Wie geht es weiter in Sachen Biogas? Diese Frage beschäftigt die Akteure aus Praxis und Wissenschaft. Neue Lösungen und innovative Technologien standen im Mittelpunkt des 16. Biogas-Innovationskongresses, der am 24. und 25. Mai in Osnabrück stattfand. In Vorträgen und in einer Podiumsdiskussion wurden Schwerpunkte gesetzt: Was passiert in der Branche, was sind die Trends, wo setzen die Akteure Akzente in Innovationsprozessen?
Der politische Streit um die Frage, wie Häuser künftig mit Wärme versorgt werden können, bietet neue Chancen für die Betreiber von Biogasanlagen. Jetzt wurden Details aus einem Gesetzentwurf bekannt, der als entscheidender Baustein für die Umsetzung der Wärmewende gilt. Darin verpflichtet der Bund die Länder, verbindliche und systematische Pläne zur Wärmeversorgung aufzustellen. In Niedersachsen wurde bereits ein eigenes Gesetz dazu verabschiedet.
Kataster für Kommunen
Auf Bundesebene geht es um das „Gesetz für die Wärmeplanung und zur Dekarbonisierung der Wärmenetze“, dessen Entwurf sich derzeit in der Ressortabstimmung befindet. Demnach sollen die Kommunen zunächst eine Art Kataster erstellen. Hier werden für jedes Gebäude Daten unter anderem zum Endenergieverbrauch hinterlegt sowie zu Art, Größe und Alter der Heizungsanlage sowie zum Baujahr und zur Nutzung des Hauses. In einem zweiten Schritt sollen die Kataster die Potenziale zur Erzeugung erfassen und auf Basis dieser Daten dann Pläne und Maßnahmen entwickeln, welche Gebiete sich für welche Art der Wärmeversorgung eignen.
Im Gesetzentwurf heißt es weiter, dass Betreiber bestehender Netze verpflichtet werden sollen, diese bis 2030 mindestens zur Hälfte mit Wärme zu speisen, die aus Erneuerbaren Energien stammt. Für neue Wärmenetze wird – wie im geplanten Gebäudeenergiegesetz – ein Anteil von 65 % verlangt. Bis 2045 soll der Anteil jeweils auf 100 % steigen. Derzeit werden etwa 8 % aller Haushalte mit Nah- und Fernwärme versorgt, davon noch ein Großteil aus fossilen Quellen wie Kohle und Gas.
Wärmenetze auf Basis Erneuerbarer dürften künftig an Bedeutung gewinnen. Darin liegt die Chance für Biogas. Wie sich das umsetzen ließe, zeigten mehrere Beiträge auf dem Innovationskongress in Osnabrück: Die Hochschule (HS) Osnabrück präsentierte die „Regionale Strategieentwicklung für Biogasanlagen am Beispiel eines Landkreises“, die Uni Kiel berichtete in diesem Zusammenhang über wirtschaftliche Rohgasbündelung. Die Fachhochschule Münster stellte eine kommunale Wärmeleitplanung vor. Und der Versorger EWE zeigte, wie Biogas in Strom- und Gasnetze kommt.
Anica Mertins und Mathias Heiker von der HS Osnabrück zeigten, wie Landkreise und Kommunen eine Grundlage für die Unterstützung der Biogasanlagenbetreibenden im Post-EEG-Betrieb erhalten können. Hierfür werden zunächst detaillierte Informationen zum Bestand, wie die Substratnutzung und Biogasverwertung, Anlagenzahl und -klasse sowie die Standorte und das zeitliche Auslaufen aus der Förderphase des EEG aufbereitet. Auf dieser Datenbasis werden mögliche Optionen für den Anlagenbestand nach Auslaufen der EEG-Förderung aufgezeigt. Dabei wird insbesondere das Substratpotenzial mit besonderem Fokus auf Rest- und Abfallstoffen ausgewertet mit dem Ziel, die bestehenden Anlagen auf diesen Substratinput umzustellen. Der Status quo und die möglichen Entwicklungspfade beziehen sich zwar exemplarisch auf den Landkreis Osnabrück, die Methode lässt sich jedoch auf andere Regionen in Deutschland übertragen.
Daniel Schröer von der Christian-Albrechts-Universität Kiel konnte zeigen, wie sich mit einer Modellierung und der Zusammenfassung der Biogasanlagen in Schleswig-Holstein zu Clustern der wirtschaftliche Ertrag optimieren lässt. Im Durchschnitt lassen sich zwölf Biogasanlagen bündeln und über eine gemeinsame Rohgasleitung an eine Biogasaufbereitungsanlage anschließen, die das aufbereitete Biomethan anschließend in das Erdgasnetz einspeist.
Auch in Niedersachsen bestehe großes Interesse daran, Biogasanlagen zu Clustern zusammenzufassen und auf die Biomethanaufbereitung und -einspeisung umzustellen, führte Uwe Langer von der EWE Netz GmbH aus. Im Gebiet des Energieversorgers, das den Nordwesten Niedersachsens, Teile Brandenburgs und Rügen umfasst, sind derzeit 22 Biomethanaufbereitungsanlagen in Betrieb. Für 25 weitere Anlagen seien bereits die Verträge unterzeichnet, so Langer. Bei der Biogasaufbereitung hat derzeit der Osten die Nase vorn, wie Peter Kornatz vom DBFZ ausführte. So sind die meisten Biogas-Aufbereitungsanlagen in Sachsen-Anhalt zu finden.
„Anlagen vom EEG lösen“
Neu im Programm des Innovationskongresses war in diesem Jahr das sogenannte Forum zur Weiterentwicklungsperspektive von Biogas. Dirk Huster-Klatte, Betreiber einer Biogasanlage im Landkreis Cloppenburg, schilderte in Osnabrück seine Sicht auf das Thema Biogas: „Wir müssen agieren statt reagieren. Die Anlagen müssen sich vom EEG lösen.“ Seine eigene Anlage begann im Jahre 2011 mit einer installierten Leistung von 500 kW. 2017/18 wurde die Anlage auf 1,45 MW flexibilisiert. Wichtig ist dem Betreiber eine hohe Flexibilität beim Substrat-Input. So wird neben einem Teil Mais vor allem der Mist von Puten, Rindern und Pferden vergoren. Huster-Klatte kann sich vorstellen, in Zukunft die Wärmeversorgung des Ortes zu erweitern oder die Anlage auf die Produktion von Bio-LNG umzustellen.
Biogas beziehungsweise Biomethan wird künftig auch eine Rolle bei der stofflichen Versorgung der Industrie spielen. Darauf wies Prof. Michael Nelles in seinem Eingangsstatement hin. Nelles ist Inhaber des Lehrstuhles für Abfall- und Stoffstromwirtschaft der Agrar- und Umweltwissenschaftlichen Fakultät der Universität Rostock und Mitglied des wissenschaftlichen Kongress-Beirates. Die „klassischen“ Biogasanlagen müssten sich zu Bioraffinerien weiterentwickeln. Nelles sieht die Rolle der Bioenergie insbesondere beim Schließen der Lücke, wenn die anderen Erneuerbaren Energien die Versorgungssicherheit nicht allein gewährleisten können.
Bei der Stromerzeugung müssten die Biogasanlagen nun verstärkt und schneller ihre Rolle als hochflexible Spitzenlastkraftwerke einnehmen, um einen Beitrag zur Stabilisierung des Stromnetzes zu leisten. Durch den flexiblen Betrieb des vorhandenen Biogasanlagenparks ließen sich 22 % der gasbetriebenen Spitzenlastkraftwerke ersetzen. Dieser Anteil ließe sich nach Einschätzung des Deutschen Biomasse-Forschungszentrums (DBFZ) mit geeigneten Fördermaßnahmen auf 46 % steigern, was ein wesentlicher Beitrag zur Versorgungssicherheit wäre.
Bestand zurückgegangen
Zwar hat sich die Lage auf dem Gasmarkt wieder entspannt. Erdgas ist auf alternativem Wege verfügbar und die Preisentwicklung für Strom und Gas hat darauf reagiert. Mit knapp unter 9.000 Anlagen sei der deutsche Biogasanlagenbestand auch aufgrund des Endes der EEG-Vergütung zurückgegangen, skizzierte Dr. Peter Kornatz vom Deutschen Biomasseforschungszentrum (DBFZ) die aktuelle Situation im Biogassektor.
Als wichtiger Bestandteil der deutschen Landwirtschaft kann Biogas in Zukunft seiner Einschätzung zufolge vielfältige Umweltsystemleistungen übernehmen. Dabei werde es darauf ankommen, wie die nationale Biomassestrategie ausgearbeitet wird und wie die Begleitung der rechtlichen Vorgaben ausfällt. Als sicher gilt, dass die Anbaubiomasse bei der Substratzusammensetzung an Bedeutung verlieren wird und der Schwenk hin zu Abfall- und Reststoffen sich fortsetzen dürfte. Kornatz wies jedoch darauf hin, dass Anbaubiomasse unscharf definiert sei – was gelte etwa für Stroh und Rübenblatt? Eine Verengung der landwirtschaftlichen Fruchtfolgen auf die ausschließliche Produktion von Ernährung und Futter könne auch nachteilige Folgen für die Biodiversität haben.
Biogas-Innovationspreise
sehen. Foto: Thomas Gaul
Auch in diesem Jahr wurden auf dem Kongress in Osnabrück die Biogas-Innovationspreise verliehen. Die herausragendsten Innovationen aus Wissenschaft und Wirtschaft werden mit dem Biogas-Innovationspreis der Deutschen Landwirtschaft ausgezeichnet. In der Kategorie Wirtschaft gewann die Firma Emission Partner aus Hannover. Sie entwickelte einen Formaldehyd-Schnelltester 2.0. Damit kann der Formaldehydwert im Abgas von BHKW-Motoren mittels Durchflussmessung genauer und schneller bestimmt werden, als dies bisher der Fall war. Das Gerät empfiehlt sich vor allem für BHKW-Servicedienstleiser vor der anstehenden Emissionsmessung, aber auch für Betreibergemeinschaften und Arbeitskreise. In der Kategorie Wissenschaft wurden die Innovationspreise in diesem Jahr dreifach vergeben. Anica Mertins und Mathias Heiker von der Hochschule Osnabrück erhielten den Preis für die regionale Strategieentwicklung für Biogasanlagen. Dr. Nils Engler vom DBFZ erhielt den Preis für ein Konzept zur kontinuierlichen Messung von Emissionen an Biogasanlagen in der Praxis. Ausgezeichnet wurde auch Elena Holl von der Universität Hohenheim. Hier wurde eine Prozesskette entwickelt, wie sich Bio-LNG ressourceneffizient erzeugen lässt. Mit dem alternativen Kraftstoff könnten künftig Landmaschinen angetrieben werden.




