Eine Bühne für einen Nationalpark Ostsee bot der 27. Naturschutztag in den Holstenhallen in Neumünster, den das Bildungszentrum für Natur, Umwelt und ländliche Räume (BNUR) zusammen mit dem Umweltministerium und weiteren Organisationen veranstaltete. Fachleute aus ganz Deutschland begründeten unter dem Titel „Nationalparke – Erfolgsmodell für Naturschutz und Regionalentwicklung“ das von Umweltminister Tobias Goldschmidt (Grüne) favorisierte Projekt in Schleswig-Holstein. Gegner oder Skeptiker eines Nationalparks Ostsee hatten auf der Veranstaltung keine Bühne.
Um mit der Schlussrunde zu beginnen: „Sollen wir vielleicht Speedbootfahrer und Kitesurfer mit auf das Podium holen?“, fragte rhetorisch die Moderatorin, die Journalistin Dr. Tanja Busse vom WDR. Nein, das wollte man nicht. Von den 750 angemeldeten Gästen bekannten sich auf Nachfrage per Handzeichen so gut wie alle als Naturschützer. Nur wenige Landwirte oder Fischer hoben die Hand, im Mittelfeld lagen Vertreter von Behörden. Sie alle genossen gut vier Stunden Vortrag plus Pausen.
Aber zurück zum Anfang. Mit einem Patienten, der immer mehr an Widerstandskraft verliere, verglich BNUR-Leiterin Nicole Rönnspieß die Erde. In sechs von neun Bereichen seien die planetaren Grenzen bereits überschritten, darunter Klima, Biodiversität und Meere. „Es ist eine Bereitschaft zum Wandel vorhanden – in der Theorie“, so Rönnspieß, das aber bedeute das Verlassen der Komfortzone, und das mache Angst.
„Wir müssen besser werden“
„Wenn wir bei Klima- und Artenschutz nicht besser werden, wird es drastische Folgen für die Menschheit haben“, schloss Umweltminister Tobias Goldschmidt an und leitete sogleich zur Ostsee über: „Dass es der Ostsee schlecht geht, wissen wir alle.“ Als Beispiele nannte er sinkende Bestände von Schweinswalen, Eisenten, Dorsch, Hering, nannte er Todeszonen ohne Sauerstoff sowie alte Munition. „Wer Angst vor einem Nationalpark hat, sollte besser Angst davor haben, dass wir die Ostsee nicht genug schützen!“ Man werde den abgeschlossenen Konsultationsprozess auswerten und eine verantwortliche Entscheidung treffen. Allerdings habe er „von Kritikern nicht allzu viele Vorschläge gehört“. Er verstehe, dass es in der Einführungsphase Akzeptanzprobleme gebe, aber „wenn ein Nationalpark einmal da ist, ist die Akzeptanz groß“, so der Minister.
0,6 Prozent der BRD
Einen Überblick über die bestehenden Nationalparke in Deutschland gab Peter Südbeck vom Verein Nationale Naturlandschaften. Der älteste wurde vor 50 Jahren im Bayerischen Wald gegründet. Heute gibt es 16 Nationalparke, wovon das Schleswig-Holsteinische Wattenmeer mit 441.500 ha der größte ist, sogar europaweit. Insgesamt bedecken die deutschen Nationalparke nur 0,6 % der Bundesrepublik. „Natur Natur sein lassen“ nannte Südbeck das grundlegende Prinzip.
Michael Kruse, Leiter des Nationalparks Schleswig-Holsteinisches Wattenmeer, betonte gegenüber anderslautenden Befürchtungen, dass Fischerei weiterhin zulässig sei. Sogar die bodenberührende Fischerei, die die Grundfauna schädige, sei im Zuge eines Kompromisses auf mehr als 50 % der Wasserfläche erlaubt, die Muschelwirtschaft in vier Gebieten auf 13 % Fläche begrenzt. Natürlich sei der Küstenschutz nicht eingeschränkt.
Claus von Hoerschelmann vom Landesbetrieb für Küstenschutz, Nationalpark und Meeresschutz (LKN) nannte die Säulen der Bildungsarbeit: 40 Infoeinrichtungen mit dem Multimar Wattforum in Tönning als Zentrum, Angebote für Schulen, die Ranger mit Exkursionen und Wattwanderungen, Freizeitangebote für Jugendliche, Fortbildung für Multiplikatoren. Katja Just sprach für die 189 Nationalparkpartner aus der Bevölkerung, die die gemeinsame Idee stärken, darunter die bekannte Schriftstellerin Dörte Hansen.
Die „Marke“ zieht
„Die Akzeptanz steigt mit der Zeit drastisch an“, erklärte Prof. Hubert Job von der Universität Würzburg, der dies untersucht hat. Die Wahrnehmung der „Marke Nationalpark“ sei in der Öffentlichkeit deutlich am besten, was dem Tourismus zugutekomme. „Wenn es draufsteht, kommen die Leute.“ Michael Kettler von der Nordsee Tourismus Service GmbH untermauerte dies mit Zahlen. Allerdings räumte er ein, dass die Klientel der Besucher in etwa gleich geblieben sei. „Es sind nicht neue oder andere Gäste gekommen.“
Mit Akzeptanzforschung Erfahrung hat Dr. Wolfgang Schlund vom Nationalpark Schwarzwald, gegründet im Januar 2015. Sieben Jahre lang wurde dort das Projekt mit den betroffenen Gesellschaftsgruppen mittels Bürgerbefragung, Arbeitskreisen und Gutachten vorbereitet. „Alle am Prozess Beteiligten waren am Ende sehr zufrieden.“ Es wurde ein Nationalparkrat gegründet, der zur Hälfte aus der Verwaltung und zur Hälfte aus der Region besetzt war. Bei einer späteren Erhebung sprachen sich 70 % für den Nationalpark aus – im ganzen Land. Doch Überraschung: In den anrainenden Gemeinden waren 80 % dagegen. Als eine Erweiterung der Fläche zur Lückenschließung beabsichtigt wurde, bildete sich eine Bürgerinitiative dagegen.
Bei seiner Schlussfolgerung wurde Schlund leidenschaftlich: „Es ist eine emotionale Frage. Wir müssen die Herzen der Menschen erreichen, und die erreichen wir, wenn wir vermitteln, dass Nationalparks unverzichtbar sind für die biologische Vielfalt, unverzichtbar, um der Menschheit eine lebenswerte Welt zu sichern. Indem ich einige Arten rette, rette ich das Übersystem.“
„Laute Gegner“
Sechs der insgesamt mehr als zehn Referenten waren zur Abschlussdiskussion auf das Podium geladen. Als Moderatorin Busse den Umweltminister zum Widerstand gegen einen Nationalpark Ostsee befragte, antwortete Goldschmidt: „Ist es wirklich viel Widerstand? Es sind vielmehr die, die laut ihre Position vertreten, die sie für richtig halten. Es gibt auch viel Zuspruch.“ Nach einer Veranstaltung mit Gegnern kämen immer drei oder vier auf ihn zu und sagten: Mach weiter! Schließlich errege auch eine Steuererhöhung oder Anschnallpflicht im Auto Widerstand. Politik könne und müsse entscheiden, „da müssen wir mehr Mut haben“. Auf das Argument, es gebe an der Ostsee doch schon Schutzgebiete, erklärte Südbeck, die seien sehr unkonkret, und die Bestimmungen würden oft nicht umgesetzt. „Wir brauchen eine einheitliche Verwaltung und nicht Stückwerk.“ Es gehe um Verbindlichkeit: „Bei Freiwilligkeit halten sich die einen daran und die anderen nicht.“
Probleme nicht benannt
Ludwig Hirschberg, Vizepräsident des Bauernverbands Schleswig-Holstein (BVSH), war am Konsultationsprozess beteiligt und nahm mit Präsident Klaus-Peter Lucht an der Veranstaltung teil. In einer Pause nach seiner Einschätzung befragt, sagte er: „Mir fehlt die inhaltliche Diskussion. Wir haben uns in der Konsultation mit Argumenten und Fragestellungen beschäftigt. Keine davon wurden heute aufgegriffen. Hier geht es um Emotionen und Leidenschaften, das ist oberflächlich.“ Eine Beteiligung an der Veranstaltung habe der Bauernverband angeboten.
Bei der Publikumsbefragung meldete sich neben begeisterten und ermunternden Naturschützern dann doch ein Gegner zu Wort, Lutz Gehrke von den Wassersportlern. „Wir haben heute zugehört und sind nicht laut geworden. Die wirklichen Probleme, die wir sehen und die hier nicht angesprochen wurden, müssen wir weiterdiskutieren. Wenn wir ehrliche Antworten bekommen hätten, wäre der Konsultationsprozess anders verlaufen. Lassen Sie uns jetzt die Hand reichen und nicht an der Marke festhalten.“
Editorial unter www.bauernblatt.com/nur-mal-kurz-die-welt-retten/




