Das Spinnen, Weben und kunstvolle Fertigen von Tuch gehört zu den ältesten handwerklichen Fertigkeiten des Menschen. Im Museum Tuch + Technik in Neumünster kann man erfahren, wie dieses Handwerk entstand, welche Entwicklung es durchlief und wie heute noch auf den historischen Webstühlen des Museums gearbeitet wird. Ein Überblick.
Foto: Lydia Bernhardt
Seit seiner Eröffnung im Jahr 2007 zieht das Museum Tuch + Technik in Neumünster mit der Dauerausstellung und zahlreichen Sonderveranstaltungen regelmäßig Tausende Besucher an. Denn hier kann man nicht nur auf den Spuren eines jahrtausendealten Handwerks wandeln, hier wird auch die Geschichte erzählt, wie die Schwalestadt zur berühmten Tuchmacherstadt wurde. „Unsere Aufgabe ist das Sammeln, Bewahren, Forschen, Vermitteln und Ausstellen“, erklärt Museumsleiterin Astrid Frevert. Was die Öffentlichkeit sieht, sind die Ausstellungen und Aktionen, während sich der größte Teil der Museumsarbeit hinter den Kulissen abspielt: das Sammeln und Erforschen sowie das Bewahren des kulturellen Erbes für künftige Generationen.
Diese wichtige Arbeit wird im Museum Tuch + Technik derzeit von sieben Festangestellten, einigen Honorarkräften und Aushilfen geleistet. „Wir sind zu wenige“, bedauert die Museumsleiterin, was nicht nur für sie viele Überstunden bedeutet. Das Museum wird zwar von der gemeinnützigen Stiftung Kunst und Kultur der Stadt Neumünster unterstützt, finanziert sich aber hauptsächlich durch Eintrittsgelder, den Förderverein und den Verkauf eigener Produkte im Museumsshop. „Die Produkte im Shop sind allerdings limitiert, da wir in erster Linie ein Schau- und kein Produktionsbetrieb sind“, so Astrid Frevert.
Das Museum Tuch + Technik ist aus dem ehemaligen Textilmuseum in der Parkstraße hervorgegangen und wurde mehrfach zertifiziert, also für seine besonders hohe Qualität ausgezeichnet. Bei der Zertifizierung eines Museums werden alle Bereiche von der Öffentlichkeitsarbeit bis zum Lager unter die Lupe genommen. Dieser Prozess müsse alle paar Jahre wiederholt werden, so die Leiterin.
Dass das Museum Tuch + Technik auch im internationalen Vergleich höchsten Ansprüchen genügt und das Zertifikat zu Recht erhalten hat, erkennt man nicht nur an den großzügigen Museumsräumen mit Industriecharme und der gepflegten Dauerausstellung historischer Maschinen, sondern auch am attraktiven Ganzjahresangebot mit wechselnden Sonderthemen, Aktivprogrammen für Schulklassen und Kindergärten, Fortbildungen für Lehrkräfte, kreativen Workshops, Familien- und Gruppenführungen sowie verschiedenen kulturellen Veranstaltungen.
Nicht unerwähnt bleiben darf der alljährliche Webermarkt im Herbst, der einen festen Platz im Museumskalender einnimmt. Auf diesem Kunsthandwerkermarkt mit textilem Schwerpunkt bieten rund 30 Aussteller handgefertigte Kreationen aus Wolle, Baumwolle, Leinen und Seide sowie exklusive Accessoires zum Verkauf an. Ein fachkundiges Publikum trifft sich hier zum Fachsimpeln. Der wichtigste Rohstoff für Textilien war lange Zeit die Schafwolle. Beliebt ist bis heute das aus Nordafrika stammende Merinoschaf. Die genügsamen Tiere geben besonders viel Wolle und werden inzwischen in Neuseeland, Australien, Spanien und auch in Deutschland erfolgreich gezüchtet. Zweimal im Jahr werden sie geschoren. Die Unterwolle der Schulter-, Nacken- und Seitenhaare ist beim Merinoschaf reinweiß und sehr fein, was sie besonders angenehm macht.
Foto: Lydia Bernhardt
Um den Besuchern den Vorgang der Schafschur visuell näherzubringen, bietet das Museum Tuch + Technik seit Sommer 2024 Videoclips an, die per QR-Code abgerufen werden können. Aber wie ging es nach der Schafschur weiter? Wie wurde aus dem riesigen Haufen Wolle ein Faden, ein Tuch, wie eine Decke? Hierfür waren weitere wichtige Arbeitsschritte erforderlich. Erst nachdem die Wolle gereinigt, gekämmt und gefettet wurde, konnte das Garn gesponnen werden. Das heißt, dass Fasern aus der gekämmten Wolllocke gleichzeitig gezogen und so verdreht werden, dass ein Faden nach Wunschstärke entsteht. Danach ging es zum Webstuhl, der vorab mit mehreren Tausend Fäden bestückt werden musste.
Das Weben selbst war eine relativ monotone, wenn auch körperlich anstrengende und laute Tätigkeit, bei der der Weber die Kette (Längsfäden) mit den Schussfäden (Querfäden) in der vom Muster vorgegebenen Reihenfolge verwob. Nach dem Weben wurde der Stoff auf Fehler durchgesehen, gewalkt (frisch gewebtes Tuch aus Wolle ist hart) und bei Bedarf gefärbt. Wie das Spinnen mit Handspindeln und dem späteren Handspinnrad sowie Tretspinnrad funktioniert, wie manuell und industriell gewebt wurde und wie man heute noch an einem Handwebstuhl arbeitet, kann man im Museum Tuch + Technik während einer Führung erfahren. Diese wird jeden Sonntag um 14 Uhr für zirka eine Stunde kostenfrei angeboten.
Foto: Lydia Bernhardt
Der frühe Weber musste die ganze Familie ernähren, das Weben war eine reine Männerdomäne. An der Produktion waren jedoch alle Familienmitglieder beteiligt, von den Kleinsten bis zu den Großeltern. „Die Kinder haben die Wolle mit der Hand gekratzt, die Frau hat sie auf Spulen gesponnen, der Mann hat gewebt und der Großvater hat die Garnhaspel aufgerollt“, erzählt Maschinenweber Jens Nehlsen, der sich seit elf Jahren im Museum engagiert, um den Besuchern bei Führungen die Geschichte der Weberei näherzubringen, Fragen zu beantworten und den einen oder anderen Webstuhl vorzuführen. Er selbst hat das Weberhandwerk von der Pike auf gelernt und viele Jahre in einer Textilfabrik gearbeitet. Auch sein Vater sei Weber gewesen, erzählt Nehlsen und ergänzt: „Als der englische Weber J. Hargreaves 1767 die erste Spinnmaschine, die ‚Spinning Jenny‘, erfand, wurden die Spinnerinnen arbeitslos. Die neuartige Spinnmaschine ersetzte nämlich vier Frauen.“
In den Textilfabriken arbeiteten ausschließlich Männer in drei Schichten. Die Fabrikhallen waren laut und stickig, die Arbeit körperlich anstrengend. „Heute ist das anders, denn die modernen Maschinen sind alle computergesteuert“, sagt Nehlsen. Das uralte Prinzip sei jedoch geblieben. Die Handwebmeisterin Kirsten Rolle leitet die Handweberei seit der Eröffnung des Museums im Jahr 2007 als Honorarkraft. Unterstützt wird sie von der Auszubildenden Tonja Timm, die nebenberuflich eine vierjährige Ausbildung zur Handweberin absolviert, und einigen Aushilfskräften. Kirsten Rolle beobachtet, dass sich die Menschen wieder vermehrt Handwebstühle kaufen und das Weben als Hobby wiederentdecken. „Meine Workshops werden in letzter Zeit immer stärker nachgefragt“, sagt Kirsten Rolle.
Nicht nur Frauen, sondern auch Männer nehmen an den Kursen teil, die sie in Kooperation mit der VHS Neumünster bis zu zehnmal im Jahr anbietet. Die Kurse „Spinnen und Weben“ richten sich an Anfänger und Fortgeschrittene. Vieles, was Kirsten Rolle und ihr Team in der Handweberei herstellen, Schals, Tücher, Schlüsselanhänger und Accessoires, wandert in den museumseigenen Shop, den Museumsladen.
Weitere Informationen unter tuchundtechnik.de




