Gleich zwei tierische Ereignisse im Norden boten zwischen Iran- und Ukraine-Krieg, dem Gezerre um die Straße von Hormus, explodierenden Energiepreisen und politischen Rändern im Aufschwung jüngst Anlass zum Staunen: Ein Wal war vor Timmendorfer Strand und später der Insel Poel gestrandet, und in Hamburg ist eine Frau durch einen seit Wochen im Stadtgebiet umherstreunenden Wolf verletzt worden.
Vor allem am gestrandeten Buckelwal kam man in Internet, Zeitung und Fernsehen nur schwer vorbei. Von einem „Drama an der Ostseeküste“ war da die Rede, Livestreams und -ticker sowie eine Berichterstattung, die ihresgleichen suchte, versorgten die Menschen mit Neuigkeiten rund um den zu allem Überfluss auf den Namen „Timmy“ getauften Wal. Ganz grün über den praktikablen Umgang mit „Timmy“ waren sich die Beteiligten vor Ort dabei jedoch selbst nicht. Viel ist gestritten und debattiert worden, wie mit dem Säugetier richtig umzugehen sei. Vor allem der Meeresbiologe Robert Marc Lehmann polarisierte. Schnell wurden nach dem zunächst berechtigten Aktionismus Stimmen laut, das durch menschliche Einflüsse gezeichnete Tier in Ruhe sterben zu lassen.
Nicht weniger kurios war da der Fall des Wolfes, der in Hamburg eine Frau verletzte. Das Jungtier, das zuvor mehrfach in der Hansestadt gesichtet worden war, hatte sich in ein Altonaer Einkaufszentrum verirrt. Beim Versuch einer Passantin, das immer wieder gegen eine Glasscheibe laufende Tier aus der Einkaufsmeile herauszugeleiten, ist diese im Gesicht verletzt worden – wie genau, ist bis heute nicht ganz klar. Die Fürsprecher des Wolfes sprachen schnell von Glassplittern, die die Frau beim Sturz im Gesicht verletzt hätten. Der Wolf selbst hingegen konnte es – natürlich – nicht gewesen sein. Das später aus der Binnenalster gezogene Tier wurde nach Aufenthalt in einer Wildtier- und Artenschutzstation am südlichen Stadtrand, an der Grenze zu Niedersachsen, mit einem Sender ausgestattet wieder ausgewildert. Warum dieser Wolf nicht entnommen, sondern wieder in die Freiheit entlassen wurde, ruft nicht nur beim jagdpolitischen Sprecher der CDU-Landtagsfraktion in Schleswig-Holstein, Hauke Göttsch, Unverständnis hervor.
Eifrig ist für beide Tiere demonstriert worden, und Wal und Wolf zogen eine Aufmerksamkeit auf sich, von der andere – weniger populäre – Arten nur träumen können. Mit beiden wirbt es sich aber offenbar am besten, auch für hehre Ziele im Naturschutz. Ein „Like“ bei Instagram genügt, um sich für diese Individuen einzusetzen und zu zeigen, dass man zu den Guten gehört. Abseits des Smartphones kochten die Emotionen rund und um den Wal jedoch auch ganz handfest weiter hoch, es wurden etwa Polizeiabsperrungen durchbrochen und Strafanzeigen gegen Mecklenburg-Vorpommerns Landwirtschaftsminister Dr. Till Backhaus (SPD) gestellt. Gabriele Richter, Bürgermeisterin der Insel Poel, sprach von Morddrohungen einzelner Kritiker, die „den zuständigen Stellen ein vorsätzliches, kriminelles Handeln zum Nachteil des Wales“ vorwarfen, nachdem man sich entschieden hatte, weitere Maßnahmen zur Rettung des Schwergewichtes einzustellen. Man muss sich schon die Augen reiben, wenn Einzelne das wildtierische Leben offenbar über das menschliche stellen. Am Mittwoch voriger Woche gab es dann schließlich grünes Licht für einen weiteren Rettungsversuch, diesmal durch eine private Initiative. Das Wildtier wird zur Projektionsfläche für die eigenen Wünsche und Erwartungen.
Ob Isegrims Auftritt im Einkaufszentrum manch naturverbundenen Hanseaten zum Nachdenken bewegt hat? Zwischen Altbaustuck und Dielenboden wird dieses Ereignis, ähnlich wie das Schicksal des Wals „Timmy“, zwischen den Sorgen des Alltags schnell wieder ins Vergessen geraten – ebenso wie die Begeisterung für Wal und Wolf. Die wolfskritischen Stimmen dürften dabei einmal mehr als provinziell und übertrieben abgetan werden. So uneingeschränkt famos, wie viele die Rückkehr des Wolfes gern feiern, ist sie offensichtlich eben doch nicht. Schäfer, Landwirte und Bewohner des ländlichen Raumes wissen darum schon lange. Oft genug sind ihre Bedenken belächelt worden.




