Bei den Bauernprotesten und in der aktuellen Diskussion sind immer wieder Schlagworte zu hören wie „Der Bauer bekommt zu wenig vom Endpreis der Lebensmittel ab“ oder „Die Supermärkte verdienen auf Kosten der Bauern“. Wie verteilen sich die Preisanteile tatsächlich auf die verschiedenen Stufen der Herstellungskette und warum?
Das Bauernblatt hat die Agrarmarkt Informations-Gesellschaft (AMI) und das Institut für Ernährung und Ernährungswirtschaft (IFE) sowie Wissenschaftler der Christian-Albrechts-Universität (CAU) zu Kiel und der Fachhochschule (FH) Kiel befragt.
Es ist kaum verwunderlich, dass die Kostenanteile sehr vom Produkt abhängen und innerhalb des Produktes zusätzlich von der Herstellung: bio oder konventionell, Haltungsstufe, Eierklasse, an Milchsorten stehen sechs bis sieben verschiedene im Regal von H-Milch bis Weidemilch mit verschiedenen Fettanteilen. Und schließlich folgen die Verbraucherpreise den Erzeugerpreisen erst mit zeitlicher Verzögerung, die ein paar Wochen ausmachen kann.
Über alle Produkte gemittelt sieht Martin Braatz, Professor für Agrarökonomie mit dem Schwerpunkt Betriebswirtschaft und Marketing an der FH Kiel, einen Preisanteil von rund 25 % für die Rohstoffe von Lebensmitteln – „nur ein kleiner Anteil für die Bauern“, findet er. Der war, jeder weiß es, früher größer, auch wenn es Täler gab mit um die 20 ct/l für Milch in der Milchkrise um 2015.
Mehr Dienstleistungen im Preis enthalten
Als Grund für das allgemein weitere Verhältnis zwischen Erzeuger- und Verbraucherpreisen sieht Braatz vor allem Veränderungen im gesellschaftlichen Verhalten: „Die Verbraucher wollen mehr Dienstleistungen haben: Convenience-Produkte fertig in den Mund, Möhren geraspelt und mit Soße, gewürztes Grillfleisch statt dem zerlegten Rind in der Kühltruhe – alles, was die Oma früher selbst geschlachtet oder eingeweckt hat.“ Heute habe man gar nicht mehr die privaten Lagerkapazitäten – einen Kühlschrank mit Gefrierfach. Die Verpackungen sind kleiner. „Wer kann heute zehn Kilo Kartoffeln in der warmen Wohnung lagern, ohne dass sie keimen?“
Der Außer-Haus-Verzehr habe gewaltig zugenommen, vom Restaurantbesuch über die Betriebskantine bis zur Schul- und Kitaverpflegung. Aber auch die Landwirtschaft habe Dienstleistungen abgegeben an Transport- und Lohnunternehmen. Die damit verbundenen komplementären Dienstleistungen müssten Menschen erbringen, die entlohnt würden. „Die Löhne sind nach oben geschossen und ebenfalls die Energiekosten.“ Ein Beispiel: Die zuvor genannten vielen Milchsorten müssen alle in der Meierei abgefüllt werden, das verursache Produktionspausen für Umstellung und Reinigung. „Die erhöhte Wahlfreiheit macht auch die Milch teurer“, erklärt Braatz.
Laut AMI haben Eier mit 78,72 % das engste Erzeuger-Verbraucher-Preisverhältnis – außer Verpackung und Transport ist für sie kaum eine Zusatzleistung zum Rohprodukt erforderlich. Dass das Verhältnis bei Kartoffeln wesentlich weiter ist (31 %), könnte verwundern, deutet aber darauf hin, dass auch dort inzwischen erhebliche Dienstleistungen anfallen, etwa Aussortieren und Lagerung im Handel.
Der Weltmarkt ist ausschlaggebend
Durch die gestiegenen Zusatzkosten verschieben sich die Anteile am ebenfalls gestiegenen Endpreis, doch dies für sich genommen, so Braatz, wirke sich nicht nachteilig auf das Entgelt für den Landwirt aus. Dieses werde maßgeblich beeinflusst durch die Rohstoffpreise auf dem Weltmarkt. Die Spanne des viel gescholtenen Lebensmitteleinzelhandels (LEH) – 16 % bei Milch laut IFE – sieht Braatz als „sehr gering“ im Vergleich mit anderen Industrieländern. Dies sei bedingt durch die hohe Konkurrenz hierzulande.
Dies bestätigt Uwe Latacz-Lohmann, Professor für landwirtschaftliche Betriebslehre und Produktionsökonomie an der CAU. „Das Modell des LEH ist die Kostenführerschaft. Aufgrund des starken Wettbewerbs versucht er, die Verbraucherpreise niedrig zu halten, besonders bei Lockprodukten wie der Milch. Der größte Hebel dabei ist der Einkaufspreis.“
Daher komme durchaus ein Druck „von oben“ auf die Erzeugerpreise. Wenn nun auf dem Weltmarkt zum Beispiel hohe Milchpreise gezahlt werden, können die Meiereien ausweichen und die Milch in den Export geben, etwa als Milchpulver, Butter oder Käse. Wenn die Weltmarktpreise allerdings niedrig sind, gibt es keine Vermarktungsalternativen, und die Meiereien sind in einer schlechten Verhandlungsposition. Die Landwirte indes haben nur über ihre Miteigentümerschaft an den Meiereigenossenschaften einen Einfluss auf die Preisgestaltung, „einen recht geringen Einfluss“, wie Latacz-Lohmann einräumt.
Zurück zur Ausgangsfrage: Ist der LEH „schuld“ am oft geringen Anteil der Erzeuger am Gesamtpreis der Lebensmittel? Tatsächlich haben die Bauern kaum Einfluss auf die Preisgestaltung des LEH, sie können aber bei günstiger Marktlage auf andere Abnehmer ausweichen. Zusätzliche Dienstleistungen haben jedoch keinen Einfluss auf die Rohstoffpreise.




