Start Blog Seite 221

Hier wird mit Wasser „gekocht“!

0

Wasser ist für die meisten Menschen hierzulande einfach da. Es kommt aus dem Wasserhahn. Wie viel Arbeit, Technik und Vorausschau dafür nötig ist, ist weitgehend unsichtbar. Nicht mehr jedoch für die Teilnehmer am Praxistag „Vom Grundwasser zum Trinkwasser“, zu dem die Allianz für den Gewässerschutz in das Wasserwerk für Süderdithmarschen in Odderade eingeladen hatte. Rund 30 Teilnehmer waren gekommen, davon zehn Landwirte und Landwirtinnen.

An dem großen Schaltbild an der Wand lassen sich der Verlauf des Wassers und seine Behandlung gut demonstrieren. Es leuchten Lämpchen und zeigen die gegenwärtigen Prozesse an. Wenn etwas nicht stimmt, würde Alarm geschlagen. „Was Sie auf dem Schaltbild sehen, ist alles real, es funktioniert noch“, sagt Wassermeister Thomas Meyer. Allerdings ist heute parallel eine moderne digitale Schaltzentrale im selben Raum in Betrieb.

Dennis Zinser am verkleinerten Modell einer Brunnenpumpe

Zwölf Brunnen hat das Wasserwerk in seinem gut 3.200 ha großen Wasserschutzgebiet, davon acht auf dem eigenen Gelände, das auf 23 m über NN liegt, die anderen noch etwas höher. Die Brunnen reichen etwa 100 bis 130 m tief und fördern je 80 bis 100 m3 pro Stunde.

Die Sammelleitung des geförderten Grundwassers führen zunächst in einen Verdüsungsturm, der mit Sauerstoff aus der Luft beschickt wird, das lässt Eisen und Mangan oxydieren. In einem Reaktionsbecken verweilt das Wasser, um diesen Prozess ausagieren zu lassen. Schließlich fließt es durch Becken, die mit einer 2 m hohen Schicht aus speziellem Kies als Filter ausgestattet sind. Hier wird das Eisen- und Manganoxyd ausgefiltert. Der Eisenschlamm wird in die regionalen Kläranlagen verbracht, „den brauchen sie für ihre Prozesse“, erklärt Wassermeister Dennis Zinser. „Wir haben super Rohwasser und kein Nitratproblem, Chloreinsatz war nie nötig.“ BAC-Proben werden regelmäßig im gesamten Versorgungsgebiet entnommen.

Eine Verteilerpumpe, hinten der Vorkessel

Schließlich verteilen vier Pumpen in der großen Halle das Wasser an die örtlichen Versorgungstürme – 600 m3 pro Stunde. Sind sie gefüllt, sperrt ein Schieber weitere Zufuhr. So wird etwa der 3.000 m3 fassende Hochbehälter in St. Michaelisdonn über Nacht aufgefüllt, „das reicht in der Regel bis abends, doch in einem heißen Sommer geht der Schieber gleich wieder auf, weil alles Wasser abgenommen wird“, erklärt Wassermeister Thomas Meyer. Wie viel ausgeklügelte Steuerung für all das nötig ist, kann der Laie nur erahnen – die Wassermeister müssen in Schicht rund um die Uhr präsent sein.

Geschäftsführer Henning Stahl

Zum Versorgungsgebiet des Wasserverbandes Süderdithmarschen gehören 60 Gemeinden, „jede, ob groß oder klein, hat genau eine Stimme im Verband“, betont Henning Stahl, Geschäftsführer des Wasserverbandes Süderdithmarschen. Für 28 Gemeinden wird zusätzlich die Abwasserbeseitigung geleistet. Im Wasserschutzgebiet sind etwa zwei Drittel landwirtschaftliche Nutzfläche, den Betrieben dort bietet das Ingenieurbüro Ingus Beratung an, etwa zum Pflanzenschutz, das 27 Betriebe wahrnehmen. Auch die übrigen werden durch Flyer regelmäßig aktuell informiert.

Der Klimawandel, wie kann es anders sein, ist auch bei den Wasserversorgern angekommen. Im sehr trockenen Jahr erreichte der Wasserverbrauch in Süderdithmarschen rund 7 Mio. m3 – vorher waren es im Schnitt 6 Mio. m3. Der personenbezogene Verbrauch sank auf einen Niedrigstand in den Jahren 2010 bis 2013, seitdem steigt er wieder. „Wir brauchen zusätzliche Speicher für Trinkwasser, aber auch Vorfluter für die Landwirtschaft, um die Trinkwasservorräte nicht zu belasten“, blickt Geschäftsführer Stahl nach vorne. Er denkt an die Gründung einer Brauchwassergesellschaft.

Der größte Bedarf besteht jedoch bei der Industrie. Für die Kühlung, namentlich zur Herstellung von Batterien oder Wasserstoffzellen, werden immense Mengen benötigt. Entsprechende Anfragen wurden bereits an den Wasserverband gestellt. „Die wollen so viel, wie für ganz Süderdithmarschen rausgeben“, sagt Henning Stahl und betont: „Trinkwasser bekommen sie dafür nicht!“

Die Entnahme von Grundwasser könne man nämlich nicht beliebig steigern, so der Geschäftsführer. „Der Heider Trog, in dem wir uns befinden, ist wie eine Badewanne. Der speist vier Wasserwerke. Bei zu viel Entnahme drängt das Meerwasser rein, und wenn du einmal Salz drin hast, kriegst du es nie wieder raus.“ Und einfach tiefer bohren? Tiefer als 200 m gibt es kein Wasser hier. Stahl: „Vom Kampf ums Wasser sind wir nicht weit weg, und das in unserer Gegend!“ 

Thomas Meyer erklärt am alten Schaltbild an der Wand die Funktion des Wasserwerkes.  Fotos: Tonio Keller

Weniger Förderung, mehr Freiheit

0

Der Präsident des Bauernverbandes Schleswig-Holstein und Vorsitzender der Milcherzeugervereinigung Schleswig-Holstein, Klaus-Peter Lucht, konnte im Oktober an einer Studienfahrt des Verbands der deutschen Milchwirtschaft (VDM) in den USA und anschließend am International Dairy Summit (Internationaler Molkereigipfel) in Chicago teilnehmen.

Im Zentrum der Studienreise standen Besuche auf verschiedenen Milchviehbetrieben in den Bundesstaaten Illinois, Wisconsin und Iowa. Insbesondere in Wisconsin, das auch als „Dairy Country“ bezeichnet wird, ist die Struktur der Betriebe sehr vielfältig. Früher wurde dort vor allen Dingen Weizen angebaut, wegen starken Schädlingsbefalls schwenke man um auf Milch, da es gute Bedingungen für den Maisanbau gibt. Neben Mais werden aber auch Luzerne und Soja angebaut. Fast die gesamte Milch, nämlich zirka 90 %, werden zu Käse verarbeitet.

In Wisconsin selbst gibt es rund 6.000 Milchviehbetriebe, von denen 95 % familiengeführt sind. Neben vielen kleineren Betrieben existieren auch sehr große Betriebe, die auch mehrere Standorte unterhalten. In den allermeisten Betrieben sind pro Kuh und Tag Milchleistungen von über 40 kg keine Seltenheit. In vielen wird dreimal täglich gemolken.

Betrachtet man auf der einen Seite, dass es nur wenig oder keine staatliche Unterstützung für landwirtschaftliche Betriebe gibt, so ist auf der anderen Seite auch eine sehr viel geringere Regelungsdichte in Bezug auf Bewirtschaftungsvorgaben vorhanden. Möglicherweise ist aus diesem Grund keine so gravierende Einflussnahme seitens politischer Verbände notwendig. Allerdings werden auch 15 US-$-ct pro 100 Pounds (Gewichtseinheit) in ein nationales Marketingprogramm eingezahlt (entspricht ungefähr 3 €-ct pro 100 l). In Wisconsin gehen davon 5 ct an ein Marketingprogramm speziell für Wisconsin. Es werden auch jährlich 7,8 Mio. US-$ Steuergelder an die drei Universitäten im Bereich der Milchforschung gegeben.

Kalb auf der Blue Star Dairy Farm

Allerdings wurde während des Besuchs der University of Wisconsin in Madison deutlich, dass auch in Amerika intensiv über das Thema Nachhaltigkeit diskutiert wird. Anders als in Deutschland und Europa wird aber in der dort vorherrschenden Diskussion mehr Wert darauf gelegt, dass alle drei Säulen der Nachhaltigkeit erfüllt sein müssen. Auch spielt in der breiten Diskussion immer wieder eine Rolle, dass die Landwirte die Ernährung der Bevölkerung sicherstellen. Die Landwirte werden darüber hinaus auch als Treuhänder der Landschaft bezeichnet.

Einhergehend mit der Betriebsgröße und dem häufigen Melken sind in den Betrieben viele Mitarbeiter beschäftigt. Diese kommen im Regelfall aus Mittel- und Südamerika. Nicht selten werden die Betriebe von mehreren Geschwistern als Familienbetriebe gemeinsam geleitet. Auf allen Betrieben war deutlich zu sehen, dass die Produktivität an erster Stelle steht. Auf einer Farm in Iowa wurde berichtet, dass es durchaus auch Programme für zum Beispiel einen Grünlandstreifen gibt. Diese werden allerdings für die Landwirte deutlich attraktiver als in der EU dotiert.

Bei dem Besuch des World Dairy Summit in der zweiten Woche in Chicago standen naturgemäß die vielen Fachdiskussionen und der Austausch mit Landwirten aus allen anderen Teilen der Welt im Zentrum. Auch in diesen Diskussionen wurde deutlich, dass die Geschwindigkeit der Veränderungen durch die gesetzgebenden Organe zu Schwierigkeiten auf den Betrieben führt. In dieser hohen Veränderungsdichte machen sich viele Betriebsinhaber Sorgen, ob und wie der Betrieb in die nächste Generation weitergegeben werden kann. Einen Hinderungsgrund dafür stellt auch dar, dass eine Übertragung an Familienfremde unter Umständen wirtschaftlich nicht darstellbar ist. Andere Länder beklagen ebenfalls einen Tierärztemangel. Neben dem Blick der einzelnen Landwirte zeigten aber auch die vielfältigen Vorträge und Diskussionsbeiträge aus anderen Ländern, dass das Thema Nachhaltigkeit von allseitigem Interesse ist. „1 % ernährt 100 %“, stellte ein Diskussionsteilnehmer deutlich heraus.

„Die Landwirtschaft in Europa und insbesondere in Deutschland benötigt unternehmerische Freiheit, um die entsprechenden Angebote machen zu können“, resümierte Klaus-Peter Lucht nach Abschluss der Reise. Nachhaltigkeit sei eben ein Kerngeschäft der Landwirtschaft, das nur erfüllt sein kann, wenn die ökonomischen Rahmenbedingungen stimmen. Ein anderer Reiseteilnehmer stellte heraus, dass auf den Betrieben und während des Kongresses eine beeindruckende Innovationskraft und Einstellung der Unternehmen und Unternehmer zu sehen war.

Klar ist auch, dass in vielen Bereichen die Kluft zwischen ländlichem Raum und städtischer Bevölkerung ebenso gravierend vorhanden ist wie in Europa. Deutlich wurde aber auch, dass die Branche allen Grund hat, stolz auf die produzierten Lebensmittel und das Geleistete zu sein. So berichtete im großen Forum eine Teilnehmerin aus Kenia, dass ihr der Schulbesuch nur möglich war, weil ihre Eltern eine Kuh hatten.

Kälberstall auf der Blue Star Dairy Farms, Wisconsin

Weltmarktpreise für Zucker auf Zwölfjahreshoch

0

Die Weltmarktpreise für Zucker haben sich seit Anfang ­Oktober sehr fest entwickelt und ­dabei ein neues Zwölfjahreshoch markiert. An der Leitbörsen für Weißzucker in London und New York haben die Kurse für Zucker zuletzt weiter deutlich angezogen. Für die Fortsetzung des Aufwärtstrends sorgte auch Trockenheit in wichtigen thailändischen Zuckerrohranbaugebieten.

Der Kontrakt auf Weißzucker an der Agrarterminbörse in London zur Lieferung im März 2024 hat am 2. November umgerechnet einen Kurs von 700 €/t (742,40 US- $/t) erreicht. Eine Woche zuvor hatte der Kurs mit 704 €/t (747 US-$/t) sogar den höchsten Stand für Märzfutures seit August 2011 erreicht. Auch der Rohzucker-Future an der New Yorker Börse verteuerte sich deutlich. Der Kontrakt mit Fälligkeit im März 2024 wurde für 573 €/t (27,54 cts/ lb) gehandelt. Zum Ende des vergangenen Monats hatte sich der Kurs sogar in der Spitze bei 528 €/t (28 cts/lb) bewegt; das war der höchste Wert seit Oktober 2011.

Als Auslöser für den Kursanstieg der Zuckerfutures führen Analysten die Erwartung von Marktakteuren an, dass Thailand seine Zuckerexporte bald einschränken könnte. In der vorigen Woche hatte der stellvertretende Handelsminister des Landes betont, dass Zucker zu den inflationsrelevanten Waren gehöre und eine wichtige Rolle für die Ernährungssicherung Thailands spiele. Deshalb müsse ein Regulierungsgremium Vorgaben für die Ausfuhren des Süßstoffs machen. Zucker hatte sich in Thailand in den vergangenen Monaten deutlich verteuert.

Kleinere Zuckerrohrernte wegen Regenmangel

Unterdessen taxiert die Thai Sugar Millers Corporation die Zuckererzeugung im eigenen Land für 2023/24 aktuell auf voraussichtlich nur 7 Mio. t. Das wäre ein 17-Jahrestief, und das Vorjahresvolumen würde um 36 % verfehlt. Der Verband befürchtet dürrebedingte Ertragseinbußen bei der anstehenden Zuckerrohrernte, wofür auch das Wetterphänomen El Niño verantwortlich sei. Der agrardiplomatische Dienst (FAS) des amerikanischen Landwirtschaftsministeriums (USDA) hatte die thailändische Zuckererzeugung zuletzt noch bei immerhin 9,4 Mio. t gesehen. Nach USDA-Zahlen war das südostasiatische Land in der vergangenen Vermarktungssaison der zweitgrößte Zuckerexporteur der Welt.

Derweil korrigierte die Internationale Zuckerorganisation (ISO) ihre Prognose für das weltweite Produktionsdefizit 2023/24 kräftig nach oben, und zwar um 2,24 Mio. t auf jetzt 4,36 Mio. t Zucker tel quel. Für die vergangene Vermarktungssaison hatte sich noch ein Überschuss von schätzungsweise rund 490.000 t Zucker tel quel ergeben. Die ISO wies außerdem darauf hin, dass die Welt mehr als bisher auf Zucker aus Brasilien angewiesen sei, um die knappe Versorgung abzufedern. Brasilien führt die Weltrangliste der Zuckererzeuger und -lieferanten an. Allerdings warteten vor den überlasteten brasilianischen Häfen Anfang November rund 70 Schiffe auf ihre Beladung, sodass sich der Export von mehr als 3 Mio. t Zucker verzögerte. Das USDA hatte die brasilianischen Zuckerausfuhren für 2023/24 zuletzt auf voraussichtlich insgesamt 32,5 Mio. t veranschlagt; damit würde die Vorjahresmenge um 4,3 Mio. t übertroffen. Die brasilianische Zuckererzeugung sehen die US-Beamten für die laufende Saison, die im März 2024 endet, bei 41 Mio. t, nach lediglich 38,05 Mio. t im Vorjahreszeitraum.

EU-Selbstversorgungsgrad steigt

Die EU-Kommission taxiert die Zuckerproduktion in der EU-27 für 2023/24 auf 15,6 Mio. t Weißzuckeräquivalent; das wären 7 % mehr als die für die vergangene Saison geschätzte Menge. Gleichzeitig dürften die betreffenden EU-Zuckerexporte ohne Zucker in Verarbeitungsprodukten um fast 30 % auf 700.000 t ausgeweitet werden. Auf der anderen Seite wird von einer Einschränkung der EU-Zuckerimporte um etwa ein Viertel auf 1,9 Mio. t unverarbeitete Ware ausgegangen. Den Zuckerverbrauch in der laufenden Vermarktungssaison sieht die Kommission auf dem Niveau des Vorjahreszeitraums von 16,7 Mio. t. Damit würde sich der Selbstversorgungsgrad der Gemeinschaft als Folge der voraussichtlich größeren Erzeugung um 5 %-Punkte auf 93 % erhöhen. Unter dem Strich prognostizieren die Experten die Zuckerbestände in der EU für Ende September 2024 auf 1,4 Mio. t, was in etwa der zum Vorjahreszeitpunkt verzeichneten Menge entsprechen würde.

Die internationale Handelsklausel „tel quel“ bezeichnet die Warenlieferung im Mindeststandard. age

Zuckerproduktion

Die Weltzuckerproduktion lag im Wirtschaftsjahr 2022/23 bei 177,2 Mio. t.

Die zehn größten Zuckerproduzenten (in Mio. t) sind:

Brasilien 38,0

Indien 32,0

EU 14,8

Thailand 11,0

China 9,0

USA 8,4

Pakistan 6,8

Russland 7,1

Mexiko 5,7

Australien 4,2

Quelle: USDA

Schweine aktuell: Vitalität und Robustheit im Fokus

0

Seit einigen Jahren liegt der Zuchtschwerpunkt im Schweinebereich auf Gesundheit und Robustheit. Die Erzeugerringe in Nordrhein-Westfalen (NRW) haben vor diesem Hintergrund Daten des Jahres 2022 ausgewertet, um den Züchtern und den Landwirten die Verbesserung der Gesundheits- und Robustheitsmerkmale zu erleichtern. Die Ergebnisse sind auch für Schleswig-Holstein interessant.

Bei den Sauen werden die Nutzungsdauer (Anzahl der Würfe, Abgänge und Abgangsursachen) sowie die Fruchtbarkeit (Anzahl der tot und lebend geborenen Ferkel) beurteilt. Im Schweinemastbereich stehen die Robustheit in Form von vorzeitigen Abgängen inklusive der Ursachen dafür sowie die Schlachtbefunde im Vordergrund.

Für die Auswertung flossen 290 (Vorjahr 329) Ferkelerzeuger und 513 (Vorjahr 556) Mastbetriebe ein. Für das Jahr 2022 wurden insgesamt fast 174.533 Würfe (–31.947) und rund 2.208.522 verkaufte Mastschweine (–221.107) ausgewertet. Diese große Zahl erlaubt auch eine Differenzierung der Ergebnisse nach Schweineherkünften. Die erfassten Genetiken stellen einen repräsentativen Querschnitt der Sauen- und Mastschweinehaltung in NRW dar. Die Zahl der Herkünfte schrumpft, weil die „Großen“ Marktanteile gewinnen beziehungsweise die „Kleinen“ nicht auszuwerten sind. Über 40 % der ausgewerteten Würfe (43,4 %) und Mastschweine (42,84 %) stammen von DanHybrid-Sauen. Sie beherrschen damit den Mittelwert. Der Anteil sinkt aber.

Sauen: Ferkel je Wurf

In Tabelle 1 finden sich die Fruchtbarkeitsleistungen nach genetischer Herkunft. Die Anzahl lebend geborener Ferkel je Wurf hat sich mit 15,6 erneut erhöht (+0,1). Eine geringere Jungsauenremontierung in diesem Krisenjahr beschönigt aber auch 2022 diesen höheren Wert. Gegenüber dem Vorjahr hat in diesem Merkmal vor allem Topigs erneut um 0,3 Ferkel je Wurf zugelegt. PIC verbesserte sich um 0,1 Ferkel je Wurf; Danzucht um 0,2 Ferkel je Wurf. Die Rangierung zwischen den Herkünften hat sich nicht geändert. Nach wie vor führt mit deutlichem Abstand in diesem Merkmal die DanHybrid-Sau mit 16,8 lebend geborenen Ferkeln pro Wurf. Der Anstieg der Wurfgrößen hat sich in den vergangenen Jahren verlangsamt.

Die Anzahl tot geborener Ferkel je Wurf ist mit 1,5 gegenüber dem Vorjahr gleich geblieben. Bei den Saugferkelverlusten fiel der Mittelwert um 0,5 Prozentpunkte auf 13,7 % – eine erfreuliche Entwicklung. Bei PIC und Topigs sind die Saugferkelverluste deutlich unterdurchschnittlich. Die dänische Genetik konnte sich mit 14,3 % gegenüber dem Vorjahr (15,1 %) deutlich verbessern.

Fairnesshalber muss gesagt werden: Bei steigenden Wurfgrößen sind niedrigere Verluste schon ein erfreulicher Trend. Gleichzeitig ist gerade beim Merkmal Saugferkelverluste die Streuung zwischen den Betrieben sehr groß und die Aussagekraft des Merkmals für die Genetik begrenzt. Es gibt weiteres Verbesserungspotenzial. Daher gilt es, alle Managementmaßnahmen zu ergreifen, um die Verluste zu senken.

Die untersuchten Tiere hatten unter anderem deutlich weniger Lungenbefunde. Foto: Isa-Maria Kuhn

Ursachen für Sauenabgänge

In Tabelle 2 sind die Abgangsursachen bei den Sauen aufgeführt. Die durchschnittliche Wurfnummer beim Abgang liegt wie im Vorjahr bei 6,0. Einen Spitzenwert erreicht wie im Vorjahr PIC mit 6,7 (Vorjahr 7,1). Bei der Abgangsursache Alter fällt die Herkunft Topigs mit 41,3 % wieder positiv auf.

Im Vergleich zum Vorjahr hat es 2022 weniger Abgänge aufgrund von Fruchtbarkeitsproblemen gegeben (19,3 zu 19,8 %). Beim Merkmal Wurfqualität lag German Hybrid mit 4,4 % vorn. Bei den sehr fruchtbaren dänischen Sauen lag dieses Merkmal nah dem Durchschnitt (7,9 %). Bei so großen Würfen ist das sicherlich in Ordnung. Umso wichtiger ist es da aber, eine gute Gesäugequalität mit einer ausreichenden Anzahl funktionsfähiger Zitzen einzufordern. Im Merkmal Konditionsschwäche (7,1 %) lagen PIC und German Hybrid vorn (Wundliegen, Gesäugeprobleme, Abszesse, abgesäugt, Schwergeburten).

Im Bereich Fundamentprobleme erreicht die Genetik PIC wie in den Vorjahren einen sehr niedrigen und damit sehr guten Wert (2,7 versus 5,5 % im Durchschnitt). Die Abgangsursache Verhaltensstörung ist über alle Herkünfte hinweg mit 0,1 bis 0,2 % relativ gleich.

Mastverluste sind niedriger

Bei den Mastschweinen wurden gut 2,2 Millionen verkaufte Tiere ausgewertet. Fast alle Mastschweine stammen von Piétrain-Ebern unterschiedlicher Herkunft ab, Tendenz fallend. Nach wie vor wird die Auswertung von den Herkünften Topigs und vor allem von der dänischen Genetik dominiert.

Die Tierverluste während der Mast sind mit 2,1 % gegenüber dem Vorjahr mit 2,3 % leicht gefallen. Wie Tabelle 3 zeigt, entsprechen die Herkünfte dem Mittelwert, PIC lag mit 1,8 % deutlich besser. Als häufigste Verlustursache werden Kümmerer genannt. Kannibalismus war weniger verbreitet.

Dabei ist zu beachten: Schweine mit sehr hohem Leistungsvermögen müssen entsprechend versorgt werden, sonst werden sie unruhig. Bei den Fundamentproblemen zeigten sich wenig Abweichungen. Die Merkmale Unfall und Sonstiges sind unter dem genetischen Aspekt nicht zu interpretieren.

Deutlich weniger Lungenbefunde

Der Anteil der Tiere mit Schlachtbefunden hat sich verbessert. Im Vergleich zum Vorjahr ist die Zahl um 2,3 Prozentpunkte auf 25,7 % gefallen. Das ist weitgehend auf die Merkmale Lungenbefunde und Herzbeutel zurückzuführen. Bei 8,45 % der Schweine waren Lungenbefunde festzustellen. Im Vorjahr lag dieser Wert bei 9,11 %. Bei Brustfell und Leber zeigten sich wenig Änderungen.

Zu beachten ist jedoch, dass speziell in diesen Merkmalen die betrieblichen Einflüsse wie die Säugezeit, die Aufzuchtsituation im Flatdeck, der betriebsindividuelle Infektionsdruck, vorgenommene Sanierungsmaßnahmen, Desinfektion und Management eine große Rolle spielen. Insofern lässt erst ein Vergleich über die Jahre eine Aussage hinsichtlich des genetischen Einflusses zu.

Fazit

Insgesamt bleibt festzuhalten, dass die biologischen Leistungen in Ferkelerzeugung und Mast in NRW hoch sind und weiter leicht steigen. Die Betriebe haben ihre Impfkonzepte und ihr Management erneut verbessert. Das Leistungsniveau in der nordrhein-westfälischen Schweineproduktion ist beachtlich – auch und gerade im Hinblick auf kritische Merkmale, die im Fokus der Öffentlichkeit stehen.

Alte Spritzen lassen sich nachrüsten

0

Mit reduzierten ­Ausbringmengen kann man seinen Geldbeutel und die Umwelt schonen. Neue ­Feldspritzen können das besser als alte, aber auch Gebrauchte lassen sich aufrüsten.

Wie sieht die Pflanzenschutzspritze der Zukunft aus? Hier ist zu unterscheiden zwischen guten gebrauchten Spritzen, die man durch Nachrüsten auf den aktuellen Stand bringen kann, und denjenigen, die in naher Zukunft neu angeschafft werden müssen. Besonders angesichts der aktuellen Lieferzeiten neuer Geräte können eine gute Gebrauchte oder eine Nachrüstung auch unter dem finanziellen Aspekt durchaus interessant sein. Für gebrauchte Pflanzenschutzspritzen gibt es ein breites Nachrüstsegment. Damit können Landwirte die Spritzen auf den aktuellen Stand bringen.

Kleckerfrei dosieren

Zum Befüllen bieten sich sogenannte geschlossene Systeme an. Doch häufig werden sie infrage gestellt, da man ja eine Einspülschleuse an der Spritze hat. Dabei ermöglichen es die sogenannten Closed-Transfer-Systeme (CTS) dem Praktiker, die Pflanzenschutzmittel kleckerfrei in die Spritze zu bekommen. Das hat mehrere Vorteile: angefangen bei der wegfallenden Geruchsbelästigung über den Schutz der Umwelt bis hin zum Anwenderschutz, der gegenüber einer Einspülschleuse sehr viel höher ist.

Agrotop bietet schon seit 2013 solche Systeme (EasyFlow) an und hat sie stetig weiterentwickelt. So kann man über das neue Easymatic-System sogar spezielle 45-l-Behälter bis hin zu Großgebinden (IBC-Container) bis zu 1.000 l kleckerfrei dosieren. Ein zweites System ist easyconnect (easyconnect.tech/de). Es wird von einem Konsortium der chemischen Industrie zur Serienreife gebracht. Bisher ist nur das Fungizid Carax ab Werk mit dem speziellen Deckel für das System easyconnect ausgestattet. Weitere Produkte sollen 2024 folgen.

Gerade hierbei wird klar, dass sich die chemische Industrie des Themas Nachhaltigkeit von selbst annimmt. Mobile Wetterstationen auf der Spritze geben dem Praktiker die Sicherheit, immer die aktuelle Wettersituation auf dem Schlag im Auge zu behalten und auf Verschlechterungen durch zum Beispiel eine andere Düsenwahl zu reagieren beziehungsweise – wenn die Bedingungen derart schlecht werden – auch die Spritzung einzustellen. Diese Entscheidung muss immer lokal vor Ort getroffen werden und kann nicht durch eine zentrale Wetterstation erledigt werden.

Innenreinigung

Ist man mit der Spritzung am Ende, muss die Spritze gereinigt werden. Ist noch kein automatisiertes System vorhanden, bietet sich die kontinuierliche Innenreinigung im Nachrüstsegment an. Hierfür müssen lediglich eine angepasste zweite Reinigungspumpe und entsprechende Innenreinigungsdüsen eingebaut werden. Danach kann die Spritze bequem von der Kabine aus in weniger als 10 min auf dem Feld direkt nach der Anwendung sauber gemacht werden.

Man erkennt sehr schnell, dass die meisten Nachrüstlösungen einen umweltrelevanten Hintergrund haben und die Spritze noch genauer arbeiten lassen. Gleichzeitig profitiert der Landwirt in der Praxis davon. Er ist viel besser beim Befüllvorgang geschützt, appliziert sein Pflanzenschutzmittel dort, wo es auch hingehört, kommt mit einer topgereinigten Spritze nach Hause und braucht deshalb keine verstopften Filter zu fürchten.

Zum sicheren Befüllen der Feldspritze bieten sich geschlossene Befüllsysteme wie Easymatic und easyconnect an. Foto: Klaus Meyer
Kontinuierliche Innenreinigungen gibt es zum Nachrüsten. Foto: Klaus Meyer

Ausbringgenauigkeit

Doch wie sieht es aus, wenn ein Landwirt vor der Kaufentscheidung für eine neue Spritze steht? Fast keine Sparte wird aktuell in der Landtechnik kontroverser diskutiert als der chemische Pflanzenschutz. Gerade die Landtechnikbranche bietet viele neue beziehungsweise verbesserte Ideen, um den ohnehin sehr hohen Standard in der Ausbringgenauigkeit und somit auch des Umweltschutzes noch höher zu setzen.

Auch die Kombination von mechanischer Unkrautbekämpfung und Bandspritztechnik bietet ein enormes Einsparpotenzial bei Pflanzenschutzmitteln und unter anderem Vorteile beim Resistenzmanagement. Verbesserte Prognosemodelle, eng gekoppelt an die Ausbringtechnik mit verbesserten Sensoren, Applikationskarten, Programmen und Düsentechniken stellen die Landwirtschaft noch besser und nachhaltiger für die Zukunft auf.

Eine Anmischstation bietet logistische Vorteile. Foto: Klaus Meyer

Die Schlagkraft steigern

Durch sich stetig ändernde Betriebsgrößen behält die Schlagkrafterhöhung einen hohen Stellenwert bei der Neuanschaffung von Spritzen. Diesem Trend folgend und der Tatsache geschuldet, dass Pflanzenschutz termingerecht erfolgen muss, sind große Fassvolumina im gezogenen Bereich weiterhin sehr wichtig. In der Praxis sind Behältergrößen von deutlich mehr als 10.000 l keine Seltenheit mehr und gelten für viele als bedeutender Schritt hin zur Schlagkrafterhöhung, ohne gleich auf einen Selbstfahrer zu setzen. Jedoch darf der Landwirt dabei nicht die Befülllogistik aus den Augen verlieren. Dies fängt unter Umständen schon bei geschlossenen Befüllsystemen von Pflanzenschutzmitteln an und geht über Anmischstationen auf dem Betrieb bis hin zur Wasserlogistik im Feld weiter.

Aufgrund der Wetterkapriolen und der Tragfähigkeit der Böden wird zunehmend nach leichten Spritzen geschaut, um rechtzeitig auf den Acker zu können. Doch bei all der immer schneller und größer werdenden Technik darf der Anwender auch die Anforderungen an den Traktor bezüglich Achslasten (vor allem bei Fronttanksystemen), zulässigen Gesamtgewichten und so weiter nicht außer Acht lassen. Man merkt schnell, dass neben dem technischen Aspekt die Bedingungen auf dem Feld und in der entsprechenden Anbauregion oftmals die bestimmenden Faktoren dafür sind, was geht und was nicht.

Einen weiteren wesentlichen Beitrag leistet die Gestängestabilität, denn diese ist die Grundvoraussetzung für eine gleichmäßige Verteilung der Pflanzenschutzmittel, und auch beim Einsatz als Bandspritze muss das Gestänge optimal liegen. Denn eine noch exaktere Ausbringung der Mittel ist die Basis für einen effektiven Pflanzenschutz ohne Resistenzprobleme bei gleichzeitig maximaler Schonung der Umwelt.

Fazit

Es muss nicht immer eine neue Feldspritze sein, um auf dem Stand der Technik zu sein. Mit Nachrüstlösungen kann auch gebrauchte Technik aktualisiert werden. Geschlossene Befüllsysteme schützen den Anwender und die Umwelt, und eine kontinuierliche Innenreinigung erleichtert die Arbeit.

Hier geht es zu Teil 2. Darin geht es um Prognosemodelle und die geeignete Düsenwahl.

Rindfleischproduktion und -nachfrage rückläufig

0

Beim Fleischverzehr setzt sich der rückläufige Trend auch in diesem Jahr fort. Nach Berechnungen des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft wird im laufenden Jahr ein weiterer Rückgang des Pro-Kopf-Verzehrs von 2,6 kg auf 49,5 kg erwartet. Besonders betroffen ist davon die Nachfrage nach Schweinefleisch. Doch auch für Geflügel- und Rindfleisch wird in diesem Jahr eine geringe Abnahme des Verzehrs prognostiziert.

EU-weit weniger Rindfleisch

Auch europaweit ist der Verzehr auf knapp unter 10 kg Rindfleisch je Kopf gesunken. Dabei dürfte die gesunkene Kaufkraft der Verbraucher ein wichtiger Grund für den Rückgang sein. Es bauen sich jedoch keine Angebotsüberhänge auf, da auch die Rinderbestände abnehmen. Bei den Viehzählungen Mitte dieses Jahres ist die Zahl der Rinder in Europa um 1,5 % kleiner als im Vorjahr ausgefallen. Im Außenhandel bleibt das Vereinigte Königreich der größte Abnehmer von Rindfleisch aus der Europäischen Union. Dies wird vor allem durch Irland bedient. Aber auch Polen, Spanien, Frankreich und die Niederlande setzen umfangreiche Rindfleischmengen außerhalb der EU ab. Neben Großbritannien sind die wichtigsten Kunden Israel, Algerien, Bosnien und der Libanon.

Schlachtkühe aktuell weniger gefragt

Im hiesigen Handel mit Schlachtrindern zeigt sich eine saisonübliche Entwicklung. Dabei sind eher Jungbullen und Färsen als Schlachtkühe gefragt. Der Kurs der O3-Schlachtkuh lag Anfang September bei knapp 4,00 €/kg SG. Mittlerweile ist dieser Kurs auf 3,30 €/kg SG gefallen. Dagegen werden für den O3-Jungbullen seit zwei Monaten unveränderte 4,20 €/kg SG von hiesigen Abnehmern geboten. Der Preisrückgang für Schlachtkühe wird durch die im Herbst üblichen Selektionen in den Milchviehbetrieben erklärt. Dazu kommt die Schließung der Rinderschlachthöfe in Bad Bramstedt und in Legden (NRW). Der Wettbewerb im Schlachtrinderhandel ist spürbar kleiner geworden. Viele Fleischverarbeiter agieren derzeit vorsichtig und möchten keine großen Lagerbestände aufbauen. Die jüngsten Fälle der Blauzungenkrankheit verunsichern den Markt zusätzlich. Trotz dieser Herausforderungen glauben viele Marktteilnehmer, dass der saisonale Preisrückgang bald vorüber sein wird. Das Angebot an Schlachtkühen sollte sich dem Bedarf anpassen. Hackfleisch bleibt hoch im Kurs der Verbraucher. Für die Produktion werden Schlachtkühe benötigt.

Kälberhandel verunsichert

Der Handel mit Nutzkälbern wird aktuell durch den Ausbruch der Blauzungenkrankheit in einigen Bundesländern behindert. Nach den bestätigten Blauzungenfällen in Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen gelten diese Bundesländer als nicht frei von der Blauzungenkrankheit (BTV). Bereits vorher sind in den Niederlanden Fälle dieser Krankheit aufgetreten. Das hat zwischenzeitlich den wichtigen Absatz der Kälber an niederländische Mäster verhindert. Davon war auch der Absatz hiesiger Kälber betroffen, da sich viele Sammelplätze für Kälber für den Transport nach Holland in NRW und Niedersachsen befinden. Doch mittlerweile ist die Lieferung von Kälbern aus diesen Bundesländern in die Niederlande unter Auflagen wieder möglich. Damit sollte sich die Lage im Nutzkälberhandel entspannen.

Wenn Kinder sterben

0

Insbesondere wenn Kinder vor ihren Eltern sterben, ist die Trauer schier unendlich und dringend Unterstützung gefragt. Der Landesverein Verwaiste Eltern und trauernde Geschwister in Schleswig-Holstein bietet hier Beratung und Hilfe an. Tröstlich kann es sein, einen schönen Ort für die letzte Ruhe zu finden. Die Landwirtschaftskammer Schleswig-Holstein arbeitet mit dem Verein eng zusammen, was Waldbestattungen angeht.

Beim Tod eines Kindes, aus welchem Grund auch immer, sind Familienmitglieder und Freunde mit der Situation oft überfordert. Hierbei können Gespräche mit Menschen helfen, die selbst den Tod eines Kindes durchlebt oder sich intensiv mit dem Thema auseinandergesetzt haben. Der Landesverein Verwaiste Eltern und trauernde Geschwister Schleswig-Holstein kann hier Hilfe bieten, denn Trauer darf nicht zur Isolation führen. Der Verein vernetzt die Selbsthilfegruppen innerhalb des Bundeslandes und vermittelt Kontakte in den Regionen. So entsteht innerhalb der Selbsthilfegruppen ein Gefühl der Verbundenheit und Gemeinschaft. Hilfreiche Kontakte zu anderen Trauernden können entstehen.

Verstorbene Kinder können in einem Regenbogen-Biotop beigesetzt werden.

Der Verein arbeitet mit Verantwortlichen in Kirche, Politik und Gesellschaft zusammen, und auch mit dem Team der Waldbestattung der Landwirtschaftskammer wurde eine Kooperation geschlossen, denn die Kammermitarbeiter kommen oft als erste Anlaufstelle mit trauernden Eltern in Kontakt. Durch eine Schulung haben sie das Handwerkszeug für eine gelingende Gesprächsführung mit trauernden Eltern. Sie spenden Trost in einer emotionalen Ausnahmesituation und können die Hinterbliebenen auf den Landesverband aufmerksam machen.

Auch alle Ruheforste in Schleswig-Holstein bieten den Hinterbliebenen ihre Unterstützung an. Ruheforste ermöglichen eine Trauerbewältigung in einer natürlichen und friedvollen Umgebung. Für verstorbene Kinder gibt es spezielle Grabstätten, sogenannte Regenbogen-Biotope. Das Regenbogen-Biotop ist eine vom Förster ausgesuchte und speziell markierte Grabstätte, wo für eine Beerdigung dieselben Nutzungsbedingungen wie für eine reguläre Ruheforst-Beisetzung gelten. Eine namentliche Kennzeichnung der Grabstätte mit religiösem Symbol ist möglich. Für betroffene Eltern sind diese Regenbogen-Biotop-Plätze kostenlos. Es fällt lediglich das Beisetzungsentgelt an.

Fazit

Durch die Zusammenarbeit zwischen dem Landesverein Verwaiste Eltern und trauernde Geschwister und dem Team der Waldbestattung der Landwirtschaftskammer werden Eltern und Geschwister auf den Landesverein aufmerksam gemacht und erhalten so die notwendige Hilfe und Unterstützung. Kontakt:

Verwaiste Eltern und trauernde Geschwister Schleswig-Holstein e. V.

Friedrichstraße 7, 24837 Schleswig

Katharina Grothkopp, Tel.: 0 46 21-9 52 60 70, grothkopp@vesh.de

Landwirtschaftskammer  Schleswig-Holstein  Abteilung Forstwirtschaft – Waldbestattung

Hamburger Straße 115, 23795 Bad Segeberg

Tanja Scheel, Tel.: 0 45 51-95 98 14, tscheel@lksh.de

Rinderforschungsnetzwerk will Routinebilanzen

0

Der Klimawandel stellt die Landwirtschaft vor immer ­größere ­Herausforderungen. Das ­Projekt Rinderforschungsnetzwerk Schleswig-Holstein (RindforNet_SH), in dem alle Forschungsstationen mit Milchviehhaltung in Schleswig-Holstein kooperieren, hat sich zum Ziel gesetzt, eine digitale und möglichst standardisierte Bereitstellung der betriebsspezifischen Daten von Milchvieh haltenden Betrieben für die Klimabilanzierung zu ermöglichen.

Um die langfristige Stabilität der Agrarproduktion zu gewährleisten, müssen Landwirte sich mit Klimaschutz- und Klimaanpassungsmaßnahmen auseinandersetzen.

Klimaveränderung und Anpassungsstrategien

Temperaturen steigen an, Niederschlagsmuster verändern sich und extreme Wetterereignisse nehmen zu. Es kommt zu Ernteausfällen und veränderten Umgebungsbedingungen für Nutztiere. Das Umweltministerium Schleswig-Holstein hat im Juli dieses Jahres das Klimaschutzprogramm 2030 veröffentlicht mit dem Ziel, dass Schleswig-Holstein bis 2040 klimaneutral werden soll (Ausgabe 30 vom 29. Juli 2023). Durch optimierte technologische Anpassungen im Wirtschaftsdüngermanagement sollen bis zum Jahr 2030 596.000 t CO2-Äquivalente an Emissionen in der Landwirtschaft eingespart werden. In diesem Zuge tauchen Fragen auf: Wo kann ich ansetzen, um aktiv etwas für den Klimaschutz zu leisten? Wo stehe ich mit meinem Betrieb? Wie hoch ist der eigene CO2-Fußabdruck?

Treibhausgasemissionen aus der Landwirtschaft

Etwa 8 % der Gesamtemissionen Deutschlands werden dem Landwirtschaftssektor und der Landnutzung zugeschrieben. Der Einsatz fossiler Brennstoffe zum Betrieb landwirtschaftlicher Maschinen und stationärer Einrichtungen verursacht Emissionen von Kohlendioxid (CO2), ebenso wie Humusabbau infolge von Landnutzungsänderungen. Methan (CH4) entsteht während der Verdauung von Wiederkäuern und wird beim Ruktus und auch aus den Wirtschaftsdüngern freigesetzt. Beim Umsatz von Stickstoff aus Wirtschafts- und Mineraldüngern entstehen Lachgasemissionen (N2O).

In einem Beratungsgespräch können Optimierungspotenziale für den eigenen Betrieb gefunden werden.

Klimabilanzierungsmodelle zur Berechnung

Heute werden verschiedene Modelle zur Berechnung der Treibhausgasemissionen auf landwirtschaftlichen Betrieben eingesetzt. Jedoch gibt es derzeit dafür keine bindenden gesetzlichen Vorgaben. Klimarechner zeigen auf, wie viele Treibhausgasemissionen in der Landbewirtschaftung oder der Milchproduktion entstehen und auch bei welchen Produktionsabschnitten. Das Zusammentragen der Daten für eine Klimabilanzierung stellt Betriebe vor Herausforderungen. Auch müssen die Eingangsdaten standardisiert werden, um eine Vergleichbarkeit herzustellen. Im Projekt RindforNet_SH sollen der Aufwand für die Klimabilanzierung durch digitale Datenflüsse verringert und Know-how in der einzelbetrieblichen Beratung aufgebaut werden. Methodische Weiterentwicklungen, zum Beispiel für die weidebasierte Fütterung und die Mitarbeit bei der Harmonisierung der Bilanzierungsmethoden, werden angestrebt.

Wofür eine Klimabilanz?

Durch die einzelbetriebliche Klimabilanzierung erhalten Landwirtinnen und Landwirte eine Übersicht der betriebseigenen Treibhausgasquellen und -emissionen. Einzelbetriebliche Beratung kann im weiteren Verlauf dabei unterstützen, die Betriebsprozesse effizienter und klimafreundlicher zu gestalten. Die enge Verzahnung unterschiedlicher Produktionsbereiche stellt für die Klimabilanzierung eine große Herausforderung dar, zum Beispiel die korrekte Erfassung der Stoffflüsse in der Milchproduktion.

TEKLa: Beratungstool für die Klimabilanzierung

Um die Klimabilanzierung für die Landwirtschaft voranzubringen und Lösungen für die Digitalisierung zu finden, wird im Projekt RindforNet_SH zunächst auf den Treibhausgas-Emissions-Kalkulator-Landwirtschaft (TEKLa) der Landwirtschaftskammer Niedersachsen zurückgegriffen. Dieses Instrument ermöglicht eine Bilanzierung der Treibhausgasemissionen für verschiedene Betriebszweige und wird seit 2017 in der Beratung angewendet. Das Tool basiert auf dem Berechnungsstandard für einzelbetriebliche Klimabilanzen (BEK), herausgebracht vom Kuratorium für Technik und Bauwesen in der Landwirtschaft e. V. (KTBL). Dieser wurde 2016 veröffentlicht und bietet neben einem Handbuch auch eine Datenbank mit zahlreichen Emissions- und Umrechnungsfaktoren, die regelmäßig aktualisiert werden.

Als Ergebnis zeigt TEKLa einen produktbezogenen CO2-Fußabdruck, zum Beispiel je Kilogramm Milch oder Weizen. Werden mehrere Produktionsjahre bilanziert, können zudem die Entwicklung des Betriebes betrachtet und so auch die Wirksamkeit von Managementveränderungen oder auch die Wirkungen unterschiedlicher Ernteerträge in Zahlen aufgezeigt werden. Auf der Hand liegen Minderungspotenziale zum Beispiel in der Reduzierung des Stromverbrauchs, einem geringeren Mineraldüngereinsatz oder dem Bezug von Sojaschrot aus zertifiziertem, entwaldungsfreiem Anbau. Komplexer ist es, wenn zukünftig Futterqualitäten und detaillierte Massenflüsse der Futterkette mit in die Bilanz einbezogen werden und zur Kontrolle mit Messwerten von Methan-Sensoren abgeglichen werden. Hier besteht weiterer Forschungsbedarf.

Was macht RindforNet_SH sonst noch?

Neben der Klimabilanzierung in Milchvieh haltenden Betrieben behandeln weitere Arbeitspakete des Projektkonsortiums von ­RindforNet_SH Themen der Eutergesundheit und des Weidemanagements. Auch hier sollen Lösungen zur Digitalisierung entwickelt werden. Mittels Beratungsangeboten, Bildungs- und Öffentlichkeitsarbeit sollen die gewonnenen Erkenntnisse und Technologien in die Praxis getragen werden. Digitale Lösungen im Datenmanagement, bei Arbeitsprozessen und neue Datenerfassungssysteme sollen das Betriebsmanagement im Hinblick auf Ressourceneffizienz, Arbeitssicherheit und das Tierwohl verbessern.

Das Projekt wird im Rahmen der Einrichtung von Experimentierfeldern als Zukunftsbetrieben und Zukunftsregionen der Digitalisierung in der Landwirtschaft sowie in vor- und nachgelagerten Wertschöpfungsketten durch das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL) gefördert.

Fazit

Die Klimabilanzierung in landwirtschaftlichen Betrieben soll vorhandene Treibhausgasemissionen quantifizieren und Minderungspotenziale aufzeigen. Angesichts der zunehmenden Herausforderungen im Klimawandel und um die national und international vereinbarten Klimaschutzziele zu erreichen, sind Veränderungen in der landwirtschaftlichen Produktion notwendig. Klimaberatungstools bieten eine wertvolle Unterstützung bei der Entwicklung standort- und betriebsangepasster Maßnahmen zur Reduzierung der Treibhausgasemissionen. Digitale und transparente Datenflüsse werden angestrebt. So können Landwirte nicht nur einen Beitrag zum Klimaschutz leisten, sondern gegebenenfalls auch die eigene Produktion ökonomisch effizienter und nachhaltiger gestalten.

Dr. Hans Marten Paulsen, Maret Ellinghausen, Thünen-Institut für ­Ökologischen Landbau Trenthorst
Dr. Laura Maxi Stange, Landwirtschaftskammer SH

Bäume im Norden profitieren vom maritimen Klima

0

Für die Vorstellung des Waldzustandsberichts 2023 hatte Forstminister Werner Schwarz (CDU) vergangene Woche Freitag den sogenannten Lärchenwald in Bissee, Kreis Rendsburg-Eckernförde, ausgesucht. Mitten im Waldstück, das zur Försterei Bordesholm der Schleswig-Holsteinischen Landesforsten gehört, prangt ein steinerner Tisch – umgeben von einer Mischung aus Buchen, Eichen, Douglasien, Ahorne, weiteren Laubbäumen und natürlich auch Lärchen. Mit der Wahl der Örtlichkeit wollte Schwarz auf die neue Waldstrategie hinweisen, die das Ministerium für Landwirtschaft, ländliche Räume, Europa und Verbraucherschutz (MLLEV) im kommenden Jahr erarbeiten wird.

Werner Schwarz freute sich über eine leichte Verbesserung des Gesamtzustandes der Landeswälder.

Die zukünftige Waldstrategie speist sich aus einer zentralen Erkenntnis des aktuellen Waldzustandsberichts, den die Nordwestdeutsche Forstliche Versuchsanstalt (NW-FVA) für das Ministerium erstellt hatte. Denn obwohl das Vegetationsjahr 2022/2023 mit einer Mitteltemperatur von 10,4 °C eines der wärmsten seit Beobachtungsbeginn im Jahr 1881 ist, hat sich der Gesamtzustand der schleswig-holsteinischen Wälder leicht verbessert. Positiv hat sich dabei die regenreiche Witterung im Jahr 2023 ausgewirkt – und der hohe Anteil an Mischwäldern.

So hat sich der Trend des allmählichen Absinkens der mittleren Kronenverlichtung weiter fortgesetzt. Starke Baumschäden sind weiter rückläufig und auch die Absterberate liegt auf einem sehr niedrigen Niveau. Verschiedene Baumarten wie Eiche, Douglasie, Lärche oder Sitkafichte kämen mit dem Klimawandel besser zurecht, erläuterte Schwarz. „Die Ergebnisse unterstreichen die Bedeutsamkeit, unsere Wälder zu klimastabilen und vielfältigen Mischwäldern umzubauen“, sagte der Minister.

Gute Zusammensetzung

Im Detail stellte Dr. Ulrike Talk­ner den Waldzustandsbericht vor. Mittels Schautafeln machte die Leiterin der Versuchsanstalts-Abteilung Umweltkontrolle deutlich, dass die Wälder im Land mit dem Klimawandel noch recht gut zurechtkämen. „Die Bäume profitieren von dem maritimen Klima, auch wenn die Verteilung der Niederschläge sehr unterschiedlich war“, sagte Talkner. So war das Frühjahr sehr trocken, zudem hat der Ostteil des Landes geringere Regenmengen abbekommen. Ein weiterer Pluspunkt ist der gute Zustand der Waldböden.

Dr. Ulrike Talkner sprach von einem deutlichen Einfluss des Klimawandels auf den Wald.   Fotos: Sven Tietgen

Die Untersuchungsleiterin sprach weiter von einer sehr guten Zusammensetzung der Baumarten. 61,9 % gehören zu den Laubbäumen, am weitesten verbreitet sind in diesem Segment die Buchen mit 25,3 %, gefolgt von den Eichen mit 14,4 %. Die Fichten machen 17,1 % der Bäume aus – und erlitten in den vergangenen Jahren überdurchschnittlich viele schwere Schäden. Der im Vergleich zu anderen Bundesländern relativ geringe Fichtenanteil wirkte sich aber positiv auf den Gesamtzustand der Landeswälder aus. Talkner schilderte: „Wir erleben einen deutlichen Einfluss des Klimawandels, der ist aber lange nicht so dramatisch wie in anderen Bundesländern, die über einen deutlich höheren Fichtenanteil verfügen.“

Problemfall Esche

Einen Wermutstropfen enthält der Waldzustandsbericht aber auch: Das Eschentriebsterben stellt nach den Worten von Schwarz weiter eine Gefährdung der Bestände dar. Dies gilt für die Areale der Landesforsten ebenso wie für die Privatwälder, die rund 51 % der Gesamtwaldfläche ausmachen. Das Problem mit den Eschen, die ein wertvolles Nutzholz liefern, besteht seit dem Jahr 2010. Die Erkrankung rührt von einem Schlauchpilz her, der aus Asien eingeschleppt wurde.

Insgesamt sieht das Land sich auf dem richtigen Weg, die schleswig-holsteinischen Wälder gesund aufzustellen und an die klimatischen Veränderungen anzupassen. Die zu entwickelnde Waldstrategie zielt darauf ab, sogenannte Klimawälder anzupflanzen, die viele unterschiedliche Baumarten enthalten und gegen Wetterextreme resistent sind. Damit will das waldärmste Bundesland den Waldanteil von derzeit 11 % auf 12 % der Landesfläche erhöhen. Eingriffe in Privatwälder sind laut Schwarz aber nicht vorgesehen. „Die Nutzung obliegt allein den Eigentümern“, betonte der Minister. 

Der Waldzustandsbericht im Internet: https://t1p.de/vcxzs

Schwere Steine aus dem Rucksack nehmen

0

Landwirt Christoph Rothhaupt lebt in Unterfranken. Als sein Vater stirbt, bleibt keine Zeit für Trauer. Er übernimmt den elterlichen Milchviehbetrieb und rackert über Jahre bis zur Depression und völligen Verzweiflung. Er bricht zusammen, kann und will nicht mehr. Endlich holt er sich Hilfe.

„Reden bringt ganz arg viel. Es schafft Erleichterung“, betont Christoph Rothhaupt. Es sei, wie schwere Steine aus einem Rucksack zu nehmen. Er will anderen Menschen Mut machen: „Mir ist es wichtig, dass Leute frühe Anzeichen erkennen und nicht einfach so weitermachen wie ich und in ein tiefes Loch fallen“, unterstreicht der 40-Jährige und sagt ganz offen: „Ich wäre nicht mehr hier, wenn mir keiner geholfen hätte.“

Darum erzählt er seine Geschichte und geht damit an die Öffentlichkeit – wer sich informieren möchte, findet im Internet Fernsehbeiträge über seinen Weg. Außerdem war er Interviewpartner im Podcast „Boden & Leben“ mit dem Titel „Depression, Burn-out, Suizid in der Landwirtschaft“. Dort berichtet er im Gespräch mit Landwirtskollege Michael Reber, wie es war, als sein Vater vor neun Jahren starb und ihm den Ackerbau- und Milchviehbetrieb mit 75 Kühen hinterließ. Schon drei Tage nach der Beerdigung baut der damals 31-Jährige den dringend benötigten neuen Melkroboter im Stall ein. Zeit für Trauer bleibt da nicht. Er muss funktionieren, der Betrieb – von Großvater und Vater aufgebaut – muss laufen, schließlich hängt ja auch seine Familie daran. Einige Zeit scheint das gut zu gehen, doch dann folgt ein Durchhänger, Leerlauf, er schläft schlecht, „der Kopf denkt nur noch: Was ist morgen?“

Landwirt Christoph Rothhaupt ließ sich in einer schweren Krise helfen.  Foto: privat

Ein Urlaub in Schweden bringt Erholung, es läuft wieder bis 2018. Dann bekommt er bei der Arbeit Angstzustände, düstere Gedanken quälen ihn, Selbstzweifel. Er rutscht in eine Depression, baut körperlich ab. Sein ganzer Selbstwert hängt damals am Betrieb. Alles soll möglichst perfekt laufen, doch dann gibt es im Stall eine Euterentzündungswelle, in die er sich hineinsteigert. Schließlich läuft es wieder – bis zu dem Tag, als er erneut im Milchfilter Flocken entdeckt. Er bricht zusammen. „Ich wollte nicht mehr.“ Rückblickend sagt er, dass er nur wegen seines Erstgeborenen durchgehalten habe. Seiner Frau blieb der Zustand ihres Mannes nicht verborgen, doch er wollte sie nicht ins Vertrauen ziehen, blockte Nachfragen ab. „Sie hat das Kind daheim gehabt, ich wollte sie nicht noch mehr belasten mit meinen Problemen“, erinnert er sich.

Letztlich hat sie ihn gerettet: Schon Wochen vor seinem Zusammenbruch hatte sie ihm eine Karte mit der Telefonnummer einer ländlichen Familienberatung hingelegt. Zum Glück, denn Christoph Rothhaupt ist völlig am Boden. Trotzdem nimmt er seine letzte Kraft zusammen, sucht die Karte heraus und ruft dort an. Am nächsten Tag folgt ein Gespräch in der Beratungsstelle. Er habe, wie er heute sagt, seine Riesenlast abladen können: „Das Gespräch war einfach so befreiend!“

Der Grunddruck ist damit weg, das Verständnis der Beraterin groß. Es sind die ersten Schritte heraus aus der Abwärtsspirale. Im Laufe der Aussprache fällt eine entscheidende Frage, über die der Landwirt erst daheim so richtig nachdenken kann: „Geht’s denn auch ohne Kühe?“ Es folgt die härteste Entscheidung seines Lebens: Er beschließt tatsächlich, die Herde an einen Interessenten zu verkaufen – ein neues Konzept für den Betrieb gibt ihm Hoffnung. Der Abschied von den Kühen habe ihm „saumäßig wehgetan“, und doch wusste er damals: In seiner Situation war es für ihn persönlich genau das Richtige.

Und richtig war es auch, zum Hausarzt zu gehen. Er bekam Medikamente gegen seine Depression. Christoph Rothhaupt erklärt das so: „Sie sind eine Brücke, damit man wieder handeln kann.“ Als die Kühe weg waren, hatte er ein halbes Jahr Zeit für sich. Jetzt kann er sich mit sich selbst befassen, wieder zu sich finden. Es beginnt ein Heilungsprozess, auch dank einer Gesprächstherapie – sie tue einfach gut, wie er sagt. Und er kapiert, dass er von klein auf gelernt hat, immer nur Leistung zu bringen. Diesen Fehler in der Erziehung will er bei seinen beiden Kindern nicht wiederholen.

Mittlerweile arbeitet er halbtags im Agrarhandel. Und aus dem Vollerwerbshof mit 75 Milchkühen und 110 ha Fläche wurde ein Nebenerwerbsbetrieb mit 85 ha Ackerbau und Gemüseanbau, voll ökologisch bewirtschaftet. Die Verantwortung ruht jetzt auf mehreren Schultern, denn eine Freundin und ein Freund, ebenfalls aus der Landwirtschaft, sind nun mit ihm im Boot der gemeinsam gegründeten GbR Löwenhain in dem kleinen Dorf Lebenhan.

Vermarktet wird über den eigenen Hofladen mit Selbstbedienung, den Christoph Rothhaupts Frau Marina regelmäßig befüllt. Und auch auf einem Regionalmarkt sind sie mit ihren Produkten dabei. Christoph Rothhaupt ist froh, dass er lebt. Und er gehe, wie er sagt, gern neue Wege, auch dabei zeigt er Offenheit: Das Gemüse auf dem Hof bauen die drei in Mulch an. Das hat bundesweit eher Seltenheitswert. Doch für sie ist es eine wunderbare Möglichkeit, im trockenen Unterfranken weniger bewässern zu müssen. Zudem schützt der Mulch bei Starkregen den feinkrümeligen Boden vor Verschlämmung und verbessert die Wasseraufnahme. Außerdem gehören Hühner und Salers-Rinder zum Hof.

Keine Frage, auch der umstrukturierte Betrieb bietet manche Herausforderung. Dazu zählt auch, dass vergangenen November der Selbstbedienungs-Hofladen geplündert wurde und nun per Videokamera überwacht wird. Auch wenn es über Wochen nicht regnet, wachsen die Sorgen. Doch Christoph Rothhaupt hat dank seiner Therapie gelernt, was er tun kann, damit das Gedankenkarussell nicht wieder loslegt und Probleme nicht zu Weltuntergangsszenarien anwachsen.