Die Bauern in in der Sorge-Niederung wirtschaften seit jeher auf tendenziell feuchten Flächen und kommen damit zurecht. Wie sehen sie die umfangreiche Wiedervernässung von Moorflächen, die das Land und die Stiftung Naturschutz im Sinne des Klimaschutzes anstreben? Und verträgt sie sich mit dem Wiesenvogelschutz, für den sich die örtlichen Bauern engagieren? Ein Besuch in Meggerdorf im südwestlichen Kreis Schleswig-Flensburg.
Wenn man Landwirt Jan Koll zuhört, könnte man den Eindruck gewinnen, man spreche mit einem Naturschützer. Es geht ihm um das Wohlergehen von Wiesenvögeln, von Zwergschwänen. Er engagiert sich im Verein Kuno (siehe Kasten), nahm teil an einem vierjährigen Pilotprojekt des Deutschen Verbands für Landschaftspflege (DVL) zur Dokumentation von Weidewirtschaft. Da wundert es nicht, dass Koll Umsteller auf Bio im zweiten Jahr ist. Im Oktober 2021 hat er mit dem Melken aufgehört, hält 250 Mutterkühe plus Mast. 250 von insgesamt 315 ha bewirtschaftet er extensiv auf Flächen der Stiftung Naturschutz.
Ein typischer „Öko“ also? Das nun auch nicht! Extensive und intensive Bewirtschaften hätten beide ihre Berechtigung und ergänzten einander, ist seine Überzeugung – und das nicht nur aus wirtschaftlichen Gründen, sondern auch für den Naturschutz. Wiesenvögel etwa bräuchten relativ kurzrasige Flächen, wie sie bei sehr nassen Böden nicht zu halten seien, wie sie sie aber auf intensiv bewirtschafteten Betrieben finden.
„Das Problem ist die Verbinsung, sie verträgt sich nicht mit dem Wiesenvogel“, erklärt Koll. Am Rand der Sorge-Schleife bewirtschaftet er Pachtflächen der Stiftung extensiv. „Anfang Mai beginnt der Austrieb, zunächst mit wenigen Tieren, aber auch nicht zu spät, sonst kommen sie gegen den Aufwuchs nicht mehr an. Wenn es trockener wird, kann ich mehr Tiere zugeben. Ab dem 21. Juni ist dann Pflegeschnitt möglich – und sofort wieder Vieh drauf. Junge Binse wird von den Rindern gefressen, höhere nicht.“
Auszug aus dem Paradies
Als Beispiel führt Koll die Flurbereinigung ab den 1980er Jahren an. Damals habe die Stiftung Naturschutz viel Land in der alten Sorge-Schleife gekauft, und Prof. Bernd Heydemann, parteiloser Umweltminister von 1988 bis 1993, habe dafür gesorgt, dass im Kolzraker Moor im Zentrum der Schleife nur noch nach seinen Regeln sehr begrenzte Bewirtschaftung stattfand. „In den 1970 Jahren war das ein Hotspot für Wiesenvögel. Heute ist man froh, wenn dort ein paar Kiebitze Erfolg mit Brut und Aufzucht haben. Heydemann hat ein Paradies plattgemacht!“ Die Wiesenvögel, so Koll, seien jetzt nebenan im Meggerkoog, wo intensiv gewirtschaftet wird. Dort hätten sie noch die Chance auf eine spätere Brut, wenn die Erst- und Zweitbrut ausgeräubert würden.
Auch die Zwergschwäne lassen sich dort nieder zur Nahrungssuche – viele sind an diesem Nachmittag zu sehen. Als Nacht- und Schlafplätze hingegen suchen sie sich die Flachwasserzonen aus, „weil dort die Raubsäuger nicht hinkommen“. Probleme mit den Großvögeln hat er, der auch ein paar Hektar intensiv bewirtschaftet, nicht. „Das ist nicht wie mit der Nonnengans an der Westküste, mit den Schwänen kommen wir klar.“
„Wie ein Loch“
Wasserwirtschaft in den Niederungen sei ein diffiziles, komplizertes Gebiet, so Koll, und nur mit einer funktionierenden Wasserwirtschaft funktioniere auch der Vogelschutz. Es gebe bisher eine informelle Vereinbarung, dass die Stiftung Naturschutz im Meggerkoog keine Flächen zur Renaturierung kaufe, doch ob das so bleibe, wenn Moorvernässung aus Klimaschutzgründen großflächig verfolgt werde? „Etwa die Hälfte der Flächen im Meggerkoog gehört Nichtlandwirten, vielleicht verkaufen sie, wenn ihnen das Angebot zusagt.“ Aber das habe Auswirkungen auch auf die Nachbarflächen dort, bei Vernässung würden die in Mitleidenschaft gezogen werden. „Dämme können das nicht verhindern“, ist Koll überzeugt, denn der Meggerkoog sei „wie ein Loch“. Er glaubt nicht, dass es keine Nachteile für Nachbarflächen geben werde.
Der Meggerkoog liegt 3 m unter NN, war ein See, durch den ursprünglich die Sorge floss, bevor die Holländer ihn vor 400 Jahren begannen trockenzulegen, was nach und nach immer bessere Bewirtschaftung ermöglichte, vor allem durch die Eiderabdämmung Nordfeld in den 1930er Jahren. „In den Nachkriegsjahren konnten die Meggerdorfer im Winter mit Schlittschuhen zum Konfirmandenunterricht nach Bergenhusen fahren. Erst mit dem Eidersperrwerk in den 1970er Jahren kam keine Sturmflut mehr bis hierher!“
Anstatt hier und da den Wasserspiegel anzuheben, plädiert Koll dafür, den Wasserstand über den gesamten Koog maßvoll und behutsam zu regeln, anstatt ihn hier und da höherzulegen. „Von solchen Maßnahmen ist der ganze Niederungsbereich betroffen.“ Fehlentscheidungen, wie er sie in der Heydemann-Zeit sieht, seien unbedingt zu vermeiden, denn „danach kann man da gar nichts mehr machen“.
„Wir sind schon vernässt!“
Ralf Clasen und sein 25-jähriger Sohn Magnus sehen das ähnlich, auch wenn sie anders als Koll mehr Flächen intensiv als extensiv bewirtschaften, rund 185 ha in eben diesem Meggerkoog. „Um 2020 wollten wir mit dem Melken aufhören, hatten etwa 300 Rinder“, sagt Vater Ralf. Als Magnus von einem Auslandsaufenthalt zurückkam, hatte er sich entschieden, den Hof zu übernehmen. Sie schafften zwei Melkroboter an und melkten weiter, heute melken sie 120 Kühe, halten mit Aufzucht und Mast 420 bis 430 Tiere.
Auch Clasens sind nicht grundsätzlich gegen neue Moorvernässungen, „für manche Gebiete ist es sinnvoll“. Doch andererseits sei der Meggerkoog im Grunde schon vernässt: „Wir haben im Schnitt schon zehn bis 20 Zentimeter unter Flur – und können wirtschaften, es funktioniert!“ In trockenen Sommern habe das sogar Vorteile, und düngen müsse man im Meggerkoog auch weniger. Und ob bei dieser Bewirtschaftung mehr CO2 aus dem Boden entweiche als auf vergleichbaren extensiven Flächen, sei gar nicht hinreichend untersucht. Auch ob sich das Kolzraker Moor in der Sorge-Schleife nicht genauso stark oder gar mehr setze – ein Indiz für CO2-Ausstoß – ist für die Clasens zweifelhaft. Auch bei ihnen also das starke Plädoyer für Behutsamkeit und Augenmaß!
Denken in Generationen
„Wie es weitergeht, muss die nächste Generation entscheiden“, sagt Ralf Clasen. Und Magnus wäre bereit, weiterzuinvestieren, nach Abschluss der Schule in ein paar Jahren neue Außenställe zu bauen. Doch dafür braucht er Planungssicherheit, und da stellen sich ähnliche Fragen wie bei Kollege Koll: Wie sind in Zukunft die Rahmenbedingungen für die Landwirtschaft in den Niederungen? Politische Entscheidungen könnten sich mit jeder Regierung – und jedem Wahlkampf – ändern. Pachten laufen aus und werden unter neuen Bedingungen vielleicht nicht verlängert. „Wir denken in Generationen, nicht in Legislaturperioden“, betont Vater Ralf.
Im Land verwurzelt
Magnus Clasen ist in der sechsten Generation auf dem Hof. Gegründet wurde der um 1860 von seinem Ahnen Åke Persson, einem Schweden. Bis er 30 ist, will sich Magnus entscheiden, ob er weiterinvestiert, reduziert oder abwickelt. „Es geht alles, aber ich muss es wissen“, sagt er. „Wir können auch jederzeit aus der Landwirtschaft raus. Die bisherigen Investitionen sind überschaubar, und Technik kann man mitnehmen.“ In Paludikultur sieht er jedenfalls keine Alternative: Abgabe von Flächen zur Wiedervernässung wäre für ihn Teil einer Abwicklung.
Doch lässt er keinen Zweifel daran, dass er am liebsten an diesem Standort bleiben und Landwirtschaft betreiben würde. „Das ist ein Heimatgefühl. Die Landwirtschaft hat gerade hier ihre Bedeutung, auch wenn es kein Gunststandort ist. Hier wurde so viel Herzblut hineingesteckt!“
Flächenkonkurrenz
Jochen Thiemann kann da im Grunde nur ins gleiche Horn stoßen. „Wir sitzen viel zusammen in der Eider-Treene-Sorge-Region und sprechen“, sagt er. Er hält 250 Kühe und bewirtschaftet 115 ha Grünland, dazu 70 ha, die er mit einem Nachbarn getauscht hat, der aus der Milchwirtschaft ausgestiegen ist und die Tauschflächen nun ins Vernässungsprogramm eingeben konnte – „eine Win-win-Situation“, so Thiemann.
Einen weiteren Aspekt gibt er zu bedenken: „Wenn schlechte Flächen vernässt werden, werden die guten Flächen knapper und treten stärker in Konkurrenz.“ Er versuche jetzt, Flächen in höheren Lagen auf der anderen Seite des Dorfes zu bekommen.
Auch von ihm kommt der Appell, nicht im großen Stil Veränderungen vom Zaun zu brechen: „Es geht alles so schnell!“




