Die Gewinn- und Verlustrechnung eines Betriebes stellt die Aufwendungen und Erträge eines Betriebes gegenüber. Durch eine Verbesserung des Verhältnisses von Ausgaben zu Einnahmen verbessert sich der unternehmerische Erfolg des Unternehmens. Eine Konzentration auf die reine Reduktion der Kostenseite darf aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass aus dieser Gegenüberstellung nicht hervorgeht, welcher Gewinn dem Unternehmen vielleicht entgangen ist. Welchen Liter Milch habe ich nicht gemolken, oder welches Kalb habe ich nicht verkauft? Dies ist nicht nur eine theoretische Frage.
Lahme Kühe sind in der Milchviehhaltung eines der bedeutendsten Tierwohlprobleme und stellen gleichzeitig einen häufig unterschätzten betriebswirtschaftlichen Schaden für den Betrieb dar. Wie viele Kühe im Durchschnitt der Betriebe lahm sind, konnte 2020 im Rahmen der bundesweit durchgeführten PraeRi-Studie repräsentativ erhoben werden. In der Region Norddeutschland waren durchschnittlich 22,8 % der Kühe mittel- bis hochgradig lahm. Die Werte für die Region Ost lagen mit 39,4 % deutlich darüber, während in der Region Süd 22,7 % der Kühe eindeutig lahm waren.
Gleichzeitig gab es große Abweichungen zwischen der Selbstwahrnehmung von Milchhaltern in Bezug auf den Anteil lahmer Kühe in der eigenen Herde und den tatsächlichen gemessenen Werten. Während sich in der Region Nord die Hälfte der Tierhalter weniger als 42 % der lahmen Kühe in ihrer Herde bewusst waren, überschätzten einige Tierhalter den Anteil um das Drei- bis Fünffache.
Wie groß ist der ökonomische Verlust?
Die Auswertung des Rinder-Reportes Schleswig-Holstein liefert die Ausgaben der schleswig-holsteinischen Milchviehbetriebe für Tierarzt, Medikamente und Klauenpflege unabhängig davon, ob die Ausgaben für Behandlungen oder Prophylaxemaßnahmen aufgewendet wurden. Auffällig ist, dass die Ausgaben über alle Auswertungen bei unterschiedlichen Milchleistungs- und Größenklassen der Betriebe relativ ähnlich sind und im Durchschnitt der Betriebe bei 1,66 ct/kg ECM liegen. Betrachtet man die Einzelergebnisse der Betriebe, liegt die Spannweite der Betriebe zwischen 0,53 und 3,45 ct/ kg ECM beziehungsweise 52,81 bis 304,80 €/Kuh (Abbildung 1).
Wie groß der betriebswirtschaftliche Schaden einer mangelhaften Klauengesundheit ist, hängt von dem Anteil lahmer Kühe ab und muss einzelbetrieblich betrachtet werden. In Abbildung 2 sind drei mögliche Szenarien gegenübergestellt, die verdeutlichen, wie hoch der betriebswirtschaftliche Schaden einer durchschnittlichen Milchviehherde in Schleswig-Holstein etwa aussehen würde und welches Potenzial eine Reduktion der Lahmheiten auf ein geringeres Niveau zur Folge hätte.
Für eine Verbesserung der Klauengesundheit muss in betriebsindividuelle Verbesserungsmaßnahmen investiert werden, sodass die in der Abbildung gezeigten Einsparpotenziale von 141 beziehungsweise 217 € pro Kuh und Jahr nicht direkt zu generieren sind. Jede Investition, die zu einer Reduktion von Lahmheiten auf dem Betrieb führt, lohnt sich aber in jedem Fall, da bei einem gleichbleibenden Anteil lahmer Kühe der Kosten in Form von entgangenem Gewinn ohnehin entstehen würden.
Abgangsgrund Klauen
Tiere, die den Betrieb aufgrund von Erkrankungen an den Klauen- und Gliedmaßen verlassen, machen in Schleswig-Holstein rund 11 % der Abgänge aus (Jahresbericht LKV SH, 2022). Dabei ist nicht zu unterscheiden, ob es sich dabei um eine bewusste Selektionsentscheidung zur Verbesserung der gesamtbetrieblichen Situation handelt oder um einen Zwangsabgang aufgrund schlechter Heilungsaussichten.
Die konsequente Selektion von Kühen mit unzureichender Klauengesundheit unter der Einbeziehung züchterischer Einzeltierinformationen kann zur langfristigen Reduktion von Lahmheiten im Betrieb beitragen, wenn auch die produktionstechnischen Voraussetzungen dafür gegeben sind oder bei Bedarf parallel angepasst werden. In diesem Falle wäre ein erhöhter Anteil der Abgänge aufgrund von Klauenerkrankungen zeitweise zu tolerieren.
Was bei der Betrachtung der Abgangsgründe ebenfalls nicht ausreichend beantwortet werden kann, ist die Frage, wie vielen der Abgänge aufgrund von Fruchtbarkeits- und Stoffwechselerkrankungen ursächlich eine Lahmheit zugrunde liegt. Häufen sich die Zwangsabgänge im ersten Drittel der Laktation aufgrund von Stoffwechselproblemen, sollten nicht nur das Frischabkalbemanagement und die Fütterung hinterfragt werden, sondern auch, ob die vorgelegte Ration für alle Kühe auch erreichbar ist, weil die Tiere gerne laufen mögen.
Betriebe mit automatischem Melksystem sind in besonderer Weise auf eine gut laufende Herde angewiesen, eine unzureichende Klauengesundheit spiegelt sich sehr schnell in den Besuchszahlen am Roboter und der Anzahl nachzutreibender Kühe wieder. Diese verursachen direkten Arbeitsaufwand durch vermehrtes Nachtreiben und machen den Landwirt direkt auf das Problem aufmerksam.
Besonders Abgänge in der Frühlaktation und Färsenabgänge sind wirtschaftlich von besonderer Bedeutung, da sie den größten Verlust darstellen. Bei den Färsen lohnt sich in jedem Fall der Blick auf die Klauengesundheit, denn lahmfreie Färsen sind in der Lage, ihr volles Leistungspotenzial auszuschöpfen und gesund in die erste Laktation zu starten, weil sie sich gut im Stall bewegen und alle Ressourcen gut erreichen können, sowie potenzielle Auseinandersetzungen mit Altkühen gut bewältigen können. Eine Klauenpflege der Färsen vor der ersten Abkalbung ist daher die günstigere Alternative, als Abgänge in der ersten Laktation zu riskieren.
Wo bleibt das Geld liegen?
Lahmheiten und damit Einschränkungen der Mobilität der Kühe führen zwangsläufig zu einer Verhaltensänderung der Kühe. Um Schmerzen zu vermeiden, reduzieren die Tiere ihre Bewegung im Stall auf ein Minimum. Dabei werden Prioritäten gesetzt, um unnötige Wegstrecken zu vermeiden oder Rangkämpfen aus dem Weg zu gehen. Dies betrifft die Funktionsbereiche Liegen und Fressen gleichermaßen, aber auch bei längeren Strecken zur Wasserversorgung zum Beispiel auf der Weide führt dieses Verhalten zu einer Reduktion der Futter- und auch Wasseraufnahme. Für die Kuh bedeutet dies Stress, der nicht auf den ersten Blick erkennbar ist, aber zu einer dauerhaft erhöhten Alarmbereitschaft der Kuh führt, da sie in ihren Flucht- und Bewegungsmöglichkeiten eingeschränkt ist.
Ist die Lahmheit so schwerwiegend, dass daraus Probleme beim Aufstehen oder Abliegen der Kühe entstehen, verringern sich die Liege- und Wiederkauzeiten, was durch längere Standzeiten zu einer weiteren Belastung der ohnehin schon schmerzhaften Gliedmaßen führt. Ein Rückgang der Milchleistung und der Verlust von Körperkondition sind die ersten direkten Folgen. Der Rückgang der Milchleistung ist damit auch der erste messbare ökonomische Einfluss.
Bestehen die Probleme über einen längeren Zeitraum, ist ein Einfluss auf die Fruchtbarkeit unvermeidbar. Ein vermindertes Brunstverhalten und eine damit schlechtere Bestimmung des optimalen Besamungszeitpunktes führen zu einer Verschlechterung des Besamungserfolges. Fruchtbarkeitsprobleme treten auf und werden der Kuh angelastet, beruhen aber auf einem schlechten Management der Klauengesundheit.
Im schlimmsten Fall führt dies in Summe zu einem vorzeitigen Abgang der Kuh. Die daraus resultierende Verkürzung der Nutzungsdauer und vermehrte Remontierungsrate nehmen ebenfalls Einfluss auf das betriebswirtschaftliche Ergebnis. Da lahme Tiere nicht als transportfähig gelten, kommt es in schweren Fällen zum Totalausfall, und der entgangene Schlachterlös stellt einen weiteren betriebswirtschaftlichen Schaden dar.
Zusätzlich zu dem entgangenen Nutzen entstehen durch die Lahmheit Kosten für vermehrten Klauenpflegeaufwand oder in schwerwiegenderen Fällen durch den Tierarzt, durch Medikamenteneinsatz und Wartezeiten. Hinzu kommt dann noch der vermehrte Arbeitsaufwand, der nicht nur durch die ungeplant notwendige Behandlung von Tieren entsteht.
Fazit
Lahme Kühe sind ein Tierwohlproblem in der Milchviehhaltung, welches sich über ein Scoring-System gut reproduzierbar messen lässt. Die Reduzierung von Lahmheiten ist häufig ein nicht erkanntes Potenzial, da der entgangene Gewinn nicht direkt sichtbar ist. Dabei fällt der betriebswirtschaftliche Schaden in Abhängigkeit der einzelbetrieblichen Situation sehr unterschiedlich aus. Um Betriebsblindheit im eigenen Betrieb zu vermeiden, ist eine regelmäßige Beurteilung der eigenen Klauengesundheit und des Laufverhaltens der Kühe unumgänglich. Eine betrieblich angepasste Klauenpflege bereits bei den Färsen ist auch betriebswirtschaftlich eine sinnvolle Investition in Tierwohl und Ökonomie.




