Zu spät, zu kalt, zu trocken, zu nass. Am Ende entschieden Befallsdruck, Erntezeitpunkt, Stängelgesundheit und Schotenplatzfestigkeit über den Ernteerfolg. Aufgrund der späten Ernte beim Raps und der geringen Datenlage werden nur die Ergebnisse der Einzelorte gezeigt. Sobald die Ergebnisse vollständig vorliegen, werden sie online unter www.lksh.de veröffentlicht. Heterogen fallen die Ergebnisse in der Praxis aus. In den Landessortenversuchen der Landwirtschaftskammer sieht es ähnlich aus.
Ergebnisse der Landessortenversuche
Insgesamt konnten sechs Landessortenversuche (LSV) angelegt werden: drei im Östlichen Hügelland, zwei in der Marsch und einer auf der Geest. Der Versuch in Schuby wurde aufgrund von Starkregen verschlämmt und musste abgebrochen werden. Somit gibt es in diesem Jahr keine Ergebnisse von der Geest. Für die Ergebnisse von Sandstandorten wird daher auf Ergebnisse vom Standort Ohrensen am Nordrand der Lüneburger Heide zurückgegriffen. Die Sortenempfehlung beruht größtenteils auf der Marktleistung (Tabelle 3), die sich aus dem Kornertrag und dem Grundpreis zuzüglich eines Zuschlags für jeden Prozentpunkt Öl über 40 % ergibt.
Die Landessortenversuche zeigten besonders zu den frühen Ernteterminen ein hohes Ertragsniveau (Tabelle 1) bei gleichzeitig sehr geringer Tausendkornmasse (nicht dargestellt). Im Mittel wogen 1.000 Rapskörner in diesem Jahr unter 4,5 g, was dafür spricht, dass der Raps eigentlich bis zur Blüte optimale Bedingungen vorfand und nicht gezwungen war, Ertragsanlagen zu reduzieren. Aber offenbar konnten die üppig vorhandenen Ertragsanlagen im Juni und Juli nur unzureichend gefüllt werden. Diese Aussage wird auch durch die im mittel nur durchschnittlichen Ölgehalte (Tabelle 2) gestützt, insbesondere da ein Großteil der jungen Sorten gegenüber ihren Vorgängerinnen aus den jeweiligen Züchterhäusern deutlich gesteigerte Ölgehalte in den Wertprüfungen und dem Bundessortenversuch gezeigt hatte.
Diesmal trat Cylindrosporiose verstärkt auf. Besonders in kalten, nassen Frühjahren wie 2023 kann Cylindrosporium verstärkt beobachtet werden. Typisch sind die einseitig absterbenden Blätter, die sich zur absterbenden Seite hin verkrümmen. Die Photosyntheseleistung ist dadurch eingeschränkt, und das Auftreten kann mit zu den streuenden Ergebnissen beigetragen haben. Die Trockenheit im Mai und Juni hat aber verhindert, dass sich die Krankheit auf den oberen Stängelbereich ausbreiten konnte. Später traten Phoma und Verticillium in den Beständen auf. Die Infektion mit beiden Krankheiten findet bereits im Herbst statt, und der Pilz wächst unbemerkt in der Pflanze. Beginnt die Abreife, werden die generativen Organe der Pilze sichtbar. Phoma führt zu einem Vermorschen der Stängelbasis, die Rapspflanze stirbt ab und beginnt zu lagern. Mit der Rlm7 besitzt Raps ein hohes Resistenzniveau gegen den in Norddeutschland am häufigsten auftretenden Phoma-Stamm, dennoch kann es sein, dass sich der Pilz in geschwächten Beständen etabliert. Kurz vor der Ernte trat auch vermehrt Verticillium auf, besonders in vom Stängelrüssler geschädigten Beständen. Die Infektionen breiteten sich häufig von den Einbohrstellen der Larven aus. Bei Verticillium bildet sich ein brauner Streifen auf dem Stängel, der mit zunehmender Abreife heller wird. Es zeigt sich ein ähnliches Bild wie bei Sclerotinia. Anders als bei Sclerotinia lässt sich an der Befallsstelle die Epidermis der Rapspflanze aber abziehen. Dort zeigen sich Mikrosklerotien, die außen am Stängel sitzen. Bei Sclerotinia sind die Sklerotien so groß wie Weizenkörner und sitzen im Mark der Pflanze. Besonders in diesem kalten Frühjahr war die Aktivität der Schadinsekten niedrig, sodass über die Gelbschalen selten ein Befall über der Schadschwelle festgestellt werden konnte. Dabei ist durch die latent, aber permanent vorhandenen Käfer ein hoher Befallsdruck da gewesen, dessen Schwere wohl auch erst hinterher erkannt wurde. Der Befall trat meistens nesterweise auf und hat zu den stark variierenden Erträgen der Sortenversuche beigetragen. Besonders in Barlt zog sich ein Streifen quer durch den Landessortenversuch. Vielerorts konnt auch Botrytis als Sekundärinfektion zusammen mit den Rüsslern festgestellt werden. In der Regel ist das Sortiment aber so gesund gewesen, dass die Krankheiten erst kurz vor der Ernte auftreten sind, sodass sie nicht mehr ertragsrelevant waren. Dabei hilft ein leichter Befall oftmals, die Abreife der Stängel zu beschleunigen, was den Drusch erleichtert. In einem Jahr wie diesem, wenn der Raps aufgrund der Nässe nicht trocknet, kann ein Befall jedoch zum Problem werden.
Sortenempfehlung der Kammer
In diesem Jahr wurde die Ernte durch Regen und Unwetter stark beeinträchtigt, sodass sie erst spät erfolgte und sich kein stimmiges Bild über die Leistung der Sorten in den einzelnen Bodenklimaräumen zeigte. Daher können bis jetzt nur die Ergebnisse der Einzelorte präsentiert werden. Die Werte der einzelnen Sorten schwanken innerhalb der Bodenklimaräume aufgrund der Wettereinflüsse teils sehr stark, und Mittelwerte aus den Regionen sind wenig aussagekräftig. Für die Mittelwertbestimmung nach der Hohenheimer Methode werden hier Ergebnisse aus den Nachbarbundesländern benötigt. Diese liegen jedoch noch nicht vor, sodass eine abschließende Beurteilung der Sorten erst nach Redaktionsschluss erfolgen kann. Für die vorläufige Sortenempfehlung wird hier daher auf Ergebnisse aus dem Vorjahr zurückgegriffen. Die abschließenden Ergebnisse werden auf der Internetseite der Landwirtschaftskammer veröffentlicht.
Mehrjährig geprüfte Sorten
‚Ambassador‘ ist die Rapssorte mit der größten Anbaufläche im Land und hat die stabil guten Leistungen der Vorjahre bestätigt. Besonders auf leichten Standorten liegt die Sorte im relativen Ertrag oft über 110 %. Aus dem Segment der Ogura-Hybriden ist sie die früheste Sorte. Sie zeigt die geringste Reifeverzögerung. Besonders die genetisch fixierte Schotenplatzfestigkeit liefert Sicherheit, wenn sich die Ernte verzögert (Barlt).
Die Sorte ‚Ambassador‘ hat Schwächen im Ölgehalt. Die Sorten ‚LG Activus‘, ‚LG Adonis‘, ‚Archivar‘ haben diese nicht mehr, dafür aber keine Schotenplatzfestigkeit. Die Sorte ist in der Herbstentwicklung mit der Note 6 eingestuft und eignet sich daher für sehr späte Saattermine.
‚Smaragd‘, beliebt auf größeren Betrieben, zeichnet sich durch eine besonders geringe Reifeverzögerung des Strohs aus und damit durch eine schnelle Trocknung des Korns. Diese trägt dazu bei, dass die Sorte ‚Smaragd’ vor ‚Ambassador‘ gedroschen werden kann. Auf den besseren Böden im Östlichen Hügelland ist deswegen ‚Smaragd‘ ‚Ambassador‘ überlegen.
‚Picard‘ zeigt Stabilität über alle Anbaugebiete. Die Sorte hat in der Ernte 2023 und 2022 auf der Geest, in der Marsch und im Östlichen Hügelland eine relative Leistung von teils deutlich über 105 % im Kornertrag abgeliefert. In diesem Jahr zeigte sie sich nur durchschnittlich im Ölgehalt.
‚Daktari‘ zeigt über alle Bodenklimaräume robuste Erträge, konstant über dem Mittel. Die wüchsige Herbstentwicklung macht die Sorte auch für späte Saaten attraktiv.
‚LG Activus‘ ist zweijährig im LSV geprüft. Die Sorte konnte das hohe Leistungsniveau bestätigen. Das Bundessortenamt hat sie für die Aussaat 2023 zur Verrechnungssorte ernannt. Der Ölgehalt wurde gesteigert: 2022 hatte ‚LG Activus‘ den höchsten Ölgehalt. 2023 wurden die Ölgehalte nur von den jüngeren Schwestersorten ‚LG Adonis‘ und ‚Archivar‘ übertroffen. Für das jüngere Sortiment kann aufgrund der bisherigen Werte noch keine Empfehlung ausgesprochen werden. Eine Übersicht über die Sorteneigenschaften ist in Tabelle 4 zusammengefasst.
Kohlhernieprüfung im Überblick
Kohlhernie ist im Rapsanbau die bedeutendste (Fruchtfolge-)Krankheit. Besonders der Befall im Herbst reduziert die Leistungsfähigkeit der Rapspflanze und führt zu deutlichen Ertragsausfällen. Daher wird in den Regionen, in denen besonders viel Raps angebaut wird, die Leistungsprüfung der Kohlherniesorten durchgeführt. Im Gegensatz zum Landessortenversuch, der als Teil des amtlichen Prüfwesens nach den Vorschriften des Bundessortenamtes einfaktoriell gefahren wird, hat die Leistungsprüfung der Kohlherniesorten zusätzlich eine behandelte Variante, die eine an die Praxis angelehnte ortsübliche Behandlung mit Fungiziden und Wachstumsreglern erfährt. Zudem ist das Sortiment sehr jung und enthält auch noch unzugelassene Stämme. Dennoch ist Voraussetzung für die Aufnahme in die Prüfung, dass zur Ernte Saatgut entweder als EU-Sorte oder als Versuchssaatgut mit orangefarbenem Etikett vorliegt.
Kohlhernie-Sortenempfehlung/Leistungsprüfung
Die Leistungsprüfung konnte diesmal an vier Orten angelegt werden und wurde auch an allen Orten beerntet. Da in Futterkamp aufgrund der späten Herbstentwicklung und des kalten Frühjahrs keine Wachstumsregler eingesetzt wurden, ist die zweite Stufe der Leistungsprüfung dort auch einstufig behandelt worden. In Kastorf konnte die Kohlhernieprüfung erst zehn Tage nach dem LSV geerntet werden, die Ergebnisse erscheinen hier eher untypisch.
Generell bestätigt sich das Leistungsniveau der Marktführer. Darüber hinaus streuen die Erträge ähnlich breit wie im Landessortenversuch. Dabei erreichen nur die Sorten ‚Crocodile‘, ‚Cromat‘ und ‚Credo‘ das Leistungsniveau der anfälligen Vergleichssorten ‚Picard‘ und ‚Ambassador‘. Alle anderen Sorten liegen auf einem soliden Leistungsniveau, welches in Barlt und Loit über dem Niveau der Landessortenversuche und in Futterkamp und Kastorf nur ganz knapp darunter liegt. Auch hier wird bei der Sortenempfehlung auf mehrjährige Ergebnisse aus dem Vorjahr zurückgegriffen. Eine endgültige Empfehlung wird auf der Seite der Landwirtschaftskammer erscheinen, sobald dann alle nötigen Ergebnisse dafür vorliegen.
Was gilt es zur Aussaat 2023 zu beachten?
Das A und O für eine erfolgreiche Ernte ist eine optimale Etablierung der Rapsbestände im Herbst. Dazu wird in der Fruchtfolge klassisch zum Raps gepflügt und gekalkt, da ein hoher pH-Wert die Aktivität der Zoosporen der Kohlhernie deutlich hemmt. Die tiefe Lockerung ist wichtig für die Etablierung der Pfahlwurzel. Das Saatbett muss rückverfestigt sein, damit der kapillare Aufstieg den jungen Raps ausreichend mit Wasser versorgt. Der Boden muss aber locker genug sein, damit er sich schnell erwärmt und der Keimling sich schnell entwickeln kann. Der Anbau nach der früh räumenden Wintergerste könnte in diesem Jahr besondere Bedeutung erlangen. Die Böden sind wassergesättigt. Die Befahrbarkeit vorausgesetzt, kann die Erstellung eines falschen Saatbetts helfen, Ausfallraps und Unkräuter auflaufen zu lassen, welche bei der Saatbettbereitung zur eigentlichen Aussaat dann beseitigt werden können. Das klassische „Rum und Rein“, sprich Pflügen mit Packer und zwei bis drei Tage später Drillen mit der Kreiseleggen-Drillkombi, kann ab Ende August, also der 35. Kalenderwoche, auch funktionieren, wenn wieder ausreichend Niederschläge im September vorhergesagt sind. Hier ist der Aufwand im Pflanzenschutz im Nachhinein aber größer und besonders Altraps stellt hier das am schwersten zu bekämpfende Unkraut dar. Altraps ist in der Regel anfällig für Kohlhernie und stellt somit den Schwachpunkt in der Bekämpfung dar. Zu dichte Bestände sind oftmals auch eine Folge von zu viel Altraps. In dichten Beständen steigt der Krankheitsdruck, die Stängel werden dünner und die Bestände neigen später zu Lager. In der Tabelle mit den Sorteneigenschaften wurde daher eine Zeile mit der Spätsaateignung der Sorten aufgeführt. Sie beruht auf Züchterangaben.
Laut der Wettervorhersage soll es Ende August wieder warm werden. Damit sind, zusammen mit dem feuchten Boden, die Bedingungen für einen frühen und somit besonders gefährlichen Befall mit Kohlhernie gegeben. Das sollte bei der Sortenwahl berücksichtigt werden. Wenn auf einer Fläche in der Vergangenheit Kohlhernie auftrat, sollte unbedingt auf eine kohlhernieresistente Sorte zurückgegriffen werden.
Wie war das Rapsjahr?
Der Spätsommer begann vergangenes Jahr trocken und der Raps lief erst zum Herbstanfang um den 20. September nach Einsetzen der Niederschläge auf, und das aufgrund der inhomogenen Verteilung der Niederschläge oftmals in mehreren Wellen. Gleichwohl war die Sommergare in den Böden gut, der Raps konnte eine tiefe Pfahlwurzel ausbilden. Die überraschend wüchsige Wetterlage bis Anfang November trug dazu bei, dass er den Entwicklungsrückstand aus dem späten Aufgang bis zur Vegetationsruhe aufholen konnte. Um Weihnachten herum gab es einige frostige Tage, aber bereits zu Silvester folgten heftige Niederschläge bei Temperaturen um 15 °C. Dennoch blieb das Frühjahr lange kalt und besonders nass, sodass der Raps spät mit der Blüte begann und noch bis weit in den Mai hinein blühte. Bis zum 15. April gab es reichlich Niederschläge, sodass die Nährstoffverfügbarkeit im Boden günstig war. In der letzten Juniwoche schlug die Großwetterlage um und regnerisches Wetter hielt sich bis Mitte August. Dabei fielen im Juli dieses Jahr und in der ersten Augusthälfte deutlich mehr als 100 mm Niederschlag. Es gab nur kurze Erntefenster und in weiten Teilen des Landes standen selbst um den 10. August noch Rapsbestände, die zu feucht waren, um gedroschen zu werden. Unter diesen Bedingungen stellen pilzliche Erreger, allen voran Verticillium, die Standfestigkeit des Rapses auf die Probe, sodass Bestände durch Starkregenereignisse, den Sturm in der zweiten Augustwoche oder einzelne Gewitter ins Lager gingen und Körner ausfielen.




