Der Demeter-Verband – ein biologisch-dynamisches Landwirtschaftskonzept mit anthroposophischen Grundlagen – wird dieses Jahr 100 Jahre alt. Für Schleswig-Holstein und Hamburg wird das gefeiert auf dem Demeter-Hof Dannwisch in 25358 Horst im Kreis Steinburg am Sonntag, 16. Juni, ab 13 Uhr bis in den Abend.
100 Jahre ist es her, dass der Begründer der anthroposophischen Philosophie, Rudolf Steiner, im heute polnischen Koberwitz im damaligen Niederschlesien auf Bitten von Landwirten, die sich um die Bodenfruchtbarkeit sorgten, acht Vorträge hielt. Dieser sogenannte Landwirtschaftliche Kurs bildete den Impuls und die Grundlage für die biodynamische Wirtschaftsweise. Ab 1928 wurden die so erzeugten Lebensmittel unter der Marke Demeter vermarktet. Es ist der Name der griechischen Göttin der Fruchtbarkeit, insbesondere des Ackerbaus, und der natürlichen Kreisläufe von Saat und Ernte, Geburt und Tod. Als Schwester von Zeus steht sie ganz oben in der Hierarchie der olympischen Götter.
Das Konzept der biodynamischen Landwirtschaft beruht unter anderem auf der Kreislaufwirtschaft. Das heißt, nur so viele Tiere zu halten, wie man vom eigenen Futter ernähren und deren Dung man verwerten kann. Die Gemeinschaft hat einen hohen Wert, die Mitarbeitenden, häufig auch Menschen mit Handicap, werden sozial einbezogen, etwa durch gemeinsames Essen und Rituale. Eine Besonderheit bei Demeter ist der Einsatz von Präparaten im Pflanzenbau (siehe dazu den folgenden Artikel).
Mit ihrem ganzheitlichen Gesamtkonzept hat Biodynamik eine Leitbildfunktion. Es waren Mitglieder dieser Bewegung, die wichtige Entwicklungen im Ökolandbau vorangebracht haben wie die Saatgutzüchtung, Formen der solidarischen und sozialen Landwirtschaft, Bruderhahnaufzucht, muttergebundene Kälberaufzucht sowie das Einbeziehen von Natur- und Artenschutz.
„Vor 100 Jahren hat daran sonst keiner gedacht“, sagt Dirk Kock-Rohwer, Demeter-Landwirt in Bönebüttel, Kreis Plön, und Grünen-Politiker mit Sitz im Landtag. Heute seien die Grenzen fließender, auch konventionelle Betriebe achteten auf Bodengesundheit, beschäftigten Menschen mit Behinderung.
Als internationale Biomarke ist Demeter heute auf allen Kontinenten vertreten. In rund 80 Ländern wirtschaften rund 8.000 Landwirte mit rund 250.000 ha Fläche nach den Demeter-Richtlinien biologisch-dynamisch, dazu kommen mehr als 2.500 Demeter-Mitglieder aus Verarbeitung und Handel. In Deutschland sind es rund 1.800 Landwirte mit rund 114.000 ha Fläche, in Schleswig-Holstein 75.
Ganzheitliches Denken in der Praxis
Hof Klostersee bei Cismar, Kreis Ostholstein
Hof Klostersee hat seine Flächen, wie schon der Name sagt, auf einem ehemaligen See des Klosters Cismar, einem Haff der Ostsee, trockengelegt um 1860 von Hamburger Kaufleuten. Die Hofstelle in der Gemeinde Grömitz im heutigen Kreis Ostholstein wurde 1863 gegründet, seit 1987 ist sie Demeter-Betrieb.
Bisher wurde das Gebiet noch nicht wie etwa der nahe Oldenburger Graben in die landesweite Kulisse für Wiedervernässung aufgenommen. „Wir haben lange Erfahrung mit der Wasserregulierung, das muss man standortspezifisch betrachten“, sagt der landwirtschaftliche Betriebsleiter Knut Ellenberg (57) und ist damit einig mit anderen betroffenen Bauern im Land.
Zunächst aber macht er sich Gedanken über die Bodenqualität. „Die Substanz an den tiefen Stellen ist in hohem Maße organisch, die müssen wir vor Verbrauch schützen.“ 32 ha davon werden seit 25 Jahren extensiv von Rindern beweidet, doch „das hebt den ökologischen Wert nur zum Teil. Das Land aus der intensiven Bewirtschaftung zu nehmen reicht nicht, es braucht zusätzliche Maßnahmen.“ Was zum Beispiel? Er überlegt. „Eventuell weitere Tierarten, Ziegen, Schafe, doch das ist wirtschaftlich schwierig.“
Auch die biologisch-dynamische Demeter-Landwirtschaft sei ja in die ökonomischen Verhältnisse eingebunden, aber sie versuche, das natürliche und das wirtschaftliche Umfeld als ganzheitlichen Haushalt zu begreifen. „Das Futter kommt von der Fläche und geht wieder zur Fläche. Die Kuh gibt der Fläche zurück, was ihr fehlt, das ist Kreislaufwirtschaft.“ Gemeint ist, dass mit dem Dung möglichst viele Stoffe an dem Ort bleiben, wo sie herkommen.
In diesem Sinne wird auf Hof Klostersee auch Saatgut zum Teil nachgezogen, Roggen wieder ausgesät, bei Weizen und Dinkel ist man an Saatgutzuchtprojekten beteiligt. Acker und Grünland werden in einem ausgewogenen Verhältnis von 80 zu 120 ha gehalten. Das Getreide für die eigene Bäckerei wird am Hof gereinigt und gemahlen, sie verarbeitet davon rund 35 t im Jahr zu Brot und anderen Back- und Konditorwaren, die im Hofladen verkauft werden.
Es werden 60 Stück Milchvieh auf dem Hof gehalten und der eigene Bulle „Thor“. Ein Fünftel der Milch wird in der eigenen Käserei verarbeitet. Es gibt 32 Schweinemastplätze. Jährlich werden rund 18 Rinder geschlachtet und wöchentlich zwei Schweine. Das alles liefert jede Menge eigene Produkte für den großen Hofladen, für den Gemüse und andere Demeter-Produkte zugekauft werden.
Seit 2011 wird muttergebundene Kälberaufzucht praktiziert – was keine Demeter-Bedingung ist – und mit den Erfahrungen weiterentwickelt. Inzwischen ist das Verfahren auf Hof Klostersee so: Die Mutter – nicht eine Amme – kommt vor dem Melken zum Kalb. In der ersten Woche ist sie den ganzen Tag bei ihm, dann acht bis zehn Wochen zweimal am Tag, danach kommt eine Phase, in der das Kalb noch am Eimer trinkt.
„Die Anthroposophie begründet unser Tun, wir setzen sie praktisch um, wir dozieren sie nicht“, erklärt Ellenberg, der auch im Vorstand von Demeter Nord ist. Nur eine kleine Gruppe der Mitarbeitenden beschäftige sich bewusst damit. Großes Interesse zeigten zum Beispiel die beiden landwirtschaftlichen der vier Auszubildenden.
Die anthroposophische Philosophie spiegelt sich auch in der gemeinschaftlich gehaltenen Rechtsform wider: Der Hof ist im Eigentum eines gemeinnützigen Vereins. Eine landwirtschaftliche GbR ist Pächter, die sechs Gesellschafter sind Betriebsleiter für verschiedene Bereiche. Der Hofladen hat aus rechtlichen Gründen eine eigene GbR. Unabhängig davon gibt es ein Seniorenprojekt mit sieben Wohnplätzen. Insgesamt arbeiten rund 30 Personen auf dem Hof – von den Auszubildenden bis zu den Gesellschaftern –, die meisten, nämlich 16, im Hofladen. Fünfmal im Jahr kommen Schulpraktikanten der 9. Klassen für jeweils drei Wochen.
Ein typisches Beispiel für die anthroposophische Herangehensweise, von der der eine oder andere gehört haben mag, ist der Einsatz sogenannter Präparate: Kuhdung wird in Kuhhörnern über Winter vergraben, dann in Wasser gerührt und auf die Flächen gesprüht. Ein Horn-Kiesel-Präparat kommt im Sommer in die Erde und hernach auf die Pflanzen. „Auch das dozieren wir nicht“, sagt Ellenberg, „wir lassen die Auszubildenden rühren, die Substanz verändert sich, wir sprechen über ihre Erfahrungen.“
Verantwortung für die eigene Ernährung
Buschberghof in Fuhlenhagen, Kreis Herzogtum Lauenburg
Die Grundlagen für „Solidarische Landwirtschaft“ (SoLaWi) wurden auf dem Buschberghof in Fuhlenhagen, Kreis Herzogtum Lauenburg, schon Ende der 1960er Jahre gelegt, als man das noch gar nicht so nannte. Damals wurde Demeter-Landwirtschaft von anderen Bauern scharf angefeindet. Heute sitzt Betriebsleiter Karsten Hildebrandt (62) sogar im Ausschuss für ökologische Landwirtschaft des Bauernverbandes Schleswig-Holstein.
Wenn jeder Mensch in Deutschland rechnerisch eine bestimmte Fläche für seine Ernährung braucht, dann könnte doch jeder für deren Bewirtschaftung die Verantwortung tragen. Dies war der Grundgedanke, der die Pioniere des Buschberghofes inspirierte.
1954 wurde der Hof auf Demeter-Landwirtschaft umgestellt und 1968 an einen gemeinnützigen Träger übertragen – heute vielerorts üblich, damals eine Ungeheuerlichkeit, die Kläger vor Gericht anfochten, bis das Oberverwaltungsgericht die Erlaubnis gab. Im Laufe der Folgejahre warben sie auch für Mitstreiter, die bei der anthroposophischen GLS-Bank eine Bürgschaft für Liquiditätsausfälle des Hofes zeichneten, um ihm eine Sicherheit bei Schicksalsschlägen zu geben. Rund 80 Personen ließen sich auf das Modell ein. Jedem wurde pro Jahr 1 dz Weizen zugesprochen.
1986 erfolgte ein Generationenwechsel, in dessen Zuge Karsten Hildebrandt und andere Menschen auf den Hof kamen. Das Modell, nun SoLaWi, sah ab 1988 so aus: Es wird ein Kostenplan erstellt, und die Mitglieder tragen diese Kosten anteilig. Dafür können sie alle Produkte, soweit verfügbar, bestellen, darunter auch hofeigenes Brot, Käse, Fleisch. Auswärtig verkauft wird nur selten und nur, wenn mal etwas zu viel da ist.
„Die Verteilung liegt bei den Mitgliedern“, sagt Hildebrandt. „Es fällt kein Verpacken an, kein Wiegen. Man bezahlt nicht den Kohlkopf, sondern das System.“ Und das funktioniert seit 36 Jahren, heute mit rund 100 Haushalten und im Durchschnitt 200 € pro Monat.
Die alten Grabenkämpfe mit Kollegen sind vorbei. „Heute wird man als Ökobauer akzeptiert, auch konventionelle Bauern nähern sich an“, sagt Hildebrandt. Seit einigen Jahrzehnten ist der Betrieb im Bauernverband, hauptsächlich aus praktischen Gründen vor allem wegen des Beratungsangebotes. Doch wenn es im Ökoausschuss um Marktthemen geht, sieht sich Hildebrandt außen vor: „Bei unserer Wirtschafts- und Vermarktungsweise betrifft uns das im Alltag nicht.“
Siehe auch https://bauernblattsh.de/wenn-du-sie-fragst-sind-sie-bauern/



