieszyn) gebracht worden, an eine der Hauptflüchtlingsrouten. Vor Ort sind vor allem Hygieneartikel knapp. Warum gerade Teschen? Witold Chwastek, Pastor im Kirchenkreis Rendsburg-Eckernförde, kommt aus Polen. Er hat Verwandte und seine kirchliche Heimat in der Region Teschen. Evangelische Gemeinden in seiner alten Heimat engagieren sich in der Flüchtlingshilfe vor Ort und brauchen dringend diese Sachspenden. Pastor Chwastek sammelt im gesamten Kirchenkreis Rendsburg-Eckernförde.
Unterkunft Impfzentrum
Ein kleiner Hund ist einer der ersten, der das ehemalige Gettorfer Impfzentrum, das jetzt zur vorläufigen Heimat von bis zu 60 ukrainischen Kriegsflüchtlingen geworden ist, am späten Abend des 14. März betritt. Neugierig zieht er sein Frauchen hinter sich her. Er muss jetzt ganz dringend sein neues Revier erkunden. Mit seiner Unbeschwertheit zaubert er dem einen oder anderen ein erstes Lächeln auf das Gesicht. Eine Stunde später – inzwischen ohne Leine – wälzt er sich voller Freude auf dem Rücken.
Lächeln und Traurigkeit
Größer könnte der Kontrast zur seelischen Verfassung der Menschen nicht sein. Traurig und erschöpft sehen sie aus, und still sind sie, auch die Kinder. Ein kleines Mädchen schiebt ihren Puppenwagen in ihr neues Zuhause. Eine wunderschöne dreifarbige Katze will sich von ihrem Frauchen gar nicht beruhigen lassen. Ältere Männer und Frauen schleppen ihre wenige Habe in Papiertüten aus dem Bus zur Unterkunft, bevor sie von Helfern unterstützt werden. Auf der Flucht wurden ihnen die Koffer weggenommen. Zwei Frauen holen ihre Handys hervor und zeigen den Helfern Fotos von ihrer zerstörten Heimat. Fotos, die jeder jeden Tag im Fernsehen sehen kann, und doch ist es etwas anderes, wenn Menschen sie zeigen, die dieser Hölle gerade entronnen sind. Die Verständigung klappt mit Händen und Füßen und ein paar Brocken Englisch. Eine der Frauen erklärt den Helfern, dass sie in der Psychiatrie gearbeitet hat, und sagt: „Putin ist verrückt.“
Endlich ein Bett!
Die Neuankömmlinge melden sich an, bedienen sich am bereit gestellten Essen. Der selbstgebackene Kuchen und der Blumenschmuck in den ukrainischen Nationalfarben sind Gesten, die von den Geflüchteten wohlwollend registriert werden. Dann sind sie sehr schnell auf ihren Zimmern verschwunden. Endlich ein Bett!
Insgesamt 43 Kriegsflüchtlinge aus der Ukraine verbringen ihre erste Nacht im ehemaligen Impfzentrum, darunter Kinder vom Kleinkind bis zum Teenager sowie drei Hunde und zwei Katzen. Die Gettorfer Unterkunft ist eine der wenigen im Landkreis, die Flüchtlinge mit Haustieren aufnimmt. Die Familiengruppen, die jeweils zwei Schlafzimmer und einen kleinen gemeinsamen Aufenthaltsraum bewohnen werden, wurden bereits auf der Busfahrt von Rendsburg von Marina Holm zusammengestellt. Die russischsprachige Mitarbeiterin der Amtsverwaltung Dänischer Wohld hatte die Flüchtlinge bereits auf der Fahrt von Rendsburg begleitet. Das spart Zeit bei der Ankunft.
Am nächsten Morgen wird einmalig ein Frühstück angeliefert, denn die Neuankömmlinge konnten noch nicht selbst einkaufen. Anschließend werden Anträge ausgefüllt, ein erster Abschlag der Sozialleistungen ausgezahlt. Dankbar seien sie, versichern die Geflüchteten ungefragt, dass sie hier aufgenommen werden. Sie möchten schnell Deutsch lernen und arbeiten, aber, sobald es möglich ist, in ihre Heimat zurückkehren. Dann stehen die ersten Einkäufe auf dem Programm und ein Besuch der Kleiderkammer des Deutschen Roten Kreuzes (DRK) in Gettorf. Eine Woche später kommen weitere Flüchtlinge an. Ehrenamtliche vom DRK haben Soljanka gekocht, Kuchen gebacken und Schnittchen gemacht.
Ein bisschen Normalität
Dann zieht von Tag zu Tag ein bisschen mehr Normalität in die Unterkunft ein, soweit man in dieser Situation überhaupt von Normalität sprechen kann. Ein Arzt kommt in die Unterkunft, um eine Sprechstunde abzuhalten. Bis zu ihrer Ankunft haben die Menschen funktioniert. Jetzt sind die Kräfte aufgebraucht, und sie brauchen medizinische Hilfe. Die Arbeiterwohlfahrt (Awo) hat Fahrräder aus ihrer Werkstatt zur Unterkunft gebracht. Kinder lernen Fahrradfahren. Die Tafel startet zusätzliche Nahrungsspendenaktionen. Bürger bringen Lebensmittel vorbei. Die Hilfsbereitschaft in der Bevölkerung ist groß. Gerade in der ersten Zeit sind die Menschen auf diese zusätzliche Hilfe angewiesen, müssen sie sich doch nicht nur Lebensmittel kaufen, sondern zum Beispiel auch Strümpfe oder Unterwäsche.
Die Flüchtlinge erhalten Leistungen nach dem Asylbewerberleistungsgesetz, und das sieht nur Regelleistungen vor: 330 € pro erwachsene Person pro Monat in der Sammelunterkunft, kein zusätzliches Startgeld. Für Kinder und Jugendliche bis 18 Jahre sind es je nach Alter zwischen 249 und 326 € im Monat. „Das ist sehr wenig Geld“, weiß auch Tomas Bahr von der Amtsverwaltung.
Vorbereitung auf mehr
Die Mitarbeiter der Amtsverwaltung Dänischer Wohld arbeiten mit Hochdruck an der Schaffung weiterer Flüchtlingsunterkünfte. Jeder weiß hier, dass noch sehr, sehr viele Menschen kommen werden, eine echte Herausforderung auf dem ohnehin angespannten Wohnungsmarkt. Container sind knapp, weil die Nachfrage hoch ist. Für Umnutzungen etwa von leerstehenden Bürogebäuden sind die bürokratischen Hürden hoch. „Das dauert in der jetzigen Situation einfach zu lange“, so Amtsdirektor Matthias Meins. Angebote von Privatvermietern sind von daher hoch willkommen. Diese Angebote müssten jedoch auf Dauer tragfähig sein, so Tomas Bahr von der Amtsverwaltung. „Gesucht werden abgeschlossene Wohnungen für mindestens drei Monate, besser länger. Ferienwohnungen für zwei Wochen helfen nicht. Wir können die Menschen nicht herumschubsen.“
Parallel dazu laufen Vorbereitungen zur schulischen und beruflichen Integration. Deutschkurse müssen organisiert werden. Älteren Schülern, die kurz vor ihrem Abschluss stehen, soll ermöglicht werden, online ohne großen Zeitverlust ihren ukrainischen Schulabschluss zu machen. Die anderen Schüler sollen in die Schulen vor Ort integriert werden. Schulleiterin Marion Ehrich von der benachbarten Isarnwohldschule betont, dass die Offenheit für die zukünftigen Klassenkameraden bei ihren Schülern sehr groß sei. „Es gibt ganz viel Empathie.“




