Am Dienstag tagten die EU-Agrarministerinnen und -minister in Brüssel das erste Mal unter spanischer Ratspräsidentschaft. Spanien hat das Arbeitsprogramm seiner bis Ende des Jahres dauernden Ratspräsidentschaft präsentiert. Die Schwerpunkte liegen auf dem Verordnungsvorschlag zur nachhaltigen Anwendung von Pflanzenschutzmitteln (SUR) sowie auf der für möglich gehaltenen Einigung auf ein Handelsabkommen der EU mit den Mercosur-Staaten. Ein weiteres brisantes Thema ist der Vorschlag der Kommission zu den neuartigen Züchtungstechniken (NBT).
Die Diskussion um die mit der Reform der Gemeinsamen Agrarpolitik (GAP) eingeführten Vorgaben zur Fruchtfolge und Stilllegung hat wieder Fahrt aufgenommen. Rumänien drängte beim Agrarrat mit Unterstützung Polens und Ungarns die EU-Kommission dazu, die Landwirte auch im kommenden Jahr davon zu befreien. Die beiden Vorschriften im Rahmen der Konditionalität waren 2023 ausgesetzt worden. Die rumänische Delegation begründete die Forderung mit den geringen Niederschlägen sowie den hohen Preisen für landwirtschaftliche Vorleistungsgüter. Ein weiteres Problem seien die großen Importmengen aus der Ukraine, die zu Dumpingpreisen für wichtige Agrarprodukte führten. Den Landwirten drohe eine „Insolvenzwelle“, sollte die Kommission nicht zeitnah innovative Hilfen auf den Weg bringen.
EU-Agrarreserve reicht nicht
Laut der rumänischen Delegation seien die bisher geleisteten Hilfen aus der EU-Agrarreserve zwar wichtig, ihr Umfang allerdings viel zu niedrig gewesen. Zudem wurde betont, dass die Marktungleichgewichte durch den Ukraine-Krieg und nicht durch die Landwirtschaft selbst verursacht worden seien. Agrarkommissar Janusz Wojciechowski erkannte an, dass Witterungsprobleme wie Trockenheit zuletzt in der EU deutlich zugenommen hätten. Allerdings sei es gegenwärtig noch zu früh, die Auswirkungen auf die Ernte final abzuschätzen. Eine erneute Aussetzung der Standards 7 und 8 zum guten landwirtschaftlichen und ökologischen Zustand (Glöz) sei jedoch nur durch eine Änderung des Basisrechtsakts der GAP möglich. Dies bedeute, dass ein vollständiges Gesetzgebungsverfahren notwendig wäre. Ob seine Behörde einen entsprechenden Vorschlag unterbreiten werde, ließ der Pole offen.
Als einer von wenigen Ressortchefs stellte Bundeslandwirtschaftsminister Cem Özdemir (Grüne) klar, dass er eine erneute Aussetzung der Regeln zur Stilllegung und zum Fruchtwechsel ablehne. „Schließlich wurden Glöz 7 und 8 geschaffen, um etwa durch mehr Humusaufbau die Resilienz der Böden vor Trockenheit zu verbessern.“ Vielmehr seien nun ambitionierte Maßnahmen zum Schutz der Umwelt die richtige Antwort, erklärte der Grünen-Politiker. Zustimmung erhielt Özdemir von seinem französischen Amtskollegen Marc Fesneau. Gleichzeitig müsse man aber anerkennen, dass es durch die Witterungsprobleme und die Auswirkungen des Ukraine-Krieges Probleme mit der Ernährungssicherheit gebe, sagte der Pariser Agrarressortchef.
Glöz 7 und 8 in der Kritik
Die übrigen EU-Landwirtschaftsminister, die sich zu Wort meldeten, unterstützten mehrheitlich die Linie Rumäniens. So stellten sich unter anderem Bulgarien, Griechenland, Italien, Kroatien, Schweden, die Slowakei und Slowenien hinter die Forderung nach einer Aussetzung. Viele der Länder drängten Brüssel außerdem dazu, weitere Hilfsprogramme für die Landwirtschaft auf den Weg zu bringen. Bulgarien forderte, zudem auch den Standard Glöz 6 auszusetzen; das ist die Pflicht zur Bodenbedeckung.
Vorbehalte gegenüber SUR
Die Mehrheit der EU-Agrarminister steht dem Verordnungsvorschlag zur nachhaltigen Anwendung von Pflanzenschutzmitteln (SUR) nach wie vor skeptisch gegenüber. Daran hat auch die nun von der EU-Kommission vorgelegte erweiterte Folgenabschätzung nichts geändert.
Nichtsdestoweniger bekräftigte Spaniens Landwirtschaftsminister Luis Planas bei seinem ersten Treffen mit den Amtskollegen als Agrarratspräsident die Absicht, spätestens bis Jahresende eine Position der Mitgliedstaaten zur SUR auszuhandeln. Selbst wenn dies gelingen sollte, wäre es allerdings fraglich, ob noch eine Einigung bis zur nächsten Europawahl im Juni mit dem EU-Parlament und der Kommission erzielt würde.
Die für die SUR federführende Gesundheitskommissarin Stella Kyriakides stellte klar, dass die neuerliche Folgenabschätzung „das bestätigt, was wir schon wussten“. Weder würde für die meisten Produkte das Preisniveau auf eine nicht mehr erträgliche Höhe steigen, noch sei die Ernährungssicherheit gefährdet, so die Kommissarin, die der Europäischen Volkspartei (EVP) angehört. Gegen die Mehrheitsmeinung im Rat erklärte Bundeslandwirtschaftsminister Özdemir, dass weitere Verzögerungen im Gesetzgebungsverfahren nicht zu rechtfertigen seien. Schließlich habe die Untersuchung wichtige Fragen beantwortet.
Gleichzeitig stellte Özdemir klar, dass es bei der Verringerung der Einsatzmengen von Pflanzenschutzmitteln einheitlicher Regeln bedürfe. Gerade bei den individuellen Reduktionsvorgaben gelte: „Der Fleißige darf nicht der Dumme sein.“ Laut Özdemir muss außerdem der Anbau von Sonderkulturen und von Wein möglich bleiben. Als gutes Beispiel nannte er das Biodiversitätsstärkungsgesetz in Baden-Württemberg.
Züchtungstechnik als Lösung
Portugal beklagte die in der Folgenabschätzung aufgezeigten negativen Auswirkungen auf den Anbau vieler Sonderkulturen, vor allem für den Wein. Frankreichs Landwirtschaftsminister Marc Fesneau warnte vor einem Einbrechen der Weinproduktion in der EU. Ein wichtiges Werkzeug zur Umsetzung der SUR sieht Fesneau in den neuen Züchtungstechnologien. Hier müsse man nun schnell im Gesetzgebungsprozess zu Ergebnissen kommen, mahnte der französische Agrarminister. Er beklagte, dass viele Aspekte auch im Rahmen der erweiterten Folgenabschätzung nicht hinreichend untersucht worden seien.
Diese Kritik übten auch östliche Mitgliedstaaten. Die tatsächlichen Folgen seien nur unzureichend von der Kommission quantifiziert worden, hieß es aus Ungarn. Polens Landwirtschaftsminister Robert Telus konstatierte: „Diese Studie entspricht nicht dem, was wir wissen wollten.“ age, mbw